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»Warum ausgerechnet ich?«

HIV-Positive schildern ihr Schicksal (I): Heterosexuelle *
aus DER SPIEGEL 34/1987

CHRISTINE

Die Leute schauen mich so komisch an. Ich meine die, die es von mir wissen, ohne daß ich das denen gesagt habe. Die fragen, na, wie geht es dir denn so, und ich merke genau, die können es sich überhaupt nicht vorstellen, daß jemand, der Aids-infiziert ist, noch so gesund aussieht, so gut aussieht. Aber es spricht mich keiner drauf an. Jeder ist so unheimlich nett zu mir, alle tun so, als wenn gar nichts wäre. Aber irgendwie ... es sind so Kleinigkeiten, die ich mir vielleicht auch einbilde. Zum Beispiel: Irgend jemand ißt ein Brot, ich sage, laß mich mal beißen, ja, sagt der dann, kannst aufessen - solche Sachen. Vielleicht bilde ich mir das ein.

Wenn ich mir vorstelle, ich wäre negativ und ich würde jemanden kennenlernen, den ich sympathisch finde und von dem ich nun höre, der ist positiv, ich glaube, da würde ich irgendwie versuchen, mit dem zu reden und mich zu informieren, wie der zum Beispiel die Situation empfindet. Aber auf diese Weise spricht mich keiner an, das passiert nicht.

Eigentlich würde ich gern meinen Namen für die SPIEGEL-Veröffentlichung nennen und mich jetzt zum Beispiel hier photographieren lassen. Ich denke mir, das wäre schon ganz gut, öffentlich dazu zu stehen. Es wäre gut für einen selber und auch, um zu zeigen, daß die Panikmache um Aids ungerechtfertigt ist. Aber andererseits kann man sich das, glaube ich, selten leisten. Also: Ich sag's halt niemandem.

Seit September weiß ich, daß ich HIV-positiv bin. Ich versuche, das zu akzeptieren, und muß schauen, daß ich das Beste für mich rausziehe und daß ich mein Leben so umstelle, daß es mir vielleicht noch was bringt: nicht mehr nur auf die Optik schauen, nicht mehr oberflächlich so trallala vor sich hin. Statt dessen einfach bewußter leben, zum Beispiel das Rauchen einschränken, was mir sehr schwer fällt. Ich habe früher vielleicht nicht so richtig gelebt. Das läßt sich schwer erklären, das Leben ist einfach in die falsche Richtung gegangen. Durch das Testergebnis kriegt es eine ganz andere Richtung, eine ganz andere Bedeutung.

Natürlich habe ich mich gefragt, warum es ausgerechnet mich erwischt hat. Ich kann mir die Frage nicht beantworten. Ich habe mir gedacht, das ist einfach mein Schicksal. Das hat so kommen müssen, damit ich mein Bewußtsein irgendwie erweitere oder so. Es hört sich vielleicht blöd an, aber so denke ich es mir immer noch. Also nicht als Gottesstrafe - ich habe nicht das Gefühl, daß man mich für irgendwas bestrafen hätte müssen, überhaupt nicht.

Ich bin jetzt 21, lebe seit dem letzten Jahr, da habe ich mein Fach-Abi gemacht, nicht mehr zu Hause bei meinem Vater. Meine Eltern haben sich getrennt, als ich 17 war. Mein Vater ist Angestellter, meine Mutter Kassiererin. Die haben sich gut verstanden. Probleme hatte ich zu Hause nie.

Ich habe so meine Phasen gehabt. Ich habe Phasen gehabt, da bin ich in Kneipen gegangen, dann habe ich wieder ein paar Monate gar nichts gemacht, weder gesoffen noch einen Joint geraucht, noch sonstwas. Zigaretten habe ich immer geraucht. aber einen Joint phasenweise überhaupt nicht. Gedrückt habe

ich nie. Ich wollte nehmen, was das Leben so anbietet. Meine Freunde waren immer schon ein bißchen riskant oder so, da war auch der eine oder andere Ex-Junkie darunter, aber ich selber gehörte absolut keiner Risikogruppe an. Vor zwei oder drei Jahren, als ich zum ersten Mal von Aids hörte, da hieß es ja noch, es würden nur Männer kriegen, nur Schwule, und auch nur ganz wenige. Und da habe ich mir am Anfang gedacht, na Gott sei Dank, kann ich nicht kriegen. Ich hatte auch mal einen Freund, der einen Aids-Test machen ließ - negativ.

Ich habe nicht alle zwei, drei Monate einen anderen gehabt. Aber wenn mir einer gut gefällt, dann verknalle ich mich halt auch gleich in den. Und da fällt man halt auch irre oft auf die Schnauze. Das hat mich dann total genervt, daß die zwar meistens gut ausschauen, aber die totalen Deppen sind.

Also ich habe diese Halbjahres- und Monatsgeschichten, wo man ausprobiert und so, die haben mich tierisch genervt. Aber das ist eben das Drama: Die Typen, die man auf die schnelle kennenlernt, die man dann so toll findet, die lernt man in der Disko kennen. Da habe ich den Typ ja auch getroffen, von dem ich infiziert bin. Es war ein Libanese, der hier gearbeitet hat.

Der sah gut aus, der sah super aus, ein Typ, der sich hinstellt, und dann kommen die Frauen von alleine. Er hat mir halt gefallen, und blöd war er nicht, und charmant war er - sagt, er steht auf blond und schöne blaue Augen. Er wollte dann unbedingt, daß ich am ersten Abend mit ihm komme. Ich sagte nein, weil ich mit meiner Schwester in der Disko war. Und auch am nächsten Tag habe ich nicht bei ihm übernachtet, weil ich am Morgen darauf in die Schule mußte.

Aids hatte ich nicht im Kopf, ich habe wahrscheinlich nicht viel anders gedacht als die meisten Leute auch: Wird schon nix passieren. Das ist auch blöd. Wenn man sich das überlegt: Man lernt jemanden kennen und muß das ansprechen - das schafft ein unheimliches Mißtrauen, finde ich. Man muß erst mal fragen, wie ist das bei dir, wie sieht das aus bei dir - das gibt ein ungutes Gefühl. Aber heute würde ich es wahrscheinlich so praktizieren, wenn ich die Chance noch mal hätte.

Na ja, auf jeden Fall waren wir ein paar Monate zusammen, und ich muß sagen, wir sind ziemlich oft miteinander ins Bett gegangen, bestimmt dreimal oder so am Tag. Und da steckt man sich natürlich schon leicht an, als Frau infiziert man sich ja sowieso schneller als ein Mann. Aber ich wäre von alleine nie darauf gekommen, einen Test machen zu lassen. Das ergab sich erst aus dem ganzen Beziehungsproblem: Es war einfach grausam mit dem Typen.

Der war wirklich nicht normal. Erst mal war da diese anomale Eifersucht. Bei mir haben halt ab und zu mal männliche Wesen angerufen, die ich schon länger kannte. Und jedesmal macht er mich an: »Mit dem, komm, gib es zu« und so. Die ganze Zeit, es war echt schlimm. Auch wenn ich mich mit Frauen unterhalten und mal gelacht habe, da hat er mich hinterher voll angeschrien, »blöde Sau« und so - ich hätte über ihn gelacht und geschimpft, also völlig irreal. Der hat den totalen Verfolgungswahn gehabt.

Wenn man irgendwo in ein Lokal reingekommen ist, und irgend jemand hat über irgendwas gelacht, dann hat er das sofort auf sich bezogen. Und: »Los, laß uns wieder abhauen, der lacht über mich.« Drei Monate lang habe ich gedacht, okay, ich probier's - irgendwie muß ich dem doch klarmachen können, daß das ein Schmarrn ist, was der erzählt. Ich glaube, der hatte früher gefixt. Zu meiner Zeit hat er ab und zu gekokst, ich habe es kaum mitgekriegt.

Er war total schizophren teilweise. Der hat irgendwas behauptet und fünf Minuten später überhaupt nicht mehr gewußt, was er gesagt hat. Dann hat er total in meinem Zimmer rumgehauen, ist aggressiv geworden, hat mich auch geschlagen, zwei oder drei Mal - ich bin noch nie geschlagen worden.

Ich habe dann versucht, mich zu trennen. Das war echt entnervend. Es ging so hin und her, er rief immer wieder an, es tue ihm alles so wahnsinnig leid, und dann, in der Endphase, wo ich mich schon wirklich ziemlich von ihm getrennt hatte, da rief er wieder an und sagte, er habe Aids. Ich dachte anfangs, weil er sowieso andauernd Scheiße erzählt hat, daß er mich schocken wollte. Aber dann rief er wieder an und sagte, ich sollte den Dr. Soundso anrufen, der wüßte alles. Der Typ hat mich total tyrannisiert. Er rief alle Viertelstunde an, und das über Tage. Wenn ich normal geantwortet habe dann war er auch normal. Wenn ich ihm aber sagte, du, leck mich am Arsch oder so, dann hat er gesagt: »Ja, du hast es auch und kannst sicher sein, daß ich dich angesteckt habe.«

Da wollte ich halt sicher sein. Ich wollte wissen, ob oder ob nicht. Ich war sehr unsicher geworden, und ich bekam Angst weil meine Lymphknoten angeschwollen waren. Ich habe also beim Hautarzt einen Test machen lassen, und der war fraglich. Na ja, dachte ich, wenn es jetzt schon fraglich ist, dann machst du es halt noch mal, dann hast du die absolute Sicherheit, dann kannst du total beruhigt sein. Ich habe also beim selben Arzt noch mal einen Test machen lassen, die Blutprobe wurde weitergeschickt, und das dauerte dann noch mal zwei Wochen. Ich habe immer mal angerufen, aber es war noch kein Ergebnis da, und dann sagte die Sprechstundenhilfe eines Tages, der Arzt sei nicht da, aber ich sollte mal in die Sprechstunde kommen.

Da sind mir ganz schön die Knie weich geworden. Ich habe tierisch Angst gehabt, eine nach der anderen geraucht, eine nach der anderen angesteckt. Und dann habe ich noch mal angerufen, und dann hat sie wieder gesagt, ja, jetzt ist er da, aber er hat keine Zeit. Aber ich sollte eben mal vorbeikommen. Und dann habe ich gesagt: Ich will jetzt sofort das Ergebnis wissen, ich drehe durch. Hat sie gesagt: »Ich kann das nicht sagen.« Habe ich gesagt: Entweder Sie sagen mir das jetzt, oder ich weiß nicht mehr, was ich mache. Und da hat sie gesagt: »Ja, es ist positiv.« So schnippisch, so ganz komisch, Unsicherheit wahrscheinlich.

Ich war so geschockt, daß ich einfach aufgelegt habe. Ich habe einfach nichts mehr sagen können. Ich habe auch einen Freund nicht mehr anrufen können, der das alles mitgekriegt hatte und mir gesagt hatte, ich solle ihn sofort anrufen, wenn ich das Ergebnis weiß. Ich habe versucht, ihn anzurufen, ich habe es einfach nicht mehr geschafft, ich habe die Nummer nicht mehr auf die Reihe gekriegt, also total Blackout. Dann bin ich zu meiner Schwester rauf und habe ihr das gesagt, total aufgelöst, sie hat mich dann nach Hause gefahren. Und der Hammer war, der Arzt hat dann noch bei mir zu Hause angerufen. Es klingelt das Telephon, ich gehe ran, der Arzt ist dran und sagt, es wäre ja wohl eine Unverschämtheit, daß ich da einfach auflege, wie ich dazu komme und so, weil schließlich könnte er ja nichts dafür, daß das Ergebnis so ausgefallen ist. Und dann habe ich ihm gesagt,

er solle mich in Ruhe lassen oder am Arsch lecken - ich weiß es nicht mehr, was ich gesagt habe.

Am nächsten Tag bin ich ins Gesundheitsamt gegangen, und da habe ich wirklich eine positive Erfahrung gemacht, komischerweise. Die Ärztin dort war super, die war echt einmalig. Mein Vater übrigens hat auch sehr gut reagiert, das muß ich sagen. Klar, er war auch geschockt, deprimiert und alles, aber nicht so hysterisch und hoffnungslos. Er war sehr gut.

Und wahnsinnig geholfen hat mir mein Freund, den kannte ich schon lange, und zu dem bin ich dann gezogen. Ich habe gesagt, allein halte ich es nicht aus, ich kann nachts nicht schlafen. Ich habe Alpträume gehabt. Erst mal habe ich andauernd von diesem Libanesen geträumt, und dann halt von irgendwelchen Fratzen - also schrecklich, wirklich furchtbar, wenn ich allein war. Wenn ich beim Freund übernachtet habe, dann habe ich wunderbar geschlafen. Dann hatte ich keine Schlafstörungen.

Er hat natürlich im gewissen Maße Angst vor Ansteckung, vorm Sterben. Aber er steht halt zu mir, total. Das gibt es selten, glaube ich. Das gibt es nicht so oft: daß jemand bedingungslos sagt, das ist mir egal, ich liebe dich, und da muß man durch.

Man denkt viel übers Sterben nach. Immer dieses Damoklesschwert - man weiß ja nicht genau, wann es ausbricht, ob es überhaupt ausbricht, wie man das beeinflussen kann. Und dann dieses: Man kriegt irgendwo ein kleines Pickelchen auf der Haut, um Gottes willen, da geht's schon los. Oder wenn man sich irgendwann schlecht fühlt - ist das jetzt schon der Anfang?

Ich habe auch ziemliche Wut auf den Typen gehabt, auf den Libanesen. Das ging so weit, daß ich mir gedacht habe, ich zeige ihn an oder so. Aber das habe ich dann nicht gemacht. Mein Vater hat sich mit einem Anwalt unterhalten und erfahren, da könnte man rechtlich wahrscheinlich wenig machen. Und ich habe mir dann auch überlegt: die ganze Gerichtsscheiße und Öffentlichkeit vielleicht auch noch. Das ertrage ich momentan nicht, das stehe ich nicht durch. Und dann sind wir zu viert weggefahren. Mein Freund, seine Schwester und noch ein Freund.

Die haben es alle gewußt, und mit denen habe ich mich gut verstanden, und die haben sich auch nicht distanziert, die haben mich genauso behandelt wie sonst auch. Und in den drei Monaten, die wir dann am Mittelmeer verbracht haben, da war alles längst nicht so schlimm wie in Deutschland vorher. Alles lief irgendwie viel besser. Der Druck war einfach nicht mehr da, die Belastung war auch nicht mehr so da, die Depressionen waren weg. Ich dachte einfach nicht mehr dran, wie lange ich noch zu leben habe oder daß mein Leben verpfuscht sein könnte oder an die Beziehungsschwierigkeiten.

Das schlimme bei Aids ist, daß es so auf die emotionalen Dinge geht. Die Spontaneität fehlt zum Beispiel. Einfach sagen, ich habe Lust, mit dir ins Bett zu gehen, das geht halt einfach nicht mehr. Da muß man erst Kondome auspacken, und dann ist die Spontaneität einfach zerstört, geht nicht mehr. Und dann haben wir eben auch ohne Kondom miteinander geschlafen: Weil wir beide zu dem Schluß gekommen sind, daß auch die Psyche ausschlaggebend dafür ist, ob es ausbricht oder nicht.

Die Zeit war unheimlich gut. Da bin ich aufgewacht und habe nicht dran gedacht. Nach ein paar Wochen hatte ich das Gefühl: Das ist überhaupt kein Problem, das schaffe ich total. Ich bin so stark, daß das überhaupt kein Problem ist. Als ich dann wieder nach Deutschland kam - furchtbar, es war wieder so grausam, also es ist immer noch grausam. Erst mal natürlich das Wetter, klar, aber das ist unwesentlich. Und dann kaum zu Hause, bekam man gleich wieder Aids, Aids, Aids reingedrückt. In jeder Zeitung stehen mindestens zwei Artikel drin und Gauweiler hier und Gauweiler da.

Mein Freund ist sehr empfindlich geworden. Der liest alles, was mit Aids zu tun hat, und kriegt manchmal volle Panik. Unser Sexualleben hat sich sehr verändert. Wenn bei uns überhaupt noch was passiert, dann nur noch mit Kondom. Da ist ein wahnsinniger Druck im Hinterkopf.

Ich hatte früher immer ein gutes Gefühl zu meinem Körper. Für mich gehörte das zusammen, daß ich, wenn ich jemanden mag, mit dem auch Sex habe. Früher fand ich mich auch schön und habe gewußt, die Typen stehen auf mich. Jetzt denke ich oft, daß mein Freund mich nicht mehr so erotisch finden kann und daß vielleicht eine andere kommt, eine nicht infizierte Frau, die dann für ihn attraktiver ist. Er wiederum glaubt manchmal, ich bleibe nur bei ihm, weil ich sonst keinen Mann mehr finden würde, der mit einer Positiven zusammenleben will.

Es ist halt so, daß, wenn ich mir vorstelle, hier in Deutschland länger zu leben, ich bestimmt schon aus psychischen Gründen krank werde. Und gerade in Bayern. Also wenn ich mir zum Beispiel vorstelle, Meldepflicht soll eingeführt werden - das ist ja nicht nur einfach so, daß die Leute registriert werden, damit man ungefähr weiß, wie viele es sind, sondern das zieht ja unheimlich viel nach sich. Vielmehr: daß Leute reinschauen können, die eigentlich gar nicht reinschauen dürfen, Arbeitgeber zum Beispiel, daß du halt keinen Job mehr kriegst, daß du keine Wohnung mehr kriegst und lauter solche Sachen. Oder daß Zwangstests eingeführt werden für Ausländer zum Beispiel oder daß Firmen Zwangstests machen sollen bei der Einstellung und so Sachen, und Berufsverbote und so. Das erinnert mich voll ans Dritte Reich.

Wenn ich das alles so lese, dann denke ich mir, das Dritte Reich ist nicht mehr weit entfernt, ehrlich gesagt. Nur sind es jetzt nicht die Juden, sondern halt die Positiven.

INGO

Ich weiß ganz genau, wo und wie ich mich angesteckt habe. Ich war mit meiner Verlobten auf Gran Canaria im Urlaub. Das war eine phantastische Zeit, einmalig toll. Zwei Betten waren im Zimmer, aber wir haben nur eines benutzt - Spanien, viel Alkohol, wenig Cola.

Ich hatte allerdings vier Wochen Urlaub, sie nur zwei. Sie flog früher zurück. Ich hing also allein rum und wußte vor lauter Langeweile nicht, was ich machen sollte. Ich hatte ein paar Schweden am Strand kennengelernt, die mir sagten, Mensch, schließ dich doch an, wir gehen heute abend mal in die Disko. Habe ich auch gemacht.

Und da lernte ich ein Mädchen kennen, die war aus London, das weiß ich noch ganz genau, beim Theater, das weiß ich auch noch. Irgendwie hat es sich alles so ergeben, ich war auch ziemlich angesäuselt. Ich bin also mit ihr ins Hotel gegangen, und wir waren die ganze Nacht zusammen. Es war ein tolles Gefühl für mich. Sie war so happy, lachte immer und

tanzte wie auf Wolken. Das war so eine unbeschwerte Frau, so lieb und anschmiegsam. Ich bin richtig abgefahren.

Es war so völlig anders als mit meiner Verlobten. Ich bin jetzt 48, Industriekaufmann in einer mittelgroßen Stadt, sie ist eine ganze Ecke jünger, Anfang 30, arbeitet in derselben Branche. Wir haben acht Jahre zusammengelebt, sind sieben Jahre verlobt gewesen und haben praktisch die ganze Zeit darauf gespart, ein Haus zu bauen. Mein Hobby war immer der Garten. Garten ist alles für mich.

Sie wollte Kinder haben, hauptsächlich deswegen wollte sie heiraten. Ich wollte es immer rausschieben, ich war gar nicht so wild darauf, muß ich sagen. Aber wir haben lange Zeit darauf hingearbeitet, ein Haus zu finanzieren, sie und ich. Das war unser Traum. Ich wollte einfach ein Haus im Grünen haben und sie Kinder, so war das. Kurz nach dem Spanienurlaub wollten wir einziehen.

Und daran dachte ich am Morgen nach der Nacht, die ich mit dem Mädchen aus London verbracht hatte. Wir waren verabredet, aber ich hatte ein schlechtes Gewissen. Ich bin einfach nicht hingegangen, ich wollte sie nicht wiedersehen, weil ich dachte, ich kriege Probleme zu Hause. Ich wollte das nicht. Bei mir stand zu viel auf dem Spiel. Gerade das Haus gebaut, kurz vorm Einzugstermin, und wir wollten heiraten im Juli. Das hat keinen Zweck, dachte ich, fang nicht an den Scheiß.

Also im Dezember war ich wieder zu Hause, fühlte mich topfit, wunderbar, braungebrannt wie ein Neger. Ich war richtig voll drauf, hatte eine tolle Silvesterparty. Die ganzen Freunde waren da, Ehepaare, die man so kennt, als Paar kennt man automatisch immer Paare. Es war eine richtig tolle Party. Ich fühlte mich sauwohl, nachts um zwölf sind wir rausgegangen, haben Raketen losgelassen. Ich hatte nur ein Hemd an. Als ich Neujahr gegen Mittag Temperatur kriegte, dachte ich, na, jetzt hast du dir eine Grippe weggeholt, dusselig, daß du rausgegangen bist im Hemd bei der Kälte.

Ich lag da ungefähr eine Woche zu Hause, und unser Arzt sagte auch, das kriegen wir wieder schnell hin. Aber nach einer Woche war das Fieber immer noch nicht weg, und da vermutete er, ich hätte womöglich eine Lungenentzündung und wies mich ins Krankenhaus ein. Da blieb ich dann acht Wochen lang, und man hat alles untersucht, auch auf ein tropisches Virus. Nach acht Wochen sagte der Chefarzt zu mir: Gehen Sie nach Hause, Sie haben gar nichts, das ist psychosomatisch bei Ihnen, bleiben Sie noch vier Wochen zu Haus, gehen Sie wieder ins Geschäft, und Sie werden sehen, es ist nichts.

Aber ich wollte genau wissen, was ist. Denn psychische Probleme hatte ich in meinem ganzen Leben nie gehabt. Ich dachte, vielleicht ist doch was dran an der Sache mit dem tropischen Virus und ließ mich in ein größeres Krankenhaus überweisen. Da war ich dann eine Woche, aber die konnten auch nichts feststellen - nur, daß ich irgendwie mal mit Malaria in Berührung gekommen sein müßte. Aber weil die Ärzte dort, wenn sie nicht weiterwissen, auch einen Aids-Test machen, haben sie auch bei mir einen gemacht. Als das Ergebnis kam, nahm mich die Ärztin, eine phantastische Frau, beiseite, und wir sind in ihr Zimmer gegangen, und da sagte sie: Ich muß Ihnen die Mitteilung machen, Sie sind positiv.

Ich habe sie nur dumm angeguckt, ich habe es zuerst gar nicht begriffen, dachte, das kann doch gar nicht möglich sein. Dann war ich furchtbar depressiv: Jetzt hast du die Krankheit, jetzt springst du in die Kiste. Du bist weg vom Fenster. Es ist ja so ein Hammer, das zu erfahren. Ich kenne mich ja gar nicht aus, hatte mich nie mit Aids beschäftigt. Ich hatte nur etwas von Risikogruppen gelesen. Aber ich gehörte keiner Risikogruppe an, kannte Drogenmißbrauch nur vom Fernsehen, war nicht homosexuell, hatte seit meiner Verlobung keinen Seitensprung gemacht - bis auf den einen in Spanien eben. Und dann: Wie sollst du das erklären zu Hause, wie kriegst du das hin?

Dann hat mir die Ärztin noch mal Blut abgenommen, ist mittags selber ins Labor gegangen, hat noch mal prüfen lassen, kam abends rauf, und dann sagte sie: Tut mir leid, es ist tatsächlich wahr. Da hatte ich nur noch einen Gedanken: Das kannst du zu Hause niemals sagen, das kannst du keinem Menschen sagen. Ich wollte einfach irgendwie Schluß machen, ich wollte mich einfach verdrücken. Weil ich keinen Mut hatte, das zu beichten. Es ging ja nicht nur um die Krankheit, ich mußte ja den Fehltritt beichten. Das war für mich noch schlimmer als die Krankheit. Ich wußte, das wird sie mir nie verzeihen. Wir hatten schon mal Spannungen - sie ist ein Typ, so supersauber, Fuß abtreten, wenn man ins Haus reingeht oder so, da hat man manchmal Schwierigkeiten. Und jetzt nach dieser guten Zeit in Spanien ihr das erklären, daß ich fremdgegangen bin - das ging nicht.

Also habe ich ihr vom Krankenhaus einen sieben Seiten langen Brief geschrieben und habe ihr mitgeteilt, daß ich sie nicht liebe, daß ich eine andere Frau liebe - also Lügen erzählt. Sie hat wahrscheinlich alles geglaubt. Wenn man einer Frau erzählt, daß man eine andere kennt, dann glaubt sie es meistens. Sie war total beleidigt, hat ihre Sachen alle genommen und ist zu ihren Eltern zurückgezogen. Von der Krankheit habe ich überhaupt nichts geschrieben, das habe ich erst später gebeichtet.

Im stillen hatte ich ja damit gerechnet, daß sie jetzt ins Krankenhaus kommt. Aber sie kam nicht. Die Frau war voll korrekt, wie ein Computer, keine Konzessionen hier oder da. Ich bin schon ein Spießer, aber sie ist noch viel, viel schlimmer. Und ich wußte ganz genau, daß sie mir einen Fehltritt nie verzeihen würde. Sie hatte mir nämlich schon vor Jahren gesagt, wenn ich mal irgendwie was machen sollte, dann ist für sie die Sache erledigt. Sie war furchtbar eifersüchtig. Wenn ich in der Firma länger arbeiten mußte, war oft Mißtrauen da. Dann kam sie ins Büro, um zu kontrollieren. Sie ist eine Frau, wo man einfach keinen Betrug machen kann, das geht einfach nicht, die verzeiht einem das nicht.

Erst nach einem Vierteljahr habe ich ihr die Wahrheit gesagt. Mein Arzt sagte mir, ich müsse ihr sagen, daß sie einen Test machen solle, vielleicht sei sie betroffen, vielleicht hätte ich es sogar durch sie gekriegt. Aber ich wußte genau, daß die nie mit jemand irgendwas machen würde. Sie hatte ihre Grundprinzipien, sie war treu. Also, ich fand dann den Mut, sie anzusprechen, und wir verabredeten uns in einem Cafe. Ich sagte ihr die Wahrheit, und sie meinte: Warum machst du so was, warum langt es dir denn nicht, wir haben uns so wunderbar verstanden, warum mußtest du das machen? Das war die Reaktion, wie zu erwarten. Es war nicht die Krankheit in erster Linie, sondern es war das Fremdgehen. Wer diese Frau kennt, weiß, daß sie Grundprinzipien hat. Sie ist eben treu, und darauf kann man sich tausend Prozent verlassen.

Aber andererseits denke ich mir auch mal, es kann keine Liebe gewesen sein, vielleicht mehr Gewohnheit, sonst hätte sie die Sache nicht so schnell aufgegeben, sonst wäre sie ins Krankenhaus gekommen, trotz der Sache, und hätte versucht, mit mir eine Aussprache zu führen darüber. Aber ich wußte genau, wie sie reagiert. Sie hat dann einen Test machen lassen, negativ.

Nun sitze ich in dem Haus, das wir gemeinsam bewohnen wollten, allein. Sie wollte es nicht haben, weil es so weit außerhalb ist. Meine Eltern haben mir etwas Geld hinterlassen, das habe ich ihr überlassen, weil wir für das Haus ja gemeinsam gespart haben. Ich hatte ja auch ein schlechtes Gewissen. Nun sitze ich in dem Haus, sechs Zimmer, schön im Grünen, schöner Garten, was ich immer haben wollte, da sitze ich jetzt ganz allein mit einer Katze. Die ist übriggeblieben aus der Beziehung. Ich lebe zurückgezogen. Ich habe es bis auf einem meiner Brüder keinem Menschen erzählt. Und selbst mein Bruder hat mich gebeten, daß ich es seiner Frau nicht erzähle, wegen der Kinder. Sonst weiß kein Mensch, was los ist.

Ich bin seit vielen Jahren in der Firma, Maschinenzubehörteile, da sind alle wie Freunde. Es vergeht keine Woche, wo nicht ein paar Leute zu mir kommen. Aber ich möchte keinen Menschen mehr sehen. Ich kann nicht über meine Krankheit sprechen, also habe ich mich zurückgezogen. Aber auch hier habe ich Probleme.

Hier ist eine Frau, die kenne ich schon seit meiner Jugend, in meinem Alter. Wir haben uns eine ganze Zeit aus den Augen verloren, sie ist inzwischen Witwe. Nicht der Typ Frau, wo man sich umguckt, sagen wir mal so. Sie ist inzwischen ziemlich korpulent, so, wie eine Frau mit 48 aussieht, mütterlich. Aber da ich jetzt verdammt einsam lebe, war ich ganz froh, daß ich sie wiedergetroffen habe. Sie hat mich auch mal zum Essen eingeladen, das war alles ganz schön und gut, dann kam sie zu mir ins Haus und hat ein bißchen geholfen, mal Gardinen gemacht und so ein Kram. Und dann fing sie an und sagte, Mensch, wollen wir uns nicht zusammentun?

Ich habe einfach Angst, der Frau zu erklären, was los ist. Ich habe Angst, ihr zu beichten, daß ich positiv bin. Der kann ich doch nicht mit Safer Sex kommen, ohne es zu begründen, die hat seit Jahren nicht mit einem Mann geschlafen. Ich seit einem Jahr ja auch nicht mehr mit einer Frau. Es juckt einen schon manchmal, und da guckt man auch über weg, ob es der Typ ist oder nicht der Typ ist. Aber ich habe einfach Angst, ich kann nicht drüber sprechen.

Sie kennt ja auch noch andere aus meiner Klasse von früher. Das würde irgendwie durchsickern, die Leute würden sich von mir abwenden. Ich sehe doch meine Cousine, eine wirklich intelligente Frau. Sie arbeitet seit vielen Jahren in einem großen Krankenhaus ehrenamtlich. Vorgestern gab es einen Film im Fernsehen über Aids, und da sagt sie zu mir im Garten: Du, sagt sie, hast du den Film gesehen? Ich sage, ja, ist furchtbar, diese Krankheit, waren eigentlich bei euch im Krankenhaus auch mal solche Leute, hast du jemand mal betreut? Da sagt sie: Nee, das habe ich noch nicht, sagt sie, aber eins kann ich dir sagen, ich weiß auch, daß man sich nicht anstecken kann. Aber in mir ist eine furchtbare Angst, mit diesen Leuten irgendwie zu reden oder irgendwie zusammenzusein, sagt sie. Wenn ich wüßte, daß einer diese Krankheit hat, dann würde ich einen Riesenbogen um den machen - so meine Cousine.

Wenn die wüßte! Unsere Straße besteht aus fünf Reihenhäusern pro Seite. Die Frauen sind alle grüne Witwen, die hängen den ganzen Tag hier rum - das wäre doch das Thema hier gewesen. Dann hätte ich da Spießrutenlaufen machen müssen, dann müßte ich das Haus verkaufen. Und irgendwie hänge ich dran, weil ich viele Jahre drauf hingearbeitet habe das zu kriegen. Das ist das einzige, was ich jetzt habe. Haus und Katze, mehr habe ich nicht. Das ist das Endergebnis meines ganzen Lebens. Ich habe einfach den Mut nicht, es jemandem zu sagen. Man muß sich direkt schämen, diese Krankheit zu haben, das ist das Problem.

Ich habe nicht viele Freunde. Aber die ich habe, die kenne ich schon immer und ewig, 20 Jahre und noch länger. Und ich möchte nicht, daß ich diese Leute verliere. Aber andererseits möchte ich auch nicht immer Geschichten erzählen. Aus dem Grunde meide ich die.

Ich bin seit Monaten krank geschrieben. Finanziell geht es einigermaßen, in der Firma hat sich einiges getan. Mein bester Kollege, ein Mann mit fünf Kindern, hat praktisch meinen Job gekriegt für die Zeit, wo ich nicht da bin. Wenn ich wiederkommen würde, würde er wieder den Job verlieren. Ich möchte, daß er ihn behält. Vielleicht bin ich ja wirklich in zwei Jahren tot. Die Ärzte haben mir gesagt, ich solle mir was Leichtes suchen, höchstens zwei oder drei Stunden am Tag.

Aber auch bei der leichtesten Anstrengung, zum Beispiel irgendwie im Garten, habe ich gleich 38,8, 38,9 und über 39 Fieber. Es brennt richtig im Gesicht. Streß macht sich schnell bemerkbar. Über die Sache sprechen ist für mich auch Streß. Zuerst habe ich versucht, die Sache zu verdrängen, aber das geht überhaupt nicht. Dann war ich richtig gierig drauf, mich mit Informationen zu füttern, mit allem, was es gibt. Ich habe mir alle Bücher gekauft, alles durchgearbeitet, TV-Sendungen mit Video aufgezeichnet, jeden Satz durchdacht und noch mal vor und zurück und alles ganz genau. Ich habe mir sogar die »Bild«-Zeitung gekauft, obwohl ich überhaupt nichts von der halte.

Vielleicht kann ich irgendwie die Sache bewältigen, aber mittlerweile habe ich Angst. Ich bin ja immer wieder im Krankenhaus. Wenn ich die Aids-Kranken so sehe, dürr, so schwach, Flecken im Gesicht, dann geht einem das nahe - und man hat das Gefühl, daß man eines Tages so enden kann. Davor habe ich Angst. Ich glaube, ich würde auch nicht so lange durchhalten, ich würde Schluß machen, muß ich ganz ehrlich sagen. Ich möchte das mir nicht zumuten und auch nicht den anderen.

Mich hat schon gestört, daß, als ich das vorletzte Mal im Krankenhaus war, die Schwester eine Psychologin zu mir schickte. Die setzte sich aufs Bett, und während ich die Infusion bekam, sprachen wir eine Stunde lang über die ganze Sache. Da kriegt man das Zittern und Frieren. Und ich merke, daß es mich unheimlich belastet. Ich möchte die Sache irgendwie bewältigen, aber das geht einfach nicht. Es gibt Tage, da denke ich nicht an Aids. Zum Beispiel die letzten zwei Tage. Ich habe meinen Garten in Ordnung gebracht, Blumen gepflanzt, gedüngt, bin anschließend zu den Nachbarn gegangen, die mich zum Essen einluden. Aber das ist die Ausnahme. Dann denkt man wieder, ob man die Blume, die da blüht, im nächsten Jahr noch sieht?

Ich habe mich gefragt, warum mußtest du das kriegen. Im Grunde genommen war ich ja einer von diesen braven, langweiligen Bürgern - Büro, Garten und die Beziehung. Mal ein paar Freunde zum Reden und mal so'n bißchen klönen oder so, das war das, was ich immer gut mochte. Ich sage mir, daß es mir einfach zu gut ging. Ich mußte einfach den Hammer kriegen. Ich mußte mal einen auf die Nase kriegen. Das habe ich mir dann wieder versucht einzureden.

Es ist eben Schicksal, ich war zur falschen Zeit mit der falschen Frau zusammen. Wenn man das alles vorher wüßte! Ich sage immer, ich habe selber schuld, daß ich mich überhaupt nicht informiert habe über diese Krankheit. Ich bin so richtig voll ins offene Messer gelaufen. Wenn ich heute drüber nachdenke, dann hätte ich mir sagen müssen, Mensch, die Frau hat vielleicht irgendwas mit Drogen, sie wirkte so happy. Heutzutage würde ich vielleicht drüber nachdenken, warum lacht die immer so. Wenn ich damals gewußt hätte, was ich heute alles weiß, hätte ich wohl damals auf Gummi oder so bestanden.

Aber ich hatte in meinem Leben nie Gummi benutzt. Das war bei mir einfach nicht im Kopf drin. Ich hatte dazu wahrscheinlich großes Pech gehabt. An diesem Tag, da ich abends mit diesem Mädchen geschlafen habe, waren wir am FKK-Strand gewesen, und ich hatte nur Jeans angehabt. Als wir nach Haus gingen, habe ich den Reißverschluß zugemacht und mi ch dabei verletzt gehabt. Ich bin so ein bißchen in den Reißverschluß reingekommen. Ich hatte eine kleine Wunde oder so, und die Ärzte vermuteten später, daß ich dadurch eine hohe Dosis an Viren abbekommen hätte.

Es war wirklich nur ein einziger Fehltritt innerhalb von gut 18 Jahren. Was mir passierte, könnte jedem passieren. Und es wäre gut, wenn Aids wie eine normale Krankheit behandelt würde: daß man ein bißchen mehr Verständnis aufbringt und die Sache nicht so hochspielt. Fast immer lese ich nur von Drogenabhängigen oder von Homosexuellen und davon, daß es die anderen kaum betrifft - vielleicht ein Prozent nur. Aber was heißt ein Prozent in meinem Fall! Mich hat voll der Hammer getroffen. Ich bin jetzt genauso schlecht und gut dran wie die anderen auch, denen ich in der Aids-Hilfe begegnet bin.

Das ist so eine Sache mit der Aids-Hilfe. Irgendwie habe ich das Gefühl, die Gruppe zieht einen runter - es ist wie das Spiel von den zehn kleinen Negerlein. Erst haben sie zehn Leute da, dann kriegt der eine Symptome, und dann kriegt er die Krankheit, und dann stirbt er weg, und jedes Mal sind neue Belastungen da. Dann beobachtet man sich im Spiegel, Mensch, habe ich das auch? Die Nacht darauf kann ich dann nicht schlafen, das schwirrt einem im Kopf dann rum und so. Ich bin jetzt schon lange nicht mehr hingegangen.

Ich dachte immer, daß man jemanden finden kann, mit dem man mal reden kann, mal ein Bier trinken und so drüber reden, aber das ist schwierig. Die Infizierten, die ich kennengelernt habe, das sind alles Leute, die meistens Doppelprobleme haben. Entweder sind sie drogenabhängig und positiv, sind schwul und positiv oder Alkoholiker und positiv. Das sind keine Nullachtfünfzehn-Leute oder sogenannte Bürger wie ich, die so ganz andere Interessen haben. Im Grunde genommen habe ich ja nur ein Problem, aber das reicht aus.

ANNI

Mein erster Gedanke war: Mein Kind. Könnte es auch infiziert sein? Aber es ist gesund. Es ist schon dreimal untersucht worden, immer negativ.

Ich selber weiß seit Juni 86, daß ich HIV-infiziert bin. Ich bin eigentlich wegen Gallenstein ins Krankenhaus gekommen. Ich hatte Fieber, weswegen sie nicht operieren konnten. Und sie wunderten sich, warum das Fieber nicht wegging. Außerdem hatte ich seit einem halben Jahr einen Pilz im Munde, den ich nicht wegkriegte. Da haben die gedacht, Mensch, vielleicht könnte es ja Aids sein. Sie haben einen Test gemacht, und der war positiv.

Ich wußte, daß ich nun eine tödliche Krankheit habe. Eine Krankheit, die man nicht heilen kann. Das hat mich anfangs gar nicht schockiert. Ich habe das so als Schicksal hingenommen. Ich habe nur gedacht: Hoffentlich hat der Kleine nichts. Ich bin total froh, daß ich noch ein Kind habe, daß noch ein bißchen was von mir da ist, wenn ich mal nicht mehr bin. Irgendwo finde ich das schön. Alles andere lasse ich auf mich zukommen. Vielleicht regt es mich auch nicht so auf, weil ich in mir ruhe. Vielleicht ist das ein bißchen angeberisch, aber ich sage mir, du hast schon gelebt.

Wie ich mich infiziert haben könnte, weiß ich nicht einmal. Man hört ja mittlerweile, daß man das Virus bis zu 15 Jahre in sich haben kann. Und damals, ab 16 aufwärts, hatte ich eine wilde Zeit, mit Ha-We-Ge und so, das nennt man doch so - häufig wechselnden Geschlechtsverkehr. Nach dieser Zeit hatte ich neun Jahre lang eine feste Beziehung. Dann lernte ich den Mann kennen, der Vater meines Kindes ist. Ein Jahr waren wir zusammen. Die Beziehung ging kaputt, sobald ich schwanger wurde. Mein Freund wollte, daß ich das Kind abtreibe. Das kam für mich nicht in Frage. Nachdem ich erfahren hatte, daß ich infiziert bin, setzte ich mich mit ihm in Verbindung. Ich wollte ja wissen, woher ich das habe. Es war mir auch wichtig, weil er noch mit anderen Frauen rummacht; die kriegen das ja dann auch alle. Da habe ich gedacht, mein Gott, jetzt steckt der alle an. Aber er hat sich bis heute nicht untersuchen lassen. Er will das wahrscheinlich selber gar nicht wissen. Er hat Angst davor, nehme ich an.

Der Freund, den ich jetzt habe, hat sich auch sofort untersuchen lassen. Er ist negativ. Ich sehe mich natürlich vor. Wenn ich eine kaputte Lippe habe, küsse ich ihn nicht. Oder wenn er verletzt ist - man weiß ja, daß es über Wunden übertragen werden kann. Und wir nehmen Kondome. Oder besser gesagt: Wir haben sie genommen. Wir haben schon über zwei Monate nicht mehr zusammen geschlafen, vorher manchmal alle zwei Tage. Ich habe den Eindruck, daß die Beziehung zu Ende geht.

Ich habe ihm auch gesagt, er soll sich eine Freundin suchen. Ich kann ihm das nicht mehr bieten. Mir macht das auch keinen Spaß mehr. Ich habe es nur ihm zu Gefallen gemacht. Ich möchte am liebsten nur mal in den Arm genommen werden. Aber er sagt, er kann mit mir nicht nur schmusen. Er will auch mit mir schlafen. Klar, das geht auf Dauer nicht gut.

Der Körper sagt jetzt, die Energie braucht er für die Krankheit, deshalb wird das einfach abgestellt. Wenn man krank ist, findet der Körper andere Sachen wichtiger als dieses Sexuelle. Das ist ganz normal. Ich habe auch seit einem Jahr keine Periode mehr. Ich kann nicht viel machen. Ich bin

immer ruck, zuck schlapp. Wenn ich morgens gefrühstückt habe, dann muß ich mich erst einmal wieder ausruhen. Ich bin auch sehr vergeßlich geworden. Ich kann mich nur schwer konzentrieren.

Meine Knochen tun mir immer weh. Da ist so ein Ziehen in den Gelenken. Und mir brennen immer meine Füße. Oder ich hatte häufig im Mund einen Pilz, der mir Schluckbeschwerden verursacht. Je nachdem, wie meine Abwehr im Moment war, kriegte ich ihn nicht weg. Dann habe ich letztes Jahr im Oktober Tuberkulose bekommen, die nur durch starke Tabletten wegzukriegen war. Jetzt habe ich einen Pilz in der Lunge. Und ich fühle mich schlapp, kaputt. So schlapp, daß ich nicht mal mehr mein Kind versorgen kann. Ich mußte es ganz in Pflege geben.

Der Kleine war erst für ein paar Monate bei meiner Mutter und bei meiner Tante, als wir noch dachten, es geht bei mir nur um die Gallenoperation. Als ich dann von der Infektion erfuhr und immer schwächer wurde, war mir klar, daß ich eine Dauerlösung finden mußte. Eine Freundin hat dann die Familie gefunden, bei der er jetzt lebt. Ich bin auf der einen Seite total zufrieden, so wie das ist, weil das für den Kleinen jetzt was Festes ist. Ich kann ihn regelmäßig besuchen. Es klappt wunderbar. Der Kleine fühlt sich total wohl. Er mag die beiden. Und die lieben ihn. Was will ich noch mehr? Mir bleibt ja nichts anderes übrig. Ich weiß ja nicht, wie es weitergeht. Man kann auch nicht das Kind ein halbes Jahr hier- und dann dahin stecken.

Ich habe mit den Pflegeeltern noch mal so richtig Glück gehabt. So ein Glück hatte ich lange nicht mehr. Ich werde das Kind natürlich auch adoptieren lassen. Das ist klar. Das ist für das Kind das Beste. Zu meinen Eltern hätte ich es nicht geben können. Zu meinem Vater habe ich keinen Kontakt. Der wohnt auch nicht bei meiner Mutter, der braucht das nicht zu wissen. Und meine Mutter, ja, die hat sich gleich untersuchen lassen. Ich habe ihr gesagt: Mein Gott, ich habe doch nicht mit dir geschlafen, da brauchst du doch keine Angst haben, daß du Aids hast. Sie tat es wegen ihrem Kontakt mit einem Freund, einem Verheirateten. Sie hat kein Aids. Dabei hat sie keine Angst, mit mir zusammenzusein. Sie liest nur immer die »Bild«-Zeitung. Und dann kommt sie mit so Schauergeschichten. Dann sage ich: Mein Gott, Mutti, laß dich doch nicht verarschen.

Es gibt einen kleinen Kreis von Menschen, der Bescheid weiß und noch mit mir zu tun haben will, meine Mutter, Tante, eine Freundin. Sonst habe ich keinen Kontakt zu den Leuten. Guten Tag. Guten Weg. Deshalb finde ich es unsinnig, es jemandem zu sagen. Im Haus, wo ich wohne, würde es Schwierigkeiten geben. Und wenn die Kollegen in der Firma das erfahren, dann ist zappenduster. Da haben schon welche Theater gemacht, als mal einer einen Hund mitbrachte. Manche würden mich nicht mehr reinlassen, wenn die das wüßten. Die würden einfach sagen: Lustseuche.

In meinem Betrieb fehle ich seit Juni 1986 wegen Tuberkulose. Das stimmt ja, auch wenn es nicht die ganze Wahrheit ist. Ich werde jetzt Rente beantragen. Ich habe mich bei der Selbsthilfe erkundigt. Die haben gesagt, ich sollte jetzt langsam mal damit anfangen. Ich glaube, es wird da auch keine Probleme geben. Als ich jetzt zum zweiten Mal beim Vertrauensarzt war, hat der gleich gesagt: Sie brauchen nicht mehr kommen. Was soll ich mit Ihnen? Sie haben die Krankheit, da ist nichts dran zu machen, da brauchen Sie sich nicht immer wieder vorstellen. Die von der Krankenkasse wären blöd, daß die mich dahin geschickt haben. Weil es eindeutig ist, was ich habe. Zu dem muß ich auch wieder hin, wenn ich Rente beantrage. Der wird da wohl auch keine Schwierigkeiten machen.

Ich sehe ja auch schon viel schlechter aus. Da fühle ich mich unglücklich drüber. Zum Beispiel habe ich noch nie so pisselige, dünne Haare gehabt. Ich habe immer volle Haare gehabt, auch unter den Armen. Die ganze Behaarung ist spärlich geworden. Bin natürlich auch arg dünn geworden. Dann habe ich so viele Pickel. Die gehen mittlerweile den ganzen Rücken runter. Aber das kann von den Tbc-Tabletten kommen. Die muß ich noch bis Oktober nehmen.

Aber nur wenn ich etwas Besonderes habe, Fieber oder so dann rufe ich in der Uniklinik an oder gehe hin und frage die: Was mache ich jetzt? Seelisch helfen konnten sie mir anfangs nicht. Deswegen habe ich mich auch mit einer Selbsthilfegruppe in Verbindung gesetzt. Ich habe in der Aids-Hilfe angerufen und gesagt, ich würde gerne in eine Gruppe für normale Heterosexuelle gehen. Aber ich war die einzige. Sie sagten mir, die normalen Heterosexuellen, die nicht aus den Risikogruppen wie Homos oder Fixern kommen, hätten ungeheure Hemmungen, sich zu offenbaren. Ich kann das zum Teil verstehen. Wenn so normale Leute den verdreckten Eingang der Aids-Hilfe sehen, sind sie erst mal abgeschreckt. Aber oben, in den Räumen der Aids-Hilfe, sieht es ganz anders aus.

Beim Gesundheitsamt war es zuerst genau dieselbe Pleite. Da kam auch keine Gesprächsgruppe für Heterosexuelle zustande. Wenn ich schwul gewesen wäre, dann wäre das kein Problem. Dann hätte ich schon längst eine Gruppe gehabt, weil die sich viel mehr zusammentun. Aber der Betreuer sagte, es hat keinen Zweck, in eine solche Gruppe zu gehen. Die Schwulen würden sich dann nicht mehr trauen, alles zu sagen, wenn eine Frau dabei ist. Man müsse das deshalb schon getrennt machen. Ich fand schließlich bei der Aids-Hilfe einen Betreuer. Das tut gut. Wenn ich Probleme habe, kann ich mit ihm reden. Ich treffe ihn jetzt öfters. Er hat es auch fertiggebracht, mich doch in eine Schwulen-Gruppe der Aids-Hilfe einzuführen. Es klappt prima. Die Schwulen akzeptieren mich. Es ist ja auch wichtig, daß man sieht: Wie werden die anderen damit fertig.

Ich stehe ja letztlich doch nicht über den Dingen. Wenn man dann sieht, sein Freund entzieht sich einem, das bißchen, was man noch hatte, fällt jetzt weg, das ist für mich auch ein Problem. Aber ich versuche, mich nicht hängenzulassen. Ich versuche, so normal wie möglich weiterzuleben. Auf keinen Fall will ich jetzt anfangen, mir selber etwas vorzujammern. Das bringt mir selber nichts, und die anderen vermiese ich mir dadurch auch noch. Der Sinn ist eben halt, mein Kind wachsen zu sehen. Und halt noch so lange wie möglich das Leben zu genießen. Zum Beispiel freue ich mich darüber, wie schön alles wächst, wie es grünt und blüht. Ich lebe jetzt intensiver, weil jetzt vieles andere weggefallen ist. Ich freue mich darüber, daß ich noch Auto fahren kann. Ich bin schon dankbar dafür, daß mir nicht alles weh tut, wenn ich morgens wach werde.

Vielleicht habe ich ja Glück und sterbe schnell.

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HIV-Positive schildern ihr Schicksal: Bluter

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