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Spiegel des 20. Jahrhunderts »Was haben wir getan?«

DAS JAHRHUNDERT DER KRIEGE: Der Wahn der Atomrüstung
aus DER SPIEGEL 5/1999

Werner Heisenberg

Hitlers Hoffnung

Auf den Festnahmelisten der Alliierten gegen Ende des Krieges stand ganz oben ein Nobelpreisträger: Werner Heisenberg. Ihn, den Mitbegründer der modernen Atomphysik, fürchtete die US-Führung wie einen braunen Dr. Mabuse, fähig womöglich, auf den Trümmern des Dritten Reichs in letzter Minute noch die finale Wunderwaffe zu schaffen.

Die Angst war unbegründet, denn hinter dem Atomprojekt steckte am Ende kaum mehr als ein Trupp abgerissener Forscher und ihr in einem schwäbischen Weinkeller verbunkerter Experimentalreaktor, dazu ein Lkw-Konvoi mit Uranprodukten und schwerem Wasser, der auf der Flucht vor Tieffliegern über Land irrte.

Daß die Nazis nie wirklich eine Chance hatten, während des Krieges noch eine Atombombe zu entwickeln, stand beizeiten fest.

Zwar waren Heisenberg und der »Uranverein« im Herbst 1941 theoretisch am Ziel gewesen - »es geht ja wirklich, man kann Atombomben machen«, schilderte Heisenberg 1967 in einem SPIEGEL-Gespräch diese »Schreckreaktion aller Physiker«. Doch mangels kurzfristiger Realisierbarkeit verzichtete die Nazi-Führung schon im Juni 1942 darauf, dem Atombombenprogramm Vorrang zu geben.

Heisenberg gehörte neben Max Planck und Otto Hahn zu den wenigen Spitzenforschern, die in Hitlers Reich ausgeharrt haben, obwohl Angebote aus dem Ausland lockten und jüdische Kollegen vertrieben wurden.

Der vom deutschnationalen Klima der Kaiserzeit geprägte Physiker hatte als 17jähriger in der Uniform des »Wehrkraftvereins« gegen die Münchener Räterepublik gekämpft. Als er Ende 1933 den ihm für das Vorjahr verliehenen Physik-Nobelpreis (für die Begründung der Quantenmechanik) erhielt, feierten ihn NS-Jungakademiker per Fackelzug .

Gelegentliches Einstehen für bedrohte Mitarbeiter brachte letztlich auch dem Nobelpreisträger Angriffe von Parteibonzen ein. Sie forderten seine Ablösung. Das SS-Organ »Das Schwarze Korps« schalt Heisenberg »Ossietzky der Physik«. Schutz erfuhr der Kritisierte ausgerechnet durch SS-Führer Heinrich Himmler, dessen Vater mit Heisenbergs Großvater dem gleichen Wanderclub bayerischer Gymnasiallehrer angehört hatte.

Den Respekt der Kollegen behielt Heisenberg trotz allem - wohl auch als einer, dem die Schocks seiner Karriere eine Lehre waren: 1957 unterschrieb er die Erklärung von 18 Göttinger Wissenschaftlern gegen die Atombewaffnung der Bundeswehr. 1976 starb Heisenberg.

Edward Teller

Friede mit Gewalt

»Es ist ein Junge«, freute sich Edward Teller, als er auf einem Seismographen im kalifornischen Berkeley die Schockwelle aus der fernen Südsee beobachtete. Auf einem Teststand im Eniwetok-Atoll war soeben unter Getöse »Mike« über die Menschheit gekommen - die erste Wasserstoffbombe Amerikas. Seit diesem Tag, dem 1. November 1952, genießt der aus Ungarn stammende Physiker, von dem die entscheidenden Berechnungen für die neue Waffe stammten, makabren Weltruhm als Vater der H-Bombe.

Am amerikanischen Atombombenprogramm hatte Teller von Anfang an mitgearbeitet. Dabei war keinem der Initiatoren das Ganze zunächst so unheimlich gewesen wie dem durch die Nazis von den deutschen Universitäten vertriebenen Ungarn. Die Hitze der Nuklearexplosion, so fürchtete Teller, könne die Atmosphäre der ganzen Erde entzünden und vernichten.

Doch moralisch hegte Teller keine Zweifel an seinem Werk, das den anderen Wissenschaftlern von Los Alamos zunehmend Skrupel bereitete. Etwa Robert Oppenheimer, der sagte: »Ich habe Blut an meinen Händen.« Teller hatte im Inferno eine Chance erkannt: die Abschreckung im Kalten Krieg.

Der mittlerweile stramm antikommunistische Forscher Teller war von dem Glauben besessen, nur ein durch Wissenschaftler erkämpftes Monopol amerikanischer Militärtechnik, auch mit Hilfe futurologische Weltraumwaffen, könne die Erde vor dem atomaren Untergang durch Sowjethand bewahren. Atomstopp-Projekte und Abrüstungsverträge waren ihm deshalb zuwider.

Die Atomtechnik habe geholfen, Weltprobleme zu lösen und werde einmal »den verdienten Rang unter den besten Instrumenten aufgeklärter Generationen« erhalten, schrieb Teller im Mai 1998 als 90jähriger. Ob es ihm leid tue, die H-Bombe geschaffen zu haben? »Die Antwort ist: nein.«

Manfred von Ardenne

Der rote Baron

Im Heer deutscher Spezialisten, die von der Roten Armee 1945 abtransportiert wurden, um Stalins Waffenforschung zu verstärken, war Manfred von Ardenne der berühmteste. Berija höchstpersönlich habe ihn vergattert, die Sowjetunion erwarte von ihm »die Entwicklung unserer Atombombe«, behauptete Ardenne.

Kollegen bezweifelten freilich, daß Stalins Innenminister bei einem Deutschen derartiges geordert haben könnte. Auch gilt der Beitrag Ardennes zur Sowjetbombe inzwischen als geringfügig. Doch das schmälerte keineswegs den Glamour des Wissenschaftlers. Ardenne war ein Autodidakt, der es nur ein Jahr auf der Universität ausgehalten hatte und trotzdem zum geachteten Physiker und gar zum Doyen der DDR-Forschung aufstieg.

Der vielseitige Forscher, der unter anderem durch Entwicklungen auf dem Gebiet der Fernsehröhrentechnik, aber auch der Krebsbekämpfung auffiel, hatte zeitlebens verstanden, im rechten Licht und auf der richtigen Seite zu glänzen.

Die Mächtigen rissen sich um ihn: Göring holte den Privatgelehrten noch Anfang 1945 in den »Reichsforschungsrat«, und nach Rückkehr aus der UdSSR empfing die DDR den Vorzeige-Intelligenzler pompös, da ihm beizeiten die Erkenntnis gekommen war: »Wer für das glückliche Voranschreiten der Menschheit eintreten will, der muß den Sozialismus unterstützen.«

Gewöhnlichen Bewohnern von Dresden, wo Ardenne 1997 im Alter von 90 Jahren starb, war der Kult um den hochprivilegierten Mitbürger oft zuwider. Weniger aus Respekt, mehr zur Distanzierung nannte das sozialistische Fußvolk ihn deshalb stets »den Baron«.

Paul Tibbets

Der Bomber

Am Morgen des 6. August, genau um viertel nach acht Ortszeit, sagte der Pilot Paul Tibbets seinem Bombenschützen: »Du bist jetzt dran.« Der hatte eine Brücke im Zentrum von Hiroschima im Visier und löste aus: 43 Sekunden später erreichte der gleißende Blitz das Cockpit, und vom Boden stieg die riesige Pilzwolke empor, die Oberst Tibbets auf dem Rückflug erst nach 360 Meilen aus der Sicht verlor. Amerikas erste Atombombe war im Ziel. 140 000 Menschen starben an diesem Tag in ihrer Stadt, die ausgesucht worden war, weil es dort kein Gefangenenlager mit amerikanischen Soldaten gab. Weitere 70 000 kamen um, als drei Tage später der zweite Schlag Nagasaki traf.

Dem Piloten Tibbets, der den Atombomber vom Typ B-29 nach dem Geburtsnamen seiner Mutter auf »Enola Gay« getauft hatte, war nicht nach Triumph zumute. »Mein Gott, was haben wir getan?« notierte er. Doch die Anfechtung hielt nicht lange an. Rührselige Geschichten kündeten zwar von Suff und Depression, die den reuigen Bombenwerfern der »Enola Gay« angeblich zu schaffen machten. Doch in Wahrheit hielten es Tibbets und seine Leute mit der Mehrheit in Amerika, die den Atomschlag auf das praktisch schon besiegte Japan nicht in Frage stellten - »es war nötig, absolut«, sagt Tibbets, der gelegentlich am Steuer einer alten B-29 mit gewaltiger Rauchbombe vor Airshow-Publikum Hiroschima nachstellte. Tibbets, 83, lebt in Ohio.

DIE THEMENBLÖCKE IN DER ÜBERSICHT: I. DAS JAHRHUNDERT DERIMPERIEN; II. ... DER ENTDECKUNGEN; III. DAS JAHRHUNDERT DERKRIEGE; IV. ... DER BEFREIUNG; V. ... DER MEDIZIN; VI. ... DESGETEILTEN DEUTSCHLAND: 50 JAHRE BUNDESREPUBLIK; VII. ... DESSOZIALEN WANDELS; VIII. ... DES KAPITALISMUS; IX. ... DESKOMMUNISMUS; X. ... DES FASCHISMUS; XI. ... DER ELEK-TRONIK UNDKOMMUNIKATION; XII. ... DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 40 JAHRE DDR;XIII. ... DER MASSENKULTUR

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