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Wege nach rechts

aus DER SPIEGEL 31/1992

Als Till sich zum ersten Mal an einem Raubüberfall auf einen Schwulen versucht, ist er gerade 16 Jahre alt. Er klaut, er trinkt, prügelt sich im Fußballstadion, wird zum Skinhead und jagt Ausländer. Mit 21 Jahren haßt er Fremde jeder Art und sehnt sich nach einer politischen »Partei, die durchgreifen kann«. Till ist rechtsradikal - einer von 31 jungen Männern zwischen 17 und 21 Jahren aus den alten Bundesländern, die eine Gruppe von Wissenschaftlern um den Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer mehr als fünf Jahre lang begleitet hat. Durch die »erste Langzeituntersuchung zur politischen Sozialisation männlicher Jugendlicher« wollen Heitmeyer und seine Kollegen versuchen zu klären, wie Jugendliche in den Rechtsextremismus abgleiten.

Dabei widerlegen die Bielefelder drei gängige Klischees. Die erste These lautet, der Nationalsozialismus diene den Jugendlichen als Vorbild. Die Studie zeigt aber, daß historische Nazi-Positionen nicht zum »aktiven politischen Deutungsfundus« der Jugendlichen heute zählen - sie können damit wenig anfangen. Die zweite ist die Verführungsthese - rechtsextreme Organisationen würden die Jugendlichen manipulieren. Diese These, so die Soziologen, verwechsle Folgen mit Ursachen. Die befragten Jugendlichen wurden rechtsradikal, hielten aber Distanz zu den einschlägigen Parteien. Die dritte These leitet Extremismus aus Arbeitslosigkeit ab. Nur irgendeine Arbeit jedoch, das belegen die Fälle, reicht nicht aus. Sie muß für den Jugendlichen Sinn machen, sonst zieht er seine einzige Befriedigung aus dem Konkurrenzkampf, der Rangordnung im Betrieb. Dann sei es oft nur ein kleiner Schritt vom gängigen »Hast du was, bist du was« zum asozialen »Haßt du was, bist du was«.

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