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Nordrhein-Westfalen »Was kommt nach uns?«

Von Hans Leyendecker
aus DER SPIEGEL 21/1995

Als Johannes Rau, 64, noch im Ruf stand, ein Napoleon zu sein, der selbst verlorene Schlachten gewinnt, hat ihm Helmut Schmidt mal einen langen Brief geschrieben. Er riet dem Düsseldorfer Ministerpräsidenten ab, als Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten anzutreten. »Ich möchte Dich nicht verschlissen sehen.«

Rau kandidierte dennoch gegen Helmut Kohl und schaffte am 25. Januar 1987 schlappe 37 Prozent.

Anfang voriger Woche meldete sich der Altkanzler, 76, wieder. »Das darfst du dir nicht antun«, sagte der Staatsmann aus Hamburg und meinte damit eine rot-grüne Regentschaft seines Parteifreundes.

Eine lange Strecke hat Johannes Rau in der SPD zurückgelegt. 37 Jahre ist er schon im Landtag, 27 Jahre im Bonner Parteivorstand, 17 Jahre Ministerpräsident in Düsseldorf - so lange wie Karol Wojtyla Pontifex maximus in Rom. Immer noch berechnet er alles, kalkuliert jede Seite aus, will keine Niederlage durch voreilige Züge riskieren: Soll er nach der verlorenen Wahl antreten, abtreten oder einfach nur abwarten?

»Mancherlei Ratschläge«, sagt Rau, habe er in diesen Tagen bekommen, aber zu seinen Kalauern gehört, daß Ratschläge »auch Schläge« sein können.

»Es ist aus, Johannes«, stellte als erster Friedhelm Farthmann nüchtern fest, der am Sonntag selbst seinen Wahlkreis verloren hat. Der SPD-Fraktionschef ist ein geübter Apokalyptiker: »Laß es die anderen machen.«

Weiß Rau selber noch, was Rau will? Einerseits sei ein Wahlergebnis von 46 Prozent, so beteuert er, ein »klarer Auftrag«. Er dürfe die Wähler nicht enttäuschen. Andererseits, hält er dagegen, müsse er sich den Streß einer Koalitionsregierung nicht mehr zumuten. Er habe sein Pensum geleistet.

Rund 170 Briefe hat er bekommen, das liebt er. Über die wichtigsten führt er ein Tagebuch. Vier von fünf Schreibern ermunterten ihn weiterzumachen. Da liest er jedes Wort.

Auch Bedenken nimmt er dankbar entgegen. Sein Alter ego Heinz Schleußer, im Kabinett Rau bislang Finanzminister, empfahl den Rückzug vom Amt; der frühere SPD-Parteivorsitzende Hans-Jochen Vogel auch. Selbst das Votum Gerhard Schröders, des Parteifeindes aus Niedersachsen, war willkommen: »Überlege dir, ob du es dir zumuten kannst.« _(* Am Wahlabend in der Düsseldorfer ) _(Staatskanzlei. )

Mit den Grünen wird er jetzt verhandeln, wenigstens den Übergang organisieren und das Bündnis segnen. Erst danach will er seine »Entscheidung treffen«. SPD-Chef Rudolf Scharping rät sibyllinisch zur Weitsicht: »Was wird das Richtige gewesen sein, wenn du in fünf Jahren zurückblicken wirst?«

Das wüßte Rau selbst gern. Nimmt sein Bild Schaden, wenn er jetzt geht - oder wenn er bleibt?

Im Wahlkampf hat der alte Mime seine Rolle perfekt gespielt. Nie war Rau als Landesvater besser gewesen. Wohin er auch kam, ungeduldig scharrten die Empfangskomitees. Er schritt durch Gassen von Jublern. Das Bad in der Menge, das Rau so schätzt, erfrischte vor allem die Menge. Ob im Bergischen Land oder in Aachen - er zeigte den Leuten, daß sie immer noch sein Vertrauen haben. Die Zuhörer, auch die von der CDU, nahmen seine Gunstbeweise dankbar entgegen.

Raus Repertoire als Volks-Redner entfaltete sich in diesem Wahlkampf zu voller Reife. An rhetorischer Kraft ist er allen überlegen. Ein großer Sprech-Techniker, ein Schauspieler aller Texte zwischen den Zeilen.

Zu jedem Anlaß macht er das passende Gesicht - mal väterlich offen, mal freundschaftlich-aufmerksam, mal feierlich, mal ein Zwinkern in den Augen. Niemand hat den Eindruck, daß er schlicht eine Zeremonie erfüllt, sondern immer auch, daß ihn die Sache persönlich etwas angeht.

Verzückt lauschten die jungen Wahlkampfbegleiter, als er sich beim Besuch in Wuppertal nach dem Wohl von Cläre Bläser erkundigte. Nur alte Weggefährten wissen, daß er in Wuppertal immer nach der Sozialdemokratin, 95, fragt, die zufrieden in einem Stift lebt. Rau hat ein Elefantengedächtnis.

Dreimal hat Johannes Rau die absolute Mehrheit in Nordrhein-Westfalen gewonnen, nun wollte er es noch einmal wissen. Alles war diesmal nur auf Rau abgestellt. Das erklärt auch, warum den Solisten die Niederlage so schwer getroffen hat.

Die Wähler indes wollten weniger Rau abstrafen als seine verbrauchten Matadore. In der ganzen Republik ist Rau der beliebteste Sozialdemokrat, aber dem nordrhein-westfälischen Wahlvolk dämmerte, daß auch der netteste Sozi nicht allein regiert.

Mindestens drei Rentner hat Rau jahrelang als Minister durchgeschleppt, mitunter gegen deren Widerstand. Seit gut 18 Monaten bat ihn beispielsweise Kultusminister Hans Schwier, 68, fast flehentlich um die Entlassung in die Rente. Doch Rau wollte sich nicht mehr an neue Gesichter gewöhnen.

In NRW haben die roten Großväter die Enkel ziemlich schnöde behandelt. »Glaubst du, daß nach uns noch etwas kommt?« hat schon vor Jahren Farthmann den Freundfeind Rau gefragt. Der machte ein Gesicht, als habe er Essig getrunken.

Vorwiegend umgibt sich der Landesvater mit treuen Jüngern, die den Weihrauchkessel schwingen. Für Gefolgsleute hat er ein feines Gespür und für Verräter ein langes Gedächtnis.

Im Kabinett, auf Vorstandssitzungen und Parteitagen läßt er Bilder von Frau Christina und den drei Kindern rumwandern. Wer sich nicht mitfreut, kriegt einen Minuspunkt.

Jubel ist Pflicht, auch in der Niederlage. Weil ihm der SPD-Fraktionsvorstand vorigen Montag nicht ausdrücklich zum Wahlerfolg gratulierte, beschwerte sich Rau bei Farthmann. »Du weißt doch, daß ich keine Rituale mag«, sagte der, aber am nächsten Tag mußten die Ovationen nachgeholt werden.

Das Amtsverständnis von Johannes Rau ist eben konservativ. Hinter dem Schreibtisch in seinem Büro steht die schwarzrotgoldene Bundesfahne. »Wir sollten auf Symbole nicht verzichten«, sagt er. »Die Autorität kommt aus der Funktion.« Lange Haare, schlipslose Kragen oder respektloses Benehmen sind ihm ein Greuel.

Und so einer soll mit Grünen auskommen? Bislang hat er die vor allem verdrängt. »Wo sind die eigentlich?« pflegte er früher zu spotten. »Ich kenne keinen und ich sehe keinen«, höhnte er, sogar wenn Grüne am Tisch saßen. Ihren Wahlkampf 1995 hat er »gar nicht mitbekommen«. Der »muß in anderen Zirkeln gelaufen sein«.

Seit dem Wahlabend versucht Rau umzudenken und umzufühlen. Sein erstes Versuchsobjekt ist der grüne Realo und Dr. rer. soc. Michael Vesper, 43. »Sie sind mir sympathischer, als Sie Ihren Leuten sind«, hat er Vesper geschmeichelt. Wer glaube, daß er »eine manifeste Antipathie« gegen Grüne habe, »irrt völlig«, versicherte Rau vorige Woche Parteifreunden.

Möglicherweise liebäugelt Rau damit, als Wegbereiter eines neuen Bündnisses in seiner Partei, die seit bald 13 Jahren hinter der Macht in Bonn herhechelt, Geschichte zu machen.

1966 war er dabei, als in Düsseldorf der Genosse Heinz Kühn und der FDP-Mann Willi Weyer die erste sozial-liberale Koalition vereinbarten - Vorbild für Bonn. »Ich war einer der Täter«, sagt Rau heute noch stolz. Die Geschichte könnte sich wiederholen, nur mit anderer Färbung. Rau wird wohl mitmachen.

Außerdem - was hat er für Alternativen? Der Weg ins Altenteil ist nicht vorbereitet. Ohne Termine einfach bei sich selber sein, das kann einer wie er nicht mehr.

Mürrisch schaute er neulich drein, als Friedel Neuber, der Chef der Westdeutschen Landesbank, Rau-Freund Schleußer eine Offerte für die Zeit danach machte. »Warum macht ihr so etwas nicht für mich?« fragte Rau.

Trost findet der Pietist in erbaulicher Lektüre. Jeden Morgen liest der Bibelfeste in den »Losungen« der Herrnhuter Brüdergemeine, so selbstverständlich wie andere sich die Zähne putzen.

Am vorigen Mittwoch paßte Matthäus 7, Vers 14 zur Lage: »Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind''s, die ihn finden!«

* Am Wahlabend in der Düsseldorfer Staatskanzlei.

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