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»Was alle denken«

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aus DER SPIEGEL 39/1984

Mit unverblümten Bemerkungen zur deutschen Frage hat Italiens christdemokratischer Außenminister Giulio Andreotti nicht nur Bonn erregt. Auf einer KP-Veranstaltung in Rom hatte Andreotti erklärt: »Wir alle sind damit einverstanden, daß es zwischen den beiden Deutschlands gute Beziehungen gibt ... Aber man muß nicht übertreiben in dieser Richtung. Der Pangermanismus muß überwunden werden. Es gibt zwei deutsche Staaten, und zwei sollen es bleiben.« Wie viele Unionschristen empörte sich auch der Innerdeutsche Minister Heinrich Windelen: »Selten ist so zynisch das Selbstbestimmungsrecht eines Volkes von einer verbündeten Macht mit Füßen getreten worden.« Österreichs Ex-Kanzler Bruno Kreisky befand dagegen, »dem Herrn Andreotti« sei »es halt passiert, daß er etwas deutlicher formulierte, was alle denken«. FDP-Außenminister Genscher mühte sich, auch im persönlichen Gespräch mit Andreotti, die Wogen zu glätten. Seinen Bonner Koalitionspartnern empfahl er, eine andere Bemerkung des Italieners zu beherzigen: »Die Grenzen innerhalb Europas in Frage zu stellen ist gefährlicher als Atomwaffen.«

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