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WAS HITLER DEN DEUTSCHEN BEDEUTET

aus DER SPIEGEL 12/1966

Der bedeutendste lebende Literaturtheoretiker und Philosoph des Marxismus-Leninismus, Georg Lukács, 80, vor dem Ersten Weltkrieg Student in Deutschland, von 1920 bis 1945 Daueremigrant in Deutschland und in der Sowjet-Union, amtierte zweimal als ungarischer Kulturminister: 1919 unter Béla Khun und 1956 im Revolutionskabinett Imre Nagy, von dem er sich jedoch vor dessen Sturz distanzierte. Nach einer Internierungszeit in Rumänien lebt Lukács wieder in Budapest. Zwei seiner bedeutendsten Werke, »Die Theorie des Romans« (1920) sowie »Geschichte und Klassenbewußtsein« (1923), hat Lukács später als unorthodox widerrufen. Eine - umstrittene - Geschichte der deutschen Philosophie seit 1800, des »deutschen Irrationalismus von Schelling bis Hitler«, in der Lukács den deutschen Intellektuellen den Mißbrauch der Vernunft zur indirekten Verteidigung des Kapitalismus vorwirft, erschien unter dem Titel »Die Zerstörung der Vernunft« 1954 in Ost-Berlin, acht Jahre später unverändert in der westdeutschen Gesamtausgabe seiner Werke. Demnächst wird davon eine kürzere Taschenbuchausgabe »Von Nietzsche zu Hitler« in der Fischer Bücherei als Lizenzausgabe des Hermann Luchterhand Verlages erscheinen, zu der Lukács ein neues Vorwort schrieb. Der nachstehende Text ist ein Auszug.

Was bedeutet die Hitlerzeit in der deutschen Entwicklung? Ist sie eine unglückselige Episode innerhalb eines - im wesentlichen - normalen nationalen Wachstums? Oder ist sie die letzte, am schärfsten zugespitzte paradoxe Folge einer gesellschaftlichgeschichtlichen, abnormen Evolution? Ich weiß: im allgemeinen wird, wenn auch nicht in der hier vorgeschlagenen eindeutigen Form, die erste Frage bejahend beantwortet. Hier soll für eine Zustimmung zur zweiten das Wort ergriffen werden.

Damit taucht sogleich die Frage auf: Wo beginnt der Weg Deutschlands vom gesellschaftlich-geschichtlich Normalen abzuweichen? Ich berufe mich dabei, wo möglich, vor allem auf nichtsozialistische, auf nicht weit links stehende Zeugen. Alexander von Humboldt meinte, Deutschland habe im Bauernkrieg seinen Weg verfehlt. Darin steckt eine tiefe Wahrheit. Denn der normale Weg der modernen bürgerlichen Entwicklung setzt den Sieg über die feudalen Lebensformen voraus, und simultan damit gibt sie der nationalen Einheit, die ebenfalls in diesem Prozeß entsteht, eine reale Fundamentierung in der staatlichen Einheit der Nation. So war es, bei allen Verschiedenheiten, in Frankreich und in England. Im Bauernkrieg lebt auch - gegen den verkommenden Feudalismus gerichtet - eine Sehnsucht nach nationaler Einheit; sie erhielt ihren Ausdruck im Verfassungsentwurf Wendel Hiplers*. Der Sieg der Fürsten über die Bauern konsolidierte die nationale Zerrissenheit, die Kleinstaaterei. Was etwa in Frankreich sich als Liquidation des Feudalismus vollzog, erhielt in Deutschland eine karikaturhafte Gestalt: die siegreichen Kleinfürstentümer schufen einerseits Zerrbilder der absoluten Monarchie, vor allem dadurch, daß sie den verwesenden Feudalismus nicht abbauten oder zumindest umformten, sondern im wesentlichen konservierten; andererseits war dieser höchst miserable Übergang zur absoluten Monarchie kein Vehikel, sondern ein Hemmnis der nationalen Einheit. Wenn der junge Hegel in seiner Schrift »Die Verfassung Deutschlands« von den fremden Mächten spricht, die ihre Reichsstandschaft zur Zerstörung der nationalen Einheit gebrauchten, zählt er neben Dänemark, Schweden und England »vorzüglich Preußen« auf.

Dieser Ausspruch illustriert bereits den abnormen Zusammenhang zwischen politischer Lage und Kultur in Deutschland. Für die Franzosen ist ihre Kultur vom »grand siècle« bis zur Aufklärung, für England von Shakespeare bis Walter Scott ein direkter, adäquater Ausdruck der Entstehung, des Emporwachsens des nationalen Geistes auf dem Boden der sich konsolidierenden und erneuernden staatlichen Einheit. Die große deutsche Kultur von Lessing bis Heine ist ein paradox-oppositionelles Gewächs: sie ist gegen Vergangenheit und Gegenwart gerichtet, sie kämpft für eine utopische Zukunft, deren Konturen nur sehr allmählich und sehr blaß sichtbar werden können. Es Ist kein Wunder, daß, als die französische Revolution und Napoleon zum ersten Male seit dem Bauernkrieg - freilich von außen, nicht von innen - die Frage der nationalen Einheit auf die Tagesordnung stellten, selbst die Größten nur zaghaft-utopische, nicht realisierbare Antworten geben konnten: Goethe und Hegel erwarteten »vom großen Staatsrechtslehrer in Paris« eine Lösung, Scharnhorst und Gneisenau träumten von einer inneren geistigen Erneuerung Preußens.

Utopien entstehen dort, wo die materielle Basis der Umwandlung noch fehlt. Diese entstand in der nachnapoleonischen Zeit als Preußischer Zollverein. Es ist bemerkenswert, daß dessen Grenzen genau mit jenen zusammenfallen, die der siegreiche Krieg Preußens gegen Österreich 1866 zustande gebracht hat. Aber auch hier ist der Gegensatz zum Westen deutlich sichtbar. Die ökonomisehe und politische Einheit Frankreichs ist simultan, durch innere geschichtliche Taten entstanden; die ökonomische Grundlage der deutschen Einheit dagegen gewissermaßen hinter dem Rücken der sie willenlos Durchführenden. Diese Feststellung ist kein »marxistischer Ökonomismus«. Treitschke beschreibt die Entstehung des Zollvereins als »zum guten Teil gegen den Willen der preußischen Krone selbst« geschehend, und da er auch nichts vom Zusammenhang zwischen Ökonomie und Politik versteht, fügt er hinzu: »Hier sieht man die innere Naturgewalt arbeiten.« Er zeigt auch, daß Friedrich Wilhelm IV. österreichisch gesinnt war, daß die Mittelstaaten »mit Herzensfreude Preußen zerstört hätten, doch wagte keiner, den Zollverein zu sprengen; von diesem Bande konnten sie nicht mehr los«. Gerade daß Treitschke diesen Prozeß ebensowenig verstand wie die Beteiligten - »es war die Natur der Dinge, welche schließlich dahin führte«, sagt er -, macht ihn in dieser Frage zu einem unverdächtigen Zeugen. Die staatliche Vereinigung Deutschlands ist um die Mitte des 19. Jahrhunderts eine ökonomische Notwendigkeit geworden.

Es kam aber sehr stark darauf an, wie sie politisch verwirklicht wurde. Schon 1848 stand die Alternative vor dem deutschen Volk: »Einheit durch Freiheit« oder »Einheit vor Freiheit«. Die Niederlage der Demokratie in der-Revolution hat diese Frage im Sinne der zweiten Formel beantwortet, und zwar so, daß die Verwirklichung der Freiheit immer wieder auf Sankt Nimmerleinstag verschoben wurde. Eine derartige Wendung der deutschen Geschichte hat bereits der junge Marx vorausgesehen. Er schrieb über eine ihrer möglichen Perspektiven: »Deutschland wird sich daher eines Morgens auf dem Niveau des europäischen Verfalls befinden, bevor es jemals auf dem Niveau der europäischen Emanzipation gestanden hat.« Genau das hat Bismarck am Abschluß der großen Kriege verwirklicht: ein ökonomisch-politisch vereintes Deutschland, das deshalb sehr rasch den Weg des kapitalistischen Aufschwungs zum Imperialismus einschlagen konnte; ein Deutschland, das zwar - gut bonapartistisch - das allgemeine Wahlrecht einführte, dessen Parlament jedoch keinerlei reale Macht besitzen durfte, dessen Politik weiter von den Hohenzollern und den zu Zivil- und Militärbürokraten gewordenen Junkern geleitet wurde. Auch in dieser Frage gab es bis 1848 noch eine Alternative: Aufgehen von Preußen in Deutschland oder Verpreußung Deutschlands. Es ist klar, welche Antwort auch diese Alternative in der deutschen Geschichte erhielt.

Damit waren die Grundlagen des neuen Deutschland gelegt. Bismarck hatte den staatlichen Überbau zum Zollverein mit großem diplomatischem Geschick verwirklicht. Und da dies eine welthistorisch bedeutsame Tat war, erschien er lange Zeit im Gedächtnis der deutschen Nachwelt als großer Staatsmann. Dabei hatte er über das selbstgeschaffene Werk nichts weniger als ein klares und richtiges Bild. Er hatte das dumpfe Gefühl, daß das Entstehen einer deutschen Großmacht mit Gefahren verbunden war. Über deren Grund hatte er keine wirklich deutliche Vorstellung. Er ging davon aus, daß Deutschland »saturiert«, also friedliebend, ja der Hüter des europäischen Gleichgewichts im Frieden sei. So war er bestrebt, den Status quo von 1871 um jeden Preis zu halten, hatte bei jeder Regung zu einer Umgruppierung sein bekanntes »cauchemar des coalitions«. Daß seine wirtschaftlichen Maßnahmen der Entwicklung des deutschen Imperialismus und nicht der Konsolidierung eines »saturierten« Deutschlands dienten, wußte er selbstverständlich nicht. Was er sonst tat - Sozialistengesetz, Kulturkampf - sollte die Befestigung der Verpreußung Deutschlands fördern, konnte jedoch im Ausmaße seiner Intentionen unmöglich verwirklicht werden.

Bismarcks Sturz war also eine historische Notwendigkeit: das nicht saturierte, das verpreußte Deutschland, das nunmehr »seinen Platz an der Sonne« suchte, schob ihn durch die vielfach sinnbildliche Gestalt des größenwahnsinnig-mittelmäßigen Schwadroneurs Wilhelm II. beiseite. Es gehörte lange Zeit zur allgemeinen Schablone der deutschen Geschichtsschreibung, bloß die Gegensätzlichkeit dieser beiden Hauptakteure hervorzuheben. Sie ist psychologisch zweifellos vorhanden, auch als politisch-menschliches Gewicht der Persönlichkeit. Trotzdem scheint es hier nützlich, einen wesentlichen, spezifisch deutschen gemeinsamen Zug an beiden hervorzuheben: die Irrealität der strategischen Grundkonzeption. Das ist deshalb besonders wichtig, weil gerade diese ein sehr selten erkanntes Produkt der deutschen Entwicklung ist. Die philisterhafte Kleinlichkeit im zerstückelten Deutschland hat großangelegte und zugleich auf Realität basierende politische Entwürfe unmöglich gemacht; solche erwachsen nur aus den schicksalhaften Situationen eines großen Volks, das Weltgeschichte macht, indem es die eigenen Lebensfragen für sich beantwortet. Mit der Reichsgründung war das deutsche Volk in eine derartige Lage versetzt: wie sich das Staat gewordene, sich rapid entwickelnde deutsche Volk in das Machtgefüge der Welt einbauen werde. Bismarcks, Antwort vom saturierten Deutschland war - am Vorabend des Übergangs zum Imperialismus - ökonomisch völlig irreal. Er unterscheidet sich aber darin von seinen Nachfolgern, daß er seine irreale Strategie in bedächtig erwogenen taktischen Zügen zu verwirklichen trachtete.

Auch hinter allen Improvisationen von Wilhelm II. stand eine irreale Konzeption: die von Deutschland als führender Weltmacht. Sie war so irreal, daß sie eine bewußte Gestalt erst beim Scheinübergang in ihre Realisierung während des Ersten Weltkriegs erhielt. Wenn jedoch die Außenpolitik Wilhelms II. überhaupt politisch - und nicht psychopathologisch - als Einheit beurteilt werden soll, muß man von solchen Weltherrschaftssystemen ausgehen. Denn eine normale imperialistische Entwicklung Deutschlands hätte ein vorsichtiges Lavieren zwischen den großen Interessengegensätzen der Zeit - England-Rußland, Rußland-Österreich, England-Frankreich et cetera - erfordert, das Durchsetzen von Etappenzielen auf dem Wege eines do ut des. Ohne auf Details eingehen zu können, muß festgestellt werden, daß es der Politik Wilhelms II. gelungen ist, was noch wenig früher niemand für möglich gehalten hätte: alle diese Gegensätze temporär verschwinden zu lassen und die spätere Entente ins Leben zu rufen.

In der deutschen Geschichtsschreibung wird mit wenigen Ausnahmen diese Generallinie unsichtbar. Es wird immer wieder der höchst triviale Gemeinplatz bewiesen, daß auch England, Frankreich und Rußland imperialistische, also letzten Endes kriegerische Ziele gehabt haben. Es ist aber hier nicht von dieser Selbstverständlichkeit die Rede, sondern davon, welche imperialistische Politik das Wilhelminische Deutschland in einem solchen imperialistischen Milieu geführt hat. Wenn zum Beispiel England ernsthaft bestrebt war, zu einer Flottenvereinbarung mit Deutschland zu kommen, so war dahinter weder pazifistische Friedensliebe noch teuflische List verborgen, sondern einfach der Versuch, aus dem gefährlichen Konkurrenten Deutschland einen Juniorpartner zu machen. Der Preis wäre natürlich, neben dem Verzicht auf Flottenrivalität, neben kolonialen Entschädigungen, eine Gegnerschaft zu Rußland gewesen. Deutschland hatte also inmitten des säkularen asiatischen Gegensatzes England-Rußland die Möglichkeit einer Option. Die Wilhelminische Politik hat aber - absichtlich oder aus strategischer Blindheit - das Bündnis England-Rußland zustande gebracht.

Es kann hier nicht auf eine ausführliche Analyse ankommen. Es zeigt sich bloß, daß die deutsche Politik in phantastischer Kurzsichtigkeit einen Kampf auf Leben und Tod, um Weltherrschaft oder Untergang provozierte. Unter den damals gegebenen deutschen Verhältnissen läßt sich das natürlich aus Programmerklärungen aktenmäßig schwer nachweisen. Das Programm wurde ja, inoffiziell, von den dilettantischen Alldeutschen ausgearbeitet; erst im Kriege wurde offenkundig, wie ausschlaggebend dieser Einfluß vor allem in der Militärbürokratie war (die Freundschaft Wilhelms II. zu Chamberlain*, seine Verehrung für dessen Rassentheorie zeigt, daß dieser Einfluß schon vor dem Krieg wirksam war).

Damit steht die Eigenart der deutschen imperialistischen Politik - im Gegensatz zu den anderen Imperialismen - schon deutlicher als bisher vor uns. Es gibt einen großen und in allen technischen Einzelfragen ausgezeichnet funktionierenden Militärapparat, die zivile Bürokratie hat ein etwas niedrigeres Niveau. Alles Taktische jedoch, das mit dieser Organisation erzielt werden sollte, stand im Dienst einer völlig irrealen Strategie. Bei Bismarck mag es sich noch einfach um einen Irrtum in der Beurteilung der strategischen Lage Deutschlands gehandelt haben. Bei Wilhelm II. wächst der Irrtum in einen selbstsicheren und selbstherrlichen, aber sachlich bodenlosen Irrationalismus hinüber. Und dieser Irrationalismus ist nicht zufällig entstanden, er hat seine Wurzeln nur psychologisch in der Person Wilhelms II. Es ist ein interessanter Zufall, daß zur Zeit einer früheren Schicksalswende Deutschlands, nämlich 1848, Friedrich Wilhelm IV. ideologisch sehr ähnlich veranlagt war.

Die Wurzeln dieses Irrationalismus muß man in der deutschen Vergangenheit, in dem verspäteten und reaktionären Nationwerden suchen. In den, westlichen Demokratien gab es ein allmähliches Hinüberwachsen der großen nationalen Zielsetzungen ins Imperialistisch-Weltpolitische. Beide hatten dieselben gesellschaftlichen Grundlagen, beide unterstanden, in steigendem Maße, einer Kontrolle der öffentlichen Meinung. Es gab deshalb höchst selten und nie prinzipiell einen qualitativen Abgrund zwischen politisch-militärischer Strategie und Taktik. Da Rußland zwar In sozialer Hinsicht ein zurückgebliebenes Land war, seine staatlich-nationale Vereinigung aber In einer zentralisierten absoluten Monarchie erhielt, stellt es eine Zwischenstufe zwischen Deutschland und den Westmächten dar, in der politischen Strategie steht es diesen näher als jenem. Für Deutschland war aber jahrhundertelang die nationale Einheit, die nationale Macht ein utopischer Kyffhäusertraum, der in unüberbrückbarem Gegensatz zu den kleinlichen, bürokratisch engstirnig ausgeklügelten politischen Schachzügen stand. Diese historische Überlieferung äußert sich bereits in der strategischen Blindheit Bismarcks nach 1871. Ihre schädlichen Folgen treten explosiv ans Tageslicht unter Wilhelm II. Und es ist sicher kein Zufall, daß die überwältigende Mehrheit der deutschen Intelligenz sich beim Kriegsausbruch begeistert diesem strategischen Irrationalismus anschloß. Sie spielte die »Idee« von 1914 gegen die von 1789 aus.

Max Weber gehörte zu den wenigen Deutschen, die eine Ahnung von dieser Problematik hatten. Für den demokratischen Westen schien Deutschland einfach unheimlich, unberechenbar. In vertrautem Kreise pflegte Max Weber öfters zu sagen: das nationale Unglück Deutschlands zeige, daß man noch nie einen Hohenzollern geköpft habe. Und in der Tat war die Hinrichtung von Karl I. und Ludwig XVI. je ein Wendepunkt in der Entwicklung der demokratischen Leitung und Kontrolle der Außen- und Innenpolitik Englands und Frankreichs. Freilich fehlt Weber, bei all seiner Intelligenz, die innere Möglichkeit, seine eigenen Gedanken zu Ende zu führen. Auch bei ihm ist der deutsche utopische Zug in der Totalität bei aller Realistik der Einzelbeobachtungen und Schlüsse vorhanden. Er war ein kluger, liberaler Imperialist. Als solcher sah er klar und beurteilte scharfsinnig den irrationalistischen Utopismus der deutschen Außenpolitik und später den der Kriegführung; er sah klar die Überlegenheit der französisch-englischen Diplomatie gegenüber der deutschen. Er sah auch, wie die deutsche Entwicklung notwendig zum »persönlichen Regime« Wilhelms II., infolge der Ohnmacht des Parlaments zur Unmöglichkeit der Entstehung einer politisch befähigten Führerschicht, zur Herrschaft einer politisch impotenten, obwohl technisch glatt funktionierenden Bürokratie führte. Letztere Einsicht hat er von Bismarck geerbt. Dieser sagte gelegentlich, daß das preußische Militär ausgezeichnete Offiziere, bis zum Regimentskommandeur, erziehen könne. Die strategisch bedeutenden deutschen Feldherren aber - Scharnhorst, Gneisenau, Moltke - waren nie Erzeugnisse der preußischen Militärschulung. Der Erste Weltkrieg hat diese Prognose in jeder Hinsicht bestätigt. Da Max Weber aber bloß ein liberaler Imperalist, kein radikaler Demokrat war, mußte seine vielfach richtige Kritik am Wilhelminischen Deutschland eine einflußlose subjektive Utopie bleiben.

Natürlich gab es im damaligen Deutschland eine große, linke, sogar als revolutionär verschriene Partei: die sozialdemokratische. Sie ging aus dem Kampf gegen Bismarcks Sozialistengesetz siegreich hervor und zeigte eine ständige Zunahme an Gefolgschaft. In diesen Fragen blieb sie jedoch innerlich blind und daher nach außen ohnmächtig - nicht weil ihr richtiges Gegenprogramm an der Übermacht des verpreußten Reichs gescheitert wäre, sondern weil sie hierin nicht imstande war, eine konkrete und reale Alternative zum Bestehenden aufzuzeigen.

Unmittelbar nach dem Sieg der Partei im Kampf gegen das Sozialistengesetz hat Friedrich Engels in seiner Kritik des Erfurter Programms (1891) gegen sie diesen Vorwurf erhoben. Er geht davon aus, daß die Reichsverfassung in bezug auf die politischen Rechte des Volks »ein purer Abklatsch der preußischen Verfassung von 1850« sei, »worin die Regierung alle wirkliche Macht besitzt«. Es ist nun bemerkenswert, daß Engels nicht einfach den Sozialismus als Alternative aufstellt - so etwas findet man nicht selten bei den Sozialdemokraten der Wilhelminischen Zeit - sondern dessen Verwirklichung als unmöglich ansieht, ohne eine radikal demokratische Erneuerung Deutschlands, ohne ein schonungsloses Wegfegen aller Überreste der feudal-absolutistischen, kleinstaatlich-kleinlichen Vergangenheit. Er hebt ausdrücklich die Möglichkeit eines Hineinwachsens in den Sozialismus bei Ländern wie England oder Frankreich hervor. Er spottet zugleich über die deutsch-sozialdemokratische Illusion eines »frisch-frommfröhlich-freien Hineinwachsens der alten Sauerei in die sozialistische Gesellschaft«. Er nimmt dabei Rücksicht auf die legalen Möglichkeiten der damaligen Lage, fordert kein offenes Bekenntnis zur demokratischen Republik, begnügt sich vielmehr mit der programmatischen Zielsetzung »der Konzentration aller politischen Macht in den Händen der Volksvertretung« sowie damit, daß Preußen aufhöre zu existieren. Jeder weiß: Höchstens kann die ziemlich vereinsamte publizistische Tätigkeit Franz Mehrings* als Versuch gelten, eine radikal demokratische Alternative gegen das bürokratisch verpreußte Reich aufzustellen.

Diese demokratische Alternative kam aber auch nach der Niederlage von 1918 nicht zur Geltung. Natürlich entstand eine Republik ohne Republikaner, natürlich lag - rein formell - die ganze Macht in der Hand der gewählten Organe. In Wirklichkeit blieb die Vorherrschaft der zivilen und militärischen Bürokratie im wesentlichen unerschüttert; selbst von einer Agrarreform im Gebiet der preußischen Junker konnte keine Rede sein. Diese innere deutsche Schwäche der sozialistischen Linken blieb auch in Weimar bestehen. Die kommunistische Parole einer deutschen Räte-Republik hat in der Sozialdemokratie, nach kurzem Schwanken einer Minderheit, die opportunistischen Tendenzen verstärkt. Dabei ist hier nicht einfach die Ablehnung einer sozialistischen Umwälzung gemeint, sondern vor allem das Ausweichen vor jeder fundamentalen demokratischen Reform. Nicht einmal die immer drohendere Gefahr des Nationalsozialismus konnte diese Anpassung an ein bloß formell, bloß oberflächlich geändertes, altes Deutschland verändern. Zwar gab es linke Tendenzen in der Sozialdemokratie. Deren Bestrebungen zu einer demokratischen Einheitsfront gegen Hitler wurden zwar vor allem durch die bedingungslose Kompromißbereitschaft der eigenen Führung gekreuzt, jedoch auch -die Stalinsche Parole von der Sozialdemokratie »als Zwillingsbruder« des Faschismus wirkte sich letzten Endes als Stütze des rechten Opportunismus aus. Die stärkste Arbeiterbewegung der kapitalistischen Welt konnte so selbst im Kampf um die Verteidigung der Weimarer Demokratie nichts ausrichten ...

Diese Darstellung will ja bloß das Moment der Kontinuität in der deutschen Geschichte, trotz der vielen schroffen Wendungen auf der Oberfläche, sichtbar machen. Und es sei hier nur kurz darauf hingewiesen, daß die Führer der rechtsrestaurativen deutschen Bourgeoisie, die Hitler in Koalitionsform legal zur Macht verhalfen, eine ebenso irrationalistisch-utopische Strategie hatten wie Wilhelm II. Was bei diesem ein zaghafter Ansatz war, gedeiht nun zu voller Reife. Es ist so, wie Hegel gelegentlich sagt: wenn eine historische Gestalt untergeht, pflegen alle ihre Bestimmungen in ihrer vollsten Entfaltung zu erscheinen. So die Mischung von technischer Exaktheit in allen Fragen der taktischen Verwirklichungen, so die vollendete, ungebändigte strategische Irrationalität in den Zielsetzungen. Die Weltherrschaft Deutschlands zeigt sich ohne jede Hülle: die »niederen« Menschen können ein für allemal vernehmen, was ihr Schicksal wird, wenn die deutschen »Übermenschen« wirklich über eine unbeschränkte Macht verfügen. Man spricht oft vom militärischen Dilettantismus Hitlers. Das ist richtig. Aber Ludendorff und seine Vorgänger waren unbezweifelbar gut ausgebildete Spezialisten, und doch, waren nicht ihre Unternehmungen vom Einmarsch in Belgien über Verdun und Brest-Litowsk bis zur letzten Westoffensive ebenso ein Hohn auf die Lehren von Clausewitz wie die sogenannten dilettantischen Pläne Hitlers? Natürlich ist der Maßstab noch gewaltiger geworden - darum darf die Menschheit vielleicht hoffen, daß es wirklich der letzte Ausbruch war, bei dem »am deutschen Wesen die Welt genesen« soll.

Ich weiß, daß schon das Wort Hoffnung heute von vielen in Deutschland als Beleidigung aufgefaßt wird. Ist denn der Nazismus nicht zur längst überwundenen Vergangenheit geworden? Ist Deutschland nicht eine freie und friedliebende Demokratie? Haben die Teilnehmer des 20. Juli nicht gezeigt, daß die besten Deutschen schon damals mit dem Hitler-Regime gebrochen haben? Ich beantworte, nicht zufällig, zuerst die letzte Frage. Liest man etwa Ritters ausführliche Biographie über Goerdeler, so stockt der tatsächlich unbefangene Leser bei dessen Vorschlägen an die Westmächte. Deutschland soll nämlich Österreich, das Sudetenland behalten, sogar Südtirol wird gelegentlich von, ihm reklamiert. Ist das ein wirklicher Bruch mit Hitler? War der »Anschluß« Österreichs keine typische Gewalttat des Hitler-Regimes? War München und was daraus für die Tschechoslowakei folgte, nicht ein entscheidender Schritt zur Hitlerschen Weltherrschaft? Darf man Menschen, die in diesen Fragen Hitlers Erbe antreten wollten, einen wirklichen Bruch mit der deutschen Vergangenheit, Hitler mit inbegriffen, zutrauen? Ist es möglich, Hitler abzulehnen und sich derart entscheidende Stücke seiner Eroberungspolitik zu eigen zu machen?

Jeder weiß: die heutige Bundesrepublik ist eine ebenso zeitgemäß manipulierte Demokratie, wie es die zeitgenössischen westlichen Länder sind. Vielleicht werden einige dagegen protestieren, auch in de Gaulles Frankreich eine derartige Demokratie zu erblikken. Ich sprach aber einerseits nicht von Demokratie überhaupt, sondern von manipulierter Demokratie, und andererseits würde sich jeder deutsche Kommunist freuen, wenn er zu Hause jene demokratischen Freiheiten genießen könnte, die unter de Gaulle Selbstverständlichkeiten sind.

Kein vernünftiger Mensch darf also in der Bundesrepublik einfach eine Nachfolge Hitlers erblicken. Darauf bezieht sich aber gar nicht meine gegenwärtige Frage. Auch Goerdeler war ein Gegner Hitlers, wurde sogar von ihm hingerichtet - und dennoch: die Forderung nach Österreich, dem Sudetenland

- das ist nichts anderes als der Versuch, Hitlers Erbe anzutreten. Die tiefe Zwiespältigkeit und Zweideutigkeit des 20. Juli besteht ja gerade darin, daß dessen Vertreter zwar Hitler entfernen, aber doch Entscheidendes aus seinem Erbe übernehmen wollten. Sicher waren sie, wenigstens zur Zeit der Verschwörung, unmittelbar politische Gegner Hitlers. Aber ebenso sicher waren sie ihrem Wesen nach politische Zöglinge jener deutschen Entwicklung, die lange vor Hitler begann, aber nicht zufällig zu Hitler geführt hat. Sie haben ihn entfernen wollen, aber ohne mit den - wechselvoll erscheinenden - entscheidenden Kategorien des spezifisch deutschen Imperialismus zu brechen.

Ist aber dieser Bruch heute, fast ein Vierteljahrhundert später, wirklich erfolgt? Wohlgemerkt: der ideologische Bruch auch mit Goerdeler, mit allem, was diesen an die deutsche Nachachtundvierziger Vergangenheit knüpft, nicht bloß mit einzelnen spezifischen Erscheinungsweisen der Hitlerei selbst. Denn erst damit kommen wir zu unserer Anfangsfrage zurück. Die kollektive Verantwortung einer Nation für einen Abschnitt ihrer Entwicklung ist etwas derart Abstraktes und Ungreifbares, daß sie an den Widersinn streift. Und doch kann ein solcher Abschnitt wie die Hitlerzeit nur dann im eigenen Gedächtnis als abgetan und erledigt betrachtet werden, wenn die intellektuelle und moralische Einstellung, die ihn erfüllte, ihm Bewegung, Richtung und Gestalt gab, radikal überwunden wurde. Erst dann ist es für andere - für andere Völker - möglich, auf die Umkehr zu vertrauen, die Vergangenheit als wirklich Vergangenes zu erleben. Und erst auf dieser Ebene beginnt unsere - heute auf einem Pol mit zunehmender Schärfe auftauchende, auf dem anderen Pol mit zunehmender Überlegenheit abgelehnte - Frage einen wirklichen Sinn zu erhalten.

Man nehme eine aktuelle Frage, etwa Deutschlands Anteil an und dessen Rolle in der Atommacht der Nato. Von deutscher Seite wird immer wieder hervorgehoben, daß es dabei zu keiner Diskriminierung der Bundesrepublik kommen darf. Wir wollen dabei die Stellungnahme der Sowjet-Union gar nicht erwähnen, obwohl ihre Völker, die in zwei Weltkriegen deutsche Besatzungsmethoden am eigenen Leibe erlebt haben, ein gewisses Recht besitzen, ihre Erfahrungen zu verallgemeinern. Aber selbst die FAZ, die niemand als überradikal bezeichnen würde, schreibt gelegentlich darüber, daß dem Weißen Haus ein deutscher Griff nach Atomwaffen ebenso unheimlich ist wie dem Gegner. De Gaulle drückt wiederholt seine Bedenken dahin aus, daß durch ein deutsches Verfügungsrecht über Atomwaffen seine Heimat in Konflikte verwickelt werden könnte, die sie keineswegs gewollt hat. Und sehr ähnlich ist auch die Stimmung in England. Dahinter steckt ohne Frage ein allgemeines und tiefes Mißtrauen, eine Diskriminierung: man fürchtet, in diesem Fall könnte die Bundesrepublik ihre Verbündeten in einen von ihnen nicht gewollten neuen Weltkrieg hineinzerren. Wenn diplomatisch verschlüsselte Worte einen Sinn haben, so fürchten die Nato-Partner ein neues 1914 oder 1939 seitens der Bundesrepublik, wenn sie die Freiheit der Initiative im Bereich des Atomkrieges besitzt.

Dieses Problem ist nicht unmittelbar nach Kriegsschluß in solcher Schärfe aufgetaucht. Damals betrachtete man als zentrales Anliegen der gesamten Weltpolitik, eine solche Wiederkehr zu verhindern. Zudem schien dem damaligen Deutschland jede physische Möglichkeit zu einer derartigen Drohung abzugehen. Erst als Dulles die Politik des Kalten Krieges, das Zurückdrängen der Sowjet-Union auf die Vorkriegsgrenze als strategisches Ziel inaugurierte, als Deutschland sich wirtschaftlich zu erholen begann, tauchte die Perspektive Adenauers auf: als treuer Verbündeter der USA in diesem Rahmen den deutschen Imperialismus neu zu beleben. Dieser Traum ist ausgeträumt. Das Atompatt hat eine neue Außenpolitik der USA durchgesetzt, zu deren - de facto, wenn auch nicht ausgesprochenen - Voraussetzungen der europäische Status quo gehört. Damit hat die Adenauersche Außenpolitik die Sicherheit ihrer Orientierung verloren. Der - ebenfalls unausgesprochene - strategische Plan, daß ein Konflikt zwischen USA und der Sowjet-Union zu einer Revision der Friedensschlüsse führen soll, verliert immer mehr an Grundlage, schwebt immer mehr in der Luft. Die Vorbereitungen dazu, das Aufrechterhalten der Münchener Beschlüsse, die Nichtanerkennung der neuen Grenzen et cetera führen nur dazu, die Bundesrepublik als den potentiellen Unruheherd Europas ins Licht zu rücken. Natürlich glaubt niemand, daß Deutschland morgen einen Krieg provozieren will, aber niemand fühlt sich in Sicherheit, daß es nicht die erste, seinen Führern einigermaßen günstig scheinende Gelegenheit ergreifen würde, und - nach den Erfahrungen zweier Weltkriege - hat niemand das Vertrauen dazu, ein deutscher Staatsmann könne eine kritische Lage wirklich nüchtern beurteilen und der Lockung einer Revanche widerstehen. Man denke auch daran, daß dieselben Engländer und Amerikaner, die vor einem deutschen Mitbestimmungsrecht bei den Atomwaffen eine panische Angst haben, nichts dergleichen der tatsächlich vorhandenen »Force de frappe« de Gaulles gegenüber empfinden. Ihr Kampf gegen sie hat völlig andere Motive.

Das führt uns wieder zur Frage der Diskriminierung zurück. Wäre die Hitlerzeit nur eine unglückselige Episode in der deutschen Entwicklung gewesen, hätte Deutschland je entschlossen mit ihr abgerechnet, wäre die Weltstimmung eine völlig andere. Die zweite Frage bedarf keiner ausführlichen Darlegung. Natürlich gibt es Prozesse und Urteile über Naziverbrecher. Zur Frage des Wie führe ich wieder einen des Linksradikalismus unverdächtigen Zeugen an. »Der Monat« veröffentlichte einen Brief, in dem es heißt: »Die Verbrecher, die vor Gericht standen, erhielten Strafen, die eher einem Verkehrssünder unter Alkoholeinfluß angemessen gewesen wären, wenn sie nicht überhaupt freigesprochen wurden, weil sie nicht selbst Beil, Strang, Schußwaffe oder Folterwerkzeug bedient hatten. Der Staatsanwalt, der in den Osten reiste, um das dortige Material in letzter Minute zu sichten, erweist sich als alter Parteigenosse und SA-Mann. Und der Minister, der die Justiz des Dritten Reiches so ungemein ergiebig verwaltete, verzehrt mit Hilfe der deutschen Rechtsprechung eine sehr knusprige Pension.« Wer etwa das Schicksal von Globke einerseits und von Niekisch* andererseits kennt, kann sich über diese Frage leicht eine Meinung bilden.

Das ist aber noch immer nur ein Symptom dafür, daß weite und einflußreiche Kreise die »aufbauwilligen« Nazi für zuverlässigere Staatsbürger halten als die wirklich entschlossenen und opferbereiten Antifaschisten. Die eigentliche Frage, zu der unsere Betrachtung immer wieder zurückführt, ist: war die Hitlerzeit wirklich nur eine Episode, die isoliert liquidiert werden könnte?

Die vorangegangenen historischen Andeutungen zeigten bereits meine Meinung darüber. Jetzt möchte ich mich auf einen Schriftstellerzeugen berufen. Arnold Zweig hat in seinem Romanzyklus über den Ersten Weltkrieg eine enzyklopädisch vielseitige Beschreibung der deutschen Etappe gegeben. Man findet darin bereits Konzentrationslager für die Bevölkerung Litauens oder Belgiens, die man ruhig als würdige Vorläufer der Hitlerschen betrachten kann; man bekommt lebhafte Bilder darüber, wie Unterworfene und Verbündete in gleicher Weise die deutsche Herrenrasse verabscheuen; man sieht - und das soll vor allem ins Licht gerückt werden -, wie gerade solche Umstände aus subalternen kleinen Bürokraten skrupellose Mörder, feige Henker machen, und der in die deutsche Geschichte nicht Eingeweihte ist erstaunt, wie viele gemeinsame Züge mit den größeren und kleineren Eichmännern dabei offenbar werden. Bei Zweig sagte der Leutnant Kroysing, dessen Bruder mit solchen Methoden ermordet worden ist: »Fanden Sie nicht heraus, wenn Sie seit zwei Jahren dabei sind, daß Machtfülle vielen Leuten schlecht bekommt? Und daß der brave Durchschnitt durchschnittlichen Druck braucht, um seine Fasson zu behalten? Das Herrentum der Kriegerkaste versetzt solche Leute in zu dünne Luft, da quellen sie über die Ränder ... Ein Weinreisender oder ein Rentamtmann von einiger Schlauheit leistet sich dann ohne Gewissensbisse Großtaten wie König David, nur daß er sich schleunigst hinter fremder Leute Rücken duckt, wenn er die Faust des Rächers über seinem Nacken fühlt.«

Viele versuchten die Psychologie oder die Soziologie der Auschwitzmörder zu ergründen. Die wirkliche Grundlage findet man nur in der Geschichte, wenn man imstande ist, aus den Geräuschen der Front, der Etappe, des Hinterlandes im Wilhelminischen Krieg die Leitmotive des Hitlertums, die sich zuweilen zu einer Ouvertüre verdichten, herauszuhören.

Wenn nun unsere Ohren für dieses historische Tonsystem genügend geschärft sind, können wir auf verschiedensten Gebieten sowohl diese Kontinuität der deutschen Geschichte wie ihre Gegensätze zu den ebenfalls bürgerlichen, ebenfalls imperialistischen Gesellschaften wahrnehmen. Ich erinnere nochmals an Max Webers Stoßseufzer über die nicht geköpften Hohenzollern und bitte den Leser im Zeitalter der Sekurität, die Dreyfus-Affäre mit dem Fall Zabern** zu vergleichen oder

- um an die Gegenwart zu erinnern -

an das politische Schicksal des englischen Ministers Profumo und des bundesrepublikanischen Franz-Josef Strauß zu denken. Beide sind in politisch wichtigen Fragen öffentlich als Lügner bezeichnet worden. Während aber Profumo rettungslos in der Versenkung verschwand, ist Strauß noch immer einflußreicher Parteiführer und ist morgen vielleicht wieder Minister.

Natürlich sind alle diese Beispiele sogenannte Einzelfälle, und für jeden kann sich ein Historiker finden, der ihn pragmatisch-»wissenschaftlich« so detailliert erklärt, daß ihm dabei jede symptomatische Bedeutung abhanden kommt. Dagegen sind solche Betrachtungen wie die meinen wehrlos. Sie wenden sich ja auch gar nicht an die sich selbst bewußt Blindmachenden, sondern an jene, in denen wenigstens ein dumpfes Gefühl des Unbehagens gegenüber der Hitlerschen Vergangenheit Deutschlands arbeitet. Diese sollen zu einer historischen Einsicht erweckt werden, zur Einsicht, daß Hitler keine isolierte, zufällige Episode in der deutschen Geschichte nach 1848 gewesen ist, daß eine wirkliche und darum wirksame Abrechnung mit der Hitlerzeit, eine echte Bewältigung der deutschen Vergangenheit nur dann möglich ist, wenn man begriffen hat, daß zumindest die Alternativen von 1848 falsch beantwortet worden sind, daß Deutschland seither geistig - mal besser, mal schlimmer - in einer Periode der Konsequenzen, um den geistvollen Ausdruck Churchills zu gebrauchen, politischmoralisch dahinvegetiert hat. Selbstredend ist es heute unmöglich, einfach auf 1848 zurückzugreifen, die damaligen Ziele heute unmittelbar und unverändert zu verwirklichen. In hundertzwanzig Jahren hat sich die ganze Welt gründlich geändert, und eine Kontinuität der Probleme und Aufgaben beinhaltet deshalb simultan Gleichheit und Verschiedenheit. Aber ohne den Irrweg als solchen erkannt zu haben, ohne zu sehen, worin seinsmäßig, vor allem politisch-moralisch die Überlegenheit ökonomisch-sozial sonst ähnlicher Völker besteht, werden die Deutschen weiter Hitler als bloße Episode ihrer Geschichte empfinden und werden eben darum nie wirklich über sie hinauskommen.

Von der offiziellen Politik ist heute wenig zu erwarten. Eine organisierte demokratische Linke gibt es nicht und wird es wahrscheinlich lange nicht geben. Die schon an sich höchst zaghaften Versuche der Sozialdemokratie, Alternativlösungen für bestimmte Momente von Deutschlands Weg aufzustellen, haben mit dem Godesberger Programm völlig aufgehört. Die heutige Sozialdemokratie stellt bloß die Alternative einer besseren CDU auf, das heißt einer Partei, die die Interessen des deutschen Gesamtkapitalismus vertritt und nicht so willfährig wie diese den Lobby-Tendenzen einzelner Gruppen Konzessionen macht. Ich wiederhole auch hier, daß die Stalin-Zeit der rechten Führerschicht nur erleichtert hat, diese Richtung einzuschlagen. Wenn infolge der Stalinschen Politik der objektiv durchaus mögliche Versuch, aus der DDR ein demokratisches Piemont für Gesamtdeutschland zu machen, nicht notwendig zum Scheitern verurteilt worden wäre, könnten die Entwürfe demokratischer Alternativen auch in der deutschen Sozialdemokratie eine andere Physiognomie haben.

Aber Manipulierbarkeit des normalen Alltagslebens bedeutet keineswegs einfache Übereinstimmung der Massen mit ihr. Im Gegenteil. Plötzliche Explosionen der öffentlichen Meinung, wie zum Beispiel in der SPIEGEL-Affäre, zeigen, wie stark die latenten Gegensätze sind. Nur besitzen die Reformbestrebungen kein Zentrum, keine Organisation, keine unmittelbare Macht.

Das bedeutet, daß Funktion und Gewicht der Ideologen, vor allem der denkenden Schriftsteller, immer größer wird. Böll, Hochhuth und Peter Weiss sind nicht die einzigen, und es ist sehr wahrscheinlich, daß wir vor einer Welle einer solchen, die Erweckung erstrebenden Literatur stehen. Das ist gut. Das ist die beste, demokratische Tradition der Literatur. In Frankreich finden wir von Voltaire, Diderot und Rousseau über Zola und Anatole France in der Dreyfus-Affäre bis zu Jean-Paul Sartre zur Zeit des Befreiungskriegs in Algerien fast eine ununterbrochene Reihe.

Dem Deutschland vor 1848 war dieses Phänomen auch nicht fremd; obwohl die gesellschaftlichen Verhältnisse der Literatur einen viel engeren Spielraum zusicherten; gab es doch Lessing und Forster, Büchner und Börne, Heine und den jungen Marx. Es gab auch in der Hitlerzeit eine Emigrantenliteratur, die auf diese Zusammenhänge hinwies: Thomas und Heinrich Mann, Bert Brecht, Arnold Zweig und viele andere. Freilich ist heute die Emigration unter Hitler in weiten Kreisen verfemt. Man denke an die Vorwürfe gegen den sehr gemäßigten, sehr »staatsmännischen« Willy Brandt zur Zeit der Wahlen.

Um so angesehener bleibt die »innere Emigration«. Das betrifft freilich nicht die wirklichen Oppositionellen, die Niekisch und die Niemöller, vielmehr jene, die, wie Heidegger oder Carl Schmitt

- laut ihren späteren Kundgebungen -,

den Hitlerismus nur in einem Kierkegaardschen Inkognito mitgemacht haben. Sie haben an Hölderlin gedacht, als sie ihre Hörer zu einer Demonstration für Hitler mobilisierten, sie waren bloß Interpreten von Hobbes, als sie alle inneren wie äußeren Rechtsbrüche Hitlers »wissenschaftlich-juristisch« rechtfertigten, und so weiter und so weiter ...

Auch hier soll an die Anfangsbetrachtungen erinnert werden: es gibt keine unschuldige Weltanschauung. Hegel hat rein philosophisch gegen die aristokratische Erkenntnistheorie in der Schellingschen »intellektuellen Anschauung« Stellung genommen, und Goethe hat immer wieder betont: »Auch der geringste Mensch kann komplett sein.« Wer diese Gesinnung für veraltet hält und bei Nietzsche Weltanschauungsgrundlagen für das »alles ist erlaubt« der Übermenschen - nochmals: auch der Hitler, Himmler, Goebbels, Göring - sucht und findet, wer jeden Widerstand der Massen dagegen »tiefenpsychologisch« als Ressentiment abtut, versperrt für sich und andere den Weg zur Überwindung des verfehlten Weges, den das deutsche Volk so lange einschlug. Diese Möglichkeit kann der Literatur (die Wissenschaft von Gesellschaft und und Geschichte, auch die Philosophie mit inbegriffen) gegenwärtig niemand versperren. Höchstens sie selbst, falls sie vor den großen Fragen ausweicht, um einen herabgeminderten, durch »Vertiefung« seicht gemachten Inhalt auf bloß absurde Schockwirkungen auszurichten; falls sie durch ein solches »Künstlerischbleiben« innerhalb des manipulierten Konformismus angesehen bleiben will.

Der Verfasser dieser Schrift fühlt kein Bedürfnis, sich vor seinen Lesern wegen der Härte seines Urteils, die er als Ungar zu fällen wagt, zu entschuldigen. Vor fast sechzig Jahren schrieb ich meinen ersten Essay über Novalis, und seitdem stand deutsche Philosophie, deutsche Literatur, deutsches Schicksal stets im Mittelpunkt meiner Schriftstellerei.

* Führer im Bauernkrieg (1525), Freund Götz von Berlichingens, formulierte politische Ziele der Aufständischen und starb in Fürstenhaft.

* Houston Stewart Chamberlain (1855 bis

1927), rassistischer Schriftsteller.

* Nationalkommunistischer Schriftsteller,

1937 zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt, lebt heute - 76jährig, fast völlig erblindet und gelähmt, ohne Wiedergutmachungsrente - in West-Berlin.

** 1913 wurden In Zabern 28 Elsässer widerrechtlich von Militär verhaftet, die gegen die Arroganz eines preußischen Offiziers demonstriert hatten.

* Sozialistischer Schriftsteller (1846 bis 1919), Verfasser einer Marx-Biographie.

Deutsche 1936: »Die NS-Zeit war keine unglückselige Episode ...

Deutschland-Kritiker Lukács

... sondern zwangsläufige Folge ...

... einer abnormen Entwicklung": Deutsche 1966

Hinrichtung Karls I. von England (1649), Ludwigs XVI. von Frankreich (1793): »Das nationale Unglück Deutschlands ist ...

Kaiser Wilhelm II.

... daß nie ein Hohenzoller geköpft wurde«

Reichs-Feind Marx

»Eines Morgens...

Reichs-Gründer Bismarck

... auf dem Niveau des Verfalls«

Feinde Hitler, Goerdeler

»Zweideutigkeit und Zwiespältigkeit«

Freunde Dulles, Adenauer

»Neuer Imperialismus«

Bundeswehr-Soldaten: »Panische Angst vor atomarer Mitbestimmung..

... und nichts dergleichen bei der Force de frappe": Französischer Bomber

Gestürzter Strauß

»Morgen vielleicht wieder Minister«

Gestürzter Profumo

»Rettungslos in der Versenkung«

Französische Literaten Voltaire, Zola, Sartre: »Wir stehen vor einer Welle...

... Erweckung erstrebender Literatur": Deutsche Literaten Hochhuth, Böll, Weiss

DDR-Soldaten: »Deutschland hat seit hundert Jahren ...

... politisch-moralisch dahinvegetiert": SPIEGEL-Demonstranten

Georg Lukács
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