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FLUCHTSCHIFFE Warum soll ich nicht

aus DER SPIEGEL 36/1951

Cuxhavens Berufsfischer schielen neidisch zum Werfthafen, einige hundert Meter landeinwärts von der »Alten Liebe«. Dort leuchten - Bug an Bug mit normalen Renn-Yachten - weiße Luxus-Yachten, deren Urbestimmung eigentlich war, Fischkutter zu werden.

Ende des Krieges lagen auf mehreren Bootswerften noch Kriegsfischkutter auf Kiel, die von der Kriegsmarine für Vorposten- und Minensuchzwecke in Auftrag gegeben worden waren. Nach 1945 saßen dann die Bootsbauer mit den fast fertigen Rümpfen auf dem Trockenen. Erst mit zunehmender politischer Hochspannung boten sich ihnen zunehmende Absatz-Chancen. Aus den Rümpfen wurden hochseetüchtige Luxus-Yachten.

So entstanden die jetzt vor Cuxhaven kreuzenden Yachten »Fatima« (Eigner F. W. D. Grupe, Reeder in Bremen); die »Helgoland« (Eigner Saatzüchter Dr. Büchting); die »Margarete« (Eigner Seine Königliche Hoheit Fürst Friedrich von Hohenzollern); die »Nordwind« (Eigner unbekannt, Kapitän: Herr Duwe aus Bremen).

Außerdem gehört noch zur Cuxhavener »Weißen Flotte« die alte Luxus-Yacht »Ingeborg« (Eigner Barbesitzer Aloys Hoffmann, Bremerhaven).

Diese Yachten haben durchweg 76 BRT, sind 18 bis 24 m lang, machen aber mit ihren Fischkuttermaschinen nur gut acht Seemeilen in der Stunde.

»Immerhin sind sie voll seefähig für eine Atlantikfahrt«, meint Cuxhaven-Kapitän Sitas. Für 14 Mann sind fest eingebaute Schlafplätze an Bord. Das ist Platz genug für den Eigner, um mit Mannschaft (4 bis 6 Mann) und Familie unterzukommen.

»Rund 200 000 DM kostet die Fertigstellung einer solchen Yacht«, taxiert fachmännisch der technische Sicherheitsinspizient der Seeberufsgenossenschaft in Cuxhaven, O. Rasch.

Fluchtschiffe für den Tag X will Rasch in der »Weißen Flotte« von Cuxhaven nicht sehen. »Die Boote haben ja überhaupt keinen ausreichenden Laderaum, um genügend Brennstoff an Bord zu nehmen.«

»Ingeborg«-Besitzer Aloys Hoffmann, 39, Eigner der repräsentabelsten Luxusyacht, weiß dagegen schon, wie er sich diesen Raum schaffen will. »Im Salon läßt sich Brennstoff in Massen unterbringen. Man muß die Fässer bloß anständig festzurren, aber das geht schon.«

Hoffmann hält es nur nicht für fair, daß die spitzen Zungen in Cuxhaven offen von Fluchtvorbereitung für den Fall eines Krieges sprechen. »Man würde dann ja nicht allein fahren, sondern auch noch andere mitnehmen.« Und: »Warum soll ich nicht eine Yacht haben, wenn andere schon nach Flugzeugen schielen?«

Vorläufig ist »Ingeborg« für den Bremerhavener Yachtbesitzer Hoffmann noch ein gewinnbringendes Unternehmen. Denn schließlich war »Ingeborg« mal kaiserlich - als »Cäcilie«. Wilhelm II, hat sie bauen lassen und »der Kaiser hat hier an Bord oft Segelparties mitgemacht.« - Heute sind die Parties anderer Art.

Nach 1933 wurde die monarchenlos gewordene »Cäcilie« dem Etat des Reichsluftfahrtministeriums einverleibt und zur Luxus-Yacht des großdeutschen Reichsmarschalls Hermann Göring befördert. Bis 1945. Da war sie plötzlich US-Besatzungsgut, das an den französischen Monsieur Parie verkauft und von dem wieder an Aloys Hoffmann verhandelt wurde. Das war 1949 ausgesprochen schwierig. Deutsche Sonntagssegler durften so große Segelschiffe damals noch nicht besitzen. Doch Aloys Hoffmann hatte großes Interesse und Geld.

»Ingeborgs« Haltungskosten waren allerdings erheblich. Sie hat neun Mann Besatzung, kostet Liegegebühren und etliche Versicherungssummen. Aber Nachtbarbesitzer Hoffmann ("Atlantik«-Betriebe Bremerhaven) ist zu geschäftstüchtig, um diese laufenden Unkosten nicht bereits vor jenem Tag X, an dem er sein Leben mit der »Ingeborg« über den Atlantik in Sicherheit bringen will, zu amortisieren.

Hoffmann erfand die Fahrten in See, die bisher nur mit Motor-, nicht aber mit Segelschiffen gestartet wurden. Er sagt: »Das Geschäft lohnt sich«, vor allem wegen der Bar an Bord.

Hoffmanns einzige Sorge ist nur: »Wenn es zum Krieg kommen sollte, sitzen wir hier mitten drin, und hoffentlich wird man uns die Yachten nicht sofort für Kriegszwecke beschlagnahmen.«

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