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Hauptstadt Wat für'n Stil

Historisierende Kopien und kitschige Fassaden - die Berliner CDU schwärmt fürs Alte.
aus DER SPIEGEL 6/1996

Leise redete CDU-Fraktionsgeschäftsführer Volker Liepelt auf den Investor aus dem Hause Quandt ein: »Bitte erklären Sie doch öffentlich, daß Sie noch einmal über die Fassade Ihres Gebäudes nachdenken werden.«

Die Quandts wollen am Pariser Platz, gleich neben dem Brandenburger Tor, das »Haus Liebermann«, nach einem Entwurf des Berliner Großarchitekten Josef Paul Kleihues, bauen. Das Projekt ist genehmigt; das Haus, dessen Vorläufer der bürgerliche Maler Max Liebermann bewohnt hatte, ist angeblich sogar schon vermietet. Kein Grund für Quandt, übers Exterieur neu nachzudenken.

Die Berliner CDU hat Pech mit ihrer eilfertig proklamierten Wende in der Baupolitik.

Auch andere Investoren, die in wenigen Jahren rund um das Brandenburger Tor residieren werden, ließen am vorigen Freitag bei einer »Bauherren-Konferenz« die konservativen Eiferer abblitzen: Banken, Botschaften und die Akademie der Künste wollen so bauen, wie sie es schon lange unter dem SPD-Bausenator Wolfgang Nagel und seinem Senatsbaudirektor Hans Stimmann geplant haben.

Liepelt vor allem hängt nun seine Großspurigkeit an. Es werde, versprach er, nachdem das Bauressort im Schacher der Großen Koalition an die CDU gefallen war, »ein Umdenken und ein neues Bewußtsein für die Bewahrung der historischen Mitte Berlins geben«. Den Sozialdemokraten Stimmann verunglimpfte er munter als »Reichsbaumeister«.

Der Populist Liepelt kann sich bei solchen Ausfällen auf eine regsame Bürgerinitiative stützen.

Seit 1990 zieht die »Gesellschaft Historisches Berlin e.V.« gegen die »gesichtslosen Neubauten« und die »brutale Monotonie« der neuen Architektur im Zentrum der neuen und alten Berliner Mitte zu Felde. Die Vereinssprecherin Annette Ahme fordert statt dessen originalgetreue Rekonstruktionen und Kopien historischer Gebäude.

Dabei fühlt sich die auf nostalgische Abwege geratene ehemalige Grüne als Anwältin des unterdrückten Bürgerwillens. Unentwegt, so Ahme, geständen ihr aufgebrachte Berliner: »Ich würde am liebsten eine Bombe in diese scheußlichen Kästen reinwerfen.«

Unbehagen am neuen Berlin, das derzeit aus dem Boden gestampft wird, formulieren freilich auch ausgewiesene Experten.

»Es ist noch nie so viel abgerissen worden wie in den vergangenen Jahren«, stellt Wolf Jobst Siedler mit Bedauern fest. An die Stelle der Bauherren, klagt der Doyen der konservativen Berliner Architekturkritik, »sind Investoren getreten, die es gar nicht interessiert, wo, was und für wen sie bauen«.

Die von der CDU favorisierte Architektur findet allerdings bei Siedler auch keine Gnade. Für den »subalternen, banalen Versuch, am Pariser Platz das Hotel Adlon zu kopieren«, hat er nur milde Verachtung übrig.

Siedlers resigniertes Fazit: »Wir leben offenbar in einer Zeit, die auch in der Architektur ohne künstlerische Kraft ist.«

Vernichtende Worte, die die Zunft nicht hören mag. Die Architekten des neuen Berlin nahmen prompt ihren Baumeister, den davongejagten Stimmann, in Schutz. Sir Norman Foster, Helmut Jahn und Renzo Piano priesen gemeinsam mit 80 Kollegen »die mutige Entschiedenheit, mit der Hans Stimmann eine klare und unerschütterliche Position zur Neugestaltung Berlins vertritt«. Der Präsident der Architektenkammer, Cornelius Hertling, hielt Stimmann zugute, daß er »Schlimmeres verhindert« habe.

Stimmann hatte gegen den erbitterten Widerstand der Investoren durchgesetzt, daß rund um den Boulevard Unter den Linden keine renditeträchtigen Hochhäuser aufbetoniert werden. Mit der Devise »kritische Rekonstruktion« sorgte er dafür, daß die alte Stadtstruktur mit neuer moderner Architektur aufgefüllt wird, und verordnete als Höhenbegrenzung die berühmte Berliner Traufhöhe von 22 Metern - auch wenn er bis zu vier unterirdische Geschosse und zurückspringende Dachetagen zuließ.

Die CDU entdeckt nun überraschend ihre Liebe fürs Alte. »Das ist scheinheilig«, meint Dorothee Dubrau, die grüne Baustadträtin des Bezirks Mitte. Die Architektin hatte schon 1991 mit einer sogenannten Erhaltungssatzung versucht, in Berlin-Mitte auch die Altbauten, die nicht als Einzeldenkmale geschützt sind, vor den Abrißbirnen der Investoren zu retten.

Die Satzung allerdings verstaubte drei Jahre lang in den Schubladen des Senators für Stadtentwicklung und Umweltschutz, Volker Hassemer (CDU). Der besaß also jede Möglichkeit, historische Bauten zu retten, doch im Zweifelsfall »standen ihm die Investoren näher, für die sich ein schöner Altbau schlechter rechnet als ein gesichtsloser Neubau«, merkt Dubrau an.

So dürfte es auch der neue Bausenator Jürgen Klemann (CDU) halten. Er war als Jurist beim Arbeitsamt tätig, bevor er zunächst als Stadtrat und dann auch als Bürgermeister im reichen und rechten Bezirk Zehlendorf sein Auskommen fand. Als Staatssekretär brachte er seinen Adlatus Ulrich Arndt mit. Vom Bauen versteht der ebensowenig wie sein Chef.

Das Duo soll eine Mammutbehörde mit mehr als 2700 Mitarbeitern führen. »Dieses Ausmaß an Ignoranz und Inkompetenz«, ärgert sich der Stadttheoretiker Dieter Hoffmann-Axthelm, »ist eine echte Beleidigung.«

Die ersten Peinlichkeiten hat Klemann schon hinter sich. Die kritisierten Wettbewerbsergebnisse für den Lustgarten und den Alexanderplatz hatte nicht SPD-Stimmann, sondern CDU-Hassemer zu verantworten.

Die mißratene Wende in der Baupolitik glich ohnehin einem Zwergenaufstand.

Die CDU will einen kleinen Streifen in Mitte - den Pariser Platz am Brandenburger Tor, Unter den Linden und den Schloßplatz - historisierend bauen. Der abgelöste Bausenator Wolfgang Nagel hat jedoch als letzte Amtshandlung den Bebauungsplan für den Pariser Platz unterschrieben; für die beiden umstrittenen Häuser des lokalen Architekten Kleihues existieren Baugenehmigungen. Für den wegen seiner Glasfassade kritisierten Bau der Akademie der Künste des Stuttgarter Architekten Günter Behnisch ist die Voranfrage bereits positiv entschieden.

Fürs Beleben preußischer Vergangenheit bleibt der CDU nur der Schloßplatz. Der Wiederaufbau der von Karl Friedrich Schinkel entworfenen Bauakademie und des kaiserlichen Stadtschlosses kostet Milliarden, die Privatinvestoren lockermachen sollen. Die wären allerdings schon froh, wenn sie das von ihnen am Markt vorbei produzierte Überangebot an Büros und Läden eines Tages vermieten könnten.

Viel Lärm um wenig. »Man wird weiter munter abreißen«, erwartet denn auch die grüne Baustadträtin Dubrau, »aber ein paar Neubauten anschließend mit einem kitschigen Schnörkel verzieren.«

In der Geschichte Berlins hat man auch dafür die passende Anekdote bereit:

Als nach 1871 der Klassizismus durch stucküberladene Protzbauten ersetzt wurde, lautete die lakonische Standardfrage der Poliere: »Der Rohbau ist fertig, Meester. Wat soll'n nun für'n Stil ran?« Y

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