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KIDNAPPING Was los ist

aus DER SPIEGEL 10/1964

In der deutschen Kriminalstatistik rangiert das Verbrechen an letzter Stelle, im Bewußtsein der Öffentlichkeit gilt es als das niederträchtigste aller Delikte: Kidnapping.

Erst zwei Fälle erpresserischen Kindesraubs waren in der Bundesrepublik aktenkundig geworden, als am 13. Februar dieses Jahres in Wiesbaden der sieben Jahre alte Timo Rinneit verschwand. Fünf Tage später meldeten sich die Erpresser.

35 Spezialisten der Kriminalpolizei, Hunderte Bereitschaftspolizisten und eine Kompanie Journalisten suchten Entführer und Entführten. Zugleich entschlossen sich die hessischen Justizbehörden zu einem Schritt, der in der deutschen Strafverfolgung ohne Beispiel war:

Oberstaatsanwalt Dr. Dorbritz versprach den Kidnappern 50 000 Mark. Lösegeld und sechs Stunden Zeit zum freien Abzug, wenn sie Timo Rinnelt unversehrt ausliefern.

Das hessische Justizministerium deklarierte dieses Waffenstillstands-Angebot als »Maßnahme des übergesetzlichen Notstands«. Sie sollte der Ausnahmesituation Rechnung tragen, vor die sich die Kriminalisten in jedem Fall von Kidnapping gestellt sehen:

Weil sie zu den Angehörigen des entführten Kindes Verbindung aufnehmen müssen, um ihre Tat vollenden zu können, liefern erpresserische Kindesräuber den fahndenden Kriminalisten zwar meist wesentlich klarere Anhaltspunkte als andere Kapitalverbrecher. Andererseits aber muß die Polizei bei der Jagd auf Kidnapper außerordentlich behutsam verfahren, denn als Tatzeuge schwebt das Opfer ständig in akuter Lebensgefahr.

In den beiden zurückliegenden deutschen Kidnapping-Fällen konnte die Polizei zwar die Täter fassen, nicht aber die geraubten Kinder retten:

- Am 15. April 1958 wurde der sieben Jahre alte Joachim Goehner aus Stuttgart-Degerloch entführt. Der Täter, der 41jährige Gärtner Emil Tillmann, verlangte von Joachims Eltern 15 000 Mark Lösegeld. Das Kind wurde sieben Tage nach der Entführung tot aufgefunden. Fünf Wochen später verhaftete die Polizei Emil Tillmann.

- Am 3. Februar 1961 entführte der 18jährige Peter Schwaiger den sieben Jahre alten Gastwirtssohn Hans Knaupp aus Friedrichshofen bei Ingolstadt, ermordete ihn und forderte dann von den Eltern 2000 Mark. Nach zwei Tagen wurde er gefaßt.

Wie Joachim Goehner und Hans Knaupp kehrte auch das Opfer im klassischen Kidnapping-Fall der Kriminalgeschichte nicht wieder lebend zu seinen Eltern zurück: der 18 Monate alte Sohn Charles August des Ozeanfliegers und US-Nationalhelden Charles Lindbergh, der am 1. März 1932 aus dem Landhaus seiner Eltern in Hopewell bei New York geraubt wurde*.

Der Täter, der Deutschamerikaner Bruno Richard Hauptmann, tötete das Lindbergh-Baby unmittelbar nach der Entführung. Die Leiche wurde erst acht Wochen später gefunden. Im Verlauf der bis dahin umfangreichsten Fahndungsaktion der amerikanischen Geschichte konnte die Polizei den Mörder Hauptmann im September 1934 fassen. Die Nummern der Banknoten aus Lindberghs Lösegeld hatten ihn verraten.

Noch bevor Hauptmann am 3. April 1936 im Todeshaus des Gefängnisses von Trenton auf dem Elektrischen Stuhl starb, hatte die US-Regierung Kidnapping-Bundesgesetze verabschiedet: Jeder Entführer, der im Zusammenhang mit dem Verbrechen von einem Bundesstaat in den anderen überwechselt und sein Opfer verletzt oder tötet, hat sein Leben verwirkt.

Trotz dieser sogenannten Lindbergh -Acts und der einschlägigen Gesetze der einzelnen Bundesstaaten gelang es bis heute nicht, die »nationale Schande« (so die »Encyclopedia Americana") ganz auszurotten.

Sie wurde von der Maffia aus Italien eingeschleppt und begann im Jahre 1874. Damals hatten Unbekannte den vierjährigen Charley Ross in Germantown im Bundesstaat Pennsylvania geraubt. Charley wurde nie gefunden.

Mit der steigenden Macht des organisierten Gangstertums nach dem Ersten Weltkrieg breitete sich der Schandfleck wie eine Krebsgeschwulst aus. In einem Rechenschaftsbericht für die Jahre 1930 und 1931 vermeldete Chicagos Polizeichef allein für den Bereich seiner Stadt 200 Fälle von Kidnapping; die Angehörigen der Opfer hatten den Gangstern insgesamt zwei Millionen Dollar Lösegeld gezahlt.

Der bislang letzte Fall von US-Kidnapping wird in den nächsten Tagen vor einem Gericht in Kalifornien verhandelt: John Irwin, Barry Keenan und Joseph Amsler verschleppten am 8. Dezember vorigen Jahres den 19jährigen Schlagersänger-Sohn Frank Sinatra junior. Nachdem sie von Vater Frankie -Boy 240 000 Dollar kassiert hatten, ließen sie den Junior wieder frei. Allerdings: Das Gericht will auch prüfen, ob die Entführung nicht ein bestellter Werbe -Coup des jüngeren Sinatra war.

Die Alte Welt blieb gegenüber dem amerikanischen Nationalübel bis in die jüngste Zeit immun: Die englischen Gerichte brauchten in diesem Jahrhundert noch kein einziges Mal einen erpresserischen Kindesräuber abzuurteilen, und in Frankreich wurden bislang nur zwei Fälle von Kidnapping registriert.

Der letzte ereignete sich 1960, als der vierjährige Autofabrikanten-Sohn Eric

Peugeot entführt wurde. Fünfhunderttausend, Franc zahlten Erics Eltern für die Freilassung an die Räuber ihres Kindes, den ehemaligen Metzgergesellen Pierre Larcher und den früheren Buchdruckerlehrling Raymond Rolland.

Nach elfmonatiger Jagd schließlich gefaßt, wurden Larcher und Rolland am 31. Oktober 1962 vom Schwurgericht in Versailles zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Das deutsche Strafrecht kannte den Tatbestand des Kidnapping bis 1936 überhaupt nicht. Erst damals - elf Wochen nachdem Bruno Richard Hauptmann auf den Elektrischen Stuhl geschnallt worden war - wurde ein entsprechender Paragraph in das Strafgesetzbuch aufgenommen. 1953 neu gefaßt, droht er für »erpresserischen Kindesraub« an: »Wer ein fremdes Kind entführt oder der Freiheit beraubt, um für dessen Herausgabe ein Lösegeld zu verlangen, wird mit Zuchthaus nicht unter drei Jahren bestraft.«

Nach den beiden deutschen Kindesraub-Fällen in den Jahren 1958 und 1961 sahen Juristen wie Kriminalisten in der Bundesrepublik keinen Anlaß, die Methoden zur Aufklärung von Kidnapping -Tatbeständen etwa anhand amerikanischer Erfahrungen neu zu durchdenken. Die Debatte kam erst in Gang, als die Wiesbadener Staatsanwaltschaft den dritten Kidnapping-Fall auf bundesdeutschem Boden zum kriminalistischen Notstand erklärte.

Noch bevor Erfolg oder Mißerfolg abzusehen waren, wurden Mitte voriger Woche in dem für die Polizei zuständigen hessischen Innenministerium schwere Bedenken gegen die Zusage der Staatsanwaltschaft geäußert, den Tätern sechs Stunden Verfolgungsfreiheit und mithin eine Minderung ihres Risikos zu gewähren: Diese Methode und die Versuche der Presse, auf eigene Faust mit Schweigeversprechen das Kind freizukaufen, könnten Gangster zu neuen Entführungsaktionen ermuntern.

Ein Beamter des Innenministeriums warnte: »Was meinen Sie, was dann hier in Deutschland los ist!«

* Als kidnapping (engl. = ein Kind greifen) wurde ursprünglich die Deportation von Engländern in die britischen Kolonien in Amerika bezeichnet. Auch die bis ins 19. Jahrhundert übliche Methode, junge Leute betrunken zu machen und dann an Bord der Royal-Navy-Schiffe zu bringen, nannte man kidnapping.

Timo-Rinnelt-Fahndungsplakate: Freier Abzug für die Entführer

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