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»Warum bin ich so ein Weltwunder!«

aus DER SPIEGEL 22/1976

Vorige Woche bestritt der Weltmeister aller Klassen den Hauptkampf gegen das Fett an seinen Hüften. Er konnte es nicht vergessen, daß alle Welt das bei seiner letzten Titelverteidigung gesehen und als Zeichen des Verfalls gewertet hatte.

Drum verschlang Muhammad Ah nur noch Salat, blutige Steaks und siebzehnerlei Vitaminpillen. Unberechenbar, wie er in seiner Hotelsuite die Augen auftat, mal um vier Uhr früh mal um zwei, mal kurz nach Mitternacht, sprang er in die von ihm jetzt bei allen Gelegenheiten bevorzugten Soldatenstiefel und rannte über den Asphalt der Münchner Ausfallstraßen: fünf, sechs, zuletzt mehr als sieben Meilen ohne Verschnaufen, aus denen er bei der täglichen Selbstberühmung vor seinem Clan verzückt das Doppelte machte.

Schon nach fünf Tagen reichte Alis Atem beim Training für 33 pausenlose Sparringsminuten mit wechselnden, schnell erschöpften Gegnern sowie einem anschließenden 40minütigen Monolog vor den in seiner Garderobe andächtig versammelten Eingeweihten. »Die Welt hat mich fett gesehen«, klagte die Faust Nummer 1, während der Assistent Bundini Brown wie Champagner ein kleines Apollinaris servierte.

»Alle haben gesagt, ich bin fertig! Fett und alt! Und jetzt Der Champion schlug seinen weißen Frotteemantel auseinander, wie zu einer Enthüllung vor den Augen der Welt. »Seht mich an! Aahh! Seht, was geschehen ist!« Das Fett war weg.

Selten hat er sich so muselmanisch selbst genossen, den Lohn für den Verzicht auf Eiscreme, TV-Abende und die Liebe mit seiner schwangeren schwarzen Freundin Veronica Porche so gnadengleich in sich gespürt. »Ein Wunder!« rief er noch und noch. Und seine Getreuen, voran der von ihm gelegentlich gezüchtigte ältere Bruder Rahman, bestärkten ihn dabei im Gospelrhythmus: »Yes Sir! 's ist wahr, Sir! A miracle!«

So habe ihn also, rief der 34jährige abgespeckte Champion. Allah erneut gesegnet. Wie anders solle einer sich erklären, daß er, den »früher fünf Meilen Lauf schon fast gekillt haben«, nun seine zwölf, ja vierzehn in aller Herrlichkeit hinter sich bringe? »Warum bin ich so ein Weltwunder?« Der Welt berühmtester Wehrdienstverweigerer, dem überall in München die Anbeter dichter auflauerten als je dem ganzen FC Bayern, weiß darauf heute die Antwort: »Ich bin ein Krieger Gottes.« Und das nun doch in den Stiefeln der Army.

»Was ich jetzt tue, ist nicht allein fürs Boxen«, meditiert er, nachdem er in diesem Jahr immerhin für 33 Millionen Dollar Verträge abgezeichnet, in seiner Hollywood-Lebensverfilmung die Hauptrolle angenommen und das meiste den Black Muslims verschrieben hat. »Es ist für den Glauben! Wir bringen Gott zurück nach Amerika.« Kurzum, er geht Dienstag morgen 3.15 Uhr Ortszeit gegen diesen semmelblonden Briten Dunn wieder in Allahs Namen in den Ring, yes Sir. Ah ist kein Prophet. Indes, er sieht schon »ein Massaker«.

Ganz leise: »Ich mach' ihn schnell fertig, wenn ich kann.« Das wäre aber gar nicht im Sinne der amerikanischen Fernsehgesellschaft NBC, die seine 1,6 Millionen Dollar Kampfbörse überwiegend garantiert und dafür in die Pausen für ein paar Millionen Dollar Werbespots einzublenden wünscht.

Die ersten, die der Champion groggy machte, waren die christlich-bayrischen, vorwiegend aus Augsburg kommenden heimischen Co-Promoter dieser Schwergewichts-Weltmeisterschaft in Münchens Olympiahalle. Bis Ende letzter Woche saßen sie auf annähernd einer Hälfte der 11 700 Karten, von denen die teuersten mit 1000 Mark immerhin doppelt soviel kosten wie die Ringplätze im Madison Square Garden. Während NBC und ihr New Yorker Partner Bob Arum (Top Rank Inc.) die Dollar fürs TV-Geschäft im trocknen zu haben schienen, schwebte über den Bayern der Pleitegeier ein.

Und der Champion lief nur und schlief und lag noch mittags in München im Bett, statt sich etwa von den im Rathaus Augsburgs versammelten Stadtvätern ehren zu lassen. »Dem treib' ich sei Pennerei noch aus«, wütete bald der Augsburger Steuerberater Walter Settele, der aufgeregteste unter den zur »Promot«-Gesellschaft mit beschränkter Haftung verbundenen Greenhorns. Seine Mithaftenden, die Münchner Rechtsanwälte Scherr und Wiesner und eine Augsburger Hausfrau namens Maier, die sich durch ihren soeben zum Obergerichtsvollzieher beförderten Ehemann vertreten ließ. verhielten sich hingegen fast so still wie die im Hintergrund um einen Vorschuß in Millionenhöhe hangenden wahren Geldgeber aus der Augsburger Kaufmannschaft.

Doch Settele, der Vorgeschobene. machte sich immerzu Luft: »Für eineinhalb Millione penne«, das, fand er, gehe doch nicht. Und: »Der Ah muß sich mehr mit Bayern identifiziere, der ischt für uns da, net mir für ihn.«

Offenbar ein Irrtum. Der Champion befände sich hier, sagte dessen Trainer Angelo Dundee, »zum Boxen, nicht zum Cocktailtrinken«. Vor der Flaschenbierhalle einer Augsburger Brauerei, an die ihn seine Promoter ungefragt zu einer Autogrammstunde mit Blasmusik vergeben hatten, ließ er finster den Pullman-Mercedes gleich wieder wenden. Einen Standspiegel, den man ihm beim einmaligen Sparring in Augsburg (Eintrittspreise bis 60 Mark) zum Gaudium in den Ring stellte. mußten die Augsburger sofort wieder entfernern.

Ah erklärte, er sei »ein ernster und religiöser Mann«. Deshalb schickte er Ilja Richter fort, den kleinen Sprücheklopfer der ZDF-Show »Disco«, von dem sich die Veranstalter viel Geld und Publicity versprachen. Richter präsentierte dem Champion ein fertiges Skript voller Späße, welche er vor der Kamera hätte bringen sollen. Ah tat pikiert: »Meine Texte mache ich selbst.« Darauf hofften die Promoter, ihn zum vorverkaufsfördernden Auftritt in Wim Thoelkes Sorgenkinderstunde nach Berlin fliegen zu dürfen. Auch dafür war er nicht zu haben. Dem zornigen Promoter Settele entfuhr es: »Soll der sich sein Geld doch im Busch hole.«

Mitte letzter Woche hatten Alis Fitness und die Nervosität seiner bayrischen Veranstalter einen gleich hohen Grad erreicht. Gerade noch, daß er ihnen, obschon widerwillig, zur Eintragung ins Goldene Buch der Stadt München folgte. Dabei las Münchens schwacher OB Kronawitter ("Meiner Tochter sage ich immer, ich sei der Stärkste auf der Welt") einen englischen Gruß vom Blatt. Der schwarze Riese erwiderte, wie sich's für einen Faustkämpfer geziemt, in freier Rede. Die Veranstalter waren da bereits so weich in den Knien. daß sie vergaßen. auch den Herausforderer, Richard Dunn, einzuladen. Ah unterschrieb für beide.

Angeregt durch Photos dieses neuen Europameisters, bei dem sich die Rammstöße überlebter Knockouts physiognomisch etwas ausgewirkt haben, erfand der Champion den geschäftlich wohlgemeinten Schimpfnamen Frankenstein. Einer der Macher des 31jährigen Rechtsauslegers aus Yorkshire' fand das dankenswert: »Immerhin war Frankenstein Doktor.«

Die Gesetze des internationalen Boxgeschäftes erfordern es, daß der eigentliche Gegner für Ah, der weiße amerikanische Heavyweight Duane Bobick, Fünfter der Weltrangliste, im Programm bloß als Rahmenkämpfer figuriert. Es hätte Dunns Börse (125 000 Dollar) ums Siebenfache überstiegen, diesen jungen, stärkeren Anwärter auf eine Weltmeisterschaft nach Alis Rücktritt jetzt schon gegen Ah zu verheizen.

Die bayrischen Veranstalter schienen ihren Weltmeisterschaftskampf ohnehin weitgehend für eine Art Ein-Mann-Show zu halten und investierten Energie in so bedeutsame Vorgänge wie die Überreichung einer Tausendmarkkarte an Franz Josef Strauß. Die an einen Wanderzirkus gemahnende Truppe des Herausforderers in ihren schmuddeligen Trikots war ihnen offenbar nicht fein genug, an einem Empfang mit dem bayrischen Wirtschaftsminister Jaumann teilzunehmen, zu dem zwar Jaumann nicht erschien. wohl aber ihr eigener, stark nach Geld riechender Augsburger Freundeskreis samt Weib, Kind und Photoausrüstung.

Ein Schmuckhändler und ein Autohändler, die sich versehentlich als Geldgeber ansprechen und das umgehend widerrufen ließen, hatten sich für diese Soiree der Käsehappen in den Smoking geworfen. Mit dem Mut der Verzweiflung weckten die Promoter Ah, um den Damen wenigstens etwas zu bieten.

Augsburg und Louisville, Kentucky, trafen eine Woche lang in der Halle des Bayerischen Hofs hart aufeinander. Hier der täglich zunehmende Clan des »Champs«, buntschillernde Männer mit viel Gold um die Gelenke und waffengleich aus den Gesäßtaschen ragenden Kraushaarbürsten. Dort die um ihren Einsatz bebenden Biedermeier im täglichen Kampf gegen die hochschießenden Hotelkosten für die Parasiten Alls, der jeden mitkommen läßt und von vielen nicht einmal den Namen kennt.

Alls voller Vater stolpert regelmäßig durchs Gedränge, und Alls Mutter tut, als gäbe es ihn nicht. Randfiguren sacken für die Vermittlung kleiner Freundlichkeiten des Champions saftigen »Finderlohn« ein.

Sogar in den Verträgen, gesteht Promoter Friedrich Scherr, fänden sich derlei Schmiergebühren sechsstellig festgeschrieben. All das glaubte er in Kauf nehmen zu können, als sein weißer Freund Bob Arum ihn, den Debütanten, zum Einsteigen in das vermeintliche Superbusiness eines All-Kampfes auf deutschem Boden einlud.

Arum seinerseits war es gelungen, Alls bisherigen Promoter, den schwarzen Don King, damit auszustechen. Ali entschuldigt's: »Wer sieht denn meine Kämpfe vor allem? Die Weißen!«

Den Bayern aber gedieh es zur Angstpartie. Sie appellierten mit ihren teuren Karten sogar ans Sozialgefühl deutscher Arbeitgeber. »Verdiente Mitarbeiter« könne man damit »aus Anlaß eines Jubiläums« beschenken. Das sei »eine steuerbegünstigte, freiwillige Sozialleistung mit Vorsteuerabzugsberechtigung«. Die 150 000 Mark Miete für die Olympiahalle haben die Promoter Minuten vor dem letzten Zahlungstermin vergangenen Freitag zusammengekratzt.

All selber spürte endlich ihre Pein und puffte sich für ihre Reklame doch noch spaßig mit deutschen Menschen herum: sogar mit einem jener erschreckend dicken Männer in Lederhosen. mit denen Bayern gern für sich wirbt. Dazu mimte er Angst. »Die Deutschen«, glaubt er, »mögen Underdogs. Das sind sie nämlich selber.«

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