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»WAS NÜTZT UNS EIN SOZIALES GEWISSEN?«

aus DER SPIEGEL 44/1969

Wo die Schönberger Ohe sich mit der Wolfsteiner Ohe zur Ilz vereinigt, inmitten bunter Wälder und sanfter Hügel, eben auf einem besonders schönen Flecken niederbayrischer Erde, stehen die drei Häuser von Aumühle. Eigentlich sind es nur noch zwei. Denn eines steht schwarz und ausgebrannt, umschwärmt von Kameraleuten und Photographen, Kripobeamten und Neugierigen. Aus dem schönen Haus ist über Nacht zum 18. Oktober 1969 ein Mahnmal niederbayrischer, ja nationaler Schande geworden.

Schon kennt jeder »Bild«-Leser Aumühle im Landkreis Passau und seine traurige Geschichte: Die Bürger der umliegenden Dörfer haben mit starken Worten, kräftigen Fäusten und Zündhölzern geistig behinderte Kinder aus ihrem neuen Heim an der hz getrieben. Zorn und Scham provozierten sie bei liberal und human Gesinnten überall im Lande. Die »Süddeutsche Zeitung« sah eine Fortsetzung von Sperrs »Jagdszenen aus Niederbayern«, in denen »Andersartige verfolgt, Debile geschmäht, Minderheiten verfemt werden«. Der Moderator des ZDF-Magazins, Löwenthal, fühlte sich »ins finsterste Mittelalter zurückversetzt«.

Kulisse und Handlung des Melodramas sprechen in der Tat gegen die mutmaßlichen Brandstifter. Da Ist das mittelalterliche Schloß Fürsteneck bei dem gleichnamigen Dorf, zwischen den kleinen Nachbarorten mit den großen Namen Prag und München. Auf dem Schloß traf schon vor einem Jahr die Hiobsbotschaft ein: Kaum 15 Wegminuten entfernt sollten Deppen untergebracht werden. Das Bischöfliche Ordinariat in Passau hatte zwei kircheneigene Häuser in Aumühle dem Arzt Dr. Loew zum Kauf angeboten, der dort sein drittes Heim für geistig behinderte und schwererziehbare Kinder einrichten wollte.

Die Räte der betroffenen Gemeinden taten sich zusammen und schrieben dem Arzt einen Brief: » ... werden Sie Unangenehmes erleben.« Diplomatisch war das gerade nicht. Unter Führung des Pfarrers von Fürsteneck, Georg Stetter, gründeten Bürger eine Interessen- und Kampfgemeinschaft. Doch das Bischöfliche Ordinariat stand nach einigem Zögern zum Kaufvertrag mit dem Arzt.

Der ließ einen Spähtrupp von sieben kranken Kindern nach Aumühle fahren. Als sie von einem Ausflug zurückkamen, bedrängten beinahe hundert Fürstenecker, darunter Pfarrer und Bürgermeister, die unerwünschten Gäste, schwangen Knüppel und urbayrische Reden. Auf Anraten der herbeigerufenen Polizei flüchteten die Pfleger mit den Kindern aus Aumühle. Nicht einmal die Medizin für einen Epileptiker durften sie mehr aus dem Hause holen.

Die siegreichen Bürger blieben an der Stätte ihres Triumphes. Es war ein lauer Herbsttag und besonders schön in Aumühle. Großzügige Spender sorgten für Freibier. Als es dunkel wurde, entzündete man auf dem Grundstück des Dr. Loew ein Lagerfeuer, briet Kartoffeln, sang, trank und hatte viel Spaß. Pfarrer Stetter machte Mut: »Wenn uns das Ordinariat im Stich läßt, treten wir geschlossen aus dem Diözesanverband aus.« Bürgermeister Weikersdorfer schickte die Passauer Landpolizisten, die das Feuer und der Tatbestand des Landfriedensbruchs etwas beunruhigte, nach Hause.

Und dann, so gegen 22 Uhr, schlugen aus dem Dachstuhl des belagerten Hauses Flammen.

Kräftige Burschen zogen noch den herbeigeeilten Heimleiter Villain aus seinem Auto. Der Bürgermeister setzte ihn wieder rein, als man ihn totschlagen wollte. Der Heimleiter kam mit Schock und Nierenblutungen ins Krankenhaus.

Das nächtliche Freibier-Gelage nahm ein böses Ende: Der Seelsorger Stetter wurde von seinem Bischof bis auf weiteres beurlaubt.

Diese Ereignisse weckten fern von Aumühle Assoziationen: mittelalterliches Gemäuer, ein eifernder bigotter Pfarrer mit wallendem Talar und rauschendem Bart, knüppelschwingende Holzfäller und Bauern, vielleicht ein paar Zwergschul-Kleinbürger auf der einen, ein einsamer Idealist und seine hilflosen Schützlinge auf der anderen Seite.

Doch schon die Kulisse täuscht. Hinter den grauen Mauern des Schlosses verbirgt sich ein modernes Hotel mit Reitstall und eine florierende Brauerei. Pfarrer Stetter ist in diesen Tagen, 36 Jahre alt geworden, sieht jünger aus, trägt außer Dienst feschen Trachtenanzug oder elegantes Dunkelgrau, gepunktete Krawatte und spitze Flechtschuhe -- denn er ist gegen »mittelalterlichen Mummenschanz

Die Männer, die sich um ihn geschart und ihn zu ihrem Sprecher gemacht haben, sind erfolgreiche Geschäftsleute; der Hotelpächter Geiger, der Bauunternehmer Blaschko, der Schloßverwalter Dumm, der Baumaschinenhändler Brüning und, im weiten Frankfurt, der Ministerialrat Forster, dem Schloß und Brauerei gehören. Ein unbestreitbar tüchtiger Unternehmer ist auch ihr Gegenspieler, der Arzt Dr. Loew. Die Bauernburschen machten die Statisterle für Freibier.

Es wird jetzt geschwindelt in Fürsteneck, daß selbst die Kriminalbeamten verzweifeln. Aber eines darf man dem Pfarrer Stetter abnehmen: »Es geht einzig und allein um den Fremdenverkehr in diesem Gebiet. Alles andere ist kompletter Unsinn.« Der Prediger redet nicht drum herum. Es geht ums Geschäft. Um hartes Geld wurde geredet, gedroht, gerauft und gezündelt.

Zur Interessengemeinschaft gegen den Arzt Dr. Loew haben sich -- sagt die Schloßwirtin -- »die Geschäftsleut' der Umgebung zusammengetan«. Nicht alle machten mit in Fürsteneck. »Die kein Geschäft haben und gar nichts, denen ist es egal«, meint Frau Geiger. Doch auch einige Kleinunternehmer scherten aus der Solidarität mit Pfarrer und Besitz. Der Bäcker zum Beispiel, er weiß, daß Schwachsinnige soviel Brötchen essen wie Normale.

Es geht aber nicht um die Kleingewerbetreibenden, sondern um große Pläne. Fürsteneck soll zum Touristenzentrum werden. Schon pflügen Planierraupen die Felder. Bauunternehmer Blaschko hat eine schmucke Siedlung errichtet, in der Fremdenzimmer feilgeboten werden. Die Schloß-Brauerei soll mehr von ihrem guten Märzen, dem »Blauen«, ausstoßen. Und bei all dem ist die Aumühle eine strategische Schlüsselstellung. Sie gibt nicht nur den idealen Platz für einen Pensions- und Gastwirtschaftsbetrieb, an ihr liegt auch der Badeplatz und führt der neuerschlossene Reit- und Wanderweg vorbei.

Man tut den Leuten von Fürsteneck bitter Unrecht, wenn man unterstellt, sie verfolgten Debile, wollten den Anblick geschädigter Kinder nicht ertragen. Sie waren und sind im allgemeinen gut zu ihren eigenen Deppen -- sie müssen für einige sorgen -- und unterscheiden sich gerade da von fortschrittlicheren Gegenden des Vaterlandes.

Nur, der Dorfdepp gehört zum niederbayrischen Fremdenverkehrs-Kolorit. 70 preußische Schwachsinnige am Waldweg aber, so fürchtet man, nicht ganz zu Unrecht, könnten Pferde und Kurgäste scheu machen.

Es waren gewiß keine mittelalterlichen Ressentiments, die sechs scharf kalkulierende Bürger aus der Tausend-Seelen-Gemeinde des Pfarrers Stetter verleiteten, beinahe eine halbe Million Mark lockerzumachen. »Noch morgen blättern wir dem Bischof 410 000 Mark auf den Tisch, wenn er an uns verkauft«, verspricht der Kaufmann Brüning.

Pfarrer Stetter fragte: »Was nützt es, wenn wir ein soziales Gewissen haben und die anderen nicht?« So hat er sich dann zum Fürsprecher der mit weltlichen Gütern Beladenen gemacht. Er sagt: »Ich bin zeitgemäß,« Er ist nicht nur ein sehr moderner Pfarrer, der nichts gegen Gemeinschaftsschulen, Mischehen und katholische Ehescheidung hat, er ist auch vielfacher Meister im Eisschießen und Manager für alles in der Gemeinde.

Er behauptet, persönlich »schon eine vierstellige Summe in das Projekt Aumühle investiert« zu haben. Er räumt ein: »Ich habe Mäzene.«

Die Geschäftsleute überließen ihm Verhandlungen mit Makler, Arzt und Ordinariat ebenso wie die Formulierung von Vertragsentwürfen. Stetter erinnert sich: »Das Rechnen war schon in der Schule meine Spezialität. Das schlechteste, was ich da mal hatte, war ein Zweier.«

Gewiß, um auch die zu überzeugen, die keine zu errechnenden Interessen an der Vertreibung der Schwachsinnigen hatten, mußte er sich anderer Fähigkeiten bedienen. Den Kirchenfürchtigen, denen Wasserköpfe und Mongoloide noch nicht genügend Schrecken einflößten, predigte er, mit preußischen Deppen kämen gottlose Zeugen Jehovas und Adventisten als Pfleger. Er machte sie darauf aufmerksam, daß die Namen des Arztes Loew und des ZDF-Moderators Löwenthal im semitischen Stamm identisch seien: »Da ist eine große Manipulation im Gange.«

Der Seelsorger hat diese kleinen Tricks nicht selbst erfunden. Aber er hatte mit ihnen Erfolg. »Mehr als 90 Prozent der Gemeinde hören bedingungslos auf ihn«, sagen die Bürger. Er hat seine eigene Leibstandarte, die ihn Tag und Nacht bewacht. Die Unternehmer, denen mittlerweile bange geworden ist, die wie der Bauunternehmer Blaschko nun Geschäftsschädigung statt Gewinn fürchten, können ihn nicht mehr bremsen. Der Dorfpfarrer Stetter ist durch die Verhältnisse zum kleinen Arturo Ui von Fürsteneck aufgestiegen.

Nicht finsterstes Mittelalter, sondern die lichte Gegenwart hat in Fürsteneck begonnen. Vielleicht ist die neue Zeit mit Unternehmern, Strukturenverbesserungsprogrammen und modernen Pfarrern ein bißchen schnell über den Bayrischen Wald gekommen.

Die Fürstenecker haben 48er und 33er Revolution zugleich nachgeholt. Bürgerlicher Aufruhr hat der Kirche den Kampf angesagt. Viele zahlen keine Kirchensteuer mehr. Andere wollen Gesangbücher und Rosenkränze in einen Sack stecken und an den Bischof schicken.

Als alle auf ihre Kosten Geschäfte machen wollten -- das Ordinariat, das zwei unrentable Gebäude für »soziale Zwecke« abstieß, der Arzt, dessen Heime so gut gehen, daß er binnen weniger Jahre das dritte eröffnen wollte, die Sozialämter, die für viel Geld Geistesschwache, Geisteskranke und schwererziehbare Jugendliche ohne Unterschied in den Bayrischen Wald loswerden wollten, wohl wissend, daß dort keine Möglichkeit für Ausbildung und Eingliederung bestand -da haben sie sich gewehrt.

Ihr Lehrstück zeigt, daß sie noch immer ein bißchen zurück sind. Wenn aber wieder einmal jemand ihre Geschäfte stört, werden sie gewiß schon gescheiter sein.

Kai Hermann
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