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WAS HÄTTE ER MEHR TUN KÖNNEN ODER MÜSSEN?

aus DER SPIEGEL 42/1970

Ende 1943 oder Anfang 1944, das genaue Datum hat sich nicht feststellen lassen, wurde der SS-Obersturmführer und Dr. med. Franz Lucas, damals 32 Jahre alt, nach Auschwitz versetzt. Er erkannte rasch, wohin er geraten war. Sein Vorgesetzter, der SS-Standortarzt Dr. Wirths, versuchte ihn zu beruhigen. »Es ist Krieg. Befehl ist Befehl«, sagte Dr. Wirths. Doch Dr. Lucas genügte das nicht. Er vertraute sich einem Freund seiner aus Osnabrück stammenden Familie an, Herrn Berning, dem katholischen Bischof von Osnabrück, und fragte diesen um Rat.

Der Bischof meinte; Dr. Lucas müsse halt sehen, wie er durchkomme. Dr. Lucas solle sich heraushalten, soweit das möglich sei: doch sein Leben müsse der Dr. Lucas deswegen nicht in Gefahr bringen. Auch ein Landgerichtsdirektor, den Dr. Lucas fragte; »wie er sich angesichts von nacktem Mord verhalten solle, wußte keinen anderen Rat.

Dr. Lucas folgte seinen Ratgebern. Er hielt sich den Morden und den Mördern gegenüber zurück. Er redete seine ärztlichen Gehilfen aus den Reihen der Totgeweihten mit »Sie« und ihrem akademischen Titel an. Auch verhalf Dr. Lucas den Häftlingsärzten gelegentlich zu Medikamenten. Wurde er zum Dienst auf der Rampe eingeteilt, zur »Selektion«, zur Entscheidung darüber, welche Opfer sogleich zu töten und welche zunächst als Arbeitskräfte auszubeuten seien, so fand Dr. Lucas Ausreden oder andere SS-Ärzte, die an seiner Stelle Dienst taten.

Viermal jedoch mißlangen dem Dr. Lucas die Ausreden und das Bemühen um Vertretung. Viermal hat er auf der Rampe Dienst getan und über Tod auf der Stelle oder einen Aufschub entschieden, der die Rettung sein konnte.

Wegen gemeinschaftlicher Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord in mindestens vier Fällen und an mindestens je 1000 Menschen verurteilte ein Schwurgericht im ersten Frankfurter Auschwitz-Prozeß den Dr. Lucas am 19. August 1965 zu einer Gesamtzuchthausstrafe von drei Jahren und drei Monaten. Dr. Lucas« Revision hatte Erfolg. Im Februar 1969 hob der 2. Strafsenat des Bundesgerichtshofs (BGH) das Urteil gegen Dr. Lucas auf. Es war nach Meinung des Senats nicht hinreichend aufgeklärt worden, ob Dr. Lucas sich in einer tatsächlichen oder vermeintlichen Notstandssituation befunden hat.

Von den 17 im ersten Frankfurter Auschwitz-Prozeß verurteilten Angeklagten erhielt allein Dr. Lucas noch einmal eine Chance durch den BGH. Er hat sie nutzen können. Am Donnerstag letzter Woche wurde Dr. Lucas von einem Schwurgericht in Frankfurt »mangels begründeten Tatverdachts« also in vollem Umfang, freigesprochen. Zwar habe ein »echter Nötigungsnotstand« nicht bestanden, als Dr. Lucas in vier Fällen auf der Rampe Dienst tat. Objektiv sei im Fall einer Befehlsverweigerung sein Leben nicht bedroht gewesen. Doch habe Dr. Lucas, wenn auch fälschlich, an eine »unmittelbar bevorstehende Gefahr für Leib und Leben« geglaubt.

Rehabilitiert und nicht nur einfach freigesprochen, verließ Dr. Franz Lucas, 59, den Schwurgerichtssaal, und niemand darf seine Frau dafür schelten, daß sie sich ihr Glück und ihre Freude ansehen ließ. Auch der Journalist, für den sich Dr. Lucas von Beginn der Auschwitz-Verfahren an von anderen Betroffenen abhob, kann diesem Mann, der immerhin drei Jahre in U-Haft gehalten worden ist, nur wünschen, daß er jetzt Frieden haben möge.

Doch namens von Mulka, Boger, Kaduk, namens von insgesamt 6300 bis zum 31. Dezember 1969 wegen unter Hitler begangener Verbrechen rechtskräftig Verurteilter darf auch nicht verschwiegen werden, daß dieser Freispruch für Dr. Lucas ein Aufruf zur Gewissenserforschung ist. Die Erwägungen, die zum Freispruch von Dr. Lucas führten, hätten, wären sie in Tausenden von Fällen angestellt worden, zu glimpflicheren Urteilen, wenn nicht sogar auch zu Freisprüchen geführt.

Wir dürfen uns nicht mit der Verlegenheit begnügen, die im Schwurgerichtssaal in Frankfurt spürbar war, nachdem der Vorsitzende, der Landgerichtsdirektor Baumann, 52, seine mündliche Urteilsbegründung beendet hatte. Gehen wir über jene Sätze hinweg, in denen diese Verlegenheit die mündliche Urteilsbegründung entstellte. »Haupttäter dieser Tötungen waren Hitler, Himmler, Eichmann ...«, hieß es einmal. Und ein andermal, es soll Herrn Baumann nichts unterstellt werden, es ist wirklich nur die Verlegenheit zu beschreiben, die zu spüren, die zu greifen war -- ein andermal sagte Herr Baumann vom Tod in der Gaskammer: »Der Tod war recht grausam.«

Die Einfühlung in den Angeklagten allerdings, die einem akademisch ausgebildeten Mann eine irrende, aber glaubhafte Überzeugung von der Gefahr für Leib und Leben im Fall einer Befehlsverweigerung zuerkannte -- über diese Einfühlung kann man nicht hinweggehen.

»Es ist dem Angeklagten zu glauben, daß er Angst um sein Leben hatte«, hieß es in der mündlichen Urteilsbegründung: Nun, diese Angst um Kopf und Kragen darf man getrost der Mehrzahl aller wegen NS-Verbrechen verurteilten Personen glauben. Doch dieser Mehrheit hat man in den NS-Prozessen ihre Angst nicht abgenommen. Man hat ihr Wieder und wieder vorgehalten, daß nichts Ärgeres gedroht habe als die Versetzung an die Front und daß es also jederzeit möglich gewesen sei, sich verbrecherischen Befehlen zu widersetzen.

Das Frankfurter Schwurgericht hat gemeint, die Greuel, die Dr. Lucas habe mitansehen müssen, hätten ihn annehmen lassen, daß Gefahr für Leib und Leben von jenen zu erwarten sei, die zur Anordnung solcher Greuel fähig sind. Nun gut -- doch der SS-Mann, der Soldat oder der Polizeibeamte, der »nur« an der Grube stand und schoß, aus Angst schoß: hatte der keinen Grund, auf Gefahr für sein eigenes Leben zu schließen? Hatte der Anlaß, von seinen unmittelbaren und mittelbaren Befehlshabern nur Frontversetzung zu fürchten (eine Frontversetzung, die auch Dr. Lucas für seine Person nicht durchgesetzt hat)?

Der Dr. Lucas hat sich an einen ausgewachsenen Landgerichtsdirektor gewandt und sogar an einen echten Bischof. Doch wo hatten die Tausende von in NS-Prozessen Verurteilten den Landgerichtsdirektor, den Bischof, an den sie sich hätten wenden und mit Bezug auf den sie später hätten belegen können, daß sie immerhin um Rat bemüht waren?

Man mag einwenden, es sei all diesen anderen Verurteilten, selbst wenn sie einen Landgerichtsdirektor oder Bischof gehabt hätten, aus Gewissenlosigkeit niemals aufgegangen, daß sie es mit verbrecherischen Befehlen zu tun hatten und des Rats bedurften. Dagegen ist dann aber daran zu erinnern, daß diese anderen Verurteilten in ihrer Mehrheit keine Akademiker gewesen sind; daß es ihnen schwerer fallen mußte als dem Doktor der Medizin Lucas« die Unrechtmäßigkeit und Unmenschlichkeit von Befehlen zu erkennen.

Wir sind nicht gegen den Freispruch, der Dr. Lucas zuteil wurde. Doch wir meinen, daß die Einfühlung, die er erfuhr, dann wohl auch anderen gebührt. Unsere Bewältigung der Vergangenheit mit Hilfe der Justiz hat sich zu einem Selbstbetrug entwickelt, über den man nicht länger schweigen kann. Sechs- bis zehntausend Menschen von den noch Lebenden sollen die Verbrechen begangen haben, und ihre Schuld soll Millionen freisprechen.

Es war notwendig, sich mit den Verbrechen, die unter Hitler begangen wurden, juristisch auseinanderzusetzen. Jenes Gran Bewußtsein hinsichtlich dieser Verbrechen, das heute als vorhanden angenommen werden kann, wäre ohne die NS-Prozesse nie zusammengekommen. Doch heute ist eine Einheitlichkeit in der Beurteilung der NS-Verbrechen nicht mehr vorhanden. Nur im Gröbsten steuert der BGH als Revisionsinstanz noch aus. Und über der Anstrengung, die NS-Prozesse durchzuführen und durchzuhalten, ist es zu Katastrophen gekommen, vor denen das vielberufene Rechtsgefühl des demokratischen Rechtsstaats die Augen schließt -- weil es sich um NS-Verbrecher handelt.

Man mag nicht mehr davon sprechen, doch man muß es immer wieder hinausschreien, daß die Kleinen gehängt wurden, während die Großen davonkamen. Im Herbst vergangenen Jahres ist in München der Hochschullehrer Professor Theodor Maunz in den Ruhestand gegangen. Er war Staatsrechtler schon unter Hitler, und seine damaligen Veröffentlichungen hat Adolf Arndt einmal gekennzeichnet: »Bei jenen Publikationen hat es sich auch nicht nur um die bloße Wiedergabe einer angeblichen »Rechtslage« gehandelt, sondern darin ist eine Unrechtslage in einer für die Leser, insbesondere die Studenten, nicht erkennbaren Weise so abgehandelt worden, als ob es sich um Recht handele.«

Professor Maunz ist von 1957 bis 1964 Kultusminister in Bayern gewesen, und ihm ist nichts Ärgeres widerfahren, als daß er im siebten Amtsjahr aus dem Amte scheiden mußte. Man hat also unter Hitler den Studenten, Polizeibeamten und der Öffentlichkeit eine »Unrechtslage« als Recht hinstellen dürfen: doch verurteilt worden sind nur jene, die nicht bemerkt haben, daß ihnen gegenüber Unrecht als Recht ausgegeben wurde.

Schweigen wir vom ehemaligen Staatssekretär Globke, der als Zeuge in einem NS-Prozeß zuletzt davon sprach, unter einer Diktatur habe jedermann das Recht, um sein Überleben bemüht zu sein. Die Schützen an der Mordgrube und die SS-Männer die das Gas in die Kammern warfen, haben auch nichts anderes gewollt als überleben. Schweigen wir vom ehemaligen Staatssekretär Vialon, der sich 1963 in einem NS-Prozeß des Meineids verdächtig machte, der jedoch erst im Januar 1971 dieses Verdachts wegen vor Gericht stehen wird.

Die Justiz hat sich diesem Spiel zugunsten der Großen und zu Lasten der Kleinen nicht entzogen. Es ist ein scheußliches Paradox: Doch gerade in den NS-Verfahren ist der Rechtspositivismus, der Gehorsam dem Gesetzgeber gegenüber, wieder eingezogen, mit dem man unter Hitler so blutige Erfahrungen gemacht hatte. Das hat sich für die Justiz ausgezahlt: Es ist weiterhin kein Richter wegen seiner. Tätigkeit unter Hitler von einem Gericht der Bundesrepublik rechtskräftig verurteilt.

»Meine Vorgesetzten waren alle Juristen«, klagte Wilhelm Rosenbaum, ehemaliger SS-Untersturmführer, in seinem Prozeß in Hamburg, in dem er wegen Mordes in mindestens 148 Fällen verurteilt wurde. Doch der Angeklagte jammerte auch wiederholt »Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr« -- denn er hatte bis zu seiner Hauptverhandlung sechs Jahre in Untersuchungshaft gesessen. Und wir alle, die wir die unmäßigen U-Haftzeiten zu bekämpfen pflegen: wir schwiegen dazu. Herr Rosenbaum hieß Rosenbaum auch unter Hitler, und er hat sich als »Arier« gemein und blutig produziert, er hieß ja Rosenbaum. Doch sechs Jahre U-Haft: sechs Jahre.

Haben die NS-Prozesse etwas dafür getan, daß sich Greuel wie die unter Hitler nicht wiederholen? Sie haben einiges dafür getan. Neuerdings tun sie immer gründlicher das Gegenteil. Neuerdings machen sie den Pelz der Selbstgerechtigkeit immer dicker, aus dessen angenehmer Wärme heraus viel zu erwarten ist. Die Kollektivschuld haben die Deutschen von sich abgewendet. Doch vergangene Woche war eine Partei »kollektiv beleidigt«. Die Schützen und Vergaser hat man eingesperrt. Doch wer nur ein großer Mann in der Reichsjugendführung war, in der HJ, in der blinder Gehorsam gelehrt und das Unrechtsbewußtsein in Treue zum Führer verwandelt wurde: der kann innenpolitische Krisen der Bundesrepublik mitgestalten. Günter Gaus schrieb im SPIEGEL über den »Fall Döpfner« und anläßlich des Weihbischofs Defregger: »Wo ist die öffentliche bischöfliche Rechtfertigung für so manchen Selektionsbeamten von Auschwitz?« Nun haben wir wenigstens für einen ehemaligen Selektionsarzt einen Freispruch

Die kollektive Scham, die Theodor Heuss an die Stelle zu rücken suchte, an der die Kollektivschuld erfolgreich entfernt worden war, hatte keine Chance. Ob jetzt endlich das Übermaß der Widersprüche, die den Rechtsstaat verhöhnende Lotterie in Sachen Vergangenheitsbewältigung dazu führt, daß wir zu jenen treten, die stellvertretend, mit uns, deutlicher als wir meinethalben, aber mit und auch durch uns schuldig wurden? Dann könnte ein Ende gemacht werden, auf das niemand einen Stein werfen dürfte. Wir müßten mit jenen bitten und um jener willen bitten, die wir vorerst bezahlen lassen, als seien wir die Gläubiger.

Die Justiz ist mit der Vergangenheitsbewältigung am Ende. Nach dem Gesetz wird entschieden, heißt es, doch in Wahrheit entscheidet subjektive Meinung derart, daß die Berufung auf das Gesetz ein Hohn ist.

»Todesmut wird von der Rechtsprechung nicht verlangt«, sagte Staatsanwalt Hess, 37, als er im Prozeß gegen Dr. Lucas Freispruch beantragte. Wir sind schon heute so weit, daß wir die wichtigste Lehre aus jenen Jahren und aus der Fülle der Prozesse wegen jener Jahre verdrängen: die Lehre, daß man sich eher ermorden lassen muß, als daß man mordet; daß es gegen den Befehl zur Unmenschlichkeit nur das Opfer des eigenen Lebens gibt -- oder die Inkaufnahme der Mitschuld an der Unmenschlichkeit.

Was Dr. Lucas mehr hätte tun können oder müssen, hat sich das Schwurgericht in Frankfurt gefragt. Es hat nichts entdeckt. Irgendwann jedoch werden wir beginnen müssen, von der Angst um das eigene Leben als einer Haltung zu sprechen, die überwunden werden kann, wenn Unmenschliches befohlen wird.

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