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SPIEGEL Essay Was den Krieg möglich macht

von Wilhelm Bittorf _____« Amerikanische Freunde meinten, die Atombombe werde, » _____« wie nichts anderes, Gewaltfreiheit schaffen. Das stimmt, » _____« wenn damit gemeint ist, daß die abschreckende Wirkung » _____« ihrer Zerstörungskraft die Welt zu einer vorläufigen » _____« Abkehr von der Gewalt bewegen wird. » _____« Aber auch ein Mensch, der sich mit Leckereien » _____« vollgestopft hat bis zur Übelkeit, wendet sich von ihnen » _____« ab, nur um sich, sobald die Übelkeit gewichen ist, mit » _____« verdoppelter Gier wieder darauf zu stürzen. So wird sich » _____« die Welt mit neuer Gier in die Gewalt stürzen, wenn die » _____« Wirkung der Abschreckung nachgelassen hat. » _____« Mahatma Gandhi im Juli 1946 » *
Von Wilhelm Bittorf
aus DER SPIEGEL 41/1983

Wäre der Krieg, der vor 44 Jahren begann, unterblieben, wenn die beteiligten Nationen schon über Atomwaffen verfügt hätten - Hitler oder kein Hitler? Hätte der lange Frieden zwischen Europas Großmächten vor 1914 nie geendet, hätte er fortgedauert bis in unsere Tage, wenn die Vernichtungsgewalt der gespaltenen Materie bereits am Anfang dieses Jahrhunderts entdeckt und allerseits greifbar gewesen wäre? Die Antwort auf beide Fragen müßte »ja« lauten, wenn wahr wäre, was die Advokaten der atomaren Abschreckung mit rituellem Beharren wiederholen und was die meisten von uns Zeitgenossen zu lange selbst geglaubt haben und noch immer glauben und glauben wollen: daß der Frieden in Europa seit 1945 allein auf der Schrecklichkeit der atomaren Waffen beruhe; daß es ohne diese Waffen längst auch auf unserem Kontinent zu einem neuen verheerenden Krieg der konventionellen Art gekommen wäre; daß der Frieden oder Nichtkrieg nur als »kräftiges Kind des Schreckens« (Winston Churchill) zu haben und zu erhalten sei.

Es war beruhigend, diesem Glaubensbekenntnis anzuhängen. Es schien die Klarheit und Kraft eines alttestamentlichen Gottesurteils zu haben: Die Urgewalt des Atoms zwingt die verfeindeten Völker und ihre Führer zur Vernunft - bei Strafe der Selbstvernichtung. Erst das unentrinnbare nukleare Verhängnis vermag die Streitsucht und Mordlust der Menschenmänner niederzuhalten - doch dies um so zuverlässiger.

Der Einschnitt zwischen der blutigen Vergangenheit und dem atomaren Angstfrieden in Europa schien radikal und unwiderruflich.

Er ist es nicht. Denn von Tag zu Tag ist deutlicher zu sehen, wie der paradoxe Glaube an die rettende Atomdrohung in Widerspruch zur Wirklichkeit gerät und wie einfältig es ist, zu hoffen, der nukleare Horror könne die Menschenmänner dauerhaft vor sich selbst und ihrem Irrsinn bewahren.

Ganz unabweisbar tritt zutage, wie wenig selbst die Nukleargewalt gegen die Unvernunft der großen und kleinen Machtmenschen auszurichten imstande ist und wie nahe uns deshalb die »beispiellosen Katastrophen« gerückt sind, die Albert Einstein so nachdrücklich vorausgesagt hat wie Gandhi.

Die Advokaten der atomaren Abschreckung schütteln ob solcher Sorgen die Köpfe. Sie zürnen der Friedensbewegung, weil sie mit der völlig unbegründeten Furcht vor der Apokalypse agitiere. Sie beruhigen uns wie Christoph Bertram in der »Zeit": »Der Weltuntergang steht nicht bevor« - als ob der Untergang Mitteleuropas für unsere Bedürfnisse nicht schon genügte; als ob ein Weltuntergang, der erst in zwanzig oder dreißig Jahren stattfindet, uns nicht zu kümmern brauche.

»Sicherheit ist möglich«, erklärt Gerd Bucerius uns barsch und offenbar unberührt von jeder Ahnung, er könne der Mann sein, der auf einer blind dahinstürmenden »Titanic« Vorträge über die Unsinkbarkeit moderner Ozeandampfer hält. Denn die Advokaten der atomaren Abschreckung, die sich unentwegt als knallharte Realisten aufspielen, sind in Wahrheit wirklichkeitsfremder als der versponnenste Ökopax-Fuzzy.

Sie sind Nachfahren von Morgensterns närrischem Wunschdenker Palmström, der zutiefst überzeugt war, daß »nicht sein kann, was nicht sein darf«. Sie sind Wundergläubige - oder sich selbst betrügende Betrüger -, die uns die fadenscheinigste und gefährlichste aller Utopien aufnötigen wollen: die Utopie vom ewigen Abschreckungsfrieden; die Utopie, daß es nie mehr Krieg in Europa und nie einen Atomkrieg geben wird, ganz gleich, wie töricht Politiker und Militärs reden und handeln mögen. Die nuklearen Gurus verheißen uns das Nirwana schon hier auf Erden: Nichts wird passieren, und zwar für immer.

Um das glauben zu können, müssen sie ignorieren, was die Geschichte lehrt; müssen sie die Augen verschließen vor allem, was heute strategisch und waffentechnisch geplant und produziert wird; müssen sie die elementare Einsicht verleugnen, die ihrem Schreckensfetischismus entgegensteht. Denn die Vernunft - erstens - braucht keine Atomwaffen, um zu erkennen, daß ein neuer Großmacht-Krieg in und um Europa absolut unerträglich wäre. Die Unvernunft - zweitens - aber läßt sich auch von nuklearen Vernichtungspotentialen nicht daran hindern, Krieg wieder möglich zu machen, den Krieg zu retten, den Krieg auch für die Zukunft als ultima irratio lebendig zu erhalten.

Schon 1648 war klar, daß religiösideologisch motivierter Krieg auf Völkermord hinausläuft. Um sieben Millionen schrumpften die 21 Millionen Deutschen, die auf dem Schlachtfeld Mitteleuropa lebten, in den dreißig Mordjahren. Daraufhin bemühten sich die europäischen Fürsten, ihre Kriege nach Einsatz und Risiko zu begrenzen und die Zivilbevölkerung, außer daß sie dafür zahlen mußte, möglichst zu verschonen.

Schon 1815 war klar, daß ein allgemeiner Großmächte-Krieg in Europa nur Verlierer hinterläßt. Napoleons Schlacht- und Machthunger hatte Europa bis an die Moskwa kahlgefressen und nur erreicht, daß am Ende auch die Sieger ruiniert waren. Wenn die Konflikte zwischen den Staaten künftig alle derart außer Kontrolle gerieten, dann war auch ohne moderne Tötungstechniken abzusehen, daß die Staaten sich bald gar keinen Krieg mehr würden leisten können.

Entsprechend stark und anhaltend war der Abschreckungseffekt nach Napoleons Waterloo und durch das ganze 19. Jahrhundert hindurch: Keine 99 Jahre der Neuzeit kannten so wenige und so begrenzte Feindseligkeiten wie die 1815 bis 1914. Mit äußerster Umsicht zog Bismarck seine drei Kriege durch, um einen europäischen Großbrand zu vermeiden - und säte mit der Demütigung Frankreichs 1871 dennoch die Saat des Unheils. Die unmittelbaren Risiken des Konflikts hatte er gerade noch in der Hand, aber nicht die Konsequenzen. _____« Wenn der Krieg, der seit mehr als zehn Jahren wie ein » _____« Damoklesschwert über unseren Häuptern schwebt, je » _____« ausbricht, dann sind seine Dauer und sein Ausgang nicht » _____« vorhersehbar. Die größten Mächte Europas, gerüstet wie » _____« nie zuvor, werden sich dann gegenüberstehen. » _____« Keine Macht kann in ein oder zwei Feldzügen so » _____« vollständig bezwungen werden, daß sie sich geschlagen » _____« bekennen muß und einen Frieden mit harten Bedingungen » _____« abschließt. Es mag ein Siebenjähriger Krieg sein, es mag » _____« ein Dreißigjähriger Krieg sein - wehe dem, der Europa » _____« zuerst in Brand setzt ... »

Dies schrieb 1890, ein Jahr vor seinem Tod, Bismarcks großer Stratege Helmuth von Moltke. Der Feldherr, der alle seine Siege noch in »ein oder zwei Feldzügen« hatte erfechten können, erkannte schon damals, daß die neue Ära der Massenarmeen und der industriellen Rüstung den Krieg unabsehbar, unberechenbar und rational nicht mehr führbar macht. Ein Vierteljahrhundert vor der Katastrophe von 1914 begriff er, was Franz Josef Strauß heute atomgläubig verkündet: »In Europa hat der Krieg keinen Platz mehr.«

Der alte Moltke war nicht allein. Der Sozialist Engels und der Anti-Sozialist

Spencer in England stimmten ihm zu. Der politische Schriftsteller Norman Angell rechnete 1910 vor, daß ein Krieg allein aufgrund der wirtschaftlichen Verflechtungen der europäischen Nationen den Bankrott aller - auch der militärischen Sieger - heraufbeschwöre. Sigmund Freud in Wien hielt einen Orlog der aufgeklärten Industriestaaten für ausgeschlossen, und in London kursierte, während die Spannungen stiegen, das geflügelte Wort: »War is unthinkable.«

Für die Vernunft reichte die Abschreckung schon vor 1914 und ganz ohne Atombombe allemal aus, nicht aber für die Unvernunft, für militaristische Engstirnigkeit. Denn am stärksten abgeschreckt hätten die Deutschen sein müssen mit starken Nachbarn im Westen und Osten und einem nach den Zahlenverhältnissen ungewinnbaren Zweifrontenkrieg vor Augen.

Doch gerade der preußisch-deutsche Generalstab verfiel der Einbildung, er könne den objektiv ungewinnbaren Konflikt dennoch führbar und gewinnbar machen dadurch, daß er die Realität der Zahlen und der Geographie durch militärische Kühnheit außer Kraft setzt. Nichts anderes bedeutete der Schlieffen-Plan, mit dessen Hilfe das Reich seine kontinentalen Hauptgegner nacheinander und blitzgeschwind k. o. schlagen wollte - erst Frankreich, dann Rußland. »Victory is possible« hätte der Schlieffen-Plan überschrieben sein können wie die notorische Studie der Atomstrategen Colin S. Gray und Keith Payne über den gewinnbaren Nuklearkrieg: Sieg sei wider alle Wahrscheinlichkeit möglich.

Der Schlieffen-Plan verschrieb das Reich einem halsbrecherischen Wagnis, das kein seriöser Staatsmann hätte akzeptieren dürfen. Der Plan ging denn auch schief. Er machte nicht den Sieg möglich, wohl aber den Krieg, den die Vernunft schon für »unthinkable« hielt und der in der Tat unausdenkbar schrecklich wurde.

Nein, es bedurfte keines Hitlerkriegs und keiner Atombombe. Die »Blutpumpe« Verdun, das Trommelfeuer an der Somme, die verwesenden Haufen zerfetzten Menschenfleisches im Schlamm von Flandern, das Millionenmassaker zwischen Völkern, die sich für christlich hielten - all das bewies den meisten Europäern zur Genüge, daß »der Krieg in Europa keinen Platz mehr hat«.

In dieser schlichten Überzeugung bestand der von den Geißlers heute verleumdete »Pazifismus« der dreißiger Jahre. Ich erinnere mich sehr gut, wie meine Eltern und ihre Freunde um keinen Preis wahrhaben wollten, daß Hitler auf einen neuen Krieg lossteuerte. »Der Führer kann gar keinen Krieg wollen«, beteuerten sie einander. »Er war Frontsoldat. Er weiß doch, was Krieg bedeutet.« Es klang ähnlich, wie wenn deutsche Politiker und Leitartikler uns heute versichern, niemand könne ein Interesse an einem wie auch immer begrenzten Atomkrieg haben.

Hitler wußte zwar aus eigener Anschauung, was Materialschlacht und Grabenkampf bedeuten. Aber nicht, weil er von Sinnen war, hatte er keine Furcht vor einem neuen Krieg; er fürchtete ihn nicht, weil er und seine militärischen Helfer sich ein eigenes Konzept eingeredet hatten, wie sie den Krieg wieder führbar und eindeutige Siege wieder möglich machen wollten.

Auch Hitler wollte einen neuen Zweifronten-, Stellungs- und Zermürbungskrieg unbedingt vermeiden. Mit Panzern und motorisierter Infanterie wollte er ohne große Verluste rasche Entscheidungen erzwingen. Er und sein Panzergeneral Guderian glaubten an Husarenritte auf Kampfwagen, an begrenzbare »Blitzfeldzüge«. Seine Gegner in Paris und London sahen mit Recht nur eine verschlimmerte Wiederkehr des Massensterbens von 1914-18 voraus.

Sie waren abgeschreckt, weil der moderne Krieg für sie auch ohne Atomwaffen nur in äußerster Notwehr zu rechtfertigen war. Hitler und seine Gefolgsleute waren unabgeschreckt, weil sie sich tödliche Illusionen über die Kontrollierbarkeit der Methode »Blitzkrieg« machten. Daß er sich täuschte und aus seiner Verblendung heraus rücksichtslos handelte, während seine Gegner der Gefahr gemäß Zurückhaltung übten - darin allein bestand Hitlers anfängliche Überlegenheit.

Das ist Geschichte. Doch das, worum es heute geht, läßt sich mit dem Schlieffen-Plan und dem Blitzkrieg-Konzept durchaus vergleichen. Denn was die gegenwärtige amerikanische Regierung und die Männer im Pentagon erstreben, ist nicht eine stabile und vertraglich gesicherte gegenseitige Abschreckung. Sie streben danach, weniger abgeschreckt zu sein als der Gegner, die Abschreckung zu unterlaufen und für sich selbst außer Kraft zu setzen wie die Schlieffen-Planer, wie Hitlers Panzergeneräle.

Caspar Weinbergers »war planners« streben mit ihrem gigantischen Rüstungsprogramm nach der Fähigkeit, der Sowjet-Union einen Krieg anzudrohen, den die Sowjetführer mehr fürchten müßten als die Amerikaner: einen »weltweiten Krieg« (wie es in der »Leitlinie 1984-88« des Pentagons heißt), der gleichwohl auf Europa und Asien beschränkt bleibt und das Territorium der Vereinigten Staaten so ungeschoren läßt wie in den ersten beiden Weltkriegen. _____« Im Nato-Bereich, im Nahen Osten und in Korea muß » _____« unsere Defensiv-Strategie darüber hinausgehen, der » _____« anderen Seite einfach nur den Sieg zu verweigern; sie muß » _____« statt dessen einen definierbaren, erkennbaren (wenn auch » _____« vielleicht begrenzten) Sieg der Verteidiger fordern. » _____« Den feindlichen Führern muß klar zu verstehen gegeben » _____« werden, daß es, wenn sie zu militärischen Maßnahmen » _____« greifen, keinen Status quo ante bellum (Vorkriegszustand) » _____« mehr geben wird, der wiederherzustellen wäre. Vielmehr » _____« wird die Lage, die sie selbst geschaffen haben, aufgrund » _____« neuer Bedingungen bereinigt werden. »

So steht es in der neuen US-Heeresdoktrin »AirLand Battle«. Sie beschreibt, wie die amerikanischen Streitkräfte auf dem »zentraleuropäischen Schlachtfeld«, in Nahost und Fernost mit taktischen und regionalen Atomwaffen, auch mit chemischen Kampfstoffen »erkennbare Siege« erkämpfen - Siege, die die Sowjetführung werde hinnehmen müssen, weil sie erst recht nichts zu gewinnen hätte, wenn sie den Krieg nach Amerika trüge.

Eine solche wiederum führbar, begrenzbar, gewinnbar gemachte Auseinandersetzung, noch dazu mit Atomwaffen, hat der namhafte australische Strategieforscher Desmond Ball eine »Schimäre« genannt. Er hat recht. Aber auch der Schlieffen-Plan, auch der Blitzkrieg waren Schimären. Gerade deshalb haben die von diesen Schimären beherrschten Männer soviel Unheil heraufbeschworen - und könnten es wieder tun.

Die Palmströms in den Redaktionen und Parlamenten, die Gurus des ewigen Atomfriedens wollen das nicht wahrhaben. Doch wenn die grelle und gierige Feindseligkeit zwischen den Supermächten weiter steigt, wen von uns könnte es dann im Ernst überraschen, wenn es nach dem nächsten, dem übernächsten, dem zwölftnächsten ostwestlichen Zwischenfall wirklich losginge?

»Der Krieg zwischen den Supermächten beginnt irgendwo in der Dritten Welt, wahrscheinlich im Nahen Osten, vielleicht auch über der Beringstraße«, sagt der Pentagon-kritische amerikanische Konteradmiral a. D. Gene La-Rocque. »Aber die eigentliche Party findet in Europa statt.«

Daß es dem normalmenschlichen Verstand schon um der Seelenruhe willen schwerfällt, sich so etwas vorzustellen, hat leider keine aufschiebende oder gar verhütende Wirkung. Wer konnte sich 1914 vorstellen, daß auf einigen Quadratkilometern vor Verdun in wenigen Monaten 500 000 Männer verrecken würden - für nichts und wieder nichts? Wer konnte sich im Sommer 1939 vorstellen, wie Deutschland im Sommer 1945 aussehen würde?

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