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Lords Was Schönes

Der britische Adel ist noch immer gefragt -- in Aufsichtsräten großer Firmen. Rund 50 der 200 Pfund-Millionare sitzen im Oberhaus.
aus DER SPIEGEL 39/1972

Lord für Aufsichtsrat eines bedeutenden Unternehmens gesucht« -- »Fortschrittliche Firma sucht adelige. Person (Gentleman oder Lady) zur Übernahme der Position eines Aufsichtsratsvorsitzenden«. So oder ähnlich liest man es oft auf den Anzeigenseiten der Londoner »Times«.

Bank- oder Bauunternehmen, Modenhaus oder Maschinenfabrik, der Titel eines Barons oder eines Grafen ist britischen Unternehmen Tausende Pfund wert, Adelsprädikate schmücken die Aufsichtsräte englischer Firmen wie Lametta einen Christbaum.

1078 der knapp 1200 Lords haben derzeit einen Sitz im britischen Oberhaus, in dem Mandate noch immer ererbt werden. Nicht wenige dieser Nobel-Herren, »das ist ganz klar«, schreibt der britische Autor Andrew Roth, 53, in seinem soeben veröffentlichten Werk »Lord on the Board"* (etwa: Lord im Aufsichtsrat), nutzen ihre Titel, »um ihr Vermögen zu vermehren«.

Der Chef der BBC und des Londoner Opernhauses, der Generaldirektor der »Financial Times«, die Bosse des Profi-Fußballklubs »Chelsea«, der »Guinness«-Brauerei, der nordirischen Werft Harland and Wolf, der Rolls-Royce-Triebwerkfabrik wie der Präsident der »Times« sitzen im House of Lords -- in dem auch der Generaldirektor des Photostudios »Armstrong-Jones Ltd.« als Earl of Snowdon Aufnahme fand, nachdem er Königin-Schwester Margaret geheiratet hatte.

Baron Stokes of Leyland, 58, Chef des Automobilkonzerns »British Leyland«, saß vorübergehend in mehr als 50 Aufsichtsräten, Baron Swaythling, 73, wie auch der Graf von Inchcape, 54, arbeiteten in rund 40 Firmen mit. Der dritte Baron Vestey, 31, der gemeinsam mit seinem Bruder ein Fleischwarenimperium führt, das 20 000 Quadratmeilen Land in Australien, 50 Fracht- und Kühlschiffe sowie diverse Fabriken umfaßt, ist Mitglied in mehr als 25 Betriebsleitungen.

210 der 1078 Oberhaus-Lords sind sogenannte »Life Peers«, von der Königin wegen ihrer Verdienste in Wissenschaft, Wirtschaft oder Politik auf Lebenszeit in den -- unvererblichen -- Adelsstand erhobene Bürgerliche; den meisten aber sind Moneten wichtiger als das Mandat.

Lediglich 265 Lords besuchten in der letzten Legislaturperiode im Schnitt die * Andrew Roth: »Lord on the Board«. Parliamentary Profiles. London; 824 Seiten; 3.60 Pfund.

Sitzungen. Zumeist ist der Tag im Parlament wenig mehr als Hobby, einige treibt auch der Hunger. »Sie wollen die 8,50 Pfund Aufwandsentschädigung verdienen«, spöttelte ein Lord über verarmte Mitadelige, die nicht einmal mehr einen Platz im Aufsichtsrat finden können. »Für einige ist das hier ein Altersheim-Ersatz.«

Das gilt freilich nur für wenige -- dagegen vermutet, der Autor mindestens 50 der rund 200 britischen Pfund-Millionäre im House of Lords.

Die Familie des fünften Herzogs von Westminster, 62, etwa besitzt 135 Hektar Boden im teuersten London, von der Oxford Street bis Piccadilly. Der Graf Cadogan, 58, verwaltet 45 Hektar im exklusiven Stadtteil Chelsea.

im Besitz des Herzogs von Beaufort, 72, so ermittelte Roth, der zehn Jahre daran arbeitete, die Finanz-Fassaden des Insel-Adels zu durchbrechen, befinden sich 23 500 Hektar Land sowie die Fährrechte auf dem Fluß Severn zwischen Aust (Gloucestershire) und Chepstow (Monmouthshire). Der Herzog von Buccleuch & Queensberry nennt 6800 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche sein eigen.

In einem 240-Zimmer-Schloß, vor dem 200 Hirsche und Rehe äsen, residiert der Markgraf von Exeter, der dem Internationalen Leichtathletik-Verband vorsteht. Gemälde im Wert von zwei Millionen Pfund hängen auf Woburn Abbey, dem Stammsitz der Herzöge von Bedford.

Zwar werden die Erben dieser Vermögen mit immens hohen Erbschaftsteuern belegt, meist aber umgehen sie diese Zahlungen, indem sie das Vermögen zuvor in Familien-Trusts oder -Holdings einbringen.

Zudem: Wurde der Besitz den Nachfahren mindestens sieben Jahre vor dem Tod des Beerbten übertragen, entfällt die Erbschaftsteuer. Lediglich 45 Pfund Steuer zahlte so der Sohn des siebten Grafen von Radnor, dem sein Vater rechtzeitig ein Erbe im Gesamtwert von 4,5 Millionen Pfund überschrieben hatte.

Werden die Steuerbelastungen auf die Hinterlassenschaften dennoch zu hoch, dann akzeptiert der Adel gern die einst als unfein verschmähten Aufsichtsratsposten. Manche der Burgherren lassen auch ihre Zugbrücken herunter. Der Gedanke an die eigene Armut schreckt mehr noch als die Armeen der Bürgerlichen, die durch die einst so exklusiven Schloßgärten wandeln.

Der Herzog von Bedford baute seinen 4800 Hektar umfassenden Besitz zu einer Art britischen Disneylands um. Der Markgraf von Bath verdient mit einem Privatzoo und demnächst auch einer Ausstellung von Hitler-Souvenirs dazu. Im Sommer letzten Jahres besuchten fast sieben Millionen Briten die Adels-Anwesen der Nation und zahlten den Schloßherren fast zwei Millionen Pfund Eintrittsgeld.

Auch der Herzog von Marlborough, im Mai mit 74 verstorben, machte kurz vor seinem Tode noch das Tor zu seinem Schloß Blenheim auf, obwohl »ich nicht sagen kann, daß es mich erfreut«. Trost befiel den alten Adligen nur beim Gedanken, daß »nun auch die unteren Schichten mal was Schönes zu sehen be. kommen«. O Lord.

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