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»WARUM WIR STÄRKER SIND ALS RUSSLAND«.

aus DER SPIEGEL 49/1964

Der amerikanische Verteidigungsminister Robert S. McNamara, einer der engsten Vertrauten Präsident Johnsons, hat nach der Präsidentschaftswahl Ziele und Aufgaben der US-Verteidigungspolitik in einem Aufsatz neu formuliert. McNamara betont in seiner Arbeit, daß eine wohlinformierte öffentliche Diskussion über militärische Fragen in einem demokratischen Land zum Fundament einer vernünftigen Verteidigungspolitik gehört.

Die Auseinandersetzungen der letzten Wochen über Verteidigungsfragen haben mir zu denken gegeben. Wahrscheinlich ist ein besseres Verständnis unserer Verteidigungsprobleme und der hauptsächlichen Ziele, Widerstände und Risiken notwendig, die unsere militärischen Entscheidungen bestimmen.

Unsere Sicherheit ist seit Ende des Zweiten Weltkrieges durch die offensichtliche Entschlossenheit der kommunistischen Nationen bedroht, ihren Herrschaftsbereich mit Gewalt oder Gewaltdrohung auszudehnen. Der gegenwärtige Streit zwischen Moskau und Peking bedeutet keine Änderung dieses Endziels beider Nationen. Es ist lediglich ein Streit über taktische Fragen und um die Kontrolle über die kommunistische Weltbewegung.

Eines Tages kann die Auseinandersetzung zwischen unseren Gegnern zu einer Situation führen, die für den Frieden günstig ist. Noch ist es aber nicht soweit. In naher Zukunft mag der Konkurrenzkampf zwischen den beiden Hauptmächten des Kommunismus den kommunistischen Expansionsdruck in verschiedenen Teilen der Welt sogar noch erhöhen. Deshalb müssen wir begreifen, daß es nicht an der Zeit ist, in unserer Wachsamkeit nachzulassen.

Gleichzeitig müssen wir auch begreifen, daß sich die militärische Herausforderung, der sich die USA gegenübersehen, in den letzten zehn bis 15 Jahren grundlegend gewandelt hat. Zu Beginn der fünfziger Jahre besaßen wir ein Beinahe-Monopol an Atomwaffen, die wir über große Entfernungen hinweg genau ins Ziel bringen konnten. Seit die Sowjet-Union Atomwaffen und bis in unser Land reichende Trägerwaffen entwickelt hat, ist es mit diesem Monopol vorbei. Seit 1950 unterhalten die Sowjets eine Atommacht, die-obgleich zahlenmäßig wesentlich kleiner als unsere - auf dem nordamerikanischen Kontinent dennoch gewaltige Zerstörungen anrichten könnte.

Wie Präsident Johnson kürzlich erklärte, sind seit dem Unabhängigkeitskrieg etwas über 526 000 Amerikaner auf dem Schlachtfeld umgekommen. Ein Atomkrieg zwischen den USA und der Sowjet-Union würde in der ersten Stunde allein 100 Millionen Amerikaner töten. Die Zahl getöteter Russen wäre noch größer. Ich bezweifle, daß jemand dies klaren Sinnes als »Sieg« bezeichnen könnte. Jeder Präsident dieses atomaren Zeitalters hat immer wieder betont, daß es in einem vollen Atomkrieg keine Sieger mehr geben wird.

Deshalb müssen wir uns darüber einig sein, daß die einzige Möglichkeit, einen Atomkrieg zu gewinnen, darin besteht, ihn zu vermeiden. Wir haben ihn vermieden, indem wir jedem Gegner unbezweifelbar klargemacht haben, daß ein atomarer Angriff auf die USA für den Angreifer Selbstmord wäre. Wir sind uns also darüber einig, daß Amerika eine strategische Atommacht haben muß - groß und stark genug, um einen Überraschungsangriff auf unser Land überleben und dem Angreifer einen vernichtenden Schlag versetzen zu können.

Sind wir uns aber auch darüber einig, daß wir eine solche Macht besitzen? Ich glaube ja. Ein Vergleich zwischen unserem Atomarsenal und dem der Sowjet-Union läßt unsere Überlegenheit ganz eindeutig erkennen.

Unsere strategische Luftflotte verfügt über 1100 Bomber, von denen über 500 innerhalb von 15 Minuten alarmbereit sind. Sie sind mit Ablenkungsraketen und anderen Geräten ausgerüstet, die sicherstellen, daß sie Ihr Ziel auch erreichen werden. Die Sowjet-Union könnte mit einiger Anstrengung über 100 schwere Bomber auf den Weg schicken, ferner 150 mittelschwere Bomber, die nur Kanada und die Nordwestspitze der USA erreichen können.

Wir besitzen 800 zuverlässige interkontinentale Raketen, die fast alle in bombensicheren Silos startbereit stehen. Die Sowjets haben nur ein Viertel dieser Zahl, und noch viel weniger in geschützten Silos.

Unsere Marine verfügt jetzt über 256 Polaris-Raketen, die auf 16 U-Boote verteilt sind. 25 weitere Polaris-U -Boote sind im Bau. Im Vergleich dazu ist die mit Raketen ausgerüstete U -Boot-Flotte der Sowjet-Union klein und unwirksam.

Alle unsere Polaris-Raketen sind auf atomgetriebenen U-Booten untergebracht. Aber nur ein verschwindend kleiner Prozentsatz der sowjetischen U-Boote hat Atomantrieb.

Unsere Polaris-Raketen haben eine Reichweite von 2400 Kilometer. Die Reichweite der U-Boot-Raketen der Sowjets aber ist nur ein Drittel so groß.

Unsere strategischen Kräfte werden in Kürze noch durch die neue Polaris -A-3-Rakete und die Minuteman II verstärkt werden. Die Verbesserung dieser Waffe gegenüber der Minuteman I ist genau so groß wie die des neueren Düsenbombers B 52 gegenüber dem älteren Bomber B 47. Die Minuteman II wird achtmal so wirksam sein wie ihre Vorgängerin,

Angesichts dieser Tatsachen können wir uns, glaube ich, auch darüber einig sein, daß ein Atomkrieg in absehbarer Zukunft höchst unwahrscheinlich ist. Die Führung der einzigen Nation, die eines atomaren Überraschungsangriffes auf die USA-fähig wäre, ist vernünftig genug, die katastrophalen Konsequenzen vorauszusehen.

Die Strategie der Abschreckung hängt natürlich nicht nur von unserer gegenwärtigen Überlegenheit ab, sondern auch davon, daß wir diese Überlegenheit für die absehbare Zukunft aufrechterhalten können. Unsere Stärke von morgen wird vor allem von den Ergebnissen unserer Forschungs- und Entwicklungsarbeiten abhängen.

Gibt es Gründe für die Annahme, daß unser Waffenforschungsprogramm die Verteidigungsbedürfnisse von morgen befriedigen wird? Ich glaube ja.

Zunächst einmal die Größe des Programms: Innerhalb der letzten vier Jahre haben wir 200 neue Forschungsprojekte in Angriff genommen, von denen 77 je zehn Millionen Dollar und mehr gekostet haben. Während dieses Zeitraumes haben sich die Ausgaben für militärische Forschung und Entwicklungsaufgaben um 50 Prozent erhöht. Wir geben für solche Programme jährlich über sechs Milliarden Dollar aus.

Zweitens sind die Ergebnisse zu berücksichtigen, die unsere Forschungsarbeit bereits gezeitigt hat. Hier sind einige Projekte, die in den letzten vier Jahren begonnen oder beendigt worden sind:

- Die SR 71, ein bemanntes Langstrekken-Überschallflugzeug für militärische Aufklärung, das mit den modernsten Beobachtungsgeräten der Welt ausgerüstet ist und mit einer Stundengeschwindigkeit von 3200 Kilometer in einer Höhe von 24 000 Meter fliegt. Es kann eine Fläche von über 155 000 Quadratkilometer während einer einzigen Flugstunde aufnehmen.

- Zwei Anti-Satelliten-Systeme, die bewaffnete Erdsatelliten abfangen und zerstören können.

- Ein Radarsystem, das der Erdkrümmung folgt und deshalb Flugzeuge und Raketen schon Sekunden nach ihrem Start wahrnehmen kann.

- Die neue Rakete Nike X. Mit ihr haben wir für den Fall, daß es die nationale Sicherheit jemals erfordern sollte, die modernste Anti-Raketen-Rakete zur Verfügung, die es bisher auf der Welt gibt.

- Das neue A7A-Flugzeug, das der Marine größere Angriffskraft gibt. Die A7A hat die doppelte Reichweite der alten A4E-Maschinen.

- Die EX-10, ein schwerer neuer Torpedo gegen tieftauchende, schnelle Atom-U-Boote.

- Der neue Main-Battle-Panzer, der unseren Landstreitkräften die Überlegenheit während der siebziger Jahre sichern wird.

- Der revolutionäre F-111-Jagdbomber mit beweglichen Deltaflügeln, der die doppelte Reichweite und mehrfache Tragfähigkeit aller bisherigen Kampfflugzeuge hat.

Unser gegenwärtiges Forschungsprogramm wird uns drei weitere Typen von Bombern liefern, von denen jeder fertig entwickelt und in die Produktion genommen werden kann, bevor unsere jetzigen Bomber veraltet sind. Unser jetziges Fünfjahresprogramm sieht bis 1969 den Bau von 700 neuen strategischen Bombern vor. Das gestattet uns, unsere strategische Luftflotte bis zum Ende des Jahrzehntes in Betrieb zu halten - und auch darüber hinaus, wenn dies nötig sein sollte.

Es gibt nur zwei Wege, über die Typen und Mengen von Waffen und Ausrüstung zu entscheiden, die produziert und einsatzbereit gehalten werden sollen: Wir können entweder festsetzen, wieviel Geld wir für unsere Verteidigung ausgeben wollen, und dann unsere militärischen Planer anweisen, aus diesem Geld das Beste zu machen; oder wir können die Beschränkungen des Staatshaushaltes außer acht lassen, die militärische Stärke errechnen, die als Fundament unserer Außenpolitik nötig ist, und den entsprechenden Preis zahlen.

Ich glaube, wir Amerikaner sollten uns darüber einig sein, daß wir als reichstes Land der Welt soviel ausgeben müssen, wie zur Verteidigung nötig ist. Wichtige Entscheidungen über unsere Verteidigung sollten meines Erachtens niemals mit Blick auf eine Ausgabengrenze gemacht werden.

In den letzten vier Jahren haben sich unsere Verteidigungsausgaben im Vergleich zum selben Zeitraum vorher um 30 Milliarden Dollar erhöht. Wir haben diese Mittel aufgewandt, weil die ständig wechselnde strategische Situation in der Welt uns zu bedeutsamen Anstrengungen auf verschiedenen Gebieten gezwungen hat; so zum Beispiel zur Erhöhung

- der Zahl atomarer Sprengköpfe um 150 Prozent und der Megatonnage um 200 Prozent;

- der taktischen Atomschlagkraft in

Westeuropa um 6o Prozent;

- der kampfbereiten Divisionen um 45

Prozent;

- der Staffelzahl taktischer Kampfflugzeuge um 44 Prozent;

- der Lufttransport-Kapazität um 75

Prozent;

- des Schiffbauprogramms zur Modernisierung unserer Flotte um 100 Prozent;

- der Spezialeinheiten zur Bekämpfung von Untergrundbewegungen (Special Forces) um 800 Prozent.

Viele dieser Verstärkungen unserer Militärmacht wurden durch die gegenwärtige Strategie der Kommunisten nötig gemacht. Es ist eine Strategie verdeckter Aggression in der Form von außen gesteuerter Untergrundkriege gegen die gesetzmäßigen Regierungen unabhängiger Nationen.

Die kommunistische Hauptgefahr liegt nicht in einem Atomkrieg, sie besteht vielmehr in einer Kette kleiner Übergriffe, die sorgfältig so dosiert sind, daß die Schwelle eines weltweiten Krieges nicht überschritten wird. Um dieser Bedrohung begegnen zu können, brauchen wir bewegliche Streitkräfte, die jeder politischen und militärischen Aggression gewachsen sind.

Derartige Streitkräfte aufzubauen und zu unterhalten ist, wie ich bereits gesagt habe, kostspielig. Unser Verteidigungshaushalt beläuft sich zur Zeit auf 50 Milliarden Dollar pro Jahr. Das ist die Hälfte des gesamten Bundesetats.

Wir sollten, glaube ich, in allen militärischen Fragen von der Auseinandersetzung hinweg zu einer Übereinstimmung gelangen können. Das soll natürlich Diskussionen und Kritik über Verteidigungsfragen nicht ausschließen. Im Gegenteil, ohne Debatten kann die Demokratie nicht funktionieren. Aber es sollte eine informierte Auseinandersetzung sein, die auf Kenntnis der Tatsachen und Verständnis der Herausforderung beruht, der sich unsere Nation gegenübersieht.

US-Verteidigungsminister McNamara*: »Ein Atomkrieg ist unwahrscheinlich«

Amerikanischer Jagdbomber F 111

»Unsere Forschungsarbeit sichert...

Amerikanische Anti-Raketen-Rakete ... unsere Starke von morgen«

Special-Forces-Einheit im Manöver: »Jeder Aggression gewachsen«

* Bei einem Vortrag in Washington vor

einer Projektion des Weißen Hauses.

Robert S. McNamara

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