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GEMEINDEN / FRANKFURT Was möglich ist

aus DER SPIEGEL 23/1970

Aus dem Reihenhaus an der RudolfHilf erding-Straße in Frankfurts Nordweststadt dringen hin und wieder merkwürdige Weisen. Hausherr Walter Möller, sozialdemokratischer Verkehrsdezernent der Mainmetropole, sitzt dann an seiner Philicorda-Orgel und übt sozialistische Lieder -- »so langsam, Ton für Ton. und in voller Erkenntnis, wie weit sie von der Realität entfernt sind«.

Ab und zu noch greift der gelernte Buchdrucker im Bücherschrank zu Regel, Marx und Kant, deren »Spannungsverhältnis zueinander« ihm, in »diesem philosophischen Dreieck«, nach eigenem Bekunden Erkenntnisse für die tägliche Arbeit vermittelt. Die wird sich ändern. Denn 276 von 331 Parteitagsdelegierten des SPD-Unterbezirks Frankfurt haben Möller letzte Woche für das Amt des Frankfurter Oberbürgermeisters nominiert.

Erstmals wird damit ein exponierter SPD-»Linksaußen« ("Welt") zum höchsten kommunalen Würdenträger einer der größten deutschen Städte aufrücken. Der Sessel des Frankfurter Oberbürgermeisters war durch den Tod des SPD-Stadtoberhaupts Willi Brundert verwaist. Als sechster Nachkriegs-OB soll Möller nun am 11. Juni gewählt werden -- zum erstenmal seit 91 Jahren wieder ein Stadtchef im Römer mit Frankfurter Geburtsschein.

Parteirebell Möller ("Ich bin vom Typ her kein revolutionärer Schwärmer, sondern Anhänger einer realen Utopie") wird die Wirksamkeit linker Denkmodelle verantwortlich an eigener Praxis messen können: in jener Großstadt, die wie kaum eine andere Kommune in der Bundesrepublik wirtschaftliche Großmacht vereinigt.

Möller, 50, Vorsitzender des Frankfurter SPD-Unterbezirks, bekennt sich zu »liberal-sozialistischer Geisteshaltung« -- und demonstriert sie auch außer Haus: Im zweitstärksten deutschen SPD-Bezirk Hessen-Süd, dessen linker Kern sich noch immer für die Hefe im Sauerteig sozialdemokratischer Politik hält, liefert er seit Jahren -- oft in zünftiger Lederjacke -- Impulse zu Konjunktur- und Steuerpolitik, Deutschlandfrage« Vermögensverteilung und Ideologie des Eigentums.

Als einen bisherigen Höhepunkt seiner politischen Laufbahn empfindet er denn auch die mitternächtliche Diskussion eines von ihm konzipierten Vermögensplans auf dem letzten SPD-Parteitag in Saarbrücken. Dort schockte er die Bonner Regierungsgenossen mit dem Konzept, rund 15 Milliarden Mark mehr als bisher bei den Besitzern von Großvermögen einzutreiben und dafür die unteren Einkommensschichten weniger zu schröpfen. Er stammt selbst aus solchen Schichten: Sohn eines gelernten Schmieds und späteren Stadtrats im Arbeitervorort Bornheim.

Des jungen Möller Marsch durch die Frankfurter Institutionen -- vom Ortsvereins-Unterkassierer bis zum Dezernenten für Verkehr und Stadtwerke -- währte 24 Jahre. Die erste Wahlrede hielt er. 1946. in einer verräucherten Werkskantine im Stadtteil Heddernheim. Möller: »Ich wurde dann so etwas wie ein Renommierjunge, den man gerne herumreichte.«

Doch es dauerte mehr als anderthalb Jahrzehnte, bis in der Hessen-Stadt ob der direkten Art des 85-Kilo-Mannes der Begriff »möllern« gebräuchlich wurde -- etwa dadurch, daß der Verwalter des Verkehrsressorts bei der Verbreiterung von Straßen allen Protesten zum Trotz eine Allee abholzen ließ oder die richtige Farbe für Frankfurts U-Bahn ermittelte, indem er einem Alfa-Romeo nachspüren ließ, dessen spezielles Rot ihm im Verkehrsgewühl aufgefallen war und dessen Kennzeichen er sich notiert hatte.

Im Parteihaus an der Fischerfeldstraße entwickelte dabei die Mehrheitspartei« dank Möllers Hilfe, eine Schaltzentrale kommunaler Politik nach spezieller Frankfurter Art: Politische Beamte oder SPD-Magistratsmitglieder wurden, mehr als anderswo, an ihrem Wohlverhalten im Sinne von Parteitagsbeschlüssen und ihrer Auslegung nach links gemessen.

Umgekehrt sorgte Möllers Garde, darunter die aktiven Jungsozialisten, stets für die richtige Repräsentation im Rathaus. »Dies ist« stöhnte Brunderts Vorgänger Werner Bockelmann, als er die Oberbürgermeister-Kette abgab, »ein mörderisches Amt.«

Nachfolger Willi Brundert erlebte die »speziellen Frankfurter Verhältnisse« zuletzt im Fall Littmann: Unter anderem wegen mehrmaligen Fehlverhaltens der Polizeiführung bei Apo-Demonstrationen hatte eine linke Parteitagsmehrheit den Magistrat ultimativ aufgefordert, den umstrittenen Polizeichef Gerhard Littmann in den Ruhestand zu versetzen. Durch die Krankheit kam Brundert schließlich um die fällige Entscheidung herum.

Das designierte Stadtoberhaupt Möller, etwas derb wirkend und mit Bürstenhaarschnitt, will sich denn auch künftig vorrangig um ein »fruchtbares Spannungsverhältnis« zwischen Mandatsträgern und Parteivolk bemühen. Freilich: Von linker Pression, dem harten Taktiker durchaus geläufig, möchte er selber nach der geplanten Abgabe des Parteivorsitzes verschont bleiben. Er wolle, so Möller zu Genossen« »kein explosives polares Gegeneinander«.

In diesem Sinne, weniger explosiv als bisher zuweilen, gedenkt er auch, noch anstehende Probleme zu bewältigen. Den Polizeichef Littmann etwa will er nach der Wahl in einem »freundschaftlichen Gespräch« von der Notwendigkeit der Demissionierung überzeugen.

Soweit sich Verwaltungsstellen generell noch als »Träger von Hoheitsaufgaben« begreifen, soll ein neues Selbstverständnis einkehren: »Das sind Beauftragte« die eine Leistung zu erbringen haben«

Dabei will der künftige Oberbürgermeister »in Frankfurt natürlich nicht den Sozialismus ausrufen«, sondern lediglich »den gemeinsam vorhandenen Spielraum nutzen, um einige Schwerpunkte zu setzen«. Einer der Schwerpunkte könnte, so Möllers Vision, vielleicht »die kostenlose Beförderung auf Nahverkehrsmitteln« sein -dies wiederum als »ein Betrag, um die Ziele der Raumordnung und Regionalentwicklung zu erreichen«. Die Frist bis zur Verwirklichung: »Zwanzig Jahre, wenn man es politisch nicht will, fünf bis zehn Jahre, wenn sich Bund und Land mit engagieren«.

Derlei pragmatische Töne klingen aus seinem Munde noch einigermaßen ungewohnt -- erst recht dann, wenn er erwägt, ob »die jüngeren Kräfte in der SPD. die fortschrittliche Modelle vertreten, davon überzeugt werden können, was möglich ist und was nicht«. Möller glaubt, dafür genügend Überzeugungskraft mitzubringen.

Der Liebhaber von Bier und Aquavit ("Eine ideale Mischung") will sich künftig als erster Bürger der Stadt verstehen. Und zum Beweis versprach er jubelnden Parteifreunden, was alles sonst noch auf dem Programm steht: mehr Gemütlichkeit in der Atmosphäre der Stadt. Denn, sagt Möller, »da haben wir in Frankfurt einiges nachzuholen«.

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