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»WEGEN FEIGHEIT VOR DEM FEIND«

aus DER SPIEGEL 8/1968

Der »FU-Spiegel«, Zeitschrift des Asta der Freien Universität Berlin, veröffentlichte in seiner Februar-Nummer einen Leserbrief der Teufel-»Kommune I«, der sich mit der Weltkriegs-Verwundung (Nervenstrang -- Durchschuß am rechten Arm) des Regierenden Bürgermeisters Klaus Schütz befaßte: »Den Arm verlor Schütz wegen Feigheit vor dem Feind ... Die Einheit geriet eines Tages in einen Hinterhalt von italienischen Partisanen. Sie wurde aufgefordert, sich zu ergeben. Schütz bekam das wohl nicht richtig mit, denn er ließ sein Maschinengewehr zu langsam fallen. Sich damit zu verteidigen, fiel ihm sowieso nicht ein. Darauf erhielt er einige Schüsse in den rechten Oberarm ...«

Schütz fühlte sich von der »lächerlichen Unlogik dieses groteskmilitaristischen Unfugs« ("Der Tagesspiegel") beleidigt und stellte Strafantrag gegen den »FU-Spiegel«, obschon die Redaktion ihm einen Entschuldigungsbrief schrieb.

Wie Schütz wirklich zu seiner Verletzung gekommen ist, beschrieb der amerikanische Journalist James O'Donnell, Berliner Vertreter des US-Magazins »Newsweck«, nach Berichten des Regierenden Bürgermeisters. Schütz laut O'Donnell:

»Wir waren auf dem Rückzug nördlich von Padua, mehr umherirrend als kämpfend. Plötzlich standen drei junge italienische Partisanen, jünger als wir, vor uns und verlangten, daß wir die Waffen niederlegten. Ich war 19 Jahre alt, konnte vor Schreck kaum die Glieder rühren, war aber im Griffekloppen auf 08/15 gedrillt, so daß die Disziplin mich packte. Einer der Partisanen, der so nervös wie ich war, feuerte daraufhin los, und die Kugel traf mich zwischen Nacken und Schulter dicht neben der Schlagader«

O'Donnell über Schütz: »Eine Stunde lag er am Wegesrand, durchaus bei Bewußtsein, aber völlig gelähmt. Deutsche Kameraden schleppten sich vorbei, und einer von ihnen, der ihn als tot ansah -- o weh, armer Schütz -, meldete ihn als gefallen. Im Laufe der Zeit -- 1951 -- teilte das Rote Kreuz seiner Mutter mit, das Grab ihres Sohnes liege in einem Dorf zehn Meilen nördlich von Padua.«

Dazu Schütz: »Vor einigen Jahren, als ich auf Urlaub in Italien war, machte ich mich auf den Weg, mein Grab zu suchen. Ich fand es nicht, sicher deshalb, weil meine Tochter Christiane, 11, uns ängstlich nach Venedig weitertrieb.«

O'Donnell weiter: »Was damals eigentlich geschah, war, daß dieselben Partisanen, die ihn niedergestreckt hatten, nach einer Stunde wiederkehrten, Mitleid mit Schütze Schütz hatten und ihn in einer Taverne unterbrachten -- »die Menschlichkeit der Italiener ist unschlagbar. Sie wollten mich einfach vor allen Armeen schützen. Und allein weil die Wunde zu eitern begann, überführten sie ihn in ein britisches Militärhospital. Etwa im September 1945 -- er hatte für immer einen verkrüppelten Arm -- wurde er entlassen und in den Steinschutthaufen zurückgeschickt, der Berlin war (seine erste Nachkriegsaufgabe war es, linkshändig schreiben zu lernen).«

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