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CSU Weg frei

Ein neuer Orden, ein neues Amt und die Aussicht auf einen Chef-Posten nach der Wahl vermitteln dem Strauß-Freund Friedrich Zimmermann den Eindruck, er sei wieder wer in Bonn.
aus DER SPIEGEL 6/1976

Der christlich-soziale Bundestagsabgeordnete Friedrich Zimmermann, 50, rüstet in aller Stille zu neuen Taten. Der Münchner Anwalt, einst Generalsekretär seiner Partei, dann über bayrische Bau- und Spielbankaffären tief gefallen und seit seiner Verwicklung in ein Meineidsverfahren vor 15 Jahren mit dem Beinamen »Old Schwurhand« gezeichnet, will Vorsitzender der Bonner CSU-Landesgruppe werden.

Jahrelang hatte sich Zimmermann. zumal nach Verlust des Vorsitzes im Bonner Verteidigungsausschuß 1972, im Hintergrund gehalten, und seine eigenen Parteifreunde waren ihm dankbar dafür. Nun aber hält er die Zeit reif für ein Comeback. Sein. »Freund Franz Josef Strauß«, so verkündet er rundum, habe ihm schon für die Anwartschaft auf den Posten des jetzigen Landesgruppenchefs Richard Stücklen den Segen erteilt.

Voraussetzung allerdings ist, daß die Unionsparteien nach der Wahl am 3. Oktober die stärkste Fraktion stellen. Dann nämlich hat die CSU Aussicht, ihren alten Wunsch zu verwirklichen, endlich auch einmal den Sessel des Bundestagspräsidenten zu besetzen. Aussichtsreichster Kandidat: Richard Stücklen, der gern mit diesem Amt seine Bonner Laufhahn beenden möchte. Unter den CDU-Abgeordneten gibt es. so ein Vertrauter des Fraktionsvorsitzenden Karl Carstens, »keinen ernsthaften Widerstand gegen diese Lösung«. Der Weg für Zimmermann wäre frei. Denn einen Konkurrenten hat er nicht. Zimmermann: »Wenn Stücklen nicht kandidiert, glaube ich, werde ich keinen Gegenkandidaten haben.«

Das ist nicht verwunderlich, weil die Münchner Landesgruppe außer Franz Josef Strauß und einigen alten Kämpen kaum politische Potenzen vorzuweisen hat. Es fehlt den Bayern an Experten für Außen-, Sozial- und sogar für Innenpolitik. Stücklen, ob seines Biedersinns von Herbert Wehner gern »Sancho Pansa« genannt, hatte weder Neigung noch Geschick, Talente zu fördern.

Jüngere CSU-Abgeordnete halten so wenig von dem betulichen Führungsgehabe des Mittelfranken Stücklen. daß sie schon Ende 1972 bereit waren, den agilen Zimmermann zum Chef zu machen . Stücklen siegte knapp. aber der Gegenkandidat war fortan Stellvertreter im Landesgruppen-Vorsitz. Zimmermann gilt als zupackender Organisator, der die trägen Bonner Christsozialen auf Trab bringen könnte, so wie er einst als Generalsekretär die Partei in Bayern straff durchorganisiert und durch Ausbau des Funktionärskaders schlagkräftiger gemacht hatte. Die CSU-Strategen in Münchens Lazarettstraße, voran Generalsekretär Gerold Tandler, stört seit langem, daß ihre Bonner Vorhut die Strauß-Linie der harten Konfrontation mit den Sozialliberalen etwas lustlos nachvollzieht. Und Stücklen stand in der Lazarettstraße einige Zeit sogar in Verdacht, ein heimlicher CDU-Sympathisant zu sein.

Dem Strauß-lntimus Zimmermann fiel es deshalb nicht schwer, seine Position in Bonn zielstrebig auszubauen. Stets achtete er darauf, sieh das Wohlwollen seines Förderers zu sichern, der zu Stücklen ein reserviertes Verhältnis hat, seit sich der damalige Postminister 1962 geweigert hatte, zusammen mit dem über die SPIEGEL-Affäre gefallenen Verteidigungsminister Strauß aus der Bundesregierung auszuscheiden.

Zugleich bemühte sich Zimmermann, seinen Ruf durch Sauhermann-Aktionen aufzubessern. Als der frühere CSU-Parlamentsgeschäftsführer Leo Wagner über Wechselgeschäfte und Millionen-Schulden stürzte, war es Zimmermann, der kein Pardon geben wollte und dafür plädierte, den Parteifreund sofort fallenzulassen. Andere in der CSU sorgten dafür, daß Wagner. wohlversehen mit einem Gutachten über verminderte Zurechnungsfähigkeit, einigermaßen weich landete.

Als Straußens Sonthofener Rede zum SPIEGEL gelangt war, drängte sich Jurist Zimmermann an die Spitze einer ad hoc gebildeten Detektivtruppe innerhalb der CSU-Landesgruppe, die den Verräter ausfindig machen sollte.

Ganz im Sinne seines Gönners meinte der Anwalt auch zu handeln, als er sich an die Demontage des liberal-konservativen Altparlamentariers Hermann Höcherl machte, dem Strauß einige Extra-Touren nicht vergessen hat, etwa Höcherls Besuch der Bonner Nobelpreis-Feier Willy Brandts.

Zimmermann vermied den Frontalangriff gegen den oberpfälzischen Juristen, der sich in seinen 23 Parlaments- und Ministerjahren wie kein anderer seiner Partei Freunde auch beim politischen Gegner erworben hatte. An seiner Stelle nahm sich der mutmaßliche Stücklen-Nachfolger den Höcherl-Referenten und -Vertrauten Eduard Schlipf vor. Höcherl: »Getroffen hat's den Schlipf, gemeint war ich.« Ende November, zur selben Zeit, als Höcherl in der Bonner Venusbergklinik am Mittelohr operiert wurde, sorgte Zimmermann auf einer Sondersitzung des Landesgruppenvorstandes für die Ablösung des Höcherl-Manns.

Als Belastungsmaterial legte er ein mysteriöses Schreiben mit falschen Anschuldigungen gegen Schlipf vor: Der Referent habe den SPIEGEL mit Informationen über unglückliche Bau-Geschäfte des Schreinermeisters und

CSU-Bundestagsabgeordneten Albert Schedl versorgt. Höcherls ehemaligem Konkurrenten im Regensburger Wahl-Bezirk. Schedl war beim Konjunktureinbruch mit Bauprojekten, wie er selber sagt, »auf die Nase gefallen« (SPIEGEL 5/1 976).

Es war mithin zu einem Gutteil Zimmermanns Erfolg. als Höcherl Ende vorletzter Woche, gekränkt und von seinen Parteifreunden im Stich gelassen, resignierte und endgültig zugunsten Schedls auf eine neue Bundestags-Kandidatur verzichtete.

Zu Zimmermanns Rehabilitierung trug unterdessen auch Bundespräsident Walter Scheel bei. Er ließ dem CSU-Mann das Große Bundesverdienstkreuz überreichen -- nach dem diskreten Hinweis des CSU-MdB Paul Röhner, daß Zimmermann noch keinen Orden erhalten habe, obwohl er von Lebensalter und Arbeit im Bonner Parlament her die Voraussetzungen erfülle.

Im Parlament tat der Landesgruppenchef in spe gleichfalls einen Schritt nach oben. Er wurde zum Vorsitzenden des Bundestagssonderausschusses für die Neuregelung der Abgeordneten-Bezuge bestellt. »Weil mich meine Kollegen bekniet haben«, sagt Zimmermann, weil er sich nach dem Posten gedrängt habe, sagen mißgünstige Kollegen.

Zimmermann selbst hat keinen Zweifel, daß außer ihm kaum jemand sonst im Bonner Parlament befähigt sei, solch heikle Aufgabe zu bewältigen: »Da mußte jemand hin wie ich, der Jurist ist, schnell denken kann, einen Ausschuß zu führen versteht und so was rasch über die Bühne bringt.«

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