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Briefe

Wehe dem Volk
aus DER SPIEGEL 41/1950

Wehe dem Volk

Das oppositionelle »Aerzteblatt« schrieb im vorigen Jahre vor dem 52. Aerztetag unter »Videant Consules": »Die älteren, alteingesessenen Großverdiener unter den Aerzten sind bestrebt, ihre sie so gut und reichlich nährende Futterkrippe zu erhalten. Die jungen und Flüchtlingsärzte können verkommen ... Es sind weder der Staat noch die allmächtigen Aerztekammern dagegen eingeschritten. Von den Besatzungsmächten haben lediglich die Amerikaner versucht, die Aerztekammern anzugehen, aber in den US-Zonen versuchen die Kammern schon jetzt wieder, durch das Hintertürchen des 'eingetragenen Vereins' ihre Allmacht zu erlangen. Das System der Aerztekammern gehört als Ueberbleibsel des Dritten Reiches mit Stumpf und Stiel ausgerottet zu werden.«

Die notleidenden, oppositionellen Aerzte konnten sich auch am 53. Aerztetag vom 24. bis 27. August in Bonn wieder nicht durchsetzen, da nur Delegierte der Aerztekammern stimmberechtigt waren, und der große Prozentsatz derer, die der veralteten Aerztekammer den Rücken gedreht haben, nichts zu sagen hatte.

Wenn die Notlage der Aerzte so weitergetrieben wird, dann wird bald das Wort des Wiener Internisten Prof. Notnagel zur Wahrheit werden: »Wehe dem Volke, dessen Aerzte Not leiden!«

Gießen

Dr. CARL SCHMIDT

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