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THAILAND Weg Gottes

Mit Hilfe vieler islamischer Staaten kämpft Thailands moslemische Minderheit gegen ihre buddhistischen Landsleute. Die Moslems fordern einen eigenen, von Bangkok unabhängigen Staat.
aus DER SPIEGEL 40/1980

Eine Bande Schwerbewaffneter stoppte den Bus auf der kaum befahrenen Landstraße durch die Provinzen Narathiwat und Pattani, im tiefen Süden Thailands. Die Busreisenden mußten sich auf der Straße in einer Reihe aufstellen -- Moslems links, Buddhisten rechts.

»Allah ist mächtig, Allah ist groß«, brüllten die Wegelagerer den Buddhisten zu, »sagt das nach]« Doch die Thai, die eben nicht an Allah den Allmächtigen glauben, sondern Buddha dem Gütigen folgen, blieben stumm.

Ohne weitere Warnung schossen die Uniformierten die Ungläubigen nieder, befahlen ihren moslemischen Glaubensbrüdern weiterzufahren und tauchten selbst spurlos im Dickicht des Dschungels unter. Zurück am Straßenrand blieben fünf tote Thai, Buddhisten.

Solche Terroranschläge gehören im Süden Thailands zum Alltag; immer häufiger werden Wehrlose erschossen, Bürger entführt oder erpreßt. Religiöse und ethnische Spannungen haben den Süden des vom 40jährigen Indochina-Konflikt verschont gebliebenen Thailand fast in einen Bürgerkrieg gestürzt.

Denn in den vier Südprovinzen Satun, Jala, Pattani und Narathiwat sind 80 Prozent der Bevölkerung malaiische Moslems. Sie sprechen Dschawi, ein Idiom Malaysias; bestenfalls die Hälfte von ihnen versteht und spricht Thai. Verwaltet aber werden die Provinzen natürlich aus dem über tausend Kilometer entfernten Bangkok -- von Thai, die kein Dschawi sprechen, die Buddhisten sind.

»Wir wollen Unabhängigkeit von den Thai, wir wollen unseren eigenen Staat«, meint ein junger Uniformierter im Dschungel an der Grenze zu Malaysia. Er ist ein »Pulo«-Soldat, Kämpfer der »Vereinigten Pattani-Befreiungsorganisation«.

Viele der Terroristen, die Thailands Süden unsicher machen, nennen sich Pulo-Kämpfer, ein politisches Etikett, hinter dem nicht selten aber einfach jugendliche Gangsterbanden stecken, S.185 die Glaubenskrieg und Separatistenbewegung für kriminelle Gewaltakte ausnutzen.

In Narathiwat schließen Ladenbesitzer schon nachmittags um fünf Uhr die Stahlgitter vor Tür und Fenster und verriegeln sich in den Hinterräumen. Mit Einbruch der Dunkelheit, zwei Stunden später, kommt in der eh schon schläfrig wirkenden Provinzhauptstadt fast der gesamte Verkehr zum Erliegen; selbst Busse und Taxis bleiben auf ihren Parkplätzen. Fernfahrer, die auch nachts unterwegs sein müssen, berichten über Fallen der Terroristen.

In der Nachbarprovinz Pattani haben sich thai-buddhistische Geschäftsleute zu einer Anti-Erpresser-Aktion zusammengeschlossen. Für jeden Banditenführer -- tot oder lebendig -- versprechen sie ein Kopfgeld von eintausend Mark. Denn die Erpressungen ("Geld oder Leben]") haben seit etwa einem Jahr derart überhandgenommen, erläutert ein Kaufmann, daß die Empfänger ruiniert wären, gingen sie auf die Forderungen ein: »Wir sammeln die Briefe und warten ab.«

Vor kurzem stürmte eine Bande von zwanzig Uniformierten eine Gummiplantage in Narathiwat und entführte den Manager. Für 30 000 Mark kam er wieder frei.

Lösegelder und erpreßte Mehrfachbesteuerung halten Geschäftsleute, Minen- und Plantagenbesitzer davon ab, dringend notwendige Investitionen zur Modernisierung ihrer Betriebe vorzunehmen. Längst überaltert sind deshalb die Baumbestände der Gummiplantagen, der Haupteinnahmequelle des Südens -- im krassen Gegensatz zu den blühenden Neupflanzungen auf der malaysischen Seite der Grenze.

Immer mehr Plantagenbesitzer entschließen sich zum Verkauf und ziehen in den Norden des Landes. Ganze Gemeinschaften von Thai-Buddhisten haben den Süden bereits verlassen.

Andere Dörfer hingegen, in denen Moslems und Buddhisten bislang friedlich miteinander ausgekommen sind, S.188 organisieren ihre eigene Miliz -- vor allem zum Schutz der Schulen und ihrer Lehrer. Denn schon seit Jahren sind Schulen beliebtes Ziel für Brandanschläge der Separatisten; die häufigsten Mord- und Entführungsopfer sind Lehrer.

In den vergangenen fünf Jahren sollen weit über einhundert Schulen niedergebrannt worden sein: Schulen der Regierung ebenso wie traditionelle Islamschulen. Denn steckten Separatisten eine Regierungsschule, in der weder Dschawi noch der Koran gelehrt wird, in Brand, rächten sich die aus der Hauptstadt entsandten Soldaten oder Polizisten mit der Niederbrennung einer Moslemschule.

»Dies ist Thailand«, meinte ein junger Offizier, der bis zu seiner Versetzung in den Süden nur Bangkok und den thailändischen Nordosten kannte, »wenn die Moslems keinen Frieden geben, werden wir sie aus unserem Land jagen.« Für ihn sind Pattanis Moslems »seltsame Khäk«, aufdringliche Gäste, obgleich Pattani schon seit dem 15. Jahrhundert als asiatisches Zentrum des Islam dokumentiert ist.

Unverständnis den andersgläubigen Landsleuten gegenüber auf fast allen Ebenen: Von 50 stellvertretenden Distriktbeamten in der Provinz Narathiwat sind nur sieben Moslems, alle zehn Distriktchefs Thai-Buddhisten.

Über 80 Prozent der Lehrer an den staatlichen Schulen sind Buddhisten aus anderen Landesteilen. Sie sprechen im allgemeinen kein Dschawi, ihr Verständnis islamischer Lebensweisen ist gering.

So sind auch nur drei Prozent der Studenten an der Prinz-Songkha-Universität von Pattani und nur knapp jeder dritte Student am Lehrerkolleg von Jala einheimische Moslems.

Viele Strenggläubige sehen die Regierungsschulen, deren Zahl die Regierung in Bangkok unter Premier Prem noch zu erhöhen gedenkt, denn auch als Hort der Diskriminierung und mangelnden Respekts vor dem Islam an. Diese Schulen, sagt ein Moslemführer, »sind Keimzellen zur Zersetzung unserer Kultur und Religion«.

Ende Juli drohten Flugblätter der Pulo, alle staatlichen Schulen in Narathiwat, Pattani und Jala anzuzünden, wenn der Unterricht nicht von Thai auf Dschawi umgestellt werde. Ein Pulo-Sympathisant: »Wir wollen nicht, daß es uns geht wie unseren Glaubensbrüdern in der Provinz Satun, die die Sprache ihrer Väter vergessen haben.«

Die Agitation radikaler Moslems gegen die »schädigenden Einflüsse« der staatlichen Schulen und für Reinheit islamischen Leben überzeugt viele Eltern, ihre Kinder auf die privaten Schulen Allahs zu schicken. Hier lernt dann der südthailändische Nachwuchs zwar Dschawi und den Koran, aber wenig mehr, was ihn auf ein Berufsleben oder schulische Weiterbildung vorbereiten könnte. Nur wenige Absolventen der Islamschulen schaffen die Aufnahmeprüfungen für staatliche Hochschulen.

Einzigen Ausweg bieten da die Stipendien der arabischen Welt, die von Saudi-Arabien, Libyen, Syrien, dem Irak und Pakistan mit auffallender Großzügigkeit vergeben werden. Die südthailändische Abgeordnete Supatra Masdit schätzt, daß zur Zeit etwa 1800 thailändische Moslems im arabischen Ausland studieren. Andere nennen Zahlen bis zu 2500.

Die neue Elite der islamischen Südprovinzen vermeidet Paßkontrollen im Land der Thai. Sie geht über die Grenze ins moslemische Malaysia, reist von dort mit malaysischen Pässen aus und ebenso wieder zurück. Die ersten Rückkehrer meldete die Polizei 1978, etliche von ihnen stießen zur Pulo.

Die 1967 von Tunku Biroh gegründete Organisation wurde auf diese Weise Sammelbecken einer neuen Führungsgeneration von Moslems, die mit Unterstützung der islamischen Welt die fehlgeschlagene Assimilierungspolitik thailändischer Regime für ihren Separatismus zu nutzen sucht.

Wenn die der Polizei in Bangkok bekannt gewordenen Pläne stimmen, stehen 17 islamische Länder hinter Birohs Kampf um eine »Islamische Republik« von Pattani. Konkrete Pläne gibt es auch schon, die nicht nur den Aufbau einer islamischen Armee vorsehen und die Mobilisierung möglichst vieler der 1,7 Millionen Moslems in Thailand (etwa vier Prozent der thailändischen Bevölkerung).

In Orwells Jahr 1984 sodann will Biroh Thailand den Krieg erklären -unter dem Schlachtruf »fi sabili'llah« (Weg Gottes).

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