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»Warum ausgerechnet ich?«

HIV-Positive schildern ihr Schicksal (IV): Fixer *
aus DER SPIEGEL 37/1987

WERNER

Mir geht's gut, super. Ich bin froh, daß ich nach Frankfurt gekommen bin. Gegen Frankfurt ist meine Heimatstadt in Österreich ein Dorf. Ich mache Türsteher in einer Diskothek, von abends acht bis morgens vier. Ich habe meine eigene Wohnung und verdiene mein eigenes Geld. Ich verdiene nicht schlecht. Ich habe täglich meine Drogen. Das ist mir wirklich wichtig.

Meine Arbeit: Ich lass' die Leut' rein und sage, Garderobe abgeben. Dafür kassiere ich 1,50 Mark, und für die 1,50 Mark muß ich mich mit jedem Idioten streiten. Das sind 200 Leute am Tag, und wenn mir da die Nerven durchgehen, kracht's schon hie und da. Aber die Drogen bringen's, daß ich mit den Leuten reden kann.

Wo ich herkomme, waren 100 Gramm Morphium nicht viel. Ich hatte nie Beschaffungsprobleme, ich mußte nie was zahlen. Ich habe mit 14 zu rauchen angefangen und mit 15, 16 dann effektiv mit dem Zeug. Jetzt bin ich 24. Ich habe früher viel gespritzt, jetzt nehme ich Ersatzmittel. Ich hab einen Arzt gefunden, der mir das verschreibt. Das bringt, daß ich keine Entzugssymptome habe.

Es ist so, daß ich keinen Entzug machen will. Ich fühle mich dabei nicht wohl. Wenn ich nichts nehme, verändere ich meine Persönlichkeit. Wenn ich nichts nehme, habe ich keine Energie. Entzug habe ich zwangsweise in Österreich im Knast probieren müssen. Ich fühle mich dabei gar nicht wohl, die psychische Abhängigkeit ist wahnsinnig groß. Ich sehe das mehr so wie eine Krankheit, wie Diabetes. Ich kann ohne das Zeug nicht leben.

Wenn ich aber dem Körper das gebe, was ich ihm auch nehme, dann hat man durchaus eine Lebenserwartung von 50, 60 Jahren. Traubenzucker. Vitamine, Dextro-Energen-Plus zweimal am Tag. Das gibt meiner Leber die Vitamine, die von der Droge genommen werden.

Daß ich infiziert bin, weiß ich seit 1984. Damals hat mir ein Freund, der selber Aids hat, gesagt, ich soll mich mal untersuchen lassen. Das hab' ich dann gemacht. Und meine Freundin auch. Mit der war ich schon über zwei Jahre zusammen. Nach zwei Wochen kam das Ergebnis: Ich war positiv und sie nicht.

Wir haben zwei Jahre auf engstem Raum zusammengelebt, haben sexuell miteinander verkehrt, da kann das mit dem Infizieren nicht so arg sein. Ich habe mit einem Gruppentherapeuten geredet, der lebt auch mit einer Ex-Süchtigen, die positiv ist. Der nimmt keine Kondome, der will das nicht. Er geht schon drei Jahre mit ihr, und er sagt, wenn man normal miteinander verkehrt, gibt es keine Probleme. Es muß vom Spritzen gekommen sein, früher. Da hat ja nie jemand gesagt, paß auf, nimm nicht die Spritze von einem anderen. Da haben fünf Leute ein und dieselbe Spritze gehabt und aus, das war so.

Okay, habe ich gedacht, ich bin jetzt infiziert. Dann sind viele von meinen Freunden zum Test gegangen. Ich habe zu denen gesagt, geht's mal untersuchen. Jeder war positiv. Das ist doch schon so verbreitet. Das sehe ich in meiner Heimatstadt. Durch die Bank haben's die Süchtigen. Die

Huren auch. Auch der Normalbürger hat's, der einmal in der Woche zur Hure geht. Es gibt sicher genug, die infiziert sind, ohne daß sie's wissen.

Ich kenne mich ja aus in Fixerkreisen, auch hier in Frankfurt. Ich kenne so was, ich rieche das. Ich bin ja mitten in der Risikogruppe aufgewachsen. Ich kenne wirklich alle, und ich weiß, daß sich in der Szene nicht viel verändert hat. Die Mädchen gehen noch genauso auf den Strich und arbeiten ohne Kondom. Es gibt Leute, die nehmen noch genau wie früher die Spritzen von den anderen, verändert hat sich eigentlich nichts. Meine Freundin zu Hause ist auch auf den Strich gegangen. Ich habe aber zu ihr gesagt: Ohne Gummi nix mehr. Sie hat das auch gemacht. Es gibt aber auch viele, die das nicht machen. Denen ist das egal, obwohl sie infiziert sind und andere Leute anstecken können.

Ich selber habe eh nur mit meiner eigenen Freundin geschlafen. Ich habe nicht mit anderen Mädchen Kontakt gehabt, nur mit meiner Freundin. Sie war eine total gute Frau. Ich habe gesagt, wir müssen schon ein bißchen aufpassen, nehmen wir halt jeder eine eigene Spritze und ein Kondom beim Geschlechtsverkehr. Aber immer haben wir das auch nicht benutzt. Die Freundin war sehr verständnisvoll. Die hat gesagt, ihr ist das Wurscht, wenn wir draufgehen, gehen wir alle zwei drauf. Während ich im Knast war hat sie mich dann verlassen.

Das hat mir weh getan, das hängt mir schon noch nach. Seit damals habe ich keine Freundin. Ich habe auch Angst davor, daß jemand sagt, wenn du infiziert bist, habe ich kein Interesse mehr an dir. Denn bevor es zu einem sexuellen Kontakt kommt, muß ich das Problem ja klären. Es ist auch so, daß ich mit Frauen, die mit Drogen nichts zu tun haben, nichts anfangen kann. Bei mir kommt zuerst der Stoff, dann lang nix und dann die Frau. Ohne das kann ich nicht leben und fühle mich nicht wohl. Dann erst kann ich an eine Frau denken.

Ich bin seitdem nicht mehr vor der Situation gestanden, ob ich das jetzt sagen soll oder nicht. So schnell passiert mir das auch nicht mehr. Ich kann keine Liebe empfinden, ohne daß ein Gefühl dabei ist. Ich kann nicht mit einer Frau ins Bett gehen, wo ich mir denke, die sehe ich morgen nimmer. Deswegen gehe ich auch nicht ins Puff. Die Drogen machen mich so ausgeglichen, daß ich das nicht brauche. Obwohl ich das Milieu von den Huren gut kenne. Meine Mutter war eine Hure. Ich habe keine Schwierigkeiten damit. Überhaupt nicht. Huren, das sind mir die liebsten Leute. So ein Herz wie eine Hure hat nicht schnell wer.

Zu meiner Mutter habe ich aber keinen Kontakt, sie lebt daheim. Mein Bruder und ich sind ohne Eltern aufgewachsen. Mein Vater ist schon seit 15 Jahren in Frankfurt. Erst in den letzten fünf Jahren habe ich Kontakt zu ihm bekommen. Dem habe ich auch gesagt, daß ich infiziert bin. Wenn ich jetzt komme und ihm ein Busserl gebe, hält er mir die Wange hin. Ich verstehe das auch irgendwo. Meine Großmutter zu Hause nimmt das ganz locker. Ich habe ihr erklärt, wie das ist. Sie nimmt ja keine Drogen, und ich verkehre nicht mit ihr, sie ist ja nicht gefährdet.

Ich gehe jetzt ein- oder zweimal im Jahr zur Untersuchung, damit ich weiß, ob's ausbricht oder nicht. Irgendwann in den nächsten paar Jahren wird es eine Medizin dagegen geben, da bin ich sicher. Und der, der die erfindet, kriegt den Nobelpreis. Ich mache mir keine Gedanken und sehe das ganz locker. Es bricht ja nicht bei jedem aus. Wenn man infiziert ist, muß man nicht effektiv erkranken. Es hat's schon gegeben, daß einer drei Jahre später wieder zur Untersuchung gegangen ist, und das Virus war weg. Das gibt's auch. Je mehr man sich Sorgen und Kopfzerbrechen drüber macht, desto mehr betrifft es einen auch. Ich schau', daß ich niemand infiziere, und gehe jedes halbe Jahr untersuchen. Was sollte ich mehr machen. Es wird ja nichts besser, wenn ich mir drüber Gedanken mache. Ich glaube nicht, daß mich Aids umbringt.

HOLGER

Schlimmer konnte es doch vorher schon nicht kommen: Die Scheidung läuft, Schulden hab' ich, an die 20000 Mark, nach Hause kann ich nicht, mein Vater hat mir das verboten. Außerdem hab' ich mir noch mit einer zerbrochenen Flasche mehrere Sehnen durchschnitten, und das bei meinem Beruf, ich bin Monteur. Ich hab' im Moment keinen Wohnsitz außer dem Knast. Ich bin doch schon ganz unten.

Daß ich jetzt auch noch infiziert bin, das macht eigentlich nicht mehr viel. Vor vier Monaten hab' ich das erfahren, hier im Knast. Ich bin schon zweimal wegen Drogenbesitz verurteilt, jetzt wieder angeklagt. Als sie mir sagten, daß ich infiziert bin, hab' ich das erst überhaupt nicht bewußt aufgenommen. Erst als ich dann in der Zelle lag und überlegte, ist mir bewußt geworden, was für eine Scheiße ich da hab'. Aber dann hab' ich mir gesagt, kannst nichts machen, mach dich nicht verrückt, sonst schwächst du dich auch noch selber. Also nichts wie weg damit.

Ich hab' wegen der Drogen die ersten Wochen im Knast überhaupt nicht richtig geschlafen. Das dauert, bis man körperlich davon runter ist. Das ist Wahnsinn, was sich da abspielt in einem. Man denkt, man wird verrückt. Aids spielte dabei kaum eine Rolle.

Ich kann s mir schon denken, wann es passiert ist: Anfang letzten Jahres. Da hatte ich jede Menge Kontakt mit harten Drogen. Da muß irgendeine Nadel unsauber gewesen sein. Es kann natürlich auch eine Frau gewesen sein, da waren schon einige. Aber man weiß ja nicht genau, wie es tatsächlich passiert ist. Es ist halt passiert. Und nun hab' ich's. Der Tod kommt doch auf jeden zu.

Die anderen sterben genauso wie ich. Die anderen müssen genauso Angst haben, über die Straße zu laufen und unter die Räder zu kommen. Lieber lebe ich noch fünf Jahre und fühle mich fit, als zwanzig Jahre im Rollstuhl nach einem Verkehrsunfall. Ich fühle mich noch gesund wie jeder andere Mensch auch. Ich treibe Sport, ich fühle mich ganz fit.

Erst wenn die Krankheit ausbricht, fühle ich mich krank. Und dann wollen wir mal sehen. Vielleicht schafft es mein Körper. Vielleicht haben sie bis dahin etwas gegen Aids gefunden. Mir bleibt nichts anderes übrig, als positiv zu denken. Ich hab' keine andere Wahl, wenn ich überhaupt noch weiterleben soll. Ein Gutes hat Aids: Ich hab' jetzt erst angefangen zu denken. Ich habe jetzt zum ersten Mal das Gefühl, ich hab' den Schlüssel gefunden, wie man's richtig macht: der Bumerang. Was ich mache, kommt zurück.

Wir werden alle vier bis acht Wochen untersucht. Aber was soll das? Die können ja doch nichts machen. Betreuung bringt

nichts. Die brauchen wir nicht. Die wissen ja doch nichts. Ich verlasse mich auf keinen Menschen mehr. Ich hab ja auch niemanden mehr, seit ich drogensüchtig bin. Alle haben mich aufgegeben. Ich kann mich nur noch auf mich selber verlassen.

Ich brauche keine Angst mehr zu haben, daß ich es kriege. Ich hab's. Ich hab's hinter mir. Was kann der Mensch dagegen machen? Er kann doch gar nichts machen. Das Ding ist viel zu klein, das Aids-Virus. Das kann man nicht sehen und nicht fühlen. Es ist nicht faßbar. Es ist unbegreiflich für den Menschen. Ich kann lachen ich hab's. Mich bedrückt es nicht mehr.

JÜRGEN

In Hamburg ist es so, daß man als Drogenabhängiger, wenn man festgenommen wird, in eine Beobachtungszelle kommt. Die befindet sich im Keller des Untersuchungsgefängnisses. Da sitzt man allein drin. Die Tür ist mit einem Zusatzfenster versehen. Alle halbe Stunde ist Kontrolle, man nennt es auch Peep-Show.

Als ich da reingepackt wurde, war ich sehr hoch dosiert, ein Gramm Heroin täglich. Also bekam ich Entzugserscheinungen. Mein Kreislauf raste, ich saß zitternd in der Ecke und sagte dem Beamten, er solle den Arzt holen. Das war am zweiten Tag. Nach zwei Stunden kam der Chefarzt. Ich sagte ihm, daß ich Schiß habe, daß mein Kreislauf zusammenbricht. Ich sagte ihm, daß ich mich schon ein paarmal übergeben hätte und daß er mir auf jeden Fall erst mal Kodein oder irgendwelche Medikamente auf schwächerer Morphinbasis verabreichen sollte, um erst mal den Entzug langsam runterzudosieren.

Als er sagte, also hier gibt es nichts, da dachte ich, das ist ein Scherz. Kalter Entzug - also ich glaubte, der will mich ganz einfach verarschen. Mein Kreislauf war am Rasen, ich hing da nun wirklich wie ein Schluck Wasser in der Ecke. Und da meinte er, er würde morgen mal wieder reinschauen, und wollte wieder gehen. Da bin ich, im Affekt vielleicht, hoch und habe ihn am Kittel gepackt: Sie gehen nicht eher hier raus, bevor ich irgendwas zur Beruhigung bekomme.

Keine zehn Sekunden, und es waren vier Beamte da. Die stehen in solchen Situationen immer gleich vor der Tür. Ich war sehr stark in Rage, aber nach fünf Minuten haben sie mich im Griff gehabt. Dann kam ich in eine Zelle direkt nebenan. In der Mitte dieser Zelle stand eine Art Metallbett, das aus einer Alu- oder Leichtmetallplatte mit zwei integrierten Handfesseln und zwei Fußfesseln bestand. Da wurde ich raufgepackt, Füße und Hände zugemacht. Ich konnte mich in keiner Weise bewegen. Ich konnte mich auch nicht zur Seite drehen oder so. Ich hatte überhaupt keinen Bewegungsspielraum. Vier Tage, glaube ich, blieb ich auf der Platte.

Dabei kontinuierlich Rückenschmerzen, Gliederschmerzen am ganzen Körper sowieso. Und ständige Shakes, also Kälte-, Wärmefrösteln, die durch den ganzen Körper gehen. Und das Schlimme ist ja, daß man sich nicht bewegen kann und daß die Neonröhre, die direkt überm Bett auch ziemlich irremacht, den ganzen Tag brennt und auch die Nacht.

Zum Drücken gab es nichts, also mußte ich schreien. Mit Glück kam nach einer halben Stunde jemand. Zum Essen machte ein Sanitäter eine Hand frei, die rechte Hand, und wie im Krankenhaus wurde einem ein Topf drunter geschoben für die menschlichen Bedürfnisse. Ein Metallbett war es wohl aus hygienischen Gründen, weil man sich im Entzug leicht übergibt.

Eigentlich ist das immer noch unfaßbar für mich. Methoden, wie man sie aus dem Mittelalter kennt. Ich hätte nicht gedacht, daß es so etwas gibt. Ich nahm an, daß man als Drogenabhängiger ins Zentralkrankenhaus des Untersuchungsgefängnisses kommt und da ärztlich überwacht wird: Man liegt normal im Krankenhausbett und wird erst mal langsam runterdosiert, wie ich das später im Krankenhaus Ochsenzoll erlebt habe.

Ochsenzoll ist kein Vergleich. Das ist eine spezialisierte Einrichtung für Leute, die mit ständiger medizinischer Betreuung und langsamer Runterdosierung so weit gebracht werden, daß sie eine Therapie anfangen können. Im Untersuchungsgefängnis kam der Arzt erst, nachdem ich wieder von der Metallplatte abgeschnallt und in die Beobachtungszelle gebracht worden war. Da kam der Chefarzt wieder und meinte: Na, Sie sehen ja schon etwas frischer aus.

Der kalte Entzug dauerte eine knappe Woche. Dann kam ich in die Gemeinschaftszelle und wurde ärztlich untersucht. Auch auf HIV. Ich hatte unterschrieben, daß ich den Test machen wollte. Ich war neugierig. Ich ging auch davon aus, daß ich nicht positiv sein würde. Denn ich hatte seit meiner ersten Hepatitis immer auf Sterilität geachtet bei der Injektion und keine fremde Nadel mehr genommen. Ich war mir der Gefahr bewußt, daß ich zu den Risikogruppen gehöre, bei denen es halt üblich ist, angesteckt zu werden.

Ungefähr einen Monat nach der Blutentnahme wurde ich aus der Gemeinschaftszelle rausgeholt und ins Zentralkrankenhaus gebracht. Während der Warteraum sonst sehr voll war, war an diesem Tag außer mir überhaupt niemand da. Ich mußte fast eine Stunde warten und machte mir in dieser Zeit Gedanken, warum ich geholt worden war. Ich bin dann selbst drauf gekommen, daß ich positiv bin. Als ich ins Arztzimmer kam, guckte der Arzt auch anders als sonst, ernster. Er versuchte dann, mir die Sache auf eine ruhige und sachliche Art zu vermitteln. Er versuchte auch, mir Hoffnung zu machen: Es sei ja noch lange nicht gesagt, daß ich erkranken würde. Ich müsse unterscheiden zwischen Aids-positiv und Aidserkrankt.

Im ersten Moment dachte ich nur, daß ich jetzt zu den Exoten gehöre in Deutschland, die sich an Aids angesteckt haben. Danach mußte ich die Gemeinschaftszelle, in der ich schon ein paar Kontakte geschlossen hatte, was für mich sehr wichtig war, verlassen und wurde in eine sogenannte Isolationszelle gebracht. Die schließt direkt ans Krankenhaus an. Diese Zelle war völlig versaut, als ich reinkam. Da mußte schon jemand mit irgendeiner ansteckenden Krankheit drin gewesen sein. Die Toilette, die sanitäre Einrichtung war nicht gesäubert. Man stellte mir eine spanische Wand auf, hinter der ich mich umziehen konnte, und dann wurde die ganze Zelle mit einem Desinfektionsmittel abgesprüht. Ich dachte, ja, damit muß man wohl rechnen, wenn man positiv ist.

Die Schließer gingen sofort auf Distanz. Kein freundschaftliches Auf-die-Schulter-Klopfen mehr. Entweder berührten sie mich gar nicht mehr oder nur noch mit Plastikhandschuhen. Ich ging davon aus, daß wohl jetzt alle weiteren Kontakte

mit Menschen so in der Art stattfinden würden. Ich kam mir wie ein Aussätziger vor. Ich wußte zu der Zeit ja nicht, welche Ansteckungsmöglichkeiten überhaupt bestehen. Ich wußte auch nicht, wie lange ich noch in Untersuchungshaft sein würde. Ich begann zu überlegen, ob das überhaupt noch was bringt, und dachte an Suizid.

Ich machte aber auch andere Erfahrungen. So erreichten Sozialarbeiter, daß ich statt einer Freistunde täglich zwei hatte und morgens meistens Obst bekam. Die Sozialarbeiterin gab mir weiterhin wie sonst die Hand, und dann kam einmal die Woche, donnerstags, auch eine Gruppe der Hamburger Aids-Hilfe, die mir und einem anderen Mitgefangenen, der auch positiv war, Gespräche anbot. Wir machten das, man war froh, mal aus der Zelle rauszukommen. Die Leute von der Aids-Hilfe, eine Frau und ein Arzt, versuchten mich zu ermuntern. Sie drückten mir die Hand und nahmen mich auch mal in den Arm, wenn ich wieder zurück in die Zelle mußte. Das brachte mir schon was.

Ich war im Widerspruch mit mir. Einerseits war ich seit meiner Einlieferung ins Untersuchungsgefängnis schon anderthalb Monate drogenfrei, kam wieder auf den Boden der Wirklichkeit und dachte schon wieder daran, einen anderen Weg einzuschlagen. Zum anderen war ich aber positiv und meinte, daß der Zug wohl doch abgefahren ist. Die Leute von der Aids-Hilfe versuchten nun mich aufzubauen. Sie machten mir klar, daß ich nach meiner Entlassung von Leuten Unterstützung erwarten könne, und sie klärten mich auch über Infizierung, Aids und die Ansteckungsproblematik auf.

Wir sprachen nicht nur über HIV. Es waren einfach ganz normale Gespräche, auch über Belanglosigkeiten. Und ich habe auch meine Lebensgeschichte erzählt: daß ich bis zu meinem sechsten Lebensjahr in Norddeutschland aufgewachsen bin, daß sich meine Eltern haben scheiden lassen, als ich zwei war, und daß meine Mutter dann einen Schweizer geheiratet hat und mit mir nach Zürich gezogen ist.

Ich habe in der Schweiz ziemliche Probleme gehabt, einmal von der Sprache her und zum anderen, weil ich keinen Kontakt zu meinem Stiefvater gefunden habe. Er verprügelte mich, und meine Mutter litt darunter. Mit 16 Jahren bin ich ausgezogen.

Ich besorgte mir Arbeit, hatte eine Wohnung, verdiente für mein Alter sehr viel Geld. Aber nach drei Monaten merkte ich, daß ich das mit dem Aufstehen und der geregelten Arbeit nicht auf die Reihe kriegte. Ich hatte schon hin und wieder Hasch geraucht und hatte Kontakt zu einer Clique älterer Leute, Abiturienten meistens, wo halt Hasch geraucht wurde. Ich fühlte mich zu denen hingezogen und kam durch meine erste Beziehung, das Mädchen gehörte auch zur Clique, in Kontakt zu LSD.

Die Leute, die schon bewußtseinserweiternde Drogen genommen hatten, machten mich neugierig. Und die ersten Erlebnisse entsprachen voll den Erwartungen. Ich kann mich an einen Trip noch genau erinnern: Ich hatte das Gefühl, daß mein Geist aus meinem Körper ausgetreten ist und ich mich selbst von oben herab beobachten konnte. Das war schon ziemlich extrem. Ich merkte auch, daß mich die Droge ziemlich auslaugte. Dann kam eines Tages halt die nächste Stufe, und ich habe das erste Mal Heroin über die Nase zu mir genommen. Das war kurz bevor ich 17 wurde. Meine Freundin, meine erste Liebe, war auf Heroin umgestiegen und injizierte.

Anfangs war Heroin das Nonplusultra an Drogen für mich überhaupt, wie eine Flasche Champagner. Ich verlor sämtliche Unsicherheiten, im Umgang mit Leuten, auf sexuellem Gebiet. Ich meinte, daß ich nicht Kraft verliere, sondern gewinne. Der Bruch mit dem Elternhaus, die elterliche Prophezeiung, daß ich es allein nicht schaffen würde - ich wurde mit allem unter Drogeneinfluß besser fertig.

Ich bin dann immer stärker auf Heroin abgefahren. Und obwohl ich lange Zeit Schiß hatte vor Injektionen, begann ich auch zu drücken. Dann merkte man halt irgendwann, daß man nicht nur in sporadischen Abständen konsumierte, sondern immer regelmäßiger. Und daß man dealen mußte, um die Finanzen für den Konsum zu haben. Anfangs hatte ich 150 Schweizer Franken am Tag gebraucht. Als ich 18 war, hatte sich das auf drei-, vierhundert Franken gesteigert. Und ich dealte nicht mehr wie anfänglich mit Haschisch, sondern mit Heroin.

Ich hatte kein Interesse mehr, mit anderen Leuten etwas zu unternehmen. Die Beziehung zu meiner Freundin war auch bald reichlich kaputt. Wir hatten uns ein Traumbild von einer Beziehung vorgegaukelt und konnten dem nicht gerecht werden. Der Absturz kam schnell. Ich magerte ab, ich hing richtig an der Nadel, und dann kriegte ich auch meine erste Strafe wegen Diebstahl. Ich wohnte in Zürich damals zeitweise im autonomen Jugendzentrum, von wo auch die Jugendunruhen ausgingen.

Danach bin ich zurück nach Norddeutschland. Erst mal, um überhaupt von der ganzen Drogenszene wegzukommen, und dann lebte da ja auch mein Vater. Zuerst ging das ganz gut. Mein Vater unterstützte mich, ich begann eine Tischlerlehre, fing wieder an, Tennis zu spielen. Ich war weg vom Heroin, griff erst mal auf Kodein zurück und fing an, was ich früher nicht gemacht hatte, Alkohol zu trinken, jeden Abend eine Flasche Rotwein.

In der Lehrstelle ging alles gut. Ich lernte Leute außerhalb der Szene kennen, machte den Führerschein, kaufte mir ein Motorrad. In der Berufsschule hatte ich sehr gute Noten und merkte, daß ich vom Kopf her doch nicht so kaputt war, wie ich angenommen hatte. Und dann kam der Tiefpunkt. Dann hatte ich mit meinem Motorrad einen ziemlich derben Unfall. Ich kam in einer Rechtskurve auf einen Ölfilm, die Maschine ist mir weggerutscht und hat dabei zwischen Fußraste und Asphalt mein rechtes Sprunggelenk zermust. Ich bin anschließend gegen einen Baum geknallt und habe noch diverse Rippen eingedrückt gekriegt.

Operativ konnte an dem Sprunggelenk nichts gemacht werden. Also wurde erst mal gerichtet. Als mir im Krankenhaus bewußt wurde, was der Unfall für Folgen haben könnte - möglicherweise versteifter Fuß, wahrscheinlich Abbruch der Lehre -, war ich ziemlich fertig. Dazu kam, daß mein Vater sich nicht so verhielt, wie ich das eigentlich erwartet hatte. Ich hatte zu der Zeit einen Vollbart, und als er mich im Krankenhaus besuchte, war das erste, was kam, ich sollte mich doch wieder mal rasieren. Das kam mir in der Lage, in der ich mich gerade befand, doch sehr sekundär vor. Dann wollte ich von ihm gern Zigaretten haben. Aber er meinte, daß er meine Sucht nicht unterstützen wird. Ich reagierte heftig, und er meinte, dann sei ja wohl kein Besuch mehr nötig.

Ich konnte schon im Krankenhaus wieder an Kodein-Präparate herankommen. Als Ex-User kennt man sich ja aus;

ich fragte mich, ob es sich überhaupt lohnt, weiterzumachen. Ich lag im achten Stock, am Fenster, und überlegte, ob ich Schluß machen soll.

Als ich herauskam, habe ich dann noch versucht, mit orthopädischen Schuhen die Lehre zu beenden. Aber ich trank da schon wieder mehr, verschlief manchmal, spürte jeden Abend meinen Fuß und brach die Lehre ab. Ich arbeitete dann eine Zeitlang, zum Beispiel als Kraftfahrer, verlor aber irgendwie das Interesse, weil mir der Job zu monoton wurde und ich auch wieder das alte Problem hatte mit der Pünktlichkeit.

Ich merkte, daß es angenehmer ist, im kleinen Maße wieder mit Drogen Geschäfte zu machen. Ich sagte mir, daß ich nichts anderes mache als ein Spirituosenhändler. Ich begann wieder zu dealen. Weiche Drogen zuerst, Haschisch, Marihuana. Ich selber nahm dann mal eine Nase Kokain. Das hielt sich am Anfang in Grenzen.

Ich versuchte auch, kein Heroin zu nehmen. Ich war ja eine Zeitlang davon losgekommen und war stolz darauf. Ich hatte auch mitgekriegt, daß die Hälfte meiner alten Clique in Zürich mittlerweile tot ist, was mir sehr zu denken gab. Aber ich merkte schon, daß es schwer wurde. Ich hatte keine Freundin zu der Zeit und spürte, daß ich unfähig bin, eine Beziehung über längere Zeit aufrechtzuerhalten.

Mal entschloß ich mich, einer geregelten Arbeit nachzugehen, mal ahnte ich, daß ich es wieder nicht schaffe. Und dann begann ich mich wieder zuzumachen: Alkohol, Kokain, Heroin. Kokain die erste Zeit nur geschnupft und später auch injiziert. Dann teilweise gemischt mit Heroin, was ich früher nie genommen hatte, die sogenannten Cocktails.

Geld hatte ich in der Zeit. Ich verdiente verhältnismäßig viel als Kurier-Fahrer. Ich war quasi selbständig, Subunternehmer. Das war auch das einzige, was ich machen konnte. Mit geregelter Arbeitszeit, das hätte ich nicht geschafft. Zu dealen brauchte ich nicht, aber das ganze Geld, das ich tagsüber bei der Arbeit eingefahren hatte, habe ich abends zum größten Teil in Heroin umgesetzt. Ich war also wieder voll auf Heroin.

An einem Abend hatte ich mir nahezu eine Flasche Tequila weggezogen, ehe ich mich hinters Lenkrad setzte. Polizeikontrolle, der Führerschein war weg. Also war ich wieder arbeitslos. Ja, und danach war ich eigentlich nur noch auf dem absteigenden Ast. Ich habe mich wieder nur noch in der Drogenszene aufgehalten. Ich war voll auf Heroin, begann Diebstähle zu machen, später Einbrüche - alles, um nur noch meinen Drogenkonsum zu decken. Der war in sehr kurzer Zeit extrem hoch. Ich brauchte zum Schluß 600 Mark am Tag.

Als ich wieder mal alles verbraucht hatte, bekam ich sehr starke Entzugserscheinungen. Ich injizierte flüssiges Valium. Das brachte den Heroinentzug nicht weg, aber es beruhigte. So sehr, daß ich geistig und körperlich absolut nicht mehr da war. Und in dem Zustand flog ich in ein Warenhaus ein. Vier Angestellte und ein Detektiv hielten mich fest und übergaben mich der Polizei.

Ja, und dann kam der kalte Entzug. Dann kam die Aids-Untersuchung, dann kam die Nachricht, daß ich positiv bin. Ich war drei Monate in Untersuchungshaft, davon knapp zwei Monate in der Isolationszelle. Dann wurde ich verurteilt, bekam aber Bewährung, weil ich mich um einen Therapieplatz bemüht hatte. Also Auflage, daß ich eine Therapie mache und mich alle drei Monate melde.

Die Therapie hab' ich nur angesteuert, um aus der Haft rauszukommen. Ich hatte ja Zweifel, ob eine Therapie für mich überhaupt das Richtige ist.

Ob es sich für mich überhaupt noch lohnt, noch mal einen anderen Lebensweg einzuschlagen. Oder ob ich nicht besser einen großen Coup lande und die Zeit, bis alles vorbei ist, genieße. Denn das Ganze schien mir doch sehr perspektivlos. Ich dachte, vielleicht liege ich in zwei Jahren zwei Meter tiefer.

Das sehe ich inzwischen anders. Ich schätze meine Lebenserwartung zur Zeit hoch ein. Ich habe mich im Krankenhaus untersuchen lassen. Mir wurde gesagt, daß mein Immunstatus noch im Bereich der Norm liegt, also von gesunden Menschen. Alle Werte, Kreislauf und so weiter sind in Ordnung, sogar die Leberwerte, ich war selbst erstaunt. Ich bin also kerngesund, aber positiv. Ich denke, daß ich noch ein gutes Stück vor mir habe.

Und ich fühle mich, muß ich ehrlich sagen, im Moment wohler als zu der Zeit, als ich noch nicht wußte, daß ich positiv bin. Das liegt daran, daß ich ohne jegliche Drogen, wie ich sie früher ständig reingezogen habe, wesentlich zufriedener bin und ganz andere, positive Erfahrungen mache. Seit ich clean bin, merke ich, daß mein Hirn arbeitet, daß ich fähig bin, mich zu konzentrieren, in Gespräche einzusteigen. Daß ich sportlich immer noch einiges machen kann. Daß ich wieder Gefallen an Dingen habe, die ich früher gemacht habe, Zeichnen zum Beispiel. Und daß ich gern etwas zusammen mit anderen Leuten tue.

Ich habe eine Zeitlang in einer therapeutischen Wohngemeinschaft von »Jugend hilft Jugend« gelebt, das hat mir Rückhalt gegeben. Ich denke nicht mehr jeden Morgen, wenn ich aufwache, daran, daß ich infiziert bin. Die Gruppe hat das positiv verarbeitet. Zuerst, als ich denen das mitteilte, hatte es eine Schweigeminute in der Gruppe gegeben. Alle waren verunsichert, ich auch, es herrschte Betroffenheit. Die Leute hatten ja auch keinerlei Information, gerade bezüglich Ansteckungsgefahren auf engstem Raum in einer Wohngemeinschaft. Dann aber sind die Leute auf mich zugegangen, und mittlerweile haben alle gelernt, mit dem Problem umzugehen.

Einzige Ausnahme war, vorübergehend, ein junger Mann, der Alkoholprobleme hatte und neu in die Gruppe kam. Die erste Reaktion von ihm war: Was, und mit dir liege ich zusammen auf einem Zimmer? Das sei eine Zumutung von seiten der Wohngemeinschaft. Und als er mal aus einer Cola-Flasche von mir trank und ihm das während des Trinkens bewußt wurde, führte er einen richtigen Tanz auf. Das ist mir schon ziemlich reingegangen. Aber sonst gab es in der Gruppe absolut keine Abstriche.

Ärger gab es aus einem anderen Grund: weil ich eine Beziehung zum einzigen weiblichen Mitglied der Gruppe hatte. Ich bin deshalb weg aus der Wohngemeinschaft und suche jetzt einen neuen Therapieplatz. Das Thema Aids schweige ich nicht tot. Ich vertraue mich Menschen an, auf die ich mich verlassen kann. Ich käme nicht damit klar, wenn ich denke, am besten, du sagst es niemandem. Ich denke, daß Leute, die sich für mich interessieren, mein Positiv-Sein akzeptieren müssen.

Ich habe eine andere Perspektive, und dazu gehört natürlich auch, daß ich körperlich noch in bester Verfassung bin. Wenn ich erste Anzeichen von Aids an mir entdecken, aber mich dabei noch wohl fühlen würde, dann würde ich mit der Sache, die ich verfolge, also mein Leben mal- in einer anderen Art und Weise in die Hand zu nehmen, weitermachen. Aber wenn ich merke, daß die Krankheit wirklich zum Ausbruch kommt und keine Hilfe geboten werden kann, würde ich mir das Leben nehmen. Durch eine Überdosis Heroin.

FRANZ

Ich bin das schwarze Schaf der Familie. Mit 15 haben mich meine Eltern praktisch rausgeschmissen, die sind mit mir nicht mehr fertig geworden. Ich hatte andere Vorstellungen vom Leben als meine Eltern und dachte, ich kann das irgendwie auf meine Art und Weise schaffen. Aber das ist halt danebengegangen. Ich bin jetzt seit gut fünf Monaten im Gefängnis, und nicht das erste Mal.

Augenblicklich bin ich in Untersuchungshaft wegen Körperverletzung, Diebstahl, Hehlerei und Urkundenfälschung. Vorher saß ich schon zweimal im Jugendvollzug, wegen Drogen, bin selber drogenabhängig gewesen, habe eine Zeitlang gedealt, dann Beschaffungskriminalität. Ich bin jetzt 27, und mein Anwalt rechnet damit, daß ich diesmal so zwei Jahre im Knast verbringen muß. Aber das ist das wenigste Problem. Ich bin positiv und muß damit fertig werden.

Es kann durch die Nadel gekommen sein oder durchs Tätowieren. Oder durch Frauen, die sich irgendwo angesteckt haben auf Grund ihrer Arbeit beim Anschaffen. Ich weiß es nicht. Einer hier im Knast hat mich mal gefragt: Weißt du, woher du das hast? Ich habe gesagt, nein, keine Ahnung. Die wissen, daß ich's hab', ich habe es ein paar Leuten gesagt.

Da ist das Gerücht rumgegangen, daß bei mir Aids schon ausgebrochen ist. Die wollten mich weg vom Gang haben, obwohl ich in einer Einzelzelle war. Einer hat Unterschriften gesammelt, aber die meisten haben gesagt, das interessiert mich nicht. Dann habe ich mit dem Beamten darüber geredet: Wenn jetzt nicht bald Ruhe ist, dann gibt es böses Blut. Aber es gibt jetzt keine Probleme mehr.

Wenn ich heute irgendwo hingehe, dann bringe ich meine Tasse mit, und die anderen bringen ihre Tassen mit. Auf Aids spricht mich keiner an. Ich hab' meine Probleme, die haben ihre. Ich habe Hofausgang genauso wie jeder andere, Fernsehen, Sport, Dusche, alles. Also in der Beziehung gibt es überhaupt keine Probleme. Wenn's geht, schneide ich mir die Haare selber. Ich werde weiter so leben wie bisher, ich werde Sport machen. Und keine Drogen. Im Gefängnis gibt es mit Sicherheit davon mehr, als es manchmal draußen gibt. Aber ich habe nichts mehr genommen.

Die erste Droge, die ich gesehen habe in meinem Leben, war Heroin auf einem Festival. Ich hab' in einer Band gespielt. Klavier habe ich lernen müssen von meinen Eltern aus. Jetzt spiele ich Gitarre. Es ist also losgegangen mit Musik und Drogen. Wenn man auf einmal vor ein paar hundert Leuten steht, und die erwarten was von dir, dann kommt das Lampenfieber.

Ich habe mir vorher auch gedacht: ich Drogen? Nie. Aber enttäuschen wollte ich die Jungens auch nicht. Das war der Fehler. Nach fünf Minuten habe ich die Augen zugemacht und ohne Fehler gespielt. Das war zu gut. Wenn das Erlebnis in Ordnung ist, und das hat einfach alles gepaßt damals - ja, warum nicht weiter so? Am nächsten Tag sind die Jungens wieder gekommen, da habe ich gesagt: Hast du was dabei, dann her damit. Ich hab' mir damals, mit 14 oder 15 nicht

vorstellen können, daß ich ein ganzes Leben in die Arbeit gehe, jeden Tag acht Stunden, und dann vier Wochen im Jahr Urlaub. Mit der Arbeit habe ich es noch nie gehabt. Ich habe Volksschulabschluß und bin dann in die Lehre, die hat aber nur drei Monate gedauert. Dann ist es losgegangen mit Autoklauen und so. Ich habe Geld gebraucht. Drogen kosten Geld.

Da war nicht viel Überlegung dabei, einsteigen und abhauen. Die Polizei war gleich hinter uns her. Und da haben meine Eltern gesagt, nein, nicht mehr daheim wohnen. Meine Eltern sind etwas seltsam eingestellt. Wenn die Polizei hören, dann ist es aus bei ihnen.

Ich mußte also mit 16 ins Erziehungsheim und war bis 18 dort. Dann, 18, war ich volljährig, auf Wiedersehen. Dann ging das mit den Drogen weiter. Zuerst mit Haschisch, dann wieder mit Heroin. Und dann hatte ich zweieinhalb Jahre weg.

Damals habe ich mir gesagt, die zwei Jahre, die reichen dir, das war ein Lehrbuch. Aber früher oder später kommt man wieder rein in die alte Fahrrinne. Ich habe einen getroffen, mit dem ich im Knast zusammen war, der hat draußen gleich weitergemacht. Wir haben gedealt, und ich selber habe auch wieder zur Spritze gegriffen. Jeden Tag Heroin. Ich habe zum Schluß 55 Kilo gewogen.

Dann haben sie mich bei einem Einbruch erwischt, in einem Einfamilienhaus. Also wieder in den Knast. Wenn du dann keine Drogen kriegst, geht es einem nicht besonders gut. Gliederschmerzen. Was man ißt, kommt gleich wieder hoch. Einen Vertrag mit der Kloschüssel kann man da abschließen. Die ersten fünf Tage sind ziemlich schlimm. Bei jeder Bewegung tut alles weh.

Im Knast habe ich dann geheiratet, die Freundin von früher, die war Prostituierte. Die ist in der Nachbarstadt anschaffen gegangen, und als dort plötzlich ein Aids-Fall bekannt geworden war, hieß es bei mir, ich war gerade vom Knast-Urlaub zurückgekommen: Aids-Test machen. Mich hat das auch selber interessiert - die Nadeln, das hat man früher nicht so genau genommen.

Nach 14 Tagen bin ich von der Arbeit geholt worden, ich war Maler in der Anstalt. Zuerst habe ich mir gedacht, warum sind die alle so freundlich zu mir? Bitte nehmen Sie Platz, die Ärztin kommt gleich und so. Ich habe mir gedacht, was ist denn da los? Dann ist sie gekommen und hat gesagt: Das Ergebnis ist heute gekommen - positiv. Was will man da machen, da schaut man recht blöd am Anfang. Am Anfang kapiert man gar nicht, was das bedeutet.

Sauber - das war das einzige, was ich mir gedacht habe. Was will ich anderes machen? Das ist so, wie wenn man eine mit dem Hammer draufkriegt. Dann haben die mir ein Telephon hingestellt und haben gesagt: Jetzt rufen Sie Ihre Frau an, ob die das auch hat. Ich hatte im Urlaub mit ihr geschlafen und wollte auch selber wissen, was mit ihr los ist. Die war negativ.

Ja gut, ich habe das. Ich weiß aber eigentlich gar nicht, was ich habe. Die Ärztin sagte auch bloß, das kann ausbrechen das muß aber nicht ausbrechen, fertig.

Dann habe ich die Typen im Knast zusammengeholt und habe gesagt: So schaut es aus, laßt meine Sachen in Ruhe, ich habe das Aids-Virus. Laßt das alles sein, zum Beispiel aus meiner Tasse trinken oder an meiner Zigarette ziehen. Da haben die gesagt: Okay, gut daß du uns das gesagt hast. Die waren alle genauso wie vorher. Mit der Zeit war mir das auch egal. Ich habe mir gesagt, wenn einer mit mir was zu tun haben will, dann kann er das, und wenn nicht, dann soll er gehen. Keiner hat mich mehr gefragt, und ich habe auch nichts mehr gesagt.

Im März bin ich entlassen worden und habe noch mal einen Test machen lassen. Ich habe mir gedacht, vielleicht nehmen die es im Knast nicht so genau, und bin also draußen noch mal zu einem Arzt gegangen. Nach drei Wochen kam das Ergebnis: negativ. Ich dachte, das gibt es nicht. Ich habe den Arzt daraufhin angesprochen. Und der hat gesagt, das kommt schon vor, daß es eine Verwechslung gibt.

Mit meiner Frau war ich damals nicht mehr zusammen, wir hatten schon zuvor Differenzen, inzwischen bin ich geschieden. Ich habe nach meiner Entlassung eine andere Frau kennengelernt, die auch mal im Sperrbezirk gearbeitet hat, aber nur am Anfang. Der habe ich erzählt, daß ich vorher positiv war und nun negativ bin. Und dann ist nie mehr ein Wort darüber gefallen. Wir haben sexuell ganz normal verkehrt, und meine Freundin ist schwanger geworden.

Dann wurde ich wieder verhaftet wegen Hehlerei, ich habe gestohlene Autos verkauft. Als mich die Polizisten holten, ist es zu einer Schlägerei gekommen. Dabei wurde ich leicht lädiert und gleich in die Krankenabteilung verlegt. Dort haben die noch mal Blut abgezapft, und nach zwei Wochen hieß es wieder: HIV-positiv.

Die Ärztin hat dann verlangt, daß ich meine Freundin informiere. Die war damals im vierten oder fünften Monat schwanger. Und dann stellte sich heraus, daß sie ebenfalls infiziert ist. Ich war am Anfang selber baff, daß, wenn sie es nicht selber hatte, ich sie angesteckt haben könnte. Ich habe zu ihr gesagt: He, paß auf, ich kann es nicht verantworten, daß da ein Kind auf die Welt kommt, das Aids hat. Das habe ich meiner Freundin klipp und klar gesagt. Sie hat zu weinen angefangen. Wir haben uns ja auch echt gefreut auf das Kind. Wir wollten es echt haben.

Sie wollte am Anfang nicht abtreiben, aber am Ende hat sie auch gesagt: Ja gut, es kann doch sein, es kommt auf die Welt, ist infiziert oder sonst irgendwas. Sag ich: Ja, machen wir es weg. Meine Freundin ist dann in ein Krankenhaus gekommen. Abtreibung, weg. Ich weiß nicht, wer es gemacht hat, ich habe mich nicht drum gekümmert.

Seit das passiert ist, hat sich die Frau total verändert. Sie war früher lustig und lebensfroh, wie man so sagt. Sie ist jetzt irgendwie so ruhig, sitzt den ganzen Tag daheim. Sie wohnt jetzt bei ihren Eltern und lebt vom Sozialamt. Sie ist 24 Jahre. Sie weiß nicht, was sie machen soll. Das ist jetzt ein Problem, mit dem sie einfach nicht klarkommt. Sie ist der Typ, der nicht drüber redet. Ich bin sicher, daß nicht mal ihre eigene Mutter Bescheid weiß.

Ich habe dann einen Anwalt eingeschaltet, auch den Staatsanwalt informiert, eine klipp und klare Untersuchung bei mir verlangt: Hab' ich es, oder hab' ich es nicht. Aber da ist halt gar nichts passiert. Da hieß es nur: Was wollen Sie denn, Sie sind doch schon untersucht worden.

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