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»Warum ausgerechnet ich?«

HIV-Positive schildern ihr Schicksal (III): Homosexuelle *
aus DER SPIEGEL 36/1987

HANNES

Ich bin schwul, und als hier in Bayern die Diskussion über Zwangstests und so losging, hab' ich den Test machen lassen. Ich fühlte mich gesund. Ich hatte auch nie so diese Schwulenkrankheiten Tripper oder Syph, gar nicht. Aber ich wollte es halt wissen, bin zu meinem Hausarzt gegangen und habe ihm gesagt, ich bin schwul, und ich möchte es einfach mal wissen.

Zu der Zeit hatten sich mein Freund und ich gerade getrennt, und es ging auch um die Frage: Gehen wir wieder zusammen, oder bleiben wir nur gute Freunde. Wenn es zu einer Partnerschaft kommen sollte, mußte vollkommene Klarheit sein. Dann wollte ich auch von ihm wissen, hat er es oder hat er es nicht. Wenn ich es habe, aber er macht den Test nicht und läßt mich wegen Krankheit, wegen einer massiven Krankheit fallen, dann ist es eh tote Hose gewesen. Mein Gott, mit 25, irgendwann ist es sowieso mal aus. Bei der Geburt ist es vorprogrammiert, daß man stirbt. Das ist das einzige Sichere, was wir hier in diesem Leben haben.

Nach zehn Tagen habe ich beim Arzt angerufen, da war noch nichts da. Da bin ich für ein paar Tage weggefahren, und da war eine wahnsinnige Anspannung in mir- hast du es, hast du es nicht. Nach drei Wochen habe ich dann wieder angerufen, und da sagte er, ich soll vorbeikommen, er möchte es nicht am Telephon ausbreiten. Da war ich schon sicher: Burschi, jetzt hast du es.

Bin dann am nächsten Tag hin. Da hat er mir alles erklärt. Ich war die ersten Tage ziemlich fertig mit den Nerven. Habe gedacht, es ist im Endeffekt aus, die Rumtigerei und so weiter. Und deine Urlaubsflirts, die kannst du vergessen. Aber ich habe mich ziemlich schnell wieder hochgerappelt. Habe ganz einfach gedacht, du bist infiziert, aber du bist nicht krank in dem Sinne. Und wenn du dich an gewisse Sachen hältst, dann hältst du es wahrscheinlich auch sehr, sehr lange durch.

Mein Arzt hat mir das auch gesagt. Ich kann also zehn Jahre mit der Sache da rummachen, und es wird nie zum Ausbruch kommen. Es kann auch sein, daß ich es im nächsten Jahr bekomme oder daß es dieses Jahr noch zum Ausbruch kommt. Das ist wie das berühmte Würfelspiel. Okay, ich könnte mich also jetzt aus dem dritten Stock runterschmeißen und damit dem Ganzen ein Ende setzen. Aber das macht die Sache auch nicht ärmer.

Meinem Freund habe ich dann klar ins Gesicht gesagt, daß er damit rechnen muß, da wir ja Sex miteinander getrieben haben, daß er genauso infiziert ist. Das war ihm relativ Wurscht. Er will auf gar keinen Fall so einen Test machen. Wir sind Freunde geblieben. Das ist halt der Rest in der Kanne. Wenn er neben mir tot umfallen würde, wäre es mir auch egal. Weil ich nicht auf ihn bauen konnte.

Ob ich's von ihm habe, weiß ich nicht. Es sind halt wechselnde Partner dagewesen. Jetzt nicht tagtäglich, noch nicht mal wöchentlich. Wenn ich einen Typ habe, dann hab' ich den auf längere Zeit. Aber man hat ja auch im Urlaub irgendwo mal rumgemacht, das sind diese zwei Wochen wo man durch die Gegend bumst. Das ist nicht so, daß man jede Nacht den Typen wechselt, aber irgendwie sieht man einen, der ist ganz nett. Man tauscht die Adressen aus und dann auf Wiedersehen. Man ruft nie wieder an. Vielleicht zu Weihnachten mal eine Karte. Ich könnte mir den Kopf darüber zerbrechen, aber mir würde keiner einfallen, von dem ich's mir ganz bestimmt geholt haben könnte.

Ich sage, das hätte meinen Nachbarn genauso treffen können. Nach dem Motto: Jeder zweite bekommt es. Und ich war der zweite. Ich sehe das sehr, sehr locker. Ich mache mich deswegen nicht fertig. Okay, die letzten drei Monate ist gar nichts mehr gelaufen sexuell. Gelegenheiten gab es genug. Ich bin ja seit vier Jahren hier in München. Alles ist ziemlich familiär. Man ist integriert.

Aber ich bin doch jetzt öfters weggefahren aus dieser Stadt, ich kam mir irgendwie erdrückt vor. Es ist komisch, früher habe ich das nie so mitgekriegt, daß so wahnsinnig viele Leute um mich rum sind, die infiziert sind. Neulich bin ich in einem Szenelokal drin gestanden, es war zu fortgeschrittener Stunde, wenig Leute da. Es war wie auf einer Aids-Party, nur Infizierte. Man sieht es ihnen nicht an. Aber ich kenne die Leute, und die wissen es auch von mir.

In meinem Bekanntenkreis werden zehn, fünfzehn Prozent den Test gemacht haben. Das sind nicht viele. Der eine kapselt sich dann ein, der andere geht damit hausieren, oder er lebt ganz cool weiter. Am Anfang macht man sich ziemlich lustig drüber: Hast es auch, Burschi? Mach dir nichts draus, ich weiß das auch schon seit ein, zwei Jahren von mir. Das ist halt der berühmte Tuntentratsch: Du kennst ja den und den, der hat es auch, hättest du das von dem gedacht?

Ich gehe wahnsinnig gern tanzen. Ich gehe wahnsinnig gern aus, und ich treffe auch wahnsinnig gern Leute. Es würde mir was abgehen, wenn ich mich jetzt zu Haus eingraben und mir jeden Abend die Videos reinziehen würde. Aber irgend etwas in mir ist abgestorben. So die Geilheit, so wie früher: Den Typen da drüben, den finde ich wahnsinnig toll, den finde ich stark, und mit dem könnte ich sofort. Ich sehe die Leute jetzt ganz anders an. Irgendwo haben die Leute den Reiz, den ich früher empfunden habe, verloren. Ich finde die irgendwie ganz nett, schaut ganz lieb aus, der Typ, aber ansonsten: daß ich jetzt drauflosstürmen würde, nein.

Da grinst einer, und du grinst zurück. Du unterhältst dich mit dem Typen. Aber sobald zur Sprache kommt, gehen wir zu dir, zu mir oder wie oder was, da sage ich ganz voll nein. Bei einer massiven Anmache mache ich die DDR. Ich baue erst mal meine Blockade auf. Daß ich zugebe, daß ich es habe, kommt in den seltensten Fällen vor. Sonst erzähle ich ganz einfach meine kleinen Geschichten. Frauen würden sagen, sie haben ihre Tage. Ich sage halt, ich habe Besuch da, oder ich bin da gerade erst eingezogen. Man erfindet da mehr oder weniger kleine Storys.

Angst vor Ansteckung brauchte ich nicht mehr zu haben. Ich möchte es aber auch nicht unbedingt weitergeben. Und ich

komme ganz einfach mit den Kondomen nicht klar. Ich habe eine Abneigung gegen Kondome. Ich kann nicht auf die Dinger. Wenn mein Sexpartner sie benutzen würde, okay. Aber ich komme mit den Dingern nicht klar. Man fühlt keine Haut mehr, man fühlt einfach nur so ein glitschiges Gummiding. Es gibt diese Marken »gefühlsecht«. Ja, ja, wunderbar, die sind genausowenig gefühlsecht wie alle anderen. Ich habe es im stillen Kämmerlein immer wieder ausprobiert mit diesen Dingern. Ich komme damit nicht zu Rande. Die Lust auf Sex ist mir sowieso vergangen.

Ich denke mir, ich könnte vielleicht mit einem Typen im Bett liegen, und plötzlich fällt in mir was zusammen, und es geht nicht. Weil irgendwie das Unterbewußtsein mich einholt. Da könnte jetzt Mister Universum hier reingeschneit kommen, und der wäre mir so Wurscht wie Karlchen-Otto.

Ich könnte, wenn ich wollte, so richtig schick drauflosballern, nach dem Motto: Es ist eh Wurscht. Also nichts wie drauf auf die Leute. Wie gesagt, wenn ich wollte. Aber es gibt wahnsinnige Typen, ich kenne auch sehr viele, die wissen, daß sie es haben, aber trotzdem in der Gegend rumballern wie verrückt. Nach dem Motto: Ich nehme jetzt noch alles mit, was ich kriegen kann.

Dabei ist die Szene seit Aids ruhiger geworden. Es ist nicht mehr so diese Wanderschaft: daß man von einem Laden in den nächsten reinrauscht. Jetzt sucht man sich mehr oder weniger den Laden aus und konzentriert sich auf die Leute. Ist ja auch eine Geschmackssache, ob man nächtelang durch die Gegend zieht oder ob man der Typ ist, der sich sagt: Mir reicht die Pilskneipe. Früher ist man durch die Gegend getigert wie verrückt. Gerade in so einer Großstadt wie München, wo die Szene zwischen fünf Lokalen und einer Diskothek abläuft, ist das jetzt sehr mager. Das war vor ein paar Jahren die Hölle schlechthin.

Manche Klappen sind zugemacht worden. Ich habe auch kurze Zeit in einer Schwulensauna gearbeitet. Da kam öfter das Gesundheitsamt vorbei und Zivilstreife: mal kurz durchgehen, um zu sehen, was da drin abgeht, ob das eine Sauna ist oder eine Fickanstalt. Das hat schon einiges gebracht, was der Gauweiler so in die Wege geleitet hat. Mir wäre es auch recht, wenn jeder den Test machen lassen würde. Damit jeder endlich weiß, woran er ist.

Das muß ja kein Zwangstest sein. Also Zwangstest, nein. So ein freiwilliger Test, den alle mitmachen. Aber das ist eine Traumvorstellung. Die Leute wollen das gar nicht. Ein Großteil von den Leuten will den Test gar nicht machen. Sie haben ganz einfach Angst, daß die Daten in falsche Hände kommen könnten. Dabei wäre es wesentlich einfacher für die Leute, wenn sie nicht im Hinterstübchen die Angst haben müßten, mein Gott, ich könnte es ja haben, aber solange ich nichts merke davon, ist es mir auch Wurscht.

Das ist alles wahnsinnig nervig. Es regt einen wirklich auf. Es sind ja auch schon viele Leute von München abgewandert. Das schlimmste Erlebnis, was ich hatte, das war am Faschingsdienstag. Da war wieder der Marktfrauentanz, das ist so ein schickes Tuntentreffen morgens, wenn sie alle schon aufgerödelt da hinkommen in so einem Fummel. Da ist ein riesengroßes Eck, da sind etliche hundert Leute, die sind alle schwul. Und da waren da so ein paar junge Pöbelheinis dabei, die dann meinten: Guck mal da drüben, da stehen noch ein paar Tote. Der Ausspruch, das war für mich schon ein harter Brocken.

Es sterben ja die Leute dahin wie die Fliegen. Ich habe Bekannte eine ganze Zeit lang nicht mehr gesehen und dann erfahren, daß sie ganz einfach dahingestorben sind. Die sind von heute auf morgen ins Krankenhaus gekommen. Bei dem einen ging es relativ schnell. Der andere ist so langsam dahingesiecht. Es ist verdammt traurig. Ich habe gerade versucht, einen alten Bekannten in Spanien anzurufen. Da hieß es dann, der ist gestorben vor ein paar Wochen. Also, da sind doch schon einige hopsgegangen.

Ich wohne mittlerweile mit einem anderen Positiven zusammen. Das ist reine Freundschaft, kein sexuelles Verhältnis. Jeder hat seine Privaträume. Aber dadurch, daß wir es jetzt beide voneinander wissen, gehen wir miteinander um, als wenn nichts wäre. Das ist so, als wenn ich einen Rollstuhlfahrer im Haus hätte, auf den ich Rücksicht nehme. Wir kümmern uns umeinander, und wir reden nicht immer über das Thema.

Zur Zeit bin ich arbeitslos. Ich habe in der Textilbranche gelernt, Herrenoberbekleidung. Ich hatte keine Lust mehr, von morgens 9.00 Uhr bis abends 18.30 Uhr mir die Beine in den Bauch zu stehen und so eine trottlige Kundschaft zu bedienen. Die kamen schickimicki rein, und das war nichts für mich. Ich konnte plötzlich nicht mehr auf die Leute. Das war mir dann lieber, irgendwo in einer kleinen Boutique mal eine Jeans zu verkaufen, als den Leuten einen teuren Kaschmirpullover anzudrehen.

Ich wollte auch irgendwo ein bißchen das Arbeitsamt bescheißen. Habe gedacht, meldest dich arbeitslos, kassierst da das Geld ab, und dann suchst du dir noch nebenbei einen Job. Das ist die Miete und dein Leben. Mit dem Rest kannst du mal einen schicken Urlaub finanzieren. Also ich dachte: mal in der Gastronomie, da arbeite ich ganz gern, oder in irgendeiner Boutique - Cash nach acht Stunden Arbeit. Nur, wenn sie wissen, daß du schwul bist, fragt der Boß schon mal, ob du Aids hast. Das habe ich mehrfach erlebt. Gerade in Kneipen, in Schwulenkneipen. Die wollen das wissen wegen der Kundschaft. Das ist halt so, jedes gekaufte Bier ist irgendwie ein Stück vom Kellner.

Ich habe dann nur noch so ein bißchen rumgejobbt. Ich nehme ja auch Rücksicht auf mich. Der Arzt verschreibt mir regelmäßig Multivitamine und Aufbaustoffe. Ich habe kiloweise Vitamin C in mich reingeschüttet oder Vitamin E oder was es alles gibt. Ich fühle mich einfach besser seit der Zeit. Ich lebe auch vorsichtiger. Früher, wenn ich naßgeschwitzt aus der Diskothek raus bin, war es mir Wurscht, wieviel Grad es da draußen hatte. Raus aus dem Laden, wieder in den nächsten rein und voll vor die Lüftung, damit ich ja möglichst schnell trockne. Auf solche Sachen pass' ich schon ein bißchen auf. Ich schaue mittlerweile drauf, daß ich mir nicht unbedingt eine Erkältung zuziehe.

Ich schätze, daß ich irgendwann schon wieder meine Lust und alles zurückgewinnen werde. Dann muß ich mich eben halt an diese Gummis gewöhnen. Ich kann mir mein Zeug nicht aus den Rippen schwitzen. Ich habe keine Lust, immer an mich Hand anzulegen. Und ich kann mir auch vorstellen, daß ich mal wieder einen Typen kennenlerne, der es wert ist, dem ich alles anvertrauen kann. Es ist ja so, jeder Mensch ist sich selber immer der Nächste. Aber

das hilft einem nicht. Dann liegt man allein in seinem Bett und grübelt.

Es sind immer wieder so die leeren Stunden da. Dann denke ich: Morgen laufe ich über die Straße, und wenn mich das Auto erfaßt hat, bin ich dann genauso tot. Man versucht, sich innerlich lustig zu machen darüber. Was kann einem alles passieren! Beim Fensterputzen aus dem Fenster fallen zum Beispiel. Man sucht da wahnsinnig viel Gründe, wie man andersrum sterben könnte, nicht durch die Krankheit. Man sucht sich halt einen Weg, mein Gott, dann stirbst du halt auf eine andere Art und Weise. Also wie gesagt, der Tod ist das einzige, was man sicher hat.

HEINZ

Das werde ich nie vergessen. Mein Dienst in der Psychiatrie, ich war da Krankenpfleger, begann um neun Uhr morgens. Nach einer Stunde klingelte das Telephon, mein Kollege nahm das Gespräch entgegen, Städtische Pflegedienstleitung, für dich. Es war der Leiter des Städtischen Pflegedienstes. Er sagte mir, ob ich mal von einem Apparat zurückrufen könnte, von dem wir ungestört sprechen könnten. Ich sagte, ja, das kann ich. Ich ahnte nichts Schlimmes, ganz im Gegenteil. Ich hatte mal vor einem Jahr den Wunsch geäußert, in die Anästhesie zu wollen. Na ja, dachte ich, vielleicht hat das hingehauen.

Die Kollegen bekamen das auch mit: Mensch, du hast bestimmt eine Stelle in der Anästhesie, die haben dich nicht vergessen, ist ja toll. Ich bin dann ins Arztzimmer gegangen, die Kollegen warteten draußen vor der Tür. Ich rief also zurück, und da sagte dieser Mensch: Ich habe soeben von Herrn Professor Soundso die Information erhalten, daß bei Ihnen der Verdacht besteht, HIV-positiv zu sein. Sie sind aufgeklärt, Sie wissen, was das heißt? Ja, sagte ich. Gut, dann müssen wir über diese Angelegenheit mal reden, wie lange haben Sie heute Dienst? Ich sagte, bis 17.30 Uhr. Gut, dann sind Sie morgen früh um acht Uhr im Krankenhaus bei Dr. Soundso, und dann müssen wir darüber mal sprechen.

Im ersten Moment habe ich gedacht, das ist ja alles nicht wahr, du hast dich verhört. Vielleicht war die Rede von HWS oder so was, Halswirbelsäule, vielleicht ist da irgendwas. Nee, deswegen ruft der nicht an. Es war ganz klar, was er meint. Und da standen die Kollegen, hakten mich unter, als ich rauskam, und na, hast' die Stelle, hast' die Stelle? Nee, habe ich nicht. Ja, was war denn, was wollte er denn? Und wie die so neugierig waren und bohrten und fragten, da merkte ich, wie soll ich es beschreiben, daß ich abrutschte. Ein Gefühl tat sich auf, als wenn ich nicht mehr ich selber war.

Und dann die Angst, jetzt ist alles aus, alles ist zu Ende, ist vorbei. Ich wollte mich gleich suizidieren. Ich fragte mich, nehme ich jetzt Insulin, oder nehme ich Digitalis. Aber ich konnte mich nicht entscheiden, ich war völlig handlungsblockiert. Ich stand am Kühlschrank und sah mir das Insulin an, es gab mehrere Sorten. Dann fühlte ich mich ertappt, als eine Kollegin ankam und sagte, Mensch, was machst du denn hier, hier hast du gar nichts zu suchen. Sie merkte, daß ich verändert war. Ich konnte einfach nicht mehr. Ich war ja völlig unvorbereitet auf ein positives Testergebnis oder überhaupt auf ein Ergebnis. Ich wußte ja nicht einmal, daß ein Antikörpertest bei mir gemacht worden war.

Ich vertraute mich dann meinem Stationsarzt an, und der konnte einfach nicht glauben, wie das gelaufen war: daß ich gar nicht wußte, daß man mich getestet hatte, und daß ich einfach nur so angerufen worden war. Er sagte: Das darf doch gar nicht wahr sein, hat man denn dir wirklich nichts gesagt? Ich sage nein, überhaupt nicht. Hat man dich denn wirklich nicht an das Befundergebnis herangeführt? Ich sage nein, überhaupt nicht. Wolltest du denn einen Test machen lassen? Ich sage nee, überhaupt nicht, gar nicht.

Ich hätte von mir aus einen solchen Test nicht machen lassen, weil ich weiß, daß die Anonymität nicht gewahrt bleibt. Aber ich konnte nichts dagegen tun. Ich hatte einige Wochen zuvor einen Unfall, war beim Anbringen eines Duschvorhanges ausgerutscht und mit einer Gehirnerschütterung in die Städtische Unfallklinik eingeliefert worden. Soweit ich mich erinnern kann, wurde mir Blut abgenommen, als ich am nächsten Morgen von der Intensivstation auf die Normalstation verlegt wurde. Im Rahmen der Routine-Laboruntersuchung muß dann auch der HIV-Antikörpertest durchgeführt worden sein, ohne mein Wissen. Die Klinik informierte nicht mich über das Ergebnis, sondern meinen Arbeitgeber, die Städtische Pflegedienstleitung.

Aber das war mir alles noch nicht klar, als ich mit meinem Stationsarzt sprach. Der fragte, ob ich Suizidgedanken hätte. Ich sagte ja, und da fragte er mich, ob ich einverstanden wäre, wenn er mich in eine psychiatrische Klinik einweist. Ich war nicht einverstanden. Dann müßte ich ihm aber versprechen, sagte er, daß ich mir nichts antue. Ich könne ihn auch anrufen, zu jeder Zeit, er sei bereit, irgendwie zu helfen, wenn es geht. Dann hat er mich zur örtlichen Krisenhilfe gebracht. Das ist eine psychotherapeutische Einrichtung für seelisch Notleidende und Selbstmordgefährdete vom Diakonischen Werk. Dort hatte ich erst mal ein Gespräch.

Dann bin ich zu Fuß durch die Stadt gegangen, wie betäubt. Ich habe gar nichts wahrgenommen und bin auch, glaube ich, bei Rot über die Straße gelaufen. Es kam auch noch hinzu, daß einen Tag zuvor meine Partnerschaft auseinandergegangen war. Ich bin homosexuell und stand in einer festen Beziehung, aber daß die auseinanderging, hatte mit der Sache nichts zu tun; das war vor dem Befund. Mein Ex-Partner ist übrigens negativ. Mein Hausarzt hat mich dann krank geschrieben, aber mein Zustand spitzte sich immer mehr zu. Ich habe rumgeheult und geriet in einen Panikzustand.

Ich konnte nachts nicht mehr schlafen, ich mußte mich selber kontrollieren, ob ich überhaupt noch existiere. Ich mußte mich zum Beispiel an den Arm fassen, ob ich überhaupt noch da bin, so ein Zustand war das. Von dem Tag an, wo ich wußte, daß ich positiv bin, entwickelte sich bei mir eine Aids-Phobie. Ich war der Meinung, ich sei nicht positiv, sondern ich hätte schon Aids. Es entwickelten sich Symptome wie Durchfall, Nachtschweiß, Abgeschlagenheit, ich war total geschafft, hatte auch mal Schüttelfrost und nahm vier Kilo ab.

Ich war bis Dezember krank geschrieben und entschloß mich dann, auf Rat meines Hausarztes, zu einer stationären Psychotherapie. Ich war total denkzerfahren, zerstreut, vergeßlich. Aber es war ein Problem, eine Klinik zu finden. Eine Klinik lehnte mich ab mit der Begründung, aufgrund meiner Situation sei ich in der Gesellschaft eher Außenseiter und

würde dort in der Klinik mit Patienten zusammenkommen, die auch Ängste hätten, genau wie ich. Bei denen würde ich noch zusätzliche Ängste auslösen, und dadurch würde ich ausgegrenzt werden und käme noch mehr ins Außenseiterdasein.

Drei andere Kliniken haben mich auch abgelehnt, aber dann, bei der fünften, hatte ich Glück. Mitte Oktober kam ich dorthin und bin dort bis Dezember geblieben. Gruppentherapie und Einzelgespräche. Ich bin normal behandelt worden, wie jeder andere Patient. Mir war freigestellt, ob ich anderen Patienten von meinem Problem erzähle. Ich habe es vielen erzählt, und die sind ganz wunderbar damit umgegangen.

Ich wurde im Dezember mit der Empfehlung entlassen, eine gestufte Arbeitswiederaufnahme zu beginnen, erst zwei Stunden täglich eine Woche lang und dann allmähliche Steigerung bis zur vollen Arbeitszeit. Aber da kamen von meiner Arbeitsstelle so Sachen rüber: Der Zeitpunkt für die Arbeitsaufnahme sei jetzt ungünstig, ich solle doch erst mal Urlaub nehmen. Dann hieß es, sie machten sich Sorgen um mich, und sie hätten auch eine Sorgfaltspflicht mir gegenüber: Auf der Station wären zur Zeit vier Pneumonien, und ich sei ja jetzt gefährdet und dürfe mich nicht zusätzlich anstecken, um mein Immunsystem nicht zu belasten. Das wäre undenkbar, daß ich jetzt dort arbeiten könnte.

Ich erkläre mir das so, daß da plötzlich Hysterie ausgebrochen ist und auch auf meine Kollegen übergegriffen hat: Einer, der positiv ist und eventuell mal krank wird, von dem könne man nicht sagen, daß er gesund sei, und solche Argumente brachten die an. Ich sei also krank. Und wenn man krank ist, ist man gleich aussätzig. Die hatten einfach Angst. Dann wurde mir von der Pflegedienstabteilung vorgeschlagen, in die Hals-Nasen-Ohren-Klinik zu gehen. Das schien mir also total paradox: Auf meiner alten Station kann ich nicht arbeiten, weil angeblich dort vier Pneumonien liegen. Ja, wie kann ich dann auf einer Hals-Nasen-Ohren-Klinik arbeiten, wo vereiterte Mandeln und dergleichen behandelt werden? Das habe ich dann auch gegenüber der Städtischen Pflegedienstleitung geäußert, und da meinten die ja, das stimmt, darüber hätten sie nicht nachgedacht, ja, richtig.

Ich sollte mich schließlich auf Anweisung oder Vorschlag der Städtischen Pflegedienstleitung krank melden, und da habe ich gesagt, das geht nicht: Ich bin arbeitsfähig und nicht krank. Und da ich nicht krank bin, kann ich mich nicht krank schreiben lassen. Es wird sich auch kein Arzt finden, der mich krank schreibt. Warum auch? Nur weil die Stadt das möchte? Ich bin nicht krank. Und das ist auch wichtig als Therapieziel, daß ich mich nicht als krank empfinde. Und das hat man ja auch in der Therapie erreicht, daß ich von meiner Aids-Phobie abrücke, daß ich also mich als positiv sehe, mit den ganzen Höhen und Tiefen, die dazugehören. Es geht mir weiß Gott nicht jeden Tag so gut, aber ich versuche zu lernen, damit zu leben, daß ich halt auf dem Pulverfaß sitze, daß ich aber im Moment nicht krank bin.

Dann wurde ich seitens meines Arbeitgebers beurlaubt. Die Stadt veranlaßte, daß ich betriebsärztlich untersucht wurde, um festzustellen, an welchem Arbeitsplatz ich eingesetzt werden könnte. Die Betriebsärztin empfahl dann, daß ich nicht mit spitzen, schneidenden und stechenden Instrumenten arbeiten soll, das heißt mit anderen Worten, ich darf kein Blut abnehmen, keine Infusion anlegen. Das heißt aber auch im Klartext, ich darf dem Patienten noch nicht einmal ein Butterbrot schmieren.

Und wenn ich zum Beispiel mich an der Hand verletzt habe, was aufgesprungen ist oder eine verschorfte Verletzung habe muß ich Handschuhe tragen. Wenn ich erkältet bin, Husten habe, die oberen Luftwege irgendwie betroffen sind, habe ich mich krank schreiben zu lassen und mich, glaube ich, zweimal jährlich betriebsärztlich untersuchen zu lassen, und muß viermal im Jahr, alle Vierteljahr, zum Hausarzt.

Ich habe dann von mir aus den Vorschlag gemacht, in der Tag- und Nachtklinik der Psychiatrie zu arbeiten. Das ist eine Art Zwischenstation für Patienten, die zum Teil eine Beschäftigungstherapie oder dergleichen machen, zum Teil auch schon wieder zur Arbeit gehen. Ich konnte mir vorstellen, dort zu arbeiten. Und diese Idee fand auch die Städtische Pflegedienstleitung gut und wollte sich dafür einsetzen.

Und dann bekam ich die Mitteilung, daß das wohl nicht geht, irgendwer hatte sich dagegen ausgesprochen. Ich weiß nicht wer. Nun hing ich wieder in der Luft. Einer von der Stadt machte mir Vorwürfe, daß ich einen Anwalt eingeschaltet hatte - ob das nötig sei? Ich sagte: Natürlich, ich fühle mich da jetzt überfordert, allein zu handeln, und folglich ist das nötig. Dann fing er an, mir ein Arbeitsangebot zu machen, weil er ja vom Rechtsanwalt eine Frist gesetzt bekommen hatte: Die hätten sich bemüht und überlegt und eine Konferenz gemacht, wo sie mich in meinem Beruf einsetzen könnten, und sie hätten die Vorstellung, mich aus dem Pflegedienst zu nehmen. Die Frage war die, ob ich auch eine andere Arbeit bei der Stadt annehmen würde. Ich sagte, es kommt darauf an, was für eine Tätigkeit das sei. Ich bin Krankenpfleger. Ich sagte, an was hätten Sie denn gedacht?

Ja, ich sollte in die Telephonzentrale gehen. Dort hätte ich ja auch Umgang mit Menschen, zwar am Telephon, aber ich wäre dort abgeschirmt, auf einem Einzelarbeitsplatz, hätte meine Ruhe und würde sogar noch 50 Mark mehr bekommen. Das habe ich abgelehnt.

Ich weiß auch nicht, wie es weitergehen soll. Ich bin praktisch beurlaubt, bekomme mein Gehalt, bin jetzt aber wieder seit drei Wochen krank. Ich habe wieder psychosomatische Beschwerden. Ich denke, die Ursache ist, daß ich zu Hause sitze, wohl einiges mache, unternehmen kann, auch für die Aids-Hilfe tätig bin, aber nicht weiß, ob ich wieder arbeiten werde und wann und wie. Ich habe jetzt eine Gürtelrose, Nervenentzündung. Ich bin zur Zeit in ärztlicher Behandlung und spiele auch mit dem Gedanken, wieder in eine stationäre Therapie zu gehen.

HANSJAKOB

Ich habe Ende 1984 die Aids-Hilfe Düsseldorf e.V. mit aufgebaut, zusammen mit vier jungen Männern. Wir waren betroffen. Nicht selbst betroffen, sondern getroffen, erschreckt, daß wir Bekannte und auch Freunde hatten, die erkrankten und starben. Ich selber hatte zu diesem Zeitpunkt keinerlei Beschwerden. Aber ich hatte mir schon gedacht, wenn die Infizierung durch Sexualverkehr vonstatten geht,

dann müßte ich sicherlich, da ich sexuell sehr aktiv gelebt habe, wahrscheinlich auch infiziert sein. Als 1985 dann wieder ein Freund von mir starb, entschloß ich mich, den Test auch für mich zu machen. Fast erwartungsgemäß bekam ich dann auch ein positives Antikörper-Ergebnis.

Das hat mich doch erst mal zurückgeworfen. Zuerst steht man dann vor einem großen schwarzen Loch und fragt sich: Wie geht's weiter? Das ist eine Situation, in der man wirklich andere Leute benötigt, die einem helfen, irgendwie weiterzukommen, die einem den Druck der Zukunftsängste ein wenig abnehmen.

Ich habe sofort mit den anderen darüber geredet. Ich bin nicht der Typ, der das für sich behält. Ich habe immer in meinem Leben versucht, offen zu leben, und habe in der Richtung auch immer das für mich Beste daraus machen können, indem ich eine Sache anging und damit lebte und dadurch einen bestimmten psychischen Streß erst gar nicht in mir erzeugen brauchte.

Das Bewußtsein, selber infiziert zu sein, gab mir den Ansporn, bei der Aids-Hilfe noch intensiver mitzumachen. Sicherlich auch aus einem gewissen Eigennutz, ganz klar, denn so komme ich aus erster Hand an Meldungen, wie es in der Forschung aussieht. Ferner komme ich mit anderen zusammen, die ähnliche Probleme haben und mit denen ich diese durchsprechen kann. Und ich weiß gleichzeitig, daß, wenn mir etwas passiert, ich auf alle Fälle aufgenommen bin und mir dann auch die Hilfe gegeben werden kann, die ich im Notfall vielleicht benötigen werde.

Ich denke zwar nicht jeden Tag darüber nach und gerate ins Grübeln: Wie mache ich weiter oder nicht? Aber man wird doch immer wieder daran erinnert durch die tägliche Arbeit, durch die ständigen Beratungen und vor allen Dingen auch Betreuungen, die ich ab und zu immer wieder bei Freunden gemacht habe. Dann durch meine eigene Behandlung.

Ich mache eine Eigenblutbehandlung hier an der Dusseldorfer Universität seit anderthalb Jahren. Es werden die befallenen T4-Lymphozyten durch Autozytopherese aus dem Blut herausgewaschen. In mehreren Aufbereitungsschritten wird dann das virushaltige Material isoliert, anschließend abgetötet. Das Ganze ist praktisch eine Autovaccine-Herstellung, die Herstellung eines passiven Impfstoffes aus körpereigenem Material. Denn bisher ist das Verheerende bei Aids ja, daß man zwar Antikörper im Blut hat, die aber unfähig sind, das Virus zu knacken. Ob die Behandlung Erfolg haben wird, weiß man noch nicht.

Insofern werden zeitweise Ängste mobilisiert, die in einem stecken. Zum anderen aber sehe ich es als Heilungschance: Ich sehe, es wird versucht, etwas gegen die Krankheit zu tun. Das gibt mir gleichzeitig Hoffnung. Ich versuche also einerseits, sämtliche Wege auszuschöpfen, um gegen die Krankheit anzugehen. Aber ich weiß gleichzeitig, daß es mißlingen kann. So bleibt mir unterm Strich nichts anderes übrig, als die Krankheit zu akzeptieren, wo immer sie mich hinführen wird.

Ich kann nicht mehr so leben, wie ich früher gelebt habe. Ich muß mich gegen jede zusätzliche Infizierung schützen. Ich muß meine Partner und mich entsprechend schützen, damit die sich nicht infizieren. Im Endeffekt nutzt mir das ja auch wieder, denn ich wüßte auch nicht, wie ich das seelisch verkraften könnte, wenn ich wüßte, ich hätte einen anderen infiziert. Natürlich habe ich, bis Ende '84, also vor dem Wissen um meine Infizierung, andere infiziert. Jedenfalls vermute ich das.

Ich habe damals fast noch am gleichen Tage meine engeren Bekannten informiert, in der gleichen Woche auch meine Geschwister. Bei meinen Arbeitskollegen und -kolleginnen habe ich mehr Zeit gebraucht. Es gab danach doch eine Menge Angst, vor allem bei den Männern in meiner Abteilung. Nach wie vor glaubten einige, sie würden ihre Kleinkinder zu Hause infizieren, wenn sie mit mir zusammenarbeiten würden. Aber das wurde mir nicht so direkt gesagt, das lief mehr hinter meinem Rücken.

Ich habe die Betreffenden direkt angesprochen. Damit packt man die Leute meist sehr gut, wenn man sie direkt anspricht, durch Offenheit. Dazu kam eine sehr große Hilfe durch Arbeitskolleginnen. Die sind ganz phantastisch vorgegangen. Einige haben mir ständig beim Kommen und Gehen einen Kuß gegeben, vor den anderen Kollegen. Nur um zu zeigen: Du bist okay. Dieser angstfreie Umgang mit mir hat sehr viel bewirkt. Ein ähnliches Verhalten habe ich auch in der Aids-Hilfe fast immer nur bei den Frauen kennengelernt. Die Frauen waren überzeugt, daß die Infizierungswege durch normale soziale Kontakte von vornherein ausgeschlossen sind. Es gibt ja auch keinen bekannten Fall, in dem ein anderer Infizierungsweg als durch Blut, Sperma oder Vaginalsekret in Frage kommt.

Der Firmenleitung mußte ich zwangsläufig Mitteilung machen, weil ich im Sommer des vergangenen Jahres eine Krankheit hatte, eine Art Lungenentzündung, die weitergehen wird. Das Verflixte ist ja, daß jede Infektion den Körper mehr gefährdet, als es bei Nichtinfizierten der Fall ist. Die Firmenleitung hatte, mußte ich annehmen, bestimmt mittlerweile gehört, daß ich infiziert bin. Und jede weitere Erkrankung, die jetzt noch dazukommt, wird automatisch immer wieder darauf bezogen, weshalb ich auch mit offenen Karten spielte. Und es ist eine bekannte Sache, daß es für HIV-Infizierte wichtig ist, wenn die beruflichen Streßbedingungen auf ein Minimum herabgesetzt werden. Das war natürlich nur möglich, wenn ich dann mit offenen Karten spielte.

In unserem Unternehmen konnte ich das machen. Es ist groß genug. Das ist sicherlich einfacher als in einem kleinen Betrieb, über solche Dinge zu reden. Vor allen Dingen ist es personaltechnisch einfacher, Zwischenlösungen zu schaffen, als in einem kleinen Betrieb, wo man mit einigen wenigen Angestellten arbeiten muß.

Ich hatte dann noch die Anregu ng gegeben, daß die Leitung der Firma mit den Kollegen darüber spricht, ganz offiziell. Ich habe meinem direkten Chef die Erlaubnis erteilt, wenn irgendwie Ängste unter Kollegen aufkommen, die mir gegenüber nicht geäußert werden, sondern über die Personalabteilung oder den Betriebsrat oder sonst wie laufen, daß man von der Geschäftsleitung aus ganz offen darüber reden kann und versuchen sollte, die Leute nochmals entsprechend aufzuklären.

Mit Kunden gab es keine Probleme. Ich bin schon häufiger öffentlich aufgetreten als Vertreter der Aids-Hilfe und auch als Infizierter. Nach solchen Auftritten habe ich schon wiederholt Anrufe von Kunden bekommen, die sagten: Toll, daß Sie

das so machen, daß Sie versuchen, offen mit der Krankheit umzugehen und anderen das Wissen über Aids zu vermitteln.

Das hilft natürlich, obwohl ich meine Infektion darüber nicht vergessen kann. Irgendwann habe auch ich wieder den Punkt, wo ich darüber nachdenke: Wie geht es eigentlich weiter? Ist da noch ein sehr langer Zeitraum? Das passiert natürlich immer, wenn ein Freund stirbt. Mittlerweile ist es wirklich so, daß ich fast jede Woche eine Todesnachricht kriege von Bekannten. Dann fragt man sich schon, was ist eigentlich schöner: sterben oder leben? Was will man eigentlich hier noch, wenn fast das gesamte Umfeld wegstirbt?

Ich werde weiterleben wie bisher: versuchen, den Anforderungen des Lebens gerecht zu werden, so gut ich es vermag, allerdings mit einem Unterschied zum vorherigen Leben. Ich versuche mehr als früher, Wichtiges vom Unwichtigen zu trennen.

RUDI

Rinder ausbeinen und zerlegen und zuschneiden, das war eine Arbeit, die ich immer recht gern getan habe. Aber die habe ich dann doch als sehr anstrengend empfunden. Ich konnte nicht mehr so, wie ich wollte. Ich mußte mich einfach einschränken. Das machte sich besonders bemerkbar, als die Firma expandierte, da einen Laden aufmachte und dort einen Laden aufmachte. Da mußte ich sechs Monate lang in einem Laden alles alleine machen. Wir hatten immer was im Angebot. Mal Rinderbraten und Kotelett oder Schnitzel dabei oder Rinderrouladen und Schweinebraten dazu. Das mußte man dann auch alles selber ausbeinen und zerlegen und zurecht- . schneiden.

Um die Weihnachtszeit, da fiel mir das echt schwer. Ich kam abends nach Hause und hab' mir meistens noch einen Kaffee gemacht, damit ich vielleicht noch ein bißchen mobiler würde. Aber schnurstracks bin ich eingeschlafen beim Fernsehen. Wenn ich früher mal eine Nacht durchgemacht habe, dann bin ich am nächsten Tag um sechs Uhr wieder dagestanden in der Firma. Das macht mir heute also ziemliche Schwierigkeiten. Ich habe schon seit drei Monaten Durchfall. Und ich habe Rückenschmerzen, wenn ich tief Luft hole, auch ab und zu Schweißausbrüche.

Begonnen hat alles mit einer Hodenentzündung, die ich 1983 während eines Urlaubs in Spanien bekam. Unheimliche Schmerzen hatte ich, also ich wünsche es niemand. Später bekam ich unter der Achsel einen Schweißdrüsenabszeß. Das ging nicht weg und mußte operiert werden, zu dieser Zeit bekam ich auch Bluttransfusionen. Dasselbe hat sich dann noch mal wiederholt unter der linken Achsel.

Und plötzlich merke ich, im Nacken und im Hals bekomme ich lauter geschwollene Lymphknoten. Es gab dann ein langes Hin und Her, ich weiß nicht, auf was sie da alles untersucht haben, jedenfalls auch auf Aids. Und schließlich hat mich meine Hausärztin angerufen im Geschäft, ob ich über Mittag in die Praxis kommen könnte.

Das ging. Ich habe die Bestellung gemacht, die Aufteilung von Fleisch, Zerlegung, Theken eingeräumt, was halt so anfällt in der Metzgerei. Und auch bedient, unter anderem Fleischkäse gemacht und frische Bratwurst. Also war ich mittags bei ihr in der Praxis, da ruft sie mich ins Arztzimmer rein und sagt: Ich kann Ihnen keine freundliche Mitteilung machen. Ich traue mich nicht, Ihnen das zu sagen: Ich fürchte, Sie haben Aids. Mir standen die Tränen in den Augen, und sie hat noch versucht, auf mich einzureden. Dann habe ich gesagt, das hat alles keinen Wert, ich muß um ein Uhr wieder anfangen zu arbeiten. Ging dann wieder ins Geschäft, habe so getan, als wenn nichts wäre. Das fiel mir ziemlich schwer, weil, die Tränen standen mir immer in den Augen.

Ich habe eine sehr gute Kollegin gehabt, die hat mich dann gefragt, was los ist. Da sagte ich, ich kann dir das nicht sagen. Ich muß das erst mal selber verarbeiten. Später kannst du das vielleicht mal erfahren. Und die weiß auch heute Bescheid über mich, und die wußte auch, daß ich homosexuell bin. Abends bin ich dann zu meinem früheren Freund gefahren, mit dem ich acht Jahre zusammen war, und habe ihm berichtet, wie es steht mit mir. Und da habe ich geheult wie ein kleines Kind. Das war am 10. April '85.

Mittlerweile wissen aus meinem Bekanntenkreis etwa zwölf Personen, daß ich positiv bin. Darunter sind auch zwei Freunde, die mir ein bißchen mehr bedeuten als nur Bekanntschaft, mit denen ich auch öfter zusammenkomme, aber keinen sexuellen Kontakt habe. Die haben sich jetzt getrennt, weil der eine positiv ist und der andere negativ. Ich habe es zwar bedauert, aber das müssen sie selber wissen, was sie tun.

Ich selber habe früher einen sehr regen sexuellen Kontakt gehabt und habe meinen Freunden, mit denen ich zusammen war, dann auch gesagt, wie es mit mir steht und ob sie irgendwelche Anzeichen oder Schweißausbrüche oder sonst was hätten. Jeder hat mir bestätigt, bei ihm sei nichts. Die haben zum Teil auch den Test gemacht und sagen, da wäre nichts gewesen. Ich habe später, als ich's wußte, sowieso immer Kondome benutzt - bis es halt auch mal ohne passierte, leider. Bei meinem jetzigen Freund. Der hatte mich angemacht in einem Lokal in Stuttgart, und er wollte halt unbedingt mit mir schlafen. Er ist, wie er mir sagte, ein halbes, dreiviertel Jahr schon auf mich gestanden. Wir haben also zusammen geschlafen. Mein Freund war damals in zahnärztlicher Behandlung, hatte zwei Weisheitszähne gezogen gekriegt. Es gab also Kontakt zum Blut, vom Speichel - ich weiß nicht, kam es vorher, kam es nachher. Und acht Tage später kam er dann wieder zu mir. Beim zweiten Mal habe ich ihm gesagt, daß ich positiv bin. Und seine Reaktion war: Da kann man nichts machen. Er will aber nicht, daß ich Schutzmaßnahmen treffe oder sonst irgendwas.

Im Moment war ich erschrocken über sein Verhalten. Ich habe gedacht, er ist echt lebensmüde. Mir wäre das, wenn mir das einer gesagt hätte, nicht passiert. Er sagte, entweder kriege ich es, oder ich kriege es nicht. Mein Freund hat dann auf mein Drängen den Test machen lassen, positiv. Er sagte, ob das jetzt du gewesen wärst oder ob das jemand anders gewesen wäre, das wäre mir völlig egal gewesen. Seitdem verzichten wir auf Kondome, wenn wir sexuellen Kontakt haben. Die gehen sowieso öfters kaputt.

Ich selber habe in München, wo ich mal eine Zeitlang behandelt wurde, noch sexuellen Kontakt gehabt. Ich habe mich gefragt, soll ich oder soll ich nicht. Mein Gewissen hat mich schon geplagt in dieser Zeit. Und da habe ich mir gesagt, na ja, irgendwann mußt du es ja mal wieder ausprobieren. Ich bin mir aber sicher, daß da nichts passiert ist. Das war nur Petting, kein Analverkehr. Da ist gar nichts mehr gelaufen.

Wenn der das gewollt hätte, hätte ich gesagt, nur mit Kondom oder überhaupt nicht. Jetzt würde ich es den Leuten sagen, gleich von vornherein. Ich habe das Exempel mal statuiert. Das war kurz nachdem ich es erfahren habe. Da wollte einer mit mir schlafen. Er wußte nicht, daß ich positiv bin. Und wir haben geduscht und uns gewaschen, und dann sind wir im Bett gelegen, und dann denke ich, jetzt mache ich mal eine Probe aufs Exempel, wie die Leute so reagieren. Er lag neben mir, ich hatte ihn im Arm, und wir hatten schon ein paar Streicheleinheiten ausgetauscht, und dann habe ich ihm gesagt: Ich bin positiv. Das war ein Schock, das Bild habe ich heute noch vor mir: So schnell, wie der aus dem Bett draußen war, so schnell ist seither nie mehr einer aus dem Bett gegangen.

Eine Sache ist da noch, die möchte ich eigentlich gar nicht publik machen. Ich habe mal einen Freund, mit dem ich sechs Jahre zusammen gewohnt habe, im Krankenhaus bei München besucht. Der sagte, er habe einen Bekannten, der mit Mäusen experimentiert, um festzustellen, wie die auf das Aids-Virus reagieren, und dafür bräuchte er infiziertes Blut. Ich in meinem Leichtsinn habe mir dann Blut von einer Krankenschwester abnehmen lassen. Das durfte eigentlich gar nicht sein. Und das ist mir später, ich war schon wieder gegangen, doch komisch vorgekommen. Ich bin dann spät am Abend noch mal in die Klinik, rauf in sein Zimmer, habe ihn dann besucht, der war schon am Schlafen, habe ihn geweckt, habe gesagt, ich möchte wissen, wo das Blut ist, ich möchte das gern wieder mitnehmen, bevor du Dummheiten damit machst. Aber das Blut war weg. Hätte ja sein können, weil er mich so liebt, und der liebt mich heute noch, daß er das Röhrchen geschnappt hat und getrunken hat. Das vermute ich.

Positiv ist er jedenfalls inzwischen, wie ein Test ergeben hat. Er ist alkohol- und tablettenabhängig, hauptsächlich Schlaftabletten. Und dann noch Cola und Cognac dazu, das ist schon eine ganz verheerende Wirkung. Der wurde praktisch weniger mit meiner Krankheit fertig als ich selber. Er hatte im Grunde genommen keine Lust mehr zu leben. Ich fürchte, daß er sich irgendwann das Leben nimmt. Aids ist wahrscheinlich das I-Tüpfelchen. Ich habe Angst um ihn, mehr als um mich.

Um mich selber mache ich mir im großen und ganzen keine Sorgen. Das klingt ein bißchen kurios, aber ich habe nun mal die Krankheit in mir. Wenn einer Krebs hat oder Leukämie, muß er auch leben. Da kann er auch nicht immer depressiv oder sonst niedergeschlagen sein. Mit meinem jetzigen Freund, der ja auch positiv ist, mache ich Reisepläne. Jetzt wollen wir zusammen vier Wochen nach Amerika, um noch einiges zu sehen. Ich würde auch gern mal nach Israel und Ägypten, das wäre mir also auch sehr am Herzen gelegen. Und dann, wenn es noch reicht, vielleicht Indien oder so oder Pakistan.

In letzter Zeit habe ich keine Angstzustände mehr, obwohl ich von meinem Arzt weiß, daß ich im zweiten Stadium bin. Ich hatte die Panik am Anfang. Ich bin manchmal Tage dagesessen und habe geheult, geheult. Das war schon eine schlimme Zeit, auch, weil ich durch die Krankheit meinen Arbeitsplatz verloren habe.

Ich hatte bei meiner alten Firma gekündigt, weil ich Angst hatte, daß die was erfahren, und hatte mich woanders beworben. Das schien auch zu klappen, ich sollte Abteilungsleiter werden. Den Arbeitsvertrag hatte ich schon, da sollte ich plötzlich zu einer betriebsärztlichen Untersuchung kommen. Das war unüblich.

Normalerweise kümmert sich das Gesundheitsamt darum. Da gab's einmal die Grunduntersuchung, und dann mußten wir alle zwei Jahre zur Nachuntersuchung, Lunge, Stuhlgang, Urin wird da geprüft. Da wird kein Bluttest gemacht. Diese Untersuchungen haben sie dann abgestellt. Ich war '82 das letztemal zu der Hauptuntersuchung. Dann mußte man nicht mehr hin.

Ich bin also zum Betriebsarzt gegangen, und der fragte mich, ob ich HIV-positiv wäre. Sie hätten einen anonymen Brief bekommen, in dem behauptet wird, daß ich Aids hätte. Ich habe geantwortet, daß ich nicht verpflichtet bin, ihm das mitzuteilen. Da sagte er auf einmal: Machen Sie sich bitte frei. Der Arzt hat mir unter die Achsel, unter die Drüsen gelangt, und im Genick und am Hals ist er entlanggefahren und in der Leistengegend. Dann hat er mich nach Hause geschickt. Er hat mir gesagt, er gibt mir Bescheid. Was er dann aber nicht getan hat. Ich habe gewartet am nächsten Tag und am übernächsten Tag. Dann habe ich dort angerufen. Da haben die mir gesagt: Wir können Sie nicht einstellen, Sie sind Aidsverdächtig.

Ich habe dann recherchiert und vermute, daß der anonyme Brief von einem Arbeitskollegen aus meiner alten Firma stammt. Der hat erfahren, daß ich mich beworben hatte, und zu anderen gesagt, das könne er nicht zulassen, daß einer, der Aids-krank ist, im Verkauf tätig ist. Es käme doch vor, daß man sich manchmal schneidet und Kundenkontakt hat, und das Blut tropft vielleicht auf Herstellungsprodukte.

Da habe ich gedacht, so geht es ja nicht, wie die sich das vorstellen. Ich bin dann zum Anwalt gegangen und habe zwei Monatsgehälter bekommen von der Firma. Dann habe ich Klage erhoben beim Arbeitsgericht. In der ersten Instanz wurde das Verfahren abgelehnt, weil das Gericht der Überzeugung war, daß es für die Kundschaft nicht zumutbar wäre. So hat dann auch das Landesarbeitsgericht entschieden, in dem Sinn habe ich den Prozeß verloren und mußte die gesamten Gerichtskosten bezahlen.

Ich bin dann schließlich bei einer anderen Firma untergekommen, wurde dann aber gleich krank. Ich bekam eine Bauchspeicheldrüsenentzündung und mußte von heute auf morgen ins Krankenhaus. Ich bin immer noch krank geschrieben und habe jetzt Rente beantragt. Ich kann mich sowieso nicht mehr so betätigen, wie das früher der Fall war. Ich werde schneller müde, ich bin schneller abgeschlafft, schon beim Treppensteigen habe ich Probleme mit dem Atmen.

Ich weiß ja nicht, wieviel Jahre ich noch zu leben habe. Und die möchte ich eigentlich für mich nutzen. Nicht irgendwie bis zum letzten Schnapper da bei der Arbeit stehen. Und morgen komme ich dann ins Krankenhaus, und dann ist der Zug für mich abgefahren. Und was habe ich gehabt vom Leben? Steuern gezahlt. Rente bezahlt, und wer ist der Nutznießer? Nur der Staat.

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HIV-Positive schildern ihr Schicksal: Fixer

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