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MEYER Wege im Zwielicht

aus DER SPIEGEL 42/1956

In der übernächsten Woche soll vor der Zweiten Strafkammer des Landgerichts Stade bei Hamburg ein Prozeß beginnen, in dem das beschwingte Milieu des Filmgeschäfts nachkriegsdeutscher Prägung gemessen wird an den ehernen Normen des Strafgesetzbuches und der Konkursordnung. Angeklagt ist Rolf Kurt Werner Otto Meyer, 45, der nach dem Kriege als einer der ersten eine neue deutsche Filmgesellschaft gründete, die »Junge Film -Union«.

Besagter Meyer war es, der in den ersten Nachkriegsjahren die Karriere vom Flüchtling zum Filmgroßunternehmer scheinbar mühelos bewältigte und der für sich in Anspruch nimmt, Zelebritäten, wie Ruth Leuwerik, Hardy Krüger, Maria Litto, Ingrid Pan und Ingrid Andrée, herausgestellt zu haben. 1947 begründete er in einem Flecken der Lüneburger Heide eine Miniatur-Filmstadt und kurbelte in den darauffolgenden vier Jahren in nahezu besessener Betriebsamkeit neunzehn Filme, darunter auch »Die Sünderin«.

Fünf Jahre nach dem Verlöschen des Bendestorfer Kometen wirft nun die Staatsanwaltschaft dem Film-Meyer eine stattliche Anzahl krimineller Taten vor: Konkursverbrechen und Konkursvergehen, Nötigungsversuch, fortgesetzte Steuerverkürzung und Betrug in mehreren Fällen. Die drei Anklageschriften sind 122 Seiten stark. Rund dreißig Zeugen und zwei Sachverständige werden aufgeboten, um das Sittenbild des deutschen Nachkriegsfilms, das die Anklageschrift entworfen hat, vor dem Stader Landgericht zu rekonstruieren.

Rolf Meyer, nach eigener Aussage »Flüchtling mit zwei Palmin-Kartons«, machte aus dem Heideflecken Bendestorf ein Miniatur - Geiselgasteig inklusive Nachtbar-Komfort, in dessen 1000 Quadratmeter großer Aufnahmehalle bis heute 37 Spielfilme gedreht worden sind. Zur Zeit wird in Bendestorf, wo unter anderem auch Firmen wie die »Gloria« und die »Berolina« arbeiteten, der Zeiß-Film »Made in Germany« angefertigt. Die Ereignisse, die aus dem Nest ein Filmdorf und aus dem Flüchtling Meyer einen Filmproduzenten machten, gaben der Stader Staatsanwaltschaft den Stoff für ihre 122seitigen Anklageschriften. Sie offenbart darin, daß in der Filmwelt andere Gesetze von Treu und Glauben, von Recht und Unrecht gültig sind als in der Welt des Kaufmanns von Tradition.

Es gehört zu den Besonderheiten des Milieus, daß keiner der angeblich durch Meyer Geschädigten* nach dem Kadi rief. Noch Ende letzten Monats fanden sich drei renommierte Hamburger Geschäftsleute bereit, den Rolf Meyer aus fast zweimonatiger Untersuchungshaft loszukaufen. Wegen Fluchtverdachts hatte das Gericht eine Kaution gefordert, die Meyer von 75 000 auf 45 000 Mark herunterhandelte. Drei Hamburger Banken bürgten im Auftrage des Zeitungsgroßherrn Axel Springer, des Filmproduzenten Walter Koppel und des Großkaufmannes Wilhelm Breckwoldt für das Lösegeld.

So kann Meyer in einem Hamburger Pensionszimmer den Prozeß abwarten, der nicht auf Anzeige der Geschädigten, sondern hauptsächlich auf die Initiative und den kriminalistischen Spüreifer des Staatsanwalts Wolfgang Waechter, 49, zurückgeht. Was Meyers Anwalt »die übliche kriminalistische Nachlese auf dem Unglücksfeld des Konkurses« nennt, wurde für den Staatsanwalt Waechter zu einer höchst interessanten Lektüre. Blatt für Blatt untersuchte er die nicht gerade für eine breitere Öffentlichkeit gedachte Korrespondenz von Meyers Film-Gesellschaft.

So sehr der Staatsanwalt auch die Besonderheiten des Filmgeschäfts in Rechnung zu stellen suchte - das Geschäftsgebaren der Filmleute hatte er sich dennoch konventioneller vorgestellt. Sonst hätte er wohl kaum eine interne Mitteilung Meyers an seinen Mitarbeiter Günter Matern in die Anklageschrift aufgenommen.

»Lieber Altmeister Matern!«, heißt es da zum Beispiel, »Gütigster und verständnisvollster aller Freunde! ... Also sagen Sie dem Tischendorf (Inhaber des Herzog -Film-Verleihs) irgend etwas, aber halten Sie mich heute frei von ihm. Ich darf jetzt nicht mehr aus dem Schwung kommen. Von morgen früh an mit vollen Touren zu seiner Verfügung; zur Not lassen Sie sich Dispens von Haus und Hof geben und machen Sie einen Zug durch Reeperbahn, alle Bordelle und den Bronzekeller. Kosten trage ich.«

Die Anklageschrift, die an Hand solcher Dokumente deutet, wie großzügig Meyer mit dem Geld und wie trefflich er mit seinen Geschäftsfreunden umging, läßt gleichwohl den Werdegang des Angeschuldigten im Dunkeln.

Rolf Meyers Jugend war hart. Er wuchs als Halbwaise auf. Sein Vater, Kapitän beim Norddeutschen Lloyd, starb an einer Malaria, ohne daß der junge Rolf ihn je gesehen hatte.

Die Lehrer an den höheren Schulen Stettins nahmen wenig Rücksicht auf den Sprachfehler des Knaben, der nur in Worttropfen zu sprechen vermochte. Sie ließen ihn bis zur Obersekundareife viermal sitzen - wie seinen Bruder Horst, der sich heute nicht mehr Meyer, sondern van Deuen nennt.

Nach dem unfreiwilligen Abgang von der Schule glaubte Meyer in sich besondere musische Talente zu entdecken und ließ sich in Berlin zum Opernkapellmeister ausbilden. Indes, noch ehe er sich in der Welt der Oper so recht hätte bewähren können, zog ihn ein neues Medium an: Er ging als Cutter-Volontär zur Ufa und schrieb sich schließlich als Drehbuch-Autor der Tobis durch den zweiten Weltkrieg. Die Flucht aus Berlin verschlug ihn mit seiner (später geschiedenen) Frau Gerty Böttcher in das Heidedorf Bendestorf.

Die ländliche Umgebung vermochte den bienenfleißigen Meyer nicht abzuhalten, ein Filmprojekt zu planen und tatsächlich durchzuführen. Als Autor und Regisseur drehte er für die Berliner »Studio 45 Film GmbH« den Spielfilm »Zugvögel« - wie Meyer stolz betont, »den ersten deutschen Nachkriegsfilm«. Von daher datierte auch die Bekanntschaft mit britischen Filmüberwachungsoffizieren. Sie ermöglichte es dem Meyer, der nicht - wie viele prominente Filmleute - der Partei angehört hatte. am 1. April 1947 die Einzelkaufmannsfirma »Junge Film-Union« in Bendestorf zu gründen.

Damals zeigte sich, zu welchem Verhandlungsgeschick er es während seiner Filmjahre als Drehbuchautor gebracht hatte. Er benötigte nur eine halbstündige Unterredung, um Heinz Schulze aus Hamburg-Altona zu überzeugen, daß er in die Filmgeschichte eingehe, wenn er mit 1,2 Millionen Reichsmark aus seiner Fleischwarenfabrik in die Traumfabrik einsteige. Der Hamburger Wurstmacher, der auch an einer Baufirma beteiligt war, half dem Rolf Meyer außerdem, ein provisorisches Atelier auf dem verfallenen Bendestorfer Sportplatz zu errichten.

Drei Filme drehte Meyer bis zur Währungsreform: »Menschen in Gottes Hand«, »Wege im Zwielicht« und »Die Söhne des Herrn Gaspary«. Aber auch nach der Währungsreform gelang es dem Verhandlungsgeschick Meyers, Geschäftsleute der verschiedensten Branchen für den Flimmerbetrieb finanziell zu interessieren und zu gewinnen. Die Vermutung mag böswillig genannt werden, daß ihm dabei der Hang gewisser neudeutscher Geldleute entgegenkam, auch einmal hinter die Kulissen zu treten, vor denen sich die Schönen des deutschen Nachkriegsfilms - produzierten. Tatsache ist jedenfalls, daß nicht nur der Berliner Automobilgroßhändler und spätere Coca-Cola-Fabrikant Eduard Winter, sondern auch die »Opal«-Strumpffabrikanten und Miß-Wahlmanager Margaritoff und Schaffer harte D-Mark-Kredite hergaben.

Der rührige Film-Macher Meyer, der Filme drehte, obwohl er keine Bilanzen lesen konnte, enttäuschte seine Geldgeber zunächst auch nicht. Bald feierte man die Premieren von »Diese Nacht vergeß ich nie!«, »Das Fräulein und der Vagabund« und »Der Bagnosträfling«.

Dann erschienen in Meyers Klein-Hollywood ein smarter »Zuckerkönig« namens Jules de Crignis und ein Dr. Alexander Grüter, der der oberschlesischen Zementbranche entstammte. Die beiden Herren hatten eine Filmfinanzierungs-GmbH und einen »National - Filmverleih« gegründet. Sie boten dem Meyer an, sechs Filme mit je 750 000 Mark zu finanzieren unter der Voraussetzung, daß sie den Verleih der Meyerschen Produkte übernehmen könnten. Meyer griff zu und produzierte die Filme »Dreizehn unter einem Hut«, »Dieser Mann gehört mir«, »Die wunderschöne Galathee« und »Die Lüge«.

Zu dem Zeitpunkt, da die «Junge Film -Union bei ihrem zehnten Opus angelangt war, hatte sich mit der Einrichtung der Bundes- und Länderbürgschaften abermals eine neue Geldquelle aufgetan. Das Fließband der Meyerschen Traumfabrik rollte immer schneller: »Der Fall Rabanser«. »Melodie des Schicksals«, »Taxi Kitty« und »Professor Nachtfalter« hießen die Filme, die in Bendestorf zusammengeklebt wurden. Regisseur Willi Forst brachte für Rolf Meyer seine »Sünderin« auf die Leinwand, und Meyer schob aus Bendestorf noch vier Filme nach: die Marika-Rökk-Filme »Sensation in San Remo« und »Die Csardasfürstin«, den Hildegard-Knef-Film »Es geschehen noch Wunder« und die Theo -Lingen-Klamotte »Hilfe - ich bin unsichtbar«. Dieses Fertigungstempo hat bis heute kaum ein deutscher Filmproduzent eingeholt.

Pervitin und Phanodorm

Ohne die staatlichen Bürgschaften wäre Meyer freilich schon nach seinem zehnten Film in Schwierigkeiten geraten. Keiner der ersten zehn Filme wurde ein überragender Erfolg, zumal ausländische Filmgesellschaften den deutschen Markt nach der Währungsreform überschwemmten.

Als die Geldgeber ihre Kredite zurückverlangten, stellte sich heraus, daß Meyer ein rechter Neuling im Filmgeschäft war. Er hatte nicht einmal daran gedacht, sich von den Verleihern eine sogenannte Verleihgarantie vertraglich zusichern zu lassen, die eine Mindesteinnahme garantiert und mithin bei einem Versager einen Teil der Verluste auf den Verleiher abwälzt.

Zu den Verlusten aus dem Filmgeschäft kam eine weitere Belastung. Meyer hatte zu Bedingungen, die ihm schwer zu schaffen machen sollten, einen Kredit bei der Niedersächsischen Landesbank aufgenommen, der es ihm ermöglichte, die wackeligen Bendestorfer Hallen durch ein modernes Atelier zu ersetzen und das Provisorium zu beenden. Die Deutsche Revisions- und Treuhand AG, die nicht nur die Kreditwürdigkeit von Filmprojekten zu bestätigen hatte, sondern auch Meyers Bilanzen überprüfte, schilderte die Lage der Jungen Film-Union am 31. Dezember 1950 so: Eigene Mittel sind nicht vorhanden. Die bilanzmäßige Überschuldung beträgt 1 320 000 Mark.

Trotz ständiger Ausnutzung des Atelierbetriebes konnte, wie die Prüfer feststellten, kein Gewinn erzielt werden. Die Rentabilität der Firma war im wesentlichen durch die schlechten Einspielergebnisse ihrer Filmproduktion beeinträchtigt. Bemerkenswert erschienen den Prüfern die mit der Fremdfinanzierung verbundenen hohen Zinslasten und Gewinnbeteiligungen sowie die hohen allgemeinen Unkosten des Betriebes. Ein dreiviertel Jahr später betrug die Überschuldung fast zwei Millionen Mark. Trotzdem waren sieben neue Filmprojekte fest geplant, als am 28. November 1951 morgens vier Uhr mit einem Schlage die Geschäftigkeit Meyers und damit der Jungen Film-Union aufhörte.

Mit seiner damaligen Weggefährtin, der von ihm für den Film entdeckten Tänzerin Maria Litto, ließ sich Rolf Meyer an jenem Tag nach München chauffieren, um mit dem Herzog-Film-Verleih letzte Änderungen seines zwanzigsten Filmprojekts »Königin der Arena« zu besprechen. Von der Nachtfahrt erschöpft, schmetterte Meyers Fahrer den VW im Achtzig-Kilometer-Tempo auf einen Lastwagen.

Rolf Meyer erlitt Knochenbrüche und eine schwere Gehirnquetschung, die ihn wochenlang in den Zustand geistiger Umnachtung versetzte. Als Meyer, notdürftig wiederhergestellt und von einem Spezialwagen der Bundesbahn nach Bendestorf transportiert, an Krücken in sein Atelier humpelte, lag die Firma in den letzten Zügen. Die Gläubiger hielten nicht mehr still, und am 12. November 1952, an Meyers zweiundvierzigstem Geburtstag, wurde der Konkurs eröffnet.

Meyer betätigte sich zwar dann noch einmal als Firmenschöpfer und gründete zusammen mit dem Schlagerkomponisten Michael Jary die »Junge Film Union G. m. b. H.« Aber bald mußte Meyer wieder ausscheiden. Ein Produzent, der Konkurs gemacht hatte, wäre keiner staatlichen Filmbürgschaft würdig gewesen; ohne Bürgschaft aber war ans Drehen nicht zu denken. An seine Stelle trat Hans Georg Dammann von der Burg-Film (Hamburg), doch auch in dieser Besetzung schaffte es die wiedergeborene Junge Film Union nicht, einen Film herzustellen.

Eine Drehpause von wenigen Monaten hatte genügt, um Meyers Klein-Hollywood auffliegen zu lassen. So wie Meyer sich selbst nur durch übermäßige Dosen Pervitin und Phanodorm aufrechterhalten konnte, war seine Firma von immer neuen Produktionskrediten abhängig. Sie war, wie Staatsanwalt Waechter feststellte, »von Anfang an finanziell krank gewesen«.

Erläutert der Staatsanwalt lakonisch: »Theoretisch stand der Möglichkeit, dem Betrieb möglichst viel Eigenkapital zuzuführen, die andere Möglichkeit gegenüber, dem Betrieb ohne Rücksicht auf seine Ertragslage möglichst viel Mittel zu entnehmen. Meyer hat anscheinend den zweiten Weg beschritten.«

Der Beamte aus Stade ließ keinen Zweifel, in welches Zwielicht dieser »zweite Weg« führte: Er registrierte, Meyer habe versucht, »privaten Lebensaufwand als Betriebsunkosten zu verbuchen«. So habe er zum Beispiel fünf Einfamilien-Holzhäuser aus Betriebsmitteln errichtet und drei davon seiner Mutter geschenkt. Für die Einrichtung seines Hauses habe Meyer über 50 000 Mark ausgegeben, und allein im Jahre 1950 habe er aus der Firmenkasse mindestens 100 000 Mark zu persönlichen Zwecken entnommen.

Diese Großzügigkeit bewies Rolf Meyer auch anderen gegenüber. So ermittelte der Staatsanwalt, daß Meyer der Darstellerin Inge Landgut, die Waechter als »Meyers damalige Freundin« einstuft, »Bekleidungsstücke« im Werte von 10 932 Mark schenkte und mit ihr später einen Jahresvertrag abschloß, der ihr eine monatliche Zuwendung von 1000 Mark für »schauspielerische Fortbildung« sicherte.

Diese Geschäfte ordnete der Staatsanwalt gewissenhaft als Betrug oder Steuerhinterziehung ein, ebenso wie beispielsweise den Sachverhalt, daß Meyer der Schauspielerin Hannelore Schroth aus dem Wagenpark der »Jungen Film-Union« einen Mercedes-Zweisitzer schenkte oder bestimmte Abrechnungen nachträglich um über 11 000 Mark erhöhte, um sie dann aus Kreditmitteln bezahlen zu lassen.

Der Staatsanwalt machte noch andere Entdeckungen. Bei seiner Konkursnachlese stieß er wiederholt auf Verträge, die Rolf Meyer mit einem »Kurt Werner« abgeschlossen hatte. Für Drehbucharbeiten wurden in diesen Abmachungen dem »Werner« Honorare von insgesamt etwa 30 000 Mark zugesagt. »Kurt Werner« aber war das Pseudonym Rolf Meyers.

Der Staatsanwalt hätte es auch lieber gesehen, wenn Rolf Meyer bei den ständigen finanziellen Krisen der Firma etwas mehr Zurückhaltung in seinen eigenen Forderungen an seine wenig liquide Firma bewiesen hätte. Firmenchef Rolf Meyer, der außerdem noch als »Kurt Werner« an einigen Filmen beteiligt war, hatte festgelegt:

- »Die Gesamtleitung eines Filmes von

mir kostet in Zukunft 15 000 Mark...«

- »Eine Regie, die ich übernehme, kostet die Junge Film-Union jeweils das

höchste Honorar, was wir derzeit in der laufenden Produktion an einen Spitzenregisseur zahlen...«

Der Staatsanwalt ermittelte außerdem, daß sich die »Junge Film-Union« Industriefirmen gegenüber erboten hatte, in Spielfilmen bestimmte Erzeugnisse »propagandistisch herauszustellen«. Die Vergütungen, die - wie Waechter feststellte - »in zum Teil - nicht unerheblicher Höhe« gezahlt wurden, seien nicht etwa dem Betriebskonto, sondern dem Meyerschen Privatkonto gutgeschrieben worden.

In einem Fall glaubt sich der Staatsanwalt Waechter sogar berechtigt, einen Vorgang mit dem Wort »Betrug« zu bezeichnen, obwohl er zwischen den Beteiligten längst auf branchenübliche Weise mit einem Brief erledigt worden ist. Schrieb der damalige Inhaber der »Deutschen London-Film«, K. J. Fritzsche, der nach Ansicht des Staatsanwalts von Meyer betrogen worden war:

»Lieber Meyer! Die Entwicklung unserer freundschaftlichen Beziehungen hat heute einen sehr empfindlichen Stoß bekommen durch die Tatsache, daß Sie ... mich mit 37 500 Mark an einen zur Prolongation bestimmten Wechsel mit Ihrer eigenen Hälfte ansetzen.

»An und für sich sind Sie die Verpflichtung eingegangen, diesen Wechsel ganz zur Prolongation zu bringen, und Sie haben uns dies auch ... bestätigt. Leider ist diese Bestätigung, gelinde gesagt, unwahr, wie ich inzwischen von der zuständigen Bank erfahren habe.

»Lieber Meyer, es ist ein Leichtsinn sondergleichen, eine Firma von unserem Umfange und von unserem Ruf in eine solche Situation zu bringen, plötzlich 37 500 Mark innerhalb einiger Stunden zu disponieren, von deren Verpflichtung man überhaupt nichts gewußt hat. Die Begründung, daß Marika Rökk Sie in Verlegenheit gebracht hat, mag für Sie sehr interessant sein - für meine Firma ist sie ohne jede Bedeutung.

»Ich werde diese Ihre leichtfertige Handlung so leicht nicht vergessen können.«

Wie eine solche Handlung heute unter Film-Männern beurteilt wird - Fritzsche ist inzwischen gestorben -, geht aus den Worten des jetzigen Geschäftsführers der Deutschen London-Film hervor. Sagt Theo Osterwind: »Das liegt schon fünf Jahre zurück. Was haben wir in der Zeit alles für Geschäfte gemacht. Wie soll ich da noch wissen, ob wir geschädigt wurden. Unser Geschäft ist so lebhaft, da passiert jeden Tag dreimal was.«

Tatsächlich hat der Vorfall das freundschaftliche Verhältnis zwischen Fritzsche und Meyer keineswegs gesprengt.

Auch ein anderer Vorwurf, den der Staatsanwalt gegen Meyer erhebt, liegt - aus der Filmperspektive betrachtet - auf dieser Ebene. Um den Tatbestand ("versuchte Nötigung") zu begründen und »möglicherweise Rückschlüsse auf die Mentalität des Angeschuldigten« zu ziehen, holte der Justizbeamte weit aus. Er schilderte, daß die Corona-Film nach dem Konkurs der Jungen Film-Union sowohl den Meyer (als Regisseur) wie auch »dessen langjährige Freundin Maria Litto« (als Hauptdarstellerin) für den Film »Königin der Arena« verpflichtete. An einem Tage, erläuterte der Staatsanwalt, hätten nun Maria Litto (und Meyer) dreihundert Komparsen so lange warten lassen, bis die Filmgesellschaft der Forderung der Schauspielerin auf eine höhere Gage nachgegeben habe.

Mitten in den Dreharbeiten stellte dann Meyer der Corona-Film ein Ultimatum, das nach Auffassung des Staatsanwalts der Versuch einer »Nötigung« war. Meyer forderte damals: Entweder helfe ihm die Gesellschaft, aus seiner konkursbedingten Geldknappheit sofort herauszukommen, oder er stelle seine Regietätigkeit ein. Auch dieser Vorfall wurde mit einem Brief bereinigt, ohne daß Meyer seine Drohung wahrmachte. Heute kommentiert Meyers Rechtsanwalt das Ultimatum: »Es handelt sich dabei um keine ernsthaften Dinge, sondern um Filmgerede.«

Tatsächlich trägt man in der Branche dem Rolf Meyer die Taten nicht weiter nach, die den Staatsanwalt zum Eingreifen veranlaßt haben. Auch nach dem Konkurs bewegte sich Meyer mit der Allüre eines millionenschweren Produzenten fort - ein Unternehmen, das ihm eine vierte Anklageschrift wegen »Kreditbetrugs« eingetragen hat. Außerdem sucht die Staatsanwaltschaft, ihm andere Delikte - wie »Zechprellerei« - nachzuweisen.

Die Zweite Strafkammer des Landgerichts in Stade hält denn auch das, was der Staatsanwalt Waechter zusammengetragen hat, nicht nur für »Filmgerede«.

Nachdem Meyer in einem früheren Verfahren, das im Anschluß an den Konkurs durchgeführt wurde und mit einem Freispruch endete, bereits einmal aus einem Berliner Hotelbett heraus festgenommen und dem Richter im Gefängnis Moabit vorgeführt worden war, holten Polizeibeamte den Produzenten nach umfangreichen Fahndungsmaßnahmen am 6. August dieses Jahres aus einem Hotelzimmer in Hamburg-Rahlstedt und brachten ihn für drei Wochen zur Untersuchung seines Geisteszustandes in die geschlossene Abteilung des Lüneburger Krankenhauses.

»Störung der Geistestätigkeit«

Den Anlaß hatte Meyer selber geliefert: Im Januar 1954 hatte sein Verteidiger dem Gericht erklärt, daß »der Angeschuldigte wegen krankhafter Störung der Geistestätigkeit oder wegen Geistesschwäche das etwa Unerlaubte seiner Handlungen einzusehen nicht in der Lage war.« Unter diesen Handlungen verstand der Verteidiger das Konkursverfahren nach dem Autounfall.

Die Staatsanwaltschaft holte nun ein Gutachten über Meyers strafrechtliche Verantwortlichkeit nach dem Autounfall ein. Die ärztlichen Befunde besagten, daß - abgesehen von der Gehirnschädigung durch den Unfall - Meyers »Zurechnungsfähigkeit auch durch die betäubende und enthemmende Wirkung des jahrelangen gewohnheitsmäßigen Gebrauchs des Erregungsmittels Pervitin und des Schlafmittels Phanodorm mehr oder weniger gemindert sein« könne. Mithin stellten die Ärzte Meyers Zurechnungsfähigkeit nicht nur für die Zeit nach, sondern auch für die Zeit vor dem Unfall in Frage.

Um bei der Beurteilung des Meyerschen Geistes ganz sicherzugehen, beschloß das Gericht, den Filmproduzenten einer sogenannten Pneumo-Enzephalographie zu unterwerfen. Hartnäckig wehrte sich Meyer gegen den schweren Eingriff, bei dem die mit Flüssigkeit gefüllten Räume des Gehirns durch Punktierung der Wirbelsäule frei gemacht und für eine Röntgenaufnahme mit Luft gefüllt werden.

Er legte Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht ein und weigerte sich so lange, in der geschlossenen Abteilung untersucht zu werden, bis er von Amts wegen eingeliefert wurde. Doch die Lüneburger Ärzte lehnten es schließlich ab, den schweren Eingriff ohne Einwilligung des Patienten vorzunehmen.

So wird das Verfahren gegen den Filmproduzenten Rolf Meyer am 29. Oktober vor dem Landgericht in Stade eröffnet werden, ohne daß die Richter Röntgenaufnahmen von Meyers luftgefüllten Gehirnräumen studieren können. Es wird sich vorerst medizinisch nicht mit letzter Genauigkeit feststellen lassen, wie weit der gescheiterte Meyer von Bendestorf ein Opfer seiner Veranlagung oder eines Autounfalls oder gar der Zeitläufe geworden ist.

* Die Deutsche London-Film (Hamburg), die Styria-Film (München), die Deutsche Revisions und Treuhand AG (Frankfurt), die Corona-Film (München), die Konkursgläubiger und der Steuerfiskus.

Filmproduzent Meyer

»Die übliche kriminalistische Nachlese«

Schauspielerin Inge Landgut

Das beschwingte Milieu des Filmgeschäfts ..

Schauspielerin Hannelore Schroth

... wird an den ehernen Normen ...

Schauspielerin Maria Litto

... der Konkursordnung gemessen

Film-Atelier Bendestorf: Ein Miniatur-Hollywood in der Heide

Meyer-Finanziers Winter, de Crignis, Margaritoff, Schaffer, Grüter: »Eigene Mittel waren nicht vorhanden«

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