Zur Ausgabe
Artikel 22 / 92
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Was haben die mit uns gemacht?

Der DDR-Schriftsteller Karl-Heinz Jakobs über die Berliner Mauer 20 Jahre nach dem Bau der Mauer in Berlin herrschen an der Grenze noch immer »bürgerkriegsähnliche Zustände« - Fazit des DDR-Autors Karl-Heinz Jakobs. Der 52jährige Autor wurde wegen seiner Kritik an den Pressionen gegen mißliebige Künstler aus dem DDR-Schriftstellerverband und der SED ausgeschlossen. Sein letzter Roman »Wilhelmsburg« durfte nicht erscheinen. Seit April lebt Jakobs als DDR-Bürger, ausgestattet mit einem Dreijahres-Visum, in Bochum.
aus DER SPIEGEL 33/1981

Als ich 50 wurde, machte ich mir eines Tages Sorgen um das Leben und die Zukunft. Nichts Außergewöhnliches war geschehen. Kriege wie eh und je. Hungersnöte, Arbeitslose, Unglückliche, die im Niemandsland an der Grenze nachts auf eine Mine robbten und in Stücke gerissen wurden, oder sie rannten im Zickzack wie Hasen und wurden wie Hasen abgeknallt. Hier eine Revolution und dort eine Konterrevolution. Im nördlichen Eismeer die 9. amerikanische Flotte und im Mittelmeer die sowjetischen pazifischen Seestreitkräfte.

Nichts hatte sich geändert in der Welt. Nach wie vor kauften Araber und Israelis Waffen von Amerika, Äthiopier und Somalis Waffen von den Russen. Nach wie vor bauten sie an ihren Atombomben in Brasilien, Pakistan, Nevada, Irak, Indien, Monaco und Kasachstan. Alles wie immer. Es gab nur einen Unterschied zum Vortag. Ich war 50 geworden, meine Enkel wuchsen heran, und ich stellte fest, ich wußte auf ihre Fragen keine Antwort.

All die vielen Jahre. Was hatten wir uns gedreht und gewunden, um Antworten zu finden. Kaum hatten wir in der einen Frage das Gewissen beruhigt, tauchten zehn neue auf. Kaum waren wir mit dem einen Übel fertig geworden, kroch schon das nächste heran in ekelhafterer Gestalt.

Wir hatten uns auf ein Leben eingerichtet, das etwas wert war, und eines Tages wachten wir auf und stellten fest, wir lebten mit der Bombe, mit der Ehe, mit der Mauer. Auf welch letzte schäbige Kompromisse hatten wir uns eingelassen? Menschenskind, was sollten wir denn tun? Konnten wir die Bombe abschaffen? Was hatte es uns genützt, daß Wir-Fünfhundert-Millionen damals den Stockholmer Appell unterschrieben? Frag mal heute jemand von den zornigen Knaben und Mädchen, was das war damals. Wissen die nicht. Nicht die schwächste Vorstellung haben sie davon, daß wir schon 1950 gegen die Atombombe waren. Kriegen es auch nicht in der Schule zu hören. Weder im Osten noch im Westen.

Also leben wir mit der Bombe seit 35 Jahren. Das ging damals alles Ruckzuck. Korea-Krieg. Blockade. 17. Juni. Währungsreform. Dien bien phu. Ungarn. Gaza-Streifen. Stalin tot. Loest im Knast. Luftbrücke. Adenauer-Geburtstag. Ulbricht-Geburtstag. Des Teufels General.

Der große Verrat. Chruschtschow kommt. Nagib verschwindet. Vollkollektivierung. United Fruit Company übernimmt die Macht. Kalter Krieg. Ost-Büro der SPD. Berija. Burianek. Dertinger. Globke. Jeder Name ein Symbol. Und eines Tages wachten wir auf, und die Mauer war da. Mit der wir nun auch schon 20 Jahre leben.

Ein russisches Sprichwort heißt: Beginnen wir vom Ofen an zu tanzen. Es bedeutet: Wir sind aus dem Takt gekommen. Wenn wir die durcheinandergeratenen Tanzfiguren auflösen und uns neu aufstellen, am Ofen nämlich, wo der Tanz ursprünglich begann, dann könnte man hoffen, daß unser Fest, so wenig Freude es uns bisher gemacht, vielleicht doch noch glimpflich endet. Es brauchten nicht alle an unserem Fest Beteiligten dazu bereitzusein. Es genügte, wenn einige Beherzte sich neu am Ofen aufstellten und den Tanz im richtigen Rhythmus fortsetzten.

Das Sprichwort in seiner vielschichtigen Bedeutung garantiert nicht den Erfolg des vorgeschlagenen Verfahrens. S.75 Für viele, die an unserem Fest beteiligt sind, wäre es lächerlich, den Tanz neu zu beginnen, da doch jeder weiß, es ist alles längst gelaufen. Die wenigen Beherzten müßten in Kauf nehmen, daß sie angepöbelt werden, bedroht, ausgelacht und angeschwärzt. In dieser Situation befinden wir uns heute. Es ist egal, was wir tun. Wir können nur noch falsch handeln. Dann können wir auch vom Ofen anfangen zu tanzen.

Wie es zur Mauer kam, das erklärte uns Ulbricht 1961: Die deutschen Militaristen verschärften ihre Diversionstätigkeit gegen die Deutsche Demokratische Republik als Vorbereitung einer Aggression. Sie organisierten mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln den Menschenhandel und die Diversion. Sie scheuten selbst vor den abscheulichsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht zurück, um ihr Ziel zu erreichen, die DDR zu unterminieren und sturmreif zu machen. Uns sind Pläne der Bonner Regierung bekannt. Sie liefen darauf hinaus, durch eine auf die Spitze getriebene Störtätigkeit solche Bedingungen zu schaffen, um nach den westdeutschen Wahlen mit dem offenen Angriff gegen die DDR, dem Bürgerkrieg und offenen militärischen Provokationen beginnen zu können.

Es war klar, daß angesichts solcher Abenteurerpläne und der bereits auf vollen Touren laufenden Vorbereitungen zu ihrer Durchführung eine Situation heranrückte, die dem Frieden in Europa und der Welt sehr gefährlich hätte werden müssen. Um diese Gefahr für den Frieden unseres Volkes und auch der anderen Völker zu beseitigen, haben wir uns rechtzeitig mit unseren Freunden verständigt und uns darauf geeinigt, die gefährliche Situation zu bereinigen. Die Maßnahmen unserer Regierung haben dazu beigetragen, den in diesem Frühherbst 1961 durch die westdeutschen Militaristen und Revanchepolitik bedrohten Frieden in Europa und der Welt zu retten. Mögen auch die Bürger Westdeutschlands begreifen, daß es sehr wohl möglich ist, daß ihnen durch unsere Maßnahmen das Leben gerettet wurde.

15 Jahre danach aber erklärte mir ein damals 20jähriger: Ich war drei Jahre bei der Fahne. Unteroffizier. Hatte mich für drei Jahre verpflichtet. Damals war ich noch sehr überzeugt von allen möglichen Dingen. Von allem, was sie uns in Staatsbürgerkunde erzählt hatten. Daß die Mauer für die Verteidigung da ist und daß die Westdeutschen uns überfallen wollten. Meine Eltern sind ja beide in der Partei, und die haben auch so geredet. Nicht andauernd, aber manchmal schon.

Bis zu einem gewissen Alter hat man noch gar keine eigene Meinung, sondern man übernimmt die Meinung von Älteren. Daß man sich eine eigene Meinung bildet, kommt erst später. Bei mir fing das an, als ich zur Grenze gezogen wurde. Da hab' ich zum erstenmal den ganzen Aufbau der Mauer gesehen. Die haben immer gesagt: antifaschistischer Schutzwall. Aber die ganze Sache war verkehrtrum gebaut. Ich bin zwar kein Baufachmann, aber daß sie die verkehrtrum gebaut hatten, sah ich sofort. Alle sahen das. Die war so gebaut, daß von unserer Seite praktisch keiner rüber konnte. Aber von drüben hätte alles rüberrollen können, was sie so hatten.

Da fing's bei mir langsam zu dämmern an. Vorher hatte ich die Mauer noch nie gesehen. Und jetzt sah ich mit einemmal, daß es gegen unsere eigenen Leute ging. Bis dahin hatte ich immer gedacht, die Mauer, das ist der antifaschistische Schutzwall. Aber dazu hätte er andersrum gebaut sein müssen.

Dann hat mir 1971 eine Berlinerin ihre Lebensgeschichte erzählt, und als sie auf die Mauer zu sprechen kam, sagte sie folgendes: Ich habe in West-Berlin gelernt. Aber nur zweieinhalb Jahre. Dann kam der Dreizehnte. Ich war verzweifelt, aber meine Mutter sagte, die werden uns schon wieder durchlassen. Müssen sie ja, denn du hast doch eine Lehre drüben. Die kannst du nicht einfach abbrechen. Da hab' ich gesagt, du, die lassen uns nicht. Ach, sagte sie, wir haben schon soviel erlebt, und irgendwie hat's immer einen Weg gegeben. Aber es gab keinen Weg. Für meine Eltern später ja, aber nicht für mich. Ich war also gezwungen, in der DDR zu bleiben und mir eine Arbeit zu suchen, denn meine Lehrzeit erkannten sie hier nicht an. Aber eine Lehrstelle gaben sie mir auch nicht.

Das war damals so. Ich war Grenzgänger, und Grenzgänger mußten sich bewähren. Ich mußte erst das Vertrauen des Staates wiedergewinnen. Also, ick dachte, ick werd' nich mehr. Also, dit mach ick nicht. Dann, sagte der, müssen Sie sehn, wie Sie zurechtkommen. Wir helfen Ihnen nicht. Wir haben alle Lehrstellen mit unseren Lehrlingen besetzt. Sie brauchen wir nicht. Wozu sie denn die Mauer gebaut hätten, fragte ich, und wenn sie mich nicht haben S.76 wollen, könnten sie mich doch gehn lassen.

Nun werden Sie nicht noch pampig, sagte der, sonst lernen Sie mal eine Arbeiterfaust kennen. Natürlich könnte ich in der Landwirtschaft arbeiten oder auf dem Schlachthof. In der LPG Achter Mai Rüben ziehen oder Kartoffeln zählen. Oder auf dem Schlachthof das Fleisch von den geschlachteten Tieren von einer Stelle zur anderen schleppen. Ein Jahr hab' ich das gemacht. Vor allem, weil meine Eltern keinen Verdienst hatten. Sie haben allerdings bald die Ausreise gekriegt, da sie schon im Rentenalter waren. Und da ich eben volljährig geworden war, durften sie mich nicht mitnehmen. Meine Eltern also rüber und ich hier auf dem Schlachthof.

Damals lernte ich Jürgen kennen. Tüchtiger Mann. Rechtschaffen. Nur hatte ich ihn nicht lieb. Ich war damals durch die Mauer so deprimiert, daß ich mich an jeden Strohhalm klammerte.

Wiederum Personen-, Zeit- und Raumwechsel. Ein englischer Kommunist erhält nun das Wort. Als ich mit ihm über die Mauer sprach, schrieben wir das Jahr 1965. Die Mauer gab es schon seit vier Jahren: In der Times steht, zweieinhalb Millionen sind nach dem Westen geflohen. Stimmt denn das? Ich kann es nicht glauben. Sie haben in ihrem Land einen schweren Start gehabt, und das Volk ist oft ungeduldig und ungerecht, aber diese hohe Zahl würde bedeuten, daß Jahr für Jahr die Einwohnerzahl einer Großstadt das Land verlassen hätte.

Was glauben die wohl, was der Kapitalismus ihnen bieten kann? Arbeitslosigkeit, Inflation, steigende Preise und Unternehmerwillkür. Aber wenn das stimmt mit der Zahl, dann ist es klar, daß sie die Mauer bauen mußten. Das kann sich kein Land leisten, so viele Leute zu verlieren. Auch England könnte das nicht. Natürlich käme in England keiner auf die Idee, eine Mauer zu bauen. Das würde einen Volksaufstand ergeben. Aber die Regierung würde einen anderen Dreh finden, um die Leute nicht von der Insel runterzulassen. Irgendwas würden die finden. Ich denke, das mit der Mauer bei ihnen, das ist wohl nur eine Übergangssache. Dauert sicher bloß so lange, bis Sie im Lande die Wirtschaft stabilisiert haben. Denn wenn es bei ihnen erst auf Hochtouren läuft, keine Arbeitslosen, keine Inflation, keine steigenden Preise und keine Unternehmenswillkür, dann werden sich die Leute bei uns ganz schön umgucken. In ein paar Jahren wahrscheinlich schon höchstens zehn. Dann kommen jedes Jahr 200 000 über die Grenze zu ihnen. Und sie werden dann wieder die Mauer brauchen. Diesmal um den Ansturm der verelendeten Massen aus den kapitalistischen Ländern einigermaßen in Grenzen zu halten.

Das geht alles durcheinander im Moment. Um der Sache wieder ein bißchen Halt zu geben, zitiere ich eine Philosophin. Es ist ihre Meinung vom vergangenen Jahr: Politischer Fortschritt hat zunächst immer Rückschritt im Ästhetischen zur Folge. Wenn ich an den Ort meiner Kindheit denke. Was gab es da alles an kleinbürgerlicher Kultur, an Gesellschaft, an diffizilen Lebenszusammenhängen, an Differenzierungen, an Beziehungen zu Natur und Umwelt. Das ist alles gestorben und vergangen.

Ganze soziale Schichten sind verkommen. Die Leute haben seitdem nie wieder zu sich selbst gefunden. Sie fristen heute ein kümmerliches Leben. Haben sich angepaßt. Werden sich nie wieder zu den Aktivitäten aufschwingen können, zu denen sie früher fähig waren.

Es ist gar nicht so wichtig, ob man in 200 Jahren noch von Sozialismus oder von Marxismus redet, das sind Modewörter. Hauptsache die Menschen sind dann gleich und frei.

Es wird bis dahin eine gegenseitige Durchdringung stattfinden. Sozialistische Strukturen der Gegenwart und Zukunft werden von der bürgerlichen Demokratie durchdrungen und umgekehrt. Und zwar nimmt jeder vom anderen immer das Beste. Genau genommen ist der Pluralismus ebensolcher Beschiß am Volke wie der reale Sozialismus. Er hat den Vorzug, daß er einer Vielzahl von Haltungen, Gruppen, Aktivitäten eine Chance gibt. Das meiste geht gleich wieder zugrunde, und nur ganz wenige Ideen werden dauerhafteren Einfluß ausüben.

Das ist für unsere regierenden Pragmatiker ein viel zu langwieriger Prozeß. Sie wollen rasche, billige Erfolge, die aber alle in Katastrophen enden, weil sie auf Stückwerk zielen und nie aufs Ganze. Sie wissen ja bald nicht mehr, mit welchen Lügen sie das Volk noch länger hinhalten können. Und so greifen diese Einfaltspinsel zum Nächstliegenden: Sie sperren das Volk ein.

Vorexerziert haben es ihnen die Russen. In der Sowjet-Union können die Leute freizügig im eigenen Land nicht umherreisen. Ihre Personalausweise sind eingeschlossen in den Safes der Dorfsowjets. Wenn einer weg will, muß er erst Formulare ausfüllen und erklären, wozu er verreisen will, zu wem er will, was er von ihm will und warum ausgerechnet jetzt. Unsere möchten dasselbe mit uns machen, trauen es sich aber noch nicht ganz.

Die Mauer haben sie nun schon zwanzig Jahre. Und was sehen sie? Das Volk bleibt ruhig. Nach zwanzig Jahren immer noch Ruhe, das stell dir mal vor. Eine Lähmung hat die Leute befallen. Wie hypnotisiert starren sie auf die Obrigkeit. Und die Obrigkeit, da kannst du sicher sein, hat schon ihre nächsten Pläne in der Schublade. Und wenn sie die herausziehen und entschlossen danach handeln, werden wir wiederum zittern und zusammenzucken und ohne Schutz dastehen, denn die bürgerlichen Regierungen werden auch dann wieder alle Hände voll zu tun haben, die eigenen Verbrechen zu vertuschen.

An der Mauer auf dem Hoheitsgebiet der DDR herrschen nach nunmehr zwanzig Jahren bürgerkriegsähnliche Zustände. In den zwanzig Jahren ist das Gegenteil von dem eingetreten, was die Regierung feierlich geschworen hatte. Die Öffnung nach Osten ist nicht verwirklicht worden. Statt dessen ist das Land immer kleiner geworden. Nach Jugoslawien dürfen nur Privilegierte. Wir hätten vor fünf Jahren in die Herzegowina fahren können, aber unseren kleinen Sohn hätten wir als Geisel zurücklassen müssen.

Reisen nach Ungarn und Bulgarien werden immer deprimierender. Dort gilt Gastfreundschaft nur für Leute mit Westwährung. Aber selbst wenn Leute aus Dessau oder Rostock sich überwinden, Diskriminierung und Polizeiaufsicht ertragen wollen, eine Reise in den Kaukasus, ans Schwarze Meer, in den Böhmerwald, an den Plattensee oder S.77 nach Siebenbürgen buchen, kann ihnen der Urlaub dort ohne Angabe von Gründen verboten werden. Jeder Antrag im Reisebüro wird vom Staatssicherheitsdienst geprüft und nach geheimen Kriterien zugelassen oder abgeschmettert.

Was haben die mit uns gemacht? Was haben wir mit unserem kostbaren Leben angestellt? Als ich siebzehn war, las ich Bertha von Suttner. Welcher Siebzehnjährige heute kennt diesen Namen? Sie schrieb vor hundert Jahren ihr Jahrtausendbuch: Die Waffen nieder! Wir haben nichts Vergleichbares vorzuweisen. Das Wort Pazifist ist zum Schimpfwort geworden. In West wie in Ost.

Kürzlich war ein Schriftstellerkongreß in Wesel, und zur selben Zeit verbrüderten sich dort das hundertfünfzigste Raketenartilleriebataillon der Bundeswehr mit dem fünfzigsten Raketenregiment der Königlich Britischen Artillerie und dem FAD der USA. Ich weiß nicht, was FAD ist. Wahrscheinlich hat auch das mit Raketen zu tun. Jedenfalls konnte ich aus diesem Anlaß meinen Kollegen den Unterschied zwischen dem Schriftstellerverband der DDR und dem Verband Deutscher Schriftsteller in der Bundesrepublik erläutern. Fände in Dresden eine Verbrüderungszeremonie zwischen Volks- und Rotarmee zur selben Zeit mit dem Kongreß statt, so würden die Schriftsteller dort ein Grußschreiben an die Soldaten verfassen und einen Dichter zu den Waffenbrüdern delegieren, der ihnen kriegerische Verse vorliest.

In Wesel war es anders. Wir sahen uns vom Aufmarsch der Soldaten aus drei Armeen provoziert und beschlossen, etwas dagegen zu unternehmen. Alte und junge Dichter trugen zornige Texte und Verse vor gegen Krieg und Raketen. Verbrüderten sich mit Raketengegnern, die auf dem Marktplatz, direkt hinter den ordengeschmückten und mit Federpuscheln verzierten Traditionsverbänden ihr Spruchband entfaltet hatten: Entweder wir schaffen die Rüstung ab, oder die Rüstung schafft uns ab.

Inzwischen hatten andere Kongreßteilnehmer auf einem zehn Meter langen papiernen Transparent den Satz geschrieben: Schriftsteller für den Frieden. In dichtgedrängter Reihe trugen wir nun das entfaltete Transparent zum Marktplatz. Aber die Straße war dafür zu schmal, und wir mußten es in schräger Formation transportieren. Ein Radfahrer, wahrscheinlich zu Weib und Kind nach Haus unterwegs, wurde von uns überrollt. Ich drehte mich noch um und sah, wie er sich erhob und verdattert sein Fahrrad aufhob. Er hatte gar nicht mitgekriegt, daß hier Schriftsteller für den Frieden demonstrierten.

Dann kamen wir in die Fußgängerzone mit Laternenmasten überall, zwischen denen wir uns mit unserem entfalteten Spruchband verhedderten. Mit Mühe gelang es, das verschlungene Papier zu entwirren, ohne daß es allzu großen Schaden nahm. Als wir endlich auf dem Markt ankamen, hatte das Militär seine Veranstaltung längst beendet. Die Zuschauer waren weg, und nur wenige Passanten sahen erstaunt zu, was die Schriftsteller da mit dem langen Papierband anstellten: Einmal stand uns ein Auto im Weg, dann rannten uns Bürger ins Plakat.

Ein Weseler näherte sich hinterher zutraulich und sagte, es wundere ihn gar nicht, daß Schriftsteller für den Frieden seien, gewundert hätte es ihn, wenn sie geschrieben hätten, Schriftsteller für den Krieg. Übrigens sei auch er für den Frieden, und wenn er den Kommandeur des Raketenbataillons richtig verstanden habe, so hatte der doch im Namen seiner Soldaten erklärt, daß auch er und seine Kameraden nichts anderes als den Frieden im Sinn hätten. Würde es unter einer solchen Verwirrung des Verstandes heutzutage ein Verlag in Ost und West wagen, Bertha Suttners »Die Waffen nieder!« zu drucken? Und wer würde so etwas lesen wollen?

Eines Tages fuhren wir hinaus zum See Stechlin, und er war immer noch so, wie Fontane ihn beschrieben hatte. Die flachen Ufer, die alten Buchen ringsum, deren Zweige von ihrer eigenen Schwere gezogen mit den Spitzen die Wasserfläche berührten. Zwar sangen Vögel, aber auf dem See kein Schwimmer und kein Kahn. Alles war still hier. Mit schwermütiger Besorgnis sahen wir auf die Wasserfläche und warteten darauf, daß sich etwas rege, daß ein Wasserstrahl aufspringe oder daß es gar brodele, daß es sprudele und strudele, und ein roter Hahn taucht auf aus der Tiefe und krähe laut ins Land hinein: Die Erde bebt.

Es war die Zeit der Vulkanexplosionen, Bomben, Kernwaffenversuche, Erdbeben, Raketenstarts und der Millionen Toten in Asien, Amerika und Afrika. Aber die alte Mechanik des Sees schien nicht mehr zu funktionieren. Was sich an großen Katastrophen auf anderen Weltteilen ereignete, spielte sich im Kleinen nun nicht mehr auf dem See ab. All seine Quellen, die seine kleine Wasserfläche mit Kontinenten und Ozeanen verbanden, schienen verstopft. Nichts mehr berührte den sensiblen See. Eine weitere Verbindung zur übrigen Welt war kaputt. Ein weiteres Mal gedemütigt, wandten wir uns S.78 um und machten uns auf den Heimweg.

Da hörten wir es. Ein schwaches Summen in der Luft. Hatte der See seine Mechanik geändert, modernisiert vielleicht? Vielleicht brodelte der See nicht mehr auf seine altmodische Weise bei großen Katastrophen, vielleicht hatte er sich auf Luftvibrationen umgestellt, signalisierte nun auf moderne Art den Tod in der Welt.

Und während wir noch darüber nachdachten beim Spazieren, und während das Summen, das einem ins Unendliche klingenden Kammerton A ähnelte, näher und näher kam, oder näherten wir uns ihm? tauchten plötzlich aus dem Waldesgrün mächtige graue Schatten auf. Ein Betonklotz ohne Fenster, ohne Menschen, ohne Tür und ohne Dach. Von dort kam der feine verführerische Ton.

Wir wollten nähertreten, das Betonbauwerk berühren, um sicher zu sein, daß wir nicht halluzinierten. Ein schlichter, kaum zwei Meter hoher Zaun aus Maschendraht verhinderte es. Wir schauten uns um nach einer Inschrift, daß sie uns Auskunft gebe. Vergebens. Was mag da wohl versteckt sein hinter Beton, und was geht da vor, daß es so seltsam tönt? Spaßiges sicher nicht, aber allzu Ernstes sicherlich auch nicht. Am Zaun keine Isolatoren, hinter dem Zaun keine Hunde am Laufdraht und vor dem Zaun kein Polizist. Erst nach längerem Hin und Her und nachdem wir uns vergewissert hatten, wo wir uns befanden, in welcher Zeit und unter welchem Stern, kam uns der befremdliche Gedanke, daß wir hier wohl vor dem Kernkraftwerk Rheinsberg standen.

Wir hatten es nicht von Sorgen gequält gesucht. Nicht Verantwortungsbewußtsein vor der ungewissen Zukunft mit Atomreaktoren hatte uns hierher getrieben. Aus nostalgischem Übermut waren wir zum Stechlin gefahren, zufällig sahen und hörten wir es. Nun standen wir da. Die anderen Spaziergänger im Stechliner Wald beachteten das Bauwerk nicht, weder bewundernd noch erschauernd. Was ist mit uns geschehen, was ist mit ihnen geschehen, dachten wir, sprachen es auch aus, daß sie so ganz und gar verstummt sind? Woher diese Gleichgültigkeit vor einer Technik, die wir nicht begreifen, vor einer Wissenschaft, deren Gefahren wir nicht überschauen, vor einer Regierung, die wir weder gerufen noch beauftragt haben und die das da für uns erdacht hat?

Wo kommt es her, was im Innern des Betons so tönt, fragten wir uns da. Die lärmenden Zeitungen der Regierung schweigen sich darüber aus, und deren Funk- und Fernsehstationen vermeiden jeden Hinweis. Wir sind auf Mutmaßungen angewiesen. Es wird der Eindruck erweckt, was da geschieht, sei ein Gottesgeschenk. Wo aber und wie wird es zwischengelagert? Auf welcher Straße kommt es an den Stechlin? Wo bleiben die radioaktiven Rückstände? Und wenn nun der Eisenbahnwaggon mit strahlendem Material entgleist? Das Flugzeug abstürzt? Der Fernlaster das Brückengeländer durchbricht? Das Schiff kentert? Der reitende Bote vom Pferd geworfen wird? Wir ahnen etwas. Aber sichere Nachricht, wer hat die schon?

Wir ahnen, ja, das Zeug kommt von irgendwo aus Sibirien, und wenn es ausgebrannt ist, dann geht es irgendwohin nach Sibirien. Vielleicht in den ewenkischen oder in den kamtschadalischen Nationalkreis? Dort, können wir vermuten, wird der Atommüll vom Stechlin sicher verstaut. Wir können also ruhig schlafen. Auch einen Protestmarsch der Ewenken oder Kamtschadalen nach Rheinsberg brauchen wir nicht zu befürchten. Sie werden nicht weit kommen, denn zwischen ihnen und uns liegen 27 eisige Wüsten, dreizehn Gebirge, 31 reißende Ströme, neun Schluchten und 72 kampfbereite Divisionen. Unter solchen Bedingungen protestiert sich's schwer.

Und letztlich wissen die Ewenken und Kamtschadalen nicht mal genau, was da andauernd in ihrem Land verbuddelt wird. Auch bei ihnen dieser Gleichmut vor der unbegreiflichen Technik, vor der Wissenschaft, deren Gefahren unüberschaubar sind, vor der Regierung, die ewenkisches Land wie eine Besatzungsmacht verwaltet. So waren wir durch Zufall auf einen weiteren Beweis unserer Ohnmacht gestoßen. Der Zufall hatte uns mit dem Kopf darauf gestukt wie Tierfreunde ihren Köter mit der Schnauze in den eigenen Unrat tunken, um ihn zu erziehen. Mir fielen ewenkische Gesichter ein, die ich im hohen Norden kennengelernt, kamtschadalische Lieder, die ich im Fernen Osten gehört hatte.

Die Leute dort hatten immer ernste Reden geführt über Robbenjagd und Fischfang. Es waren komplizierte Gespräche. Manchmal über zwei oder drei Dolmetscher.

Damals am Ufer des Stechlin, der verstimmt war und der uns nicht mehr Nachrichten von Katastrophen auf fremden Kontinenten und in fernen Ozeanen übermittelte, sondern in dessen dunkler Wasserfläche sich die Bedrohung nun direkt widerspiegelte, spürte ich, daß wir fremd und fern einander, doch wie im unwissenden Mittelalter, wie aneinandergeschmiedet ratlos und hilflos ausgeliefert waren dem schimmernden Kometen, der über uns stand und der Pest und Cholera dort hinterließ, wohin sein Licht traf.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 22 / 92
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.