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WAS GELD ALLES KANN

Von Gerhard Mauz
aus DER SPIEGEL 23/1968

Der 47 Jahre alte Landgerichtsdirektor Dr. Peter Weber sieht älter aus, als er ist. Das wird sich aus seiner körperlichen Konstitution oder seiner Biographie erklären lassen, doch nicht nur von dort her. Herr Weber, wie er sich gibt, ist auch ein Mann, der ein Bild von sich selbst hat; eine Vorstellung von sich, dem Richter, nach der ein Richter Reife und Würde auszustrahlen hat. Herrn Webers Bild von sich selbst dürfte dadurch vertieft worden sein, daß er den Vorsitz im Contergan-Prozeß innehat. Der Prozeß wird, wie auch immer, in die Rechtsgeschichte eingehen.

Die erste außerfahrplanmäßige Szene des Prozesses trifft Herrn Weber nicht unvorbereitet, denn der Angeklagte Dr. Kelling hat sich schon vor einigen Tagen krank gemeldet. Herr Weber liest Atteste vor. Sie stecken voll medizinischer Fachausdrücke, schließlich geht es um zwei Magengeschwüre, von denen eines durchzubrechen droht, und so gerät Herr Weber auch an den Ösophagus, die Speiseröhre: »Ösophagus, ich hoffe, daß ich das richtig ausspreche.« Herr Weber offenbart die Überlegungen, zu denen ihn die Atteste angeregt haben. Er muß sich den drei Ärzten beugen, die sie ausstellten: »Ich bin kein Arzt, ich bin Jurist.« Der Contergan-Prozeß, der zwei Jahre währen soll, ist in diesem Augenblick noch keine 30 Minuten alt.

Die Anklage hat die Kripo am Wohnsitz des Dr. Kelling eingeschaltet, als sie von der Krankmeldung erfuhr. Der Rechtsanwalt Schmidt-Leichner, Frankfurt, vertritt den Dr. Kelling nicht, trotzdem erhebt er sich: »Ich würde mich dafür interessieren, es ist nicht mein Fall, aber was hat die Kripo Backnang ...«

Der Rechtsanwalt Schmidt-Leichner bat kein Bild von sich selbst, sondern ein Temperament. Herrn Webers Kopf ist sorgfältig frisiert, Herrn Schmidt-Leichners rotblondes Haar glatt zurückgekämmt. Herr Weber drückt sich einfach aus, läßt häufig etwas »im Raum stehen« und spricht vorerst lauter, als es die Mikrophonanlage nötig macht. Hätte man ihn mit dem am besten zu ihm passenden Instrument zu versehen, man würde ihn an ein Klavier setzen und Brahms spielen lassen.

Herrn Schmidt-Leichners Stimme dagegen klingt temperiert wie der Strich eines Violinsolisten von internationalem Rang. Seine Vokabeln wählt er aus einem Wörterbuch der Akademie. Wo Herr Weber Sätze hinstellt, die keiner Deutung bedürfen, löst Herrn Schmidt-Leichners Rede das Bedürfnis nach Interpretation aus; häufig, weil er etwas seltsam Verletzendes gesagt zu haben scheint, obwohl in seinen Worten kein Messer blitzte.

Die Herren Weber und Schmidt-Leichner stehen einander auch als Personen gegenüber. Während Herr Schmidt-Leichner, zunächst der aktivste unter den Verteidigern, eine Barrikade nach der anderen vor dem Eintritt in die Beweisaufnahme errichtet, ist Herr Weber bemüht, alle Themen, die mitten auf Kreuzwegen geklärt werden müssen, hinauszuschieben.

Herr Schmidt-Leichner, an seinem Ton, seiner Miene und Haltung ist nichts auszusetzen: »Herr Direktor, ich habe alles Verständnis dafür, daß es für das Gericht Fragen gibt, die es zurückstehen möchte.« Trotzdem besteht Herr Schmidt-Leichner darauf, daß die Klage der Anklage über drei Verteidiger »in den Mittelpunkt des heutigen Tages« gestellt wird, was selbstverständlich im Konzept von Herrn Weber nicht vorgesehen ist. Die Anklage ist von Neu- und Umbesetzungen in der Verteidigung überrascht worden und protestiert -- erfolglos -- gegen drei Gegner, mit denen sie nicht gerechnet hat.

In den Kommentaren der vergangenen Woche ist das als Schlappe für die Anklage gewertet worden. Die Florett- und Säbelriege der Verteidiger hatte den Eindruck erweckt, es gehe allein um die freie Berufsausübung des Anwalts und ähnlich hohe Güter. Herr Schmidt-Leichner: »Ich bedaure, daß bereits am ersten Tag vor Beginn zur Person ein Ton in die Sache gebracht worden ist Die Gesamtverteidigung zieht sich zurück, um ihre Meinungen zum Attentat der Anklage zu ordnen. Herr Weber möchte wissen, wann man die Herren zurückerwarten darf. Herr Schmidt-Leichner: »Wir werden einen Boten schicken.« Im übrigen zielt die Aktivität der Verteidiger unmittelbar nach dem Start eher auf Herrn Weber als auf die Anklage. Wer wird die Themen, die Reihenfolge und das Tempo bestimmen? Auf dem Papier ist Herr Weber der Herr des Verfahrens. Doch dieser Prozeß quillt über die Ränder des Strafgesetzbuchs und der Strafprozeßordnung.

Contergan war nur in einem Land möglich, in dem es auch nach Contergan so zugeht wie vor Contergan. Die Angeklagten dürfen nicht zu Sündenböcken gemacht werden. Lange Zeit war es nötig, vor einem billigen Scherbengericht zu warnen, das nichts als das letzte Alibi wäre. Nun stehen vor sieben Angeklagten 18 Verteidiger; Könner, die auch in diesem Prozeß alles Erfindliche zugunsten ihrer Mandanten versuchen werden, pflichtgemäß und mit Recht. Der Platz auf der Anklagebank ist hierzulande immer noch saurer, als er es sein muß.

Am dritten Tag des Prozesses setzt das Gericht und damit Herr Weber einem Antrag der Verteidigung die erste Ablehnung entgegen. Die Verteidiger antworten mit neuen Anträgen. die Herrn Webers Vorstellung vom Ablauf durchkreuzen würden. Den Beobachter beschleicht ein ungewohntes Bedürfnis, sich in die Anklage und den Vorsitzenden einzufühlen.

Herrn Weber unterläuft es, von »Voreingenommenheit« des Gerichts zu sprechen, als er Unvoreingenommenheit betonen will. Einem Staatsanwalt passiert es, daß er aus dem Angeklagten Herrn von Schrader-Beielstein den Herrn von Schraderstein macht und vom Verteidiger Pick als dem Angeklagten Pick spricht. Die Verteidigung brilliert einsam.

Es ist das Recht eines jeden, sich unter Einsatz der Mittel zu verteidigen, die ihm zur Verfügung stehen. Doch was Geld alles kaufen kann. Die Gefahr, daß die Angeklagten im Contergan-Prozeß zu Sündenböcken gemacht werden, droht bislang nicht.

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