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SCHLESWIG-HOLSTEIN Wat nu?

Ministerpräsidentin Heide Simonis sucht neue Kräfte fürs Kabinett. Doch keiner will die Jobs in Kiel.
aus DER SPIEGEL 43/1998

Der Chef der Kieler Staatskanzlei sieht seine Ministerpräsidentin in ähnlich glücklicher Lage wie Ottmar Hitzfeld, den Trainer des FC Bayern München. Der rot-grünen Mannschaft von Schleswig-Holsteins Heide Simonis, schwärmt Klaus Gärtner, gehörten erstklassige Akteure an, und auf der Ersatzbank harrten große Talente ihrer Einwechslung. »Wir haben viele Namen«, so der 53jährige Simonis-Vertraute, »und brauchen nur auszuwählen.«

Die Wahrheit ist: Regierungschefin Simonis (SPD), die dringend ein paar Akteure auswechseln möchte, um die Schlagkraft ihres Teams aufzufrischen, hat Mühe, müde Spieler loszuwerden und Ersatz zu finden.

Vergangene Woche erklärte die Ministerin für Bildung und Kultur, Gisela Böhrk, ihren Abgang. Landesmutter Simonis hatte die 53jährige Lehrerin in einem »frostigen Fünf-Minuten-Gespräch«, so Insider, für den desaströsen Ausgang der Volksbefragung zur Rechtschreibreform verantwortlich gemacht und geschaßt. Zugleich hatte sie die Gefeuerte vergebens ermahnt, doch bis zum 27. Oktober Stillschweigen zu wahren.

An dem Tag, am dem SPD-Wahlsieger Gerhard Schröder in Bonn zum Kanzler gekürt wird, muß Kiels »erste Dame«, wie Frau Simonis an der Förde heißt, ihr Kabinett ohnehin umbilden. Wirtschaftsminister Peer Steinbrück, 51, bei Genossen und Unternehmern gleichermaßen angesehen, wechselt als Wirtschaftsminister in das weitaus attraktivere Kabinett seines Freundes Wolfgang Clement nach Düsseldorf.

Für Steinbrück, so ein Intimus, komme der Ruf ins bevölkerungsreichste Bundesland »einem Sechser im Lotto« gleich. Deutschlands einzige Ministerpräsidentin aber stürzt sein Abgang ins Dilemma.

Am 29. September hatte die Landeschefin eine Runderneuerung ihrer schlecht beleumdeten Regierung angekündigt. Da dem Kabinett »Lustlosigkeit vorgeworfen« werde, so Simonis, sei es an der Zeit, »über die Mannschaft zu sprechen«, die es bei den Landtagswahlen 2000 »packen soll«. Zwei Tage später erfuhr die Landesmutter, daß ihr Starminister Kiel verläßt.

Auf der Abschußliste der Regierungschefin stehen zwei weitere Kabinettsfrauen: Auch die Lehrerinnen Heide Moser, 55, SPD-Ministerin für Arbeit und Soziales, sowie die Leiterin des Frauen- und Wohnungsbauressorts, die Grüne Angelika Birk, 43, gelten als Klippschülerinnen im Simonis-Kabinett.

Loswerden will die Ministerpräsidentin offenbar auch SPD-Finanzminister Claus Möller. Dessen Haushalte leiden an chronischer Unterdeckung; jüngst stoppte das Bundesverfassungsgericht einen Immobiliendeal, mit dem der klamme Kassenwart die Landeskasse hatte füllen wollen.

»Heide«, spotten Parteifreunde, stecke »in der Ankündigungsfalle": Bis Ende Ok-

* Im Mai 1996 mit Angelika Birk (Frauen), Ekkehard Wienholtz (Innen), Heide Moser (Arbeit, Soziales), Claus Möller (Finanzen), Hans Wiesen (Landwirtschaft), Peer Steinbrück (Wirtschaft), Rainder Steenblock (Umwelt), Gerd Walter (Justiz und Europa), Gisela Böhrk (Bildung).

tober muß sie überzeugende Personalalternativen vorzeigen.

Der neue Wirtschaftsminister zum Beispiel soll »die pragmatischen Positionen Steinbrücks« vertreten. Wo aber einen Wirtschaftsfachmann hernehmen, der bereit ist, für die kurze Frist bis zur Wahl 2000 das Simonis-Kabinett zu verstärken?

Auf zwei Genossen, die schon im Geschirr sind, darf die Chefin nicht rechnen. Justizminister Gerd Walter zieht es nach Bonn. Landwirtschaftsminister Klaus Buß, seit fünf Monaten im Amt, mag seinen Job, und die Bauern mögen ihn. Der Mann fühlt sich völlig ausgelastet.

Von draußen aber ziehe es »keine Sau« nach Kiel, solange in Bonn oder auch nur in Mecklenburg-Vorpommern noch ein Futtertrog lockt, höhnen Sozialdemokraten.

Gespräche mit Kieler Wirtschaftsführern verstärkten noch die Wat-nu-Stimmung der einst als SPD-Powerfrau Gefeierten. Wie nur, fragte Heide Simonis Vertraute, solle sie Managern mit 600 000 Mark Jahresgehalt das Salär eines Wirtschaftsministers schmackhaft machen?

Die Nachfolge der glücklosen Kultur-ministerin immerhin scheint geklärt. Künftig soll sich die bisherige Fraktionschefin und neben Simonis stärkste Frau der Nord-SPD, Ute Erdsiek-Rave, 51, um die Rechtschreib-Malaise an der Küste kümmern.

Wie sie die beiden anderen Frauen auf ihrer Abschußliste loswird, weiß Simonis immer noch nicht. Heide Moser, einst mit ihrem Vorschlag, Cannabis für den Joint in Apotheken zu verkaufen, als »Hasch-Heide« bekannt geworden, mag ihr Amt nicht räumen. »Ich mache meine Arbeit«, erklärte sie trotzig.

Angelika Birk schützt die Solidarität der eigenen Partei vor Simonis'' Würgegriff, obwohl auch die Alternativen ihre Frauenministerin längst für eine Fehlbesetzung halten.

Vielleicht löst sich das Dilemma der Kieler Regentin aber auch von selbst: Heide Simonis, verkündete Gerhard Schröder Ende vergangener Woche, sei eine der möglichen Kandidatinnen für das Bundespräsidentenamt.

* Im Mai 1996 mit Angelika Birk (Frauen), Ekkehard Wienholtz(Innen), Heide Moser (Arbeit, Soziales), Claus Möller (Finanzen),Hans Wiesen (Landwirtschaft), Peer Steinbrück (Wirtschaft), RainderSteenblock (Umwelt), Gerd Walter (Justiz und Europa), Gisela Böhrk(Bildung).

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