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Strafvollzug Was bleibt

Hamburgs Gefängnis Fuhlsbüttel ("Santa Fu") ist zum Symbol des unzulänglichen Strafvollzugs geworden. Letzte Woche kam es wieder zu Häftlings-Aufruhr.
aus DER SPIEGEL 32/1972

Wir sind hier nicht raufgestiegen, weil wir Freude am Klettern haben«, sagte Enno Schmidt, 35, Nr. 2182 in Hamburgs größter Strafanstalt Fuhlsbüttel ("Santa Fu"). Und Mithäftling Michael Holzner, 28, Nr. 5309, klagte: »ich bin jetzt an einem Punkt, an dem physische wie psychische Belastungen nicht mehr zu ertragen sind.«

Das war Ende März dieses Jahres. Damals flüchteten sonntags noch vor dem Gottesdienst die beiden Kletter-Kumpane aufs Dach der Anstaltskirche. Holzner stürzte noch vor dem Ziel von der Regenrinne. Schmidt gab nach sieben Stunden auf. Vier Monate später war das Dach-Duo wieder oben, gleich für fünf Tage. Und diesmal fiel Schmidt. Holzner kapitulierte.

Mit ihrem doppelten Kletterakt machten die beiden Aufsteiger letzte Woche zum zweitenmal Schlagzeilen für eine Strafanstalt, in der öfter Unruhe ist als in anderen Häftlingshäusern. Denn seit der berüchtigte Kölner Klingelpütz 1969 geschleift wurde, ist »Santa Fu« zum Symbol geworden für einen Strafvollzug, den sogar Bonns Justizminister Gerhard Jahn »gelinde gesagt für mittelalterlich« hält.

In der roten Ziegelzwingburg im Hamburger Norden (Baujahr 1906) sitzen hinter teils fünf, teils sechs Meter hohen Mauern 497 Gefangene aus der Hansestadt, aus Schleswig-Holstein und Bremen. Außer mal Fernsehen, mal Fußball gibt es kaum eine Abwechslung -- geschweige denn Resozialisierung. Arno Weinert, stellvertretender Leiter des Hamburger Strafvollzugsamts: »Dafür ist diese Anstalt nicht geeignet, was bleibt, ist allein Aufbewahrung.« Und selbst die ist unzulänglich.

So wurde die tägliche Freistunde auf dreißig Minuten reduziert -- weil Aufsichtspersonal fehlt. Die Planstelle für den Anstaltspsychologen ist seit November 1971 nicht mehr besetzt. Und von drei eingeplanten Sozialarbeitern macht eben einer Dienst. Nur ein Gefangener -- fast 60 Prozent haben keine Lehre absolviert -- lernt in der Haftanstalt einen Beruf. Die anderen dürfen in ihren Einzelzellen täglich acht Stunden lang Netze knüpfen. Monatlicher Durchschnittsverdienst: 50 Mark.

Ober diese »hoffnungslose Situation und ihre katastrophale Wirkung« (Weinert) führen einsichtige Justizbeamte seit Jahren Klage. Die Gefangenen aber treibt das triste Dasein im »Santa Fu« zuweilen in blinde Aggression.

Mal wurde ein Wärter mit dem Brotmesser bedroht, mal sprang ein Gefangener ohne Chance zur Flucht in den Wachstreifen zwischen Mauer und Maschendraht. Im letzten Oktober stieg -- zum erstenmal -- ein Häftling aufs Anstaltsdach. Er schrie: »Wo ist meine Braut? Ich will sie sehen.«

Am Heiligen Abend schließlich klirrten Scheiben im Knast, brennende Matratzen flogen in den Innenhof. Und kaum war das Frühjahr gekommen, machten sich neue Klettertrupps auf den Weg -- darunter auch Holzner und Schmidt.

Holzner, wegen schweren Raubes zu sieben Jahren verurteilt und 1970 schon einmal aus der Haftanstalt Celle entwichen, wollte eine Berufsausbildung erzwingen. Schmidt, der zehn Jahre wegen Raubes und Bandendiebstahls absitzt, wünschte eine Überführung in die Hamburger Musteranstalt Bergedorf. »Der sehr Sensible«, so der ehemalige Anstaltspsychologe Dieter Kretzer, »braucht auch eine psychotherapeutische Behandlung, sonst geht er kaputt.«

Der Kletter-Protest im März hatte keinen Erfolg. Erst als Mittwoch letzter Woche nach dem Zweitaufstieg auch 16 andere Häftlinge durch ein zerschlagenes Oberlicht ins Freie flohen und offener Aufruhr drohte, ließ Hamburgs Justizsenator Ernst Heinsen über mehr Reform mit sich reden.

Nun sollen, wie andere Anstalten, auch die Kasematten im Norden eine Gefangenenvertretung bekommen. Zudem sollen künftig gewisse Hafterleichterungen gewährt werden -- etwa mehr Gesprächsmöglichkeiten mit anderen Gefangenen. Und keiner der Aufrührer brauchte zur Strafe aufs »harte Lager«.

Holzner, der in der Nacht zum Donnerstag selber mit Heinsen verhandelte, hatte nach fünf Tagen Hamburger Luft noch eine spezielle Bitte: »Ich möchte baden.« Er durfte es.

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