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Was ist gut für die Oma?

aus DER SPIEGEL 37/1993

Wenn Markus Wegner, 40, Vorsitzender der neugegründeten Wählervereinigung Statt Partei, zum Wahlkampf bittet, drängeln sich Neugierige, als gebe es einen Wunderheiler zu sehen. »Sie müssen nicht sagen, was Sie machen«, meldet sich ein Endfünfziger auf einer Versammlung enthusiastisch zu Wort. »Im Grunde möchte ich sagen, hier haste meine Stimme. Nimm sie und mach was.«

Getrieben von einer diffusen Wut auf die etablierten Parteien, strömen vor allem Mittelständler in die Versammlungen des einstigen CDU-Parteirebellen. Wegner bedient sie gut. »Die Parteien sind unerreichbar wie Hubschrauber, die über einem kreisen«, spottet der Kleinverleger, der mit seiner Verfassungsklage gegen die undemokratische Kandidatenaufstellung bei der Hamburger CDU die Neuwahlen erzwang. Und: »Wir wollen nicht mehr das ewige Blabla von Parteien, das haben wir satt.« Als Kandidaten seien jetzt »normale Bürger« gefragt.

Rotraut Meyer-Verheyen, 52, bewirbt sich hinter Wegner auf Platz 2 für die Bürgerschaft. Ihre Kandidatur begründet die Diplom-Volkswirtin auf einer Wahlveranstaltung im gutbürgerlichen Hamburg-Ohlstedt: »Eh' ich jetzt ganz resigniere, lass' ich meinen Elan raus. Ich habe gar keine Ahnung von Politik.« Applaus.

Verkaufsleiter Dietmar Busold, 50, der für die Statt Partei in die Bezirksversammlung Hamburg-Nord einrücken möchte, wirbt für sich mit dem Geständnis: »Hier steht ein politischer Neuling. Ich hab' noch nie was mit Parteien zu tun gehabt.« Applaus. »Parteifuzzi«, wie Busold die Mitbewerber von CDU, SPD, FDP und Grünen abfällig nennt, möchte hier nun wirklich keiner sein.

Aber was wollen sie sein? »Wir sind«, sagt Markus Wegner, »die Sicherung im Sicherungskasten, Garanten gegen Parteienfilz und Ämterhäufung.«

Manchem klingt das allzu nebulös. »Mir reicht das nicht«, sagt ein Zuhörer. »Ich will wissen, was ich wähle.« Es sei, moniert ein anderer, »sehr oft angesprochen worden, was falsch ist. Ich habe aber noch nicht verstanden, was Sie konkret machen wollen«.

Statt-Partei-Chef Wegner, unumstrittener Wortführer der Wählervereinigung mit inzwischen 330 Mitgliedern, schätzt die Frage nach der Programmatik der neuen Gruppierung gar nicht. »Wir sind eine Bürgerbewegung«, antwortet er, und »ich kann nicht verstehen, warum immer gefragt wird, was wir für ein Konzept haben. Wir wollen mitmachen, weil wir alle das Gefühl haben, jetzt müssen wir anpacken«.

»Die erhebliche Programmlosigkeit«, so Wegner, sei »Programm«. Schließlich gehe es darum, »zweckrationale Entscheidungen« zu finden. Von Fall zu Fall müsse geprüft werden, »was ist gut für meine Kinder, was ist gut für meine Oma. Das ist doch das Kriterium«.

Da jedoch der einen Oma gefallen mag, was der anderen ein Graus ist, antwortet Rotraut Meyer-Verheyen auf die Frage eines Zuhörers, ob denn die Statt Partei »mit einer Zunge spricht«, so: »Ich spreche mit einer Zunge, mit meiner.« Ein anderer Kandidat rät, bei Problemen wie Kriminalität, Verkehrspolitik oder Wohnungsnot einfach jeden Bewerber zu befragen. »Zu den Herzensdingen hat jeder seine Meinung.«

Fraktionszwang soll es denn auch für die Abgeordneten der Statt Partei nicht geben. »Jeder muß sich«, so Wegner, »nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden.«

»Wie wollen Sie eigentlich verantwortliche Politik machen«, entfährt es da empört einem Zuhörer, »wenn dauernd der eine mit hü und der andere mit hott abstimmt?«

Der Mann, findet Wegner, hat »wenig Phantasie«.

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