Zur Ausgabe
Artikel 21 / 47
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

DU PONT Was für Amerika gut ist

aus DER SPIEGEL 52/1954

Ich beklage es, daß die Amerikaner durch politische Umstände dazu gedrängt werden, ihr Geld und ihren Fleiß in Unternehmungen zu stecken, die nur den Erwerb von Reichtum erlauben und einigen wenigen Kapitalisten ermöglichen, ihn an sich zu reißen ... Die Menschenklasse, die in Fabriken arbeitet, trägt weder zu unserem Glück bei noch zu unserer Macht; sie ist für jede Nation ein Unheil ...«

Der etwas weltfremde, bärtige Mann, der diese kritischen Worte vor über hundert Jahren niederschrieb, war der französische Gelehrte und Staatswissenschaftler Pierre Samuel Du Pont de Nemours. Er flüchtete vor der Guillotine aus Paris und wollte eine Kolonie des gerechten sozialen Ausgleichs in Amerika gründen. Das utopische Land sollte Pontiana heißen.

Der idealistische Plan schlug fehl, aber ein sagenhaftes Reich Pontiana ist dennoch inzwischen entstanden. Es triumphiert seit vierzehn Tagen an der New-Yorker Effektenbörse - seit die in der Nachkriegszeit bisher unerreichte Hausse in Du-Pont-Aktien einsetzte. Die Aktienkurse des größten Chemiekonzerns der Welt Du Pont de Nemours & Co. kletterten höher und höher, nachdem der amerikanische Bundesrichter Walter J. La Buy die Klage der amerikanischen Regierung gegen die Nachkommen des alten französischen Weltverbesserers abgewiesen hatte.

So tief wie dieser fünf Jahre andauernde und nunmehr beendete Prozeß hat noch kein Anti-Trust-Verfahren hinter die Kulissen der wirtschaftlichen Großmächte geleuchtet. Der Familienclan verfügt über reiche Erfahrungen in solchen Prozessen. Er mußte sich seit Bestehen der staatlichen Monopolkontrolle, die 1890 mit dem Erlaß der Sherman-Acts*) begann, in 43 aufeinanderfolgenden Prozessen wegen der verschiedensten Monopol-Schliche verantworten. In 28 Verfahren siegten die Du Ponts. Sie haben sich durch Verwandtschafts-Ehen

*) Ein Gesetz, das auf Drängen des Senators John Sherman hauptsächlich zum Schutz der Farmer erlassen wurde, die sich von den Eisenbahnen, Landmaschinenfabriken und Lagerhausgesellschaften ausgebeutet fühlten. und Seßhaftigkeit viel von ihrer Exklusivität bewahrt.

Diesmal stand die ganze große Familie der Du Ponts, deren 183 Mitglieder 6,07 Milliarden Dollar kontrollieren, unter Anklage; darunter Kinder und Minderjährige, die von ihren Eltern bereits mit dicken Aktienpaketen ausgestattet worden sind. Dieses mächtige Vermögen ist in folgenden Mammut-Unternehmen angelegt:

* E. I. Du Pont de Nemours & Co., führend in der Herstellung von vollsynthetischen Kunstfasern (Nylon, Orlon), Kunstgummi, Farbstoffen, Cellophanen,

Sprengstoffen, Gefrier- und Frostschutzmitteln. (Die Aktien befinden sich zum großen Teil im Besitz der Familie Du Pont.)

* General Motors Corporation, dem Autokonzern mit zahlreichen Unterfirmen, wie Buick, Cadillac und Oldsmobile.

* US Rubber Company, einem der größten amerikanischen Gummikonzerne.

* Christiana Securities Company, einer Holdinggesellschaft der Gesamtfamilie Du Pont. Das Direktorium dieser Gesellschaft dirigiert die eigentliche Hausmachtpolitik und koordiniert die einzelnen Familienanteile.

* Delaware Realty and Investment Corporation, einer Finanzgesellschaft, die das Privatvermögen des früheren Präsidenten des Trusts, Pierre Du Pont, verwaltet.

Die interne Verzahnung der Aktienanteile ist so geregelt, daß der Chemiekonzern Du Pont de Nemours 23 Prozent der allgemeinen Aktien von General Motors im Werte von 1,032 Milliarden Dollar besitzt. Außerdem verfügt die Christiana Securities Company, also die finanzgewaltige Hausmachtzentrale, über 170 000 weitere Aktien von General Motors. Mitglieder der Familie besitzen weiterhin zusammen 17 Prozent der US Rubber-Aktien.

Aus dieser Verschachtelung der Interessen leitete die amerikanische Regierung ihr Anklagematerial her: Du Pont habe sich durch seinen Kapitaleinfluß bei General Motors nicht nur das Monopol für die Lieferung von Farben, Lacken, Kitten und Frostschutzmitteln gesichert, sondern habe außerdem General Motors durch Kartellabmachungen gezwungen, den Kautschukbedarf ausschließlich mit Du-Pont- und US-Rubber-Ware zu decken.

Der Vertreter der Anklage, Staatsanwalt Hotchkiss, kündigte an, daß er weitere interne Manipulationen »der ganzen Welt enthüllen« werde. Wörtlich: »Diese Giganten (Du Pont, General Motors und US Rubber) stehen nicht individuell, sondern als eine Organisation unter Anklage ... Noch niemals in der Geschichte hat eine so geringe Anzahl von Menschen eine so beherrschende Kontrolle über so viel andere Menschen ausgeübt.«

Das war im November 1952. Kurz darauf wurde Staatsanwalt Hotchkiss »wegen Erkrankung« abgelöst. In der nächsten Sitzung des zuständigen Gerichts in Chikago erschienen die Patriarchen der Dynastie, der 82jährige Pierre Du Pont und sein 76jähriger Bruder Irénée - beide mit Hörapparaten ausgestattet - , vor Gericht, um das Sechs-Milliarden-Empire der Du Ponts zu verteidigen.

Zwischen ihnen saß der junge, drahtige Präsident des Chemietrusts, der Schwiegersohn des alten Irénée Du Pont, Crawford H. Greenewalt. Als Irénée den tüchtigen Chemie-Ingenieur in die Familie aufnahm, schenkte er ihm am Hochzeitstag tausend Stammaktien der Hausmachtzentrale.

Das Triumvirat wehrte sich verbissen gegen die pauschale Anschuldigung, daß die Du Ponts in der 150jährigen Geschichte ihrer Unternehmen als geschäftliche Rauhreiter bekanntgeworden seien.

1802 hatte Eleuthère Irénée Du Pont de Nemours, der praktisch veranlagte Sohn des alten Weltverbesserers aus Paris, am Brandywine River im Staate Delaware eine kleine Pulvermühle errichtet. Als 1812 der Krieg mit England ausbrach, war Du Pont schon der größte Pulverfabrikant Amerikas.

Im Krieg mit Mexiko 1846 quoll aus den Gewehrläufen der Amerikaner wieder viel Du-Pont-Schwarzpulverrauch.

Häufig lasteten aber auch dicke Qualmwolken über den Ufern des Brandywine River, wenn hier und da eine der inzwischen neu angelegten Pulverfabriken samt einigen Du Ponts in die Luft flog. Diese Opfer wurden bald durch zunehmende Trustbildung ausgeglichen*).

Schon 1889 kontrollierte Du Pont 95 Prozent der gesamten amerikanischen Schießpulverproduktion und 90 Prozent der Sprengstoffherstellung. Über hundert bis dahin selbständige Aktiengesellschaften gingen im Du-Pont-Reich auf. Der Präsident dieses »Pontiana« war Coleman Du Pont. Er trieb gern mit seinen Gästen billige Späße und bot ihnen Zigarren an, in die er Du-Pont-Pulverkörner praktiziert hatte. Sein Übermut wurde erst gezähmt, als Amerikas großer republikanischer Präsident Theodor Roosevelt zum Kreuzzug gegen die Trusts aufrief.

Wenige Jahre vor dem ersten Weltkrieg mußte sich Coleman Du Pont vor dem Appellationsgericht des Staates Delaware verpflichten, einen Plan zur Auflösung des Pulvermonopols und zur Reorganisation des Trusts auszuarbeiten. Er mußte sogar einen Teil des Gesamtunternehmens unter zwei Konkurrenz-Konzernen aufteilen. So streng wurden damals die Anti-Trust-Gesetze gehandhabt, die besagen, daß jede Vereinbarung oder Verabredung zur Beschränkung des Handels und Verkehrs ungesetzlich sei. Ungesetzlich ist

*) Trust: Zusammenschluß mehrerer großer Unternehmen eines Wirtschaftszweiges zum Zweck der Marktbeherrschung. Meistens bleiben die Unternehmungen rechtlich selbständig, stehen aber unter einheitlicher wirtschaftlicher Leitung einer Dachgesellschaft. Ein Trust kann aber auch durch völlige Verschmelzung gebildet werden. ferner jeder Versuch, Handel und Verkehr einem Monopol zu unterwerfen. Sehr bald aber hatte Coleman Du Pont die unumschränkte Lizenz für militärische Lieferungen wieder. Während des ersten Weltkrieges verdienten die Familienaktionäre 237 Millionen Dollar.

Danach kamen allerdings flaue Zeiten. Die Kunstfaser-Produktion und die Verwertung von beschlagnahmten deutschen Farbenpatenten liefen erst an. (Während des ersten Weltkrieges hatte Du Pont sogar prominente Chemiker der deutschen Farbenindustrie aus Deutschland herausschmuggeln lassen.) Da bot sich den Du Ponts eine günstige Gelegenheit, dem in Finanzschwierigkeiten geratenen Autokonzern General Motors durch Kapitalinvestierungen beizuspringen.

Colemans Vetter Pierre Du Pont übernahm drei Jahre lang die Präsidentschaft bei General Motors. Die Autofabrik wurde Du Ponts bester Kunde. Außerdem ernteten die Du Ponts innerhalb von fünfzehn Jahren nach dem ersten Aktienkauf mehr als 250 Millionen Dollar Dividende.

Dann reifte die zweite Weltkriegshausse. Amerikanische Statistiker haben errechnet, daß die Du-Pont-Fabriken während der neuen Hochkonjunktur in jeder Minute eine Tonne rauchlosen Schießpulvers produziert haben. Fast noch mehr wurde mit dem neuen vollsynthetischen Garn verdient, das, zu Fallschirmseide verarbeitet, seine Zerreißprobe über den Invasionsschlachtfeldern bestand: Nylon. Aber der heute 77jährige Irénée Du Pont parierte Anspielungen darauf, daß die Du Ponts »Händler mit dem Tode« seien, bissig, mit geschwellter Brust: »Ohne uns wären die USA bereits eine deutsche Kolonie.«

Ihr größtes Dollar-patriotisches Verdienst leiten die Du Ponts aus den makabren Rauchpilzen her, die 1945 über Hiroshima waberten. Der materielle Verdienst an dem Hanford-Atomwerk im

Staate Washington, dessen Errichtung die Gesellschaft Du Pont übernommen hatte, war tatsächlich sehr gering. Er betrug nur einen symbolischen Dollar.

Solche schönen Gesten der - schon wegen der großen Zahl millionenschwerer Mitglieder - reichsten Familie Amerikas, ließen sich während des zähen Prozesses nicht übersehen; zumal sich seit Eisenhowers Regierungsantritt manche offizielle Anschauungen gewandelt haben. Der Stimmungsumschwung machte sich schon bemerkbar, als Eisenhowers Verteidigungsminister Charles Erwin Wilson 1953 in marineblauem Anzug vor dem Bundesbezirksgericht in Chikago als Zeuge vernommen wurde.

Er sagte vorsichtig aus, daß er - als ehemaliger Präsident von General Motors - nichts von Abmachungen zwischen Du Pont und General Motors wisse, die als »Verschwörung« ausgelegt werden könnten. Dann hob Wilson die Stimme, um zu betonen, daß sich die Auffassung »Was für General Motors gut ist, ist gut für das Land« immer mehr durchgesetzt habe.

Ähnliches gelte für Du Pont, plädierten dann die 33 Anwälte in den verschiedensten Variationen. Sie kassierten in den fünf Prozeßjahren fünf Millionen Dollar Honorar.

Das Gericht hat nunmehr entschieden, daß die 1949 erhobene Anklage nichtig sei. Die Regierung habe keine stichhaltigen Beweismittel dafür erbringen können, daß die 183 Du Ponts ihre Kapitalanlagen nach einem bestimmten Schlachtplan vorgenommen haben.

Auch die reichste Familie Amerikas sei trotz gewisser Gruppenbildungen nicht - wie Regierungsanwalt Hotchkiss noch 1952 forsch behauptet hatte - »als geschlossene konspirative Organisation« zu betrachten, sondern als »Einzelpersonen«, die schließlich ihr Geld anlegen können, wo und wie sie wollen.

Zur Ausgabe
Artikel 21 / 47
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.