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Wat mut, dat mut

Der Verlegerkanal Sat 1 hat seinen Programmbetrieb aufgenommen - babyblau und immer heiter. *
aus DER SPIEGEL 2/1985

Wenn, ruckzuck, die Nachrichten des Tages abgehakt sind - Hunger in Afrika, Kämpfe in Kambodscha, die neue TÜV-Plakette fürs Auto -, beginnt in der abendlichen Newsshow »Blick« das »gemütliche« Beisammensein.

Schelmisch blinzelt der Moderator Armin Halle; ins Studio trippelt singend ein Ehrengast aus USA. Eartha Kitt ist gekommen, sie räkelt sich auf dem Sprechertisch. Halle nähert sich der schnurrenden Frivolissima und erbittet ein Urteil über das deutsche Fernsehen. Eure Television, raunzt die Diva, ist »much too serious«, viel zu steif. Der Moderator lächelt entzückt, die Antwort spricht ihm aus der Seele.

Hölzern und pedantisch, so waren sie ja, die öffentlich-rechtlichen Grämlins von ARD und ZDF, die über 30 Jahre lang den Bildschirm beherrschten. Im »Blick« und all den anderen Programm-Wohltaten des neuen kommerziellen Verleger-Fernsehens Sat 1 ist dieser trübsinnige Menschenschlag höchst unerwünscht. »Es ist geschafft«, so jubelte »Die Welt« zur Neujahrspremiere des Kabelkanals; endlich sei Schluß mit der »gewerbs- und gewohnheitsmäßigen Staatsverschnödung von Monopols wegen«.

Auch die Politiker, zumeist Herren der CDU, gaben den Privaten ein freundliches Geleit. Ein »hervorragender Schritt für die deutschen Zuschauer«, ein »Stück mehr Meinungsfreiheit«, sprach der rheinland-pfälzische Landesverweser Bernhard Vogel. Aus Kiel grüßte Uwe Barschel den »mündigen Fernsehbürger«. Der sonst so nadelsteife Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi ließ sich zu der Hoffnung hinreißen, mit Sat 1 werde »die Qualität und Breite von Information, Bildung und Unterhaltung vermehrt«.

Eine tollkühne Erwartung. Denn nach knapp einwöchigem Sendebetrieb steht fest, daß allein die Unterhaltung mächtig in die Breite gegangen ist und der Verlegerfunk garantiert frei ist von gewerbsmäßiger Verschnödung.

Axel Springer startete sein Serien-Schlachtschiff »Love Boat«. Der Spielfilm-Lieferant PKS, einer von zehn Konsorten, die Sat 1 finanzieren, servierte die Bud-Spencer-Prügelei »Vier für ein Ave Maria«, eine »Mordnacht in Manhattan« und Belmondo, den »Unverbesserlichen«.

Mit einer sehr flockigen »Eröffnungsshow« empfahl sich der Heinrich Bauer Verlag, der künftig regelmäßig - eine »ganz heiße Sache« - neben »Bravo-Hits des Monats« ein »Magazin für die moderne Frau« gestaltet, in dem beispielsweise über Männer-Striptease, eine »Katzenmutti aus dem Allgäu« und den Schunkel-Künstler Tony Marshall berichtet wird.

Konsorte Burda bot erstmals sein Männer-Kaleidoskop »M« auf, in dem - bärtig und bieder - der Ex-Fußballer Paul Breitner »eine gehörige Portion Spaß« zu vermitteln trachtete. Es gab viele bunte Bilder von nackten Frauen im Pariser »Crazy Horse Saloon« und einen Ski-Kurs mit Rosi Mittermaier und ihrem gelehrigen Schüler Franz Beckenbauer. Wenn, bei einem Interview mit dem Äthiopien-Helfer Karlheinz Böhm, der Spaß vorübergehend unterbrochen wird, geht Paule erleichtert zu einem »bissl vergnügteren Thema« über.

So ging es Tag für Tag; ein wenig Werbung für »Persil«, »Asbach Uralt« und »Perwoll schmuseweich« war auch schon dabei. Im »Tele-Kiosk« blödelte der Springer-Komiker Günter Willumeit; eine »renommierte Astrologin von 'Hörzu'« verhieß dem Stier im Januar einen Verlust »an Macht und Einfluß«. Plattdeutsch intonierte dazu die Gruppe Godewind »Wat mut, dat mut«.

Nein, machtvolle Konkurrenz erhebt da noch nicht ihr schreckliches Haupt gegen die Altvorderen von ARD und ZDF. Gefahr droht, wenn die Sat-1-Kundschaft nennenswert gewachsen ist, von der gefälligen Nachrichten-Revue »Blick«. Dreimal täglich ist das (von Springer dominierte) News-Team auf Sendung. Proporz- und öder Bonner Verlautbarungsjournalismus werden geschickt vermieden; die Moderatoren, voran der launige Halle, sind immer zu Scherzen geneigt. Selbst die Wetterkarte - babyblau mit weißen Schäfchenwolken - verspricht ewigen Sonnenschein.

Schwerpunktsendung ist das »Blick«-Journal, um 21.30 Uhr, in dem zunächst in appetitlichen Häppchen die Nachrichten gereicht werden. Im »Rund-Blick« folgt anschließend beispielsweise ein Interview mit Liv Ullmann, die ein neues Buch geschrieben hat, oder ein Filmbericht von einem Single-Treffen in Zürich. Die Klatschecke ist mit einer zierlich lächelnden Blondine besetzt, die über ein abgerundetes Wissen in Society-Angelegenheiten verfügt: Im schweizerischen Gstaad seien Liz Taylor und Gunter Sachs gesichtet worden; die holländische Beatrix habe ihre königliche Familie auf österreichische Ski-Pisten verfrachtet. Nachrichten aus der neuen Medien-Welt.

Zum Finale wird dann noch, das Los entscheidet, der Gewinner des täglichen Reise-Quiz bekanntgegeben. Die Hamburger Siegerin am Premierentag hat geschworen, »einen Fernsehsessel zu kaufen«.

Den spärlichen Sat-1-Zuschauern hat der frische Unterhaltungskanal, wie die Springer-Presse mitteilt, sehr gefallen. »Bei Sat 1 hielten sie aus bis zum Ende«, so beschreibt das »Hamburger Abendblatt« den ersten Kabeltag zweier »begeisterter« St. Paulianer. »Prima«, jauchzte in »Bild« ein »Wolfgang G.«. Und auch der Deutschen Bundespost und ihrem zuständigen Minister teilte sich etwas mit von der euphorischen Aufbruchsstimmung.

Bundesweit, so meldet triumphierend der Bonner Drahtzieher Schwarz-Schilling, hätten schon jetzt Tausende von Kabel-Interessenten ihren festen Anschlußwillen bekundet.

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