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»Was suchen all die Leute hier?«

aus DER SPIEGEL 31/1977

Der römische Publizist und SchriftstellerBarzini, 69, hat dorn italienischenParlament als Abgeordneterder Liberalen Partei angehört. Erschrieb den Bestseller »Die Italiener«.

Dies Land hat die Ausländerstets fasziniert, nie haben diedamit verbundenen Gefahren dieFremden abgeschreckt.

Einst, in weit zurückliegendenZeiten, kamen ganze Germanenstämmemit Viehzeug, Kind undKegel. Später kamen, in Waffen, dieKaiser des Heiligen Römischen Reiches,die Könige von Frankreich ander Spitze ihrer Meere, die Spanierund viele andere. Pilger machtensich auf die Reise, um in Rom Sündenablaßzu erlangen, aber auchAbenteurer, Gelehrte und Literaten,müßige Edelmänner. Nichts konntesie bremsen.

Bis vor gut hundert Jahren verschwandenviele dieser Reisendenunterwegs spurlos. Die einen gerietenin den Alpen unter eine Lawine,andere stürzten in eine Schlucht,wieder andere kamen beim Streit ineiner Weinschenke ums Leben, vielewurden von Straßenräubern ausgeraubtund umgelegt.

Später, im 20. Jahrhundert, mußtendie Reisenden andere Plagenüberstehen. Etwa Straßenkrawalle(berüchtigt waren die nach dem ErstenWeltkrieg), politische Aufstände,betrügerische Hoteliers, ewigverspätete Züge, Streiks, verseuchtesWasser, Cholera, Thyphus - oderverführerische Frauen, die tödlicheKrankheiten übertrugen.

Was ist es, das die Fremden trotzallem nach Italien zieht? Die unzähligenErklärungen der Reisendenselbst sind nicht überzeugend, vielesogar widersprüchlich.

Die Überreste der Antike? InGriechenland und Ägypten gibt esgenauso viele Ruinen. Die HeiligkeitRoms? Ein guter Christ kanndas Himmelreich auch bei sich daheimerlangen. Ist es die Küche, istder Wein so verlockend? Beide sindbesser in Frankreich, wie selbst dieItaliener zugeben.

Auch heute, da man die Ausländerwieder vor den schrecklichenGefahren einer Italienfahrt warnt,reißt der Touristenstrom nicht ab.

Was suchen all diese Leute hier?Sicher: Was sie in Italien vorzufindenhoffen, finden sie auch tatsächlich:das gute Klima, die Museen,die Meisterwerke der Kunst, die Inseln,die gute Küche. Aber sie suchenim Grunde, ohne sich dessenganz bewußt zu sein, noch andere,vielleicht wichtigere Dinge: dieFaszination italienischen Lebens.

Italien scheint dem Touristen ausdem Norden ein anarchisches Land,in dem das Leben sorgenfrei verläuftund wo alles erlaubt ist. Das istzum Teil Illusion.

Viele Bräuche und ungeschriebeneRegeln sind bei uns genauso rigoroswie anderswo Gesetze. Gleichwohlist diese Illusion stark genug,um jenen, die über die Grenze kommen,sogleich ein Gefühl der Erleichterungund der Befreiung zu vermitteln- eine Befreiung von deneigenen, oft genug langweiligen nationalenTugenden.

Kein Zufall, daß sich gleich hinterdem Brennerpaß beiderseits derStraße die Gasthäuser aneinanderreihen,wo Deutsche und Österreicher,Skandinavier und Holländerscharenweise einkehren. Dort sitzensie dann in einer Laube und widmenihre erste italienische Stunde demWein und dem Spaß, der Kellnerinin den Hintern zu zwicken.

Merkwürdig genug: Auch Unordnungund Gefahren wirken verführerischauf die Ausländer, Schonseit Jahrhunderten gehört es für siezum Vergnügen einer Italienreise,sich selber effizienter, tüchtiger,sauberer, anständiger, besser regiertals die Einheimischen zu fühlen.

Mitleid und Verachtung für dieItaliener, diese armen Teufel, hatstets zu den wahren Freuden desReisenden aus dem Norden gehört.

Autor Barzini

»Gefahr wirkt verführerisch«

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