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Artikel 39 / 81

»WAS DENKEN DIE SOLDATEN, WENN SIE STERBEN?«

aus DER SPIEGEL 47/1966

Innerhalb weniger Stunden wurde im Mai dieses Jahres ein amerikanischer Infanterie-Zug beim Hubschrauber-Landeplatz Hereford in Vietnam von Vietcong aufgerieben. Entgegen der Annahme der Amerikaner hatte der Feind sich nicht in den Dschungel zurückgezogen, sondern einen Hinterhalt gelegt. Die Entsatz-Verbände kamen zu spät. Nur vier von 22 GIs überlebten. Der amerikanische Brigadegeneral a. D. und Kriegshistoriker S. L. A. Marshall hat das Drama von Hereford nachgezeichnet. Seinem Bericht in der Zeitschrift ,Harper's Magazine' ist der folgende Auszug entnommen.

Der Überfall ereignete sich auf einem Kampffeld östlich des Vinh-Thanh -Tals. Dieses Gebiet gehört zu den am höchsten gelegenen Flecken des zentralen Hochlandes von Vietnam und war lange Zeit unumstrittenes Vietcong-Gebiet.

Ein großer Teil der ersten amerikanischen Kavallerie-Division hatte ihren befestigten Stützpunkt bei An Khé verlassen, um weiter nach Nordosten vorzudringen. Nach sieben Tagen Kampf in den dschungelbedeckten Bergen war es den GIs gelungen, den größten Teil der Vietcong-Einheiten im Vinh-Thanh-Tal aufzureiben; in der Nacht des 20. Mai schien der Feind sich in alle Richtungen zu zerstreuen und im Dschungel Unterschlupf zu suchen.

In der Landezone Hereford, einem abschüssigen Gelände am Rande eines langen Bergkammes, fühlten sich die Amerikaner besonders sicher. Die Truppen bewegten sich dort nahezu ungeniert. Man hielt es für unwahrscheinlich, daß sich die Vietcong dieses Gebiet für einen Angriff aussuchen würden.

Hauptmann Don F. Warren sollte mit dem größten Teil seiner Kompanie von Hereford aus bergabwärts weiter durch

den Wald und über den Fluß vorrücken, der Granatwerferzug aber sollte in Hereford bleiben, um der Kompanie bei ihrem weiteren Vormarsch mit einem 81-Millimeter-Werfer Deckung zu geben.

Den 22 Mann starken Zug führte Feldwebel Robert L. Kirby, ein 29jähriger Neger aus Los Angeles. Er galt als einer der tapfersten Männer seiner Brigade.

Sein Zug war zahlenmäßig nicht stark, aber allem Anschein nach ausreichend bewaffnet. Jeder hatte 300 oder mehr Schuß für sein M-16-Gewehr und zwei bis vier Handgranaten. Für seinen 81 -Millimeter-Granatwerfer hatte Kirby allerdings nur 18 Schuß zur Verfügung, zusammen mit dem Werfer war das gerade so viel, wie die Männer tragen konnten. Sobald die absteigende Kompanie außer Reichweite war, sollte der Zug mit einem Hubschrauber abtransportiert werden.

Sam Castan, ein Redakteur der Illustrierten »Look«, wollte ergründen, was Soldaten beim Sterben denken, und entschloß sich deshalb, mit Kirby in Hereford zu bleiben. »Wenn überhaupt etwas passiert, dann passiert es hier«, sagte er zu Kirby.

Das Schlimme war, daß Kirby nicht genug Leute hatte, um seine Stellung nach allen Seiten hin abzuschirmen. Nach oben hin, direkt am Rande des verteidigten Geländes, blieben sie ungedeckt. Dort war eine weite Strecke mit Elefantengras bewachsen, das 1,80 bis 2,50 Meter hoch stand. Nach unten schaute man etwa neun Meter auf ein mit hohen Gräsern bewachsenes Feld. Alles war grün, nur die Waffen hoben sich ab.

Kirby war weniger um seinen Zug besorgt als um Castan. Die Soldaten lagen flach am Boden, der Korrespondent jedoch ging aufrecht von einem zum andern, machte Aufnahmen und stellte Fragen.

Gegen 13 Uhr eröffnete der Zug mit dem 81-Millimeter-Granatwerfer (Schußweite 800 Meter) das Deckungsfeuer für die absteigende Kompanie. Eine Stunde später teilte Warren über Funk mit: »Innerhalb von 30 Minuten werden Sie von Hubschraubern abgeholt.« Warren und auch Kirby rechneten fest damit.

Feldwebel Louis Buckley und der Gefreite Taste waren schon dabei, die Wasserkanister und die anderen Sachen für den Flug ins Tal zusammenzusuchen. Ohne Deckung gingen sie wie Castan hin und her. Die anderen, einschließlich Kirby, blieben in ihren Schützenlöchern - nicht etwa aus besonderer Vorsicht, sondern einfach aus Routine.

Da geschah es, ohne jede Vorwarnung. Es muß gegen halb drei gewesen sein. Aus einer Entfernung von nur 45 Meter eröffnete ein schweres Maschinengewehr von der Anhöhe her das Feuer auf Kirbys Leute. Dann folgte von drei Seiten Gewehrfeuer aus dem dichten Elefantengras.

Kirby wußte sofort, daß er umzingelt war. Er rief seinem Funker John F. Spranza zu: »Ruf die Kompanie. Sie soll zurückkommen. Wir werden angegriffen.« Die Meldung erreichte Hauptmann Warren. Er erinnerte sich später an die Worte: »Kommt zurück, wir werden angegriffen.«

Ohne einen Augenblick Zeit zu verlieren, funkte Warren an Leutnant Robert McClellan vom ersten Zug, der die Nachhut der langgezogenen Kolonne führte: »Kehrt, und zurück zum Hügel!«

Auf dem Abhang von Hereford waren die meisten von Kirbys Männern nach zehn Minuten tot. Aber er selbst wußte es noch nicht. Das Abwehrfeuer wurde immer schwächer.

Feldwebel Isaac Johnson, ein 27jähriger Neger, hatte gerade am Granatwerfer hantiert, als der Kampf begann. Er hörte, wie jemand schrie: »Sie kommen aus den Wäldern!« Als er versuchte, den Werfer umzudrehen, um in Richtung auf den Hügel zu schießen, bemerkte er in seiner Aufregung nicht, daß der Werfer schon durchschossen war. Auf dem Bauch rutschte er nach links hinüber und ließ sich in ein Schützenloch fallen.

Er sah, wie von oben 40 bis 50 Vietcong aus der Waldung gestürmt kamen und dann im Elefantengras verschwanden. Sie waren teilweise getarnt und trugen Hemden in allen Farben. Als er nach unten schaute, sah er dort ebenso viele feindliche Soldaten. Die einen krochen, flach auf dem Bauch liegend, durch das Gras, die anderen hockten. Sie schossen unaufhörlich.

Von dem nächsten Schützenloch aus feuerten die Gefreiten Henry Benton und Joe L. Tamayo abwechselnd einmal nach oben, einmal nach unten. Immer wenn sie abdrückten, schrien sie. Johnson sah sie zum letztenmal, als ihnen die Munition ausging und er auf der Suche nach einem Magazin zur Granatwerferstellung zurückkroch. In der Stellung befanden sich vier Männer, die ihre Köpfe eingezogen hatten, um sich gegen die einschlagenden Kugeln zu schützen. Das Maschinengewehr und mindestens zwei automatische Gewehre waren direkt auf die Stellung gerichtet. Sie wurde allmählich zerschossen.

Für Feldwebel Paul Buckloo, der schon seit 22 Jahren der Army angehörte, war es der erste Kampf-Einsatz. Schon bei Eröffnung des Feuers wurde sein Körper völlig durchlöchert. Er taumelte über den Stützpunkt hinweg, verschwand im Elefantengras und wurde nie mehr gesehen.

Feldwebel - Johnson konnte sein Reservemagazin nicht finden. Statt dessen griff er nach einem M-16, das noch 15 Schuß hatte. Er nahm es aus der Hand des toten Feldwebels Shepherd. Als er die 15 Schuß verschossen hatte, kroch er zurück zur Granatwerferstellung und schrie: »Kommt heraus! Ihr werdet alle getötet!« Keine Antwort; er war einige Minuten zu spät gekommen. In der Granatwerferstellung waren nur noch vier Tote mit durchschossenen Köpfen.

Im Schützenloch nebenan, in dem auch Kirby kauerte, sah es nicht viel anders aus. Eine Rakete - die russische P-40, die so langsam fliegt, daß man ihre Flugbahn mit dem Auge leicht verfolgen kann - kam in hohem Bogen direkt auf sie zu. Kirby sah sie kommen und schrie: »Paßt auf!« Im gleichen Augenblick schrien auch Austin L. Drummond und David S. Crocker eine Warnung.

Die Rakete explodierte links neben ihnen, bevor sich jemand rühren konnte. Crocker war auf der Stelle tot, ein Splitter hatte ihm den Kopf zerschmettert, Drummond war am linken Arm und am linken Bein schwer getroffen.

Das Blut spritzte derart aus seinen Wunden, daß Kirby - viermal am Kopf getroffen und dennoch bei Bewußtsein - wußte, daß es nicht mehr lange mit ihm dauern würde.

Unter ungeheuren Schmerzen versuchte Drummond aufzustehen. Kirby zog ihn wieder hinunter. Drummond brüllte ihn an: »Laß mich gehen, ich habe Schmerzen! Ich habe solche Schmerzen!« Kirby zog ihn hinunter. Innerhalb einer Minute starb er unter Kirbys Körper.

Aus seinen Kopfwunden floß Kirby Blut in die Augen, aber der kleine Feldwebel konnte noch sehen und denken Er brüllte zu seinem Funker Spranza hinüber: »Ruf die Kompanie. Sag, daß ich getroffen bin, daß wir unter Granatwerfer- und Raketenbeschuß liegen. Wir brauchen Artillerie.« Spranza tat, was er konnte.

Hauptmann Warren, der sich nach oben durchkämpfte, erinnerte sich an

folgenden Bruchteil der Meldung: »Wir werden mit Raketen und Granatwerfern beschossen.« Er konnte sich nicht mehr entsinnen, daß Spranza auch Geschützfeuer und Luftartillerie verlangt hatte. Jedenfalls leitete er die Botschaft an den Kommandoposten in der Landezone Savoy weiter; Sprinza erhielt die Antwort: »Es ist unterwegs.«

Das waren die letzten Worte. Dann riß die Funk-Verbindung zwischen der Kompanie und dem Zug ab - vermutlich, weil ein dazwischenliegender Berg die Wellen nicht mehr durchließ. Zu diesem Zeitpunkt hatten die ersten Männer aus Warrens Zug den halben Weg nach Hereford zurückgelegt. Warren hatte angeordnet, die Artillerie solle nicht direkt auf Hereford selbst schießen. Da Kirby keine Verluste gemeldet hatte, glaubte der Hauptmann immer noch, daß die 22 Mann das unstrittene Gelände hielten.

Major Otto Cantrell, der stellvertretende Kommandeur des ersten Bataillons der 12. Kavallerie-Division, war mit einem Hubschrauber von An Khan aus gestartet und befand sich zufällig in der Nähe, als er Warrens Stimme in seinem Kopfhörer hörte: »In Hereford ist ein Zug überrannt worden.« Er flog direkt über den Kampfplatz und kreiste dort, konnte aber weder Freund noch Feind ausmachen.

Es wollte nicht in seinen Kopf, daß ein ganzer amerikanischer Zug vom Erdboden verschwunden war. Er ging bis auf 300 Meter tief und flog eine kurze Schleife. Das Bild, das sich ihm in diesen wenigen Sekunden bot, ließ seine Verwirrung noch größer werden. Er sah, wie eine Kompanie schwarzgekleideter Männer auf dem Bergkamm oberhalb von Hereford auf das Kampffeld zumarschierte.

Die schwarzgekleideten Männer identifizierte er als Feinde. Aber wo waren die Amerikaner, wenn nicht in Hereford? In diesem Augenblick hörte er eine bekannte Stimme in seinem Funkgerät: »Bitte, bitte beeilt euch. Ihr müßt euch beeilen.« Das war Spranzas letzte Botschaft, aber Cantrell konnte auch das nicht wissen.

Während des ganzen Gefechtes hatte Kirby den »Look«-Korrespondenten Castan natürlich völlig vergessen. Er erinnerte sich nur noch daran, wie Castan zu ihm herübergekrochen kam und fragte: »Verdammt noch mal, wie kommen wir hier wohl wieder heraus?«

Kirby gab keine Antwort. Castan: »Ich muß eine Waffe haben.« Ohne ein Wort zu sagen, gab ihm Kirby seine eigene Magnum-Pistole. Das einzige, was Castan dann noch sagte, war: »Feldwebel Shepherd ist tot.« Seine Wißbegier, die Gedanken der Männer zu erforschen, die dem Tod ins Gesicht sehen, war verflogen. Als die ersten Schüsse knallten, hatte er Shepherd auszufragen versucht. Der plötzliche Tod dieses Soldaten aber, die erste Begegnung mit der Wirklichkeit, versetzte ihm den ersten Schock.

Nach 20 oder 25 Minuten kam das Feuer fast nur noch aus einer Richtung. Neben Kirbys Stellung krochen die feindlichen Schützen, nur etwa 4,50 Meter entfernt, durch das Elefantengras: aus den Schüssen konnte man schließen, daß sie sich sammelten, um dann vorzustürmen. Kirby konnte die einzelnen Gestalten nur ungenau wie durch einen Nebel erkennen, einmal ragte ein Arm, dann wieder ein Kopf aus dem Gras heraus.

Kirby warf, so schnell er konnte, drei Handgranaten in diese Richtung. Ihre Explosionen schienen das Nahfeuer zu dämpfen, aber noch nicht einmal für 60 Sekunden. In diesem Augenblick wußte Kirby, daß sich der Ring geschlossen hatte, daß an dem unteren Abhang im Elefantengras zwischen ihm und der Kompanie ebenfalls feindliche Schützen darauf lauerten, sie zu töten.

Trotzdem rief er: »Los, versuchen wir's:«

Und schon rollte er sich aus dem Schützenloch den Abhang hinunter, Castan war direkt vor ihm gesprungen und lief ohne Deckung in aufrechter Haltung los. Gefreiter Taste und Soldat Spikes aus dem Schützenloch über Kirby folgten ihm. Der eine ließ sich einfach den Abhang hinunterrollen, der andere lief, so schnell er konnte.

Johnsons Gesicht war eine blutige Maske. Drei Granatsplitter hatten ihn - allerdings nicht sehr schwer - getroffen. Er hatte keine Waffe mehr und geriet in Panik. Mit einem Satz sprang er auf einen Felsvorsprung am Abhang von Hereford und ließ sich hinunterrollen. Es waren wohl 150 Meter Felsgestein, über die er sich fallen ließ.

Dort, wo er liegenblieb, sickerte ein Bach - nicht breiter als Johnsons Handfläche. Er kroch etwa 18 Meter weit am Bach entlang, bis ihm Dschungeldickicht den Weg versperrte. Dort sammelte er Pflanzen und Gehölz um sich herum und legte sich mit dem Gesicht platt ins Wasser. Über ihm ging der Kampf der wenigen Überlebenden weiter und wurde immer heftiger.

Sie kamen einzeln aus ihren Schützenlöchern, liefen an den felsigen Abhang, wo ein schmaler Pfad nach unten führte. Man kann es immer wieder beobachten: Angst und Herdentrieb verleiten die Menschen, sich zum Schutz vor Beschuß dicht aneinanderzudrängen. Sie tun damit das Falscheste, was man tun kann, denn dadurch liefern sie dem Feind ein gutes Ziel.

Funker Spranza wurde als erster getroffen, noch während er sich dem Abhang näherte. Kirby ließ sich immer, noch weiterrollen, andere krochen dicht am Boden. Castan blieb aufrecht.

»Ich bin getroffen«, schrie Spranza und brüllte wie ein Panther. Es waren drei Kugeln, eine Im Kopf und je eine in den Beinen. Wie durch ein Wunder lebte er noch und ging nun in aufrechter Haltung weiter.

Castan schrie zurück: »Verdammt, alle sind getroffen!« Die anderen wußten das noch nicht. Castan selbst war von einer Kugel am Arm und von einigen Splittern im Rücken erwischt worden, sagte aber keinen Ton. In seinen letzten Minuten hatte der Korrespondent den Mut eines Löwen.

Spikes schrie: »Ich bin getroffen!« Eine Kugel hatte seinen rechten Arm durchschlagen.

Sie waren etwa sieben Meter weit in die Felsschlucht gekommen, als Spranza wieder schrie: »Haltet an, wir laufen ihnen direkt in die Arme.« Kirby hatte damit gerechnet und bewegte sich keinen Zentimeter weiter. Castan stürmte mit großen Schritten vorwärts, direkt auf den Pfad zu, der durch das Elefantengras nach unten führte. Er war fest entschlossen, und Kirby versuchte nicht, ihn zu warnen.

Ein feindlicher Schütze stand - das Gewehr im Anschlag - mitten auf dem Pfad. Obwohl Castan keine 15 Meter von ihm entfernt war, konnte Kirby nicht sehen, wie er fiel, da sein Körper ganz im Gras verschwand. Aber er hörte den dumpfen Aufschlag. Die Kugel hatte seine linke Schläfe durchbohrt.

Kirby konnte nun hören, wie sich feindliche Soldaten näherten - er hörte ihre Reden, das Klirren ihrer Waffen. Er hatte sich geduckt, ebenso Spranza, Spikes und Taste. Keiner von ihnen schoß; ihr einziger Gedanke war, sich in dem Gras zu verstecken, das 60 Zentimeter höher war als ein ausgewachsener Mann. Taste starb langsam, zwei Kugeln im Hals, unzählige Granatsplitter im Rücken. Obwohl er bei vollem Bewußtsein war, klagte er nicht, er bat nur um Wasser, aber Wasser gab es nicht.

Die feindlichen Schützen kamen immer weiter herauf und schlugen das Gras an beiden Seiten nieder. Kirby sah, wie sieben von ihnen direkt auf ihn zukamen, keine drei Meter mehr von ihm entfernt, und er wußte, sie hatten ihn entdeckt. Er hatte immer noch seine M-79-Gewehr-Granaten. Ebenso Spikes. Sie schossen im selben Augenblick, fünf Feinde wurden getötet; die beiden anderen krochen, blutige Spuren hinterlassend, zurück.

Ein anderer Vietcong näherte sich ihnen von links, mit einer automatischen Pistole bahnte er sich einen Weg durch das Gras. Kirby hatte immer noch sein M-79-Gewehr unter den Arm geklemmt; wieder traf eine Kugel sein rechtes Handgelenk. Der feindliche Schütze kam auf sie zu und starrte ihnen direkt ins Gesicht. Spikes schoß. Der Abstand war so kurz, daß die Granate nicht explodierte. Allein durch den Schwung zerschmetterte sie den Kopf des Mannes.

Ein zweiter Vietcong kam von links, er brauchte sich nur umzuwenden und wäre fast über sie gestolpert. Kirby tötete ihn aus einer Entfernung von anderthalb Metern. Gleichzeitig näherten sich zwei weitere Gruppen von links und rechts. Kirby nahm zwei Handgranaten von Spranza, der nun völlig am Ende war, und warf sie mit seinem verwundeten Arm in beide Richtungen. Er wußte nicht, wie viele Gegner er getötet oder ob er überhaupt jemanden getroffen hatte; Er wußte nur, daß sie zurückwichen, das Feuer ließ augenblicklich nach.

Während dieses tödliche Versteckspiel weiterging, wurde die Hereford-Landezone von den US-Stützpunkten im Tal mit einer 105-Millimeter- und einer 155 -Millimeter-Haubitze unter Beschuß genommen.

Man wird wohl nie klären können, ob es besser gewesen wäre, das Feuer eher zu eröffnen. Man konnte Hereford erst unter Beschuß nehmen, nachdem die Amerikaner ihre Position dort aufgegeben hatten. Dieser Zeitpunkt war jedoch nur ungefähr festzustellen. Jetzt erreichte man, daß der Feind immer weiter in die Grasfläche zurückwich. Dort aber hatten Kirby und seine Kameraden Deckung gesucht.

Das Spiel ging weiter. Von unten her nahm der Vietcong das Gelände mit einem Maschinengewehr unter Beschuß, das Gras neben ihnen wurde geradezu abgemäht. Kirby warf sich noch gerade im rechten Augenblick flach zu Boden, die Kugeln zischten direkt über seinen Kopf hinweg. Spikes war um einige Sekunden zu langsam. Er wurde am Kopf getroffen. Das Geräusch sagte alles. Kirby, nur etwa 60 Zentimeter von ihm entfernt, brauchte nicht hinzusehen, um zu wissen, daß er tot war.

Kirby kroch etwa drei Meter tiefer und suchte nach einer Waffe. Vielleicht hatte der Feind eine liegenlassen. Er hatte keinen Schuß Munition mehr und als einzige Waffe eine Leuchtpistole. So legte er sich flach auf den Rücken.

Ein Vietcong näherte sich, er teilte das Gras und schaute direkt auf ihn hinunter. Kirby rollte sich zur Seite und schoß gleichzeitig von unten herauf. Der Schuß aus der Leuchtpistole traf den auf ihn herabstarrenden Mann aus einer Entfernung von nicht einmal einem Meter direkt zwischen die Augen. Durch die, Explosion wurde der Körper herumgewirbelt. Kirby wartete nicht ab, um mehr sehen zu können. Er kroch zurück zu Spranza. Wenn er schon sterben müßte, allein wollte er nicht sterben.

Keiner von ihnen sagte ein Wort. Es gab nichts zu sagen. Sie dachten, sie seien die einzigen Überlebenden, aber sie irrten sich. Johnson lag noch, das Gesicht am Boden, in seinem Bach. Unter dem Abhang her kam eine andere Gruppe Vietcong direkt auf Kirby und Spranza zu. Kirby wartete nicht,

bis sie da waren. Da er keine Waffe hatte, kroch er - von ihnen unbemerkt

- durch das Elefantengras weiter nach

oben und ließ den stöhnenden Spranza allein zurück.

Die Vietcong stolperten geradezu über den Funker. Er stellte sich tot. Sein Kopf war blutüberströmt, ei ne Kugel war durch sein linkes Ohr hinein- und durch seine Nase wieder hinausgegangen. So war es weniger verwunderlich, daß er die Vietcong täuschen konnte, als daß er noch bei Bewußtsein und zum Denken fähig war. Sie drehten ihn um, durchsuchten seine Taschen, nahmen seine Brieftasche, sein Messer und seine Zigaretten und gingen weiter. Spranza war am Ende seiner Kräfte und blieb wie leblos liegen.

Kirby hatte das Sperrfeuer auf Hereford gar nicht wahrgenommen, obwohl es schon zehn Minuten andauerte. Jetzt, als er weiter nach oben kroch, hörte er endlich die Explosionen. Das

gab ihm seine Entschlußkraft zurück. Am besten würde er direkt auf die Einschläge der US-Granaten zukriechen; dort würden keine Vietcong mehr sein.

Als er den halben Weg in Richtung Stützpunkt zurückgelegt hatte, setzte das Feuer plötzlich aus. Er wußte nicht, was das zu bedeuten hatte, und kroch weiter. Es war ein äußerst mühseliger Aufstieg, da nun seine letzten Reserven an Willen und Kraft erschöpft waren. Er war knapp zwei Meter vom ersten Schützenloch entfernt, als er zum erstenmal aufschaute. Er sah den Gefreiten Morgan vom ersten Zug, der im Schützenloch lag, das Gewehr direkt auf Kirby gerichtet. Hauptmann Warren und seine Kompanie waren zum Hügel zurückgekehrt.

Kirby erklärte ihnen, wo Spranza sei, denn er wußte nicht, daß sie ihn bei ihrem Aufstieg bereits gefunden und mit einem Hubschrauber abtransportiert hatten. Der vierte Überlebende, Stukkey, tauchte etwa im selben Augenblick auf wie Kirby. Etwas später kam Johnson. Die Feldwebel Owen L. Lewis und James W. Edwards halfen Kirby auf die Beine. Kein Wort wurde gesprochen Sie waren erschüttert und schluchzten wie von Krämpfen geschüttelt.

Vietnam-Berichterstatter Marshall »Wenn Oberhaupt etwas passiert ...

... dann passiert es hier": Amerikanischer Gewehrgranaten-Schütze beim Vietcong-Angriff

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Abtransport eines verwundeten Amerikaners: »Ruft die Kompanie zurück!«

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»Innerhalb von 30 Minuten ...

Hubschrauber-Sanitäter, Verwundeter

... werden Sie abgeholt«

Ausrüstungsstücke verwundeter Amerikaner: »Verdammt, alle sind getroffen«

S. L. A. Marshall

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