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»Wehren mit der Spielzeugpistole?«

aus DER SPIEGEL 45/1976

Viermal in diesem Jahr, zuletzt am vergangenen Montag, wurden in Berlin Geldtransporte der Firma »Purolator« überfallen. Beute: insgesamt 3,2 Millionen Mark. Albert Sommer, Deutschland-Chef des Sicherheitstransportunternehmens, führt die Raubserie auf unzureichende Bewaffnung seiner Mitarbeiter zurück.

SPIEGEL: Ihre Firma betreibt hierzulande das mit Abstand größte

Sicherheitstransportunternehmen, aber mit der Sicherheit ist es nicht weit her.

SOMMER: Das stimmt nicht. Wir haben mit unseren Transporten im vergangenen Jahr mehr als 150 Milliarden in bar bewegt. In dieser Zeit sind Dutzende von Bankboten überfallen worden.

SPIEGEL: Aber in Berlin sind Sie 3,2 Millionen losgeworden.

SOMMER: In Berlin -- da macht die Kripo ja auch nur Sprüche, anstatt irgend etwas aufzuklären. Damals, im März, als uns 2,3 Millionen auf einen Schlag geraubt worden sind, da haben wir doch sage und schreibe schon nach ein paar Wochen ein lapidares Schreiben bekommen, die Ermittlungen seien eingestellt.

SPIEGEL: Nach ein paar Wochen?

SOMMER: In Berlin ist das möglich. Da haben die Polizisten anscheinend Angst vor den Terroristen.

SPIEGEL: Haben Sie Anhaltspunkte dafür, daß Terroristen die Raubüberfälle geplant und begangen haben?

SOMMER: Normale Unterwelt-Ganoven bringen das doch gar nicht. Jetzt bei Hertie war auch wieder alles generalstabsmäßig vorbereitet. Eine halbe Minute früher oder später wäre nichts mehr gelaufen.

SPIEGEL: Von 77 im letzten Jahr aufgeklärten Überfällen auf Banken oder Zahlstellen in Berlin gingen laut Statistik der Polizei nur drei auf das Konto von Terroristen.

SOMMER: Wenn Sie sich auf solche Polizei-Angaben verlassen wollen. Im Frühjahr, 14 Tage nach dem 2,3-Millionen-Raub beim »Kaufhaus des Westens«, wurden uns 115 000 Mark vor einem Supermarkt geraubt. Schon eine Woche vorher wußte die Polizei durch einen anonymen Anruf, daß da ein Überfall kommt. Meinen Sie, die hätten uns irgend etwas gesagt? SPIEGEL: Sie wollen offenbar alles der Polizei anlasten. Sind Ihre Wachmannschaften selber völlig hilflos?

SOMMER: Wehren Sie sich mal mit einer Spielzeugpistole gegen eine Maschinenpistole. Im Bundesgebiet haben unsere Männer scharfe 38er Smith & Wesson. In Berlin müssen sic mit Gaspistolen rumlaufen. Während die Unterwelt Polizeifahrzeuge ausrauben und sich mit Maschinenpistolen versorgen kann, wird unseren Mitarbeitern die Chance zur Verteidigung genommen.

SPIEGEL: Für Berlin hat die alliierte Kommandantur noch Ende vergangenen Monats die Bewaffnung Ihrer Leute als »nicht angebrachte Maßnahme« ausdrücklich untersagt.

SOMMER: Ja, weil der Senat es immer wieder ablehnt, daß wir scharf bewaffnet werden. Das hängt allein am Senat, der schiebt die Alliierten doch nur vor. Vor einem halben Jahr haben wir den Antrag gestellt, für gewisse Touren wenigstens bewaffnete Sicherheitsbeamte mieten zu dürfen, eine Hilfe, die einigen Banken gewährt wird. Selbst das wurde abgelehnt. Die haben von Personalmangel geredet und uns gesagt: Ihr seid ein kommerzielles Unternehmen, das mit dem Geldtransport Gewinne macht. Das geht uns nichts an.

SPIEGEL: Die Überfälle sind durchweg auf dem kurzen Transportweg zwischen den Gebäuden Ihrer Kunden und dem Panzerfahrzeug geschehen. Die offenbar besonders riskante Strecke ließe sich doch besser sichern.

SOMMER: Natürlich, aber nicht von uns. Da könnte man für 20 000 Mark eine Schleuse bauen, damit der Wagen reinfahren kann. Aber die Kaufhäuser nehmen täglich Millionen ein, nur dafür reicht es nicht. Wir können doch nur das Bürgersteig-Risiko kleiner machen, künftig das Geld nur noch zehntausendmarkweise von unseren Kunden raustragen. Dann müssen unsere Männer mehr laufen und die Firmen dafür mehr bezahlen.

SPIEGEL: Nach Ihrer Sieht versagen die Polizisten, sind Ihre eigenen Leute machtlos und Ihre Kunden geizig. Wie soll dennoch künftig die Sicherheit der Geldtransporte garantiert werden?

SOMMER: Wenn der Berliner Senat sich weiter so stur stellt, dann kann ich »die Niederlassung dort schließlich zumachen -- und 80 Arbeitsplätze sind weg. Und wenn wir da rausgehen, wird sich kaum eine Konkurrenz bereitfinden, da reinzugehen. Unsere Versicherung ist auch schon nervös geworden. Berlin ist unversicherbar. Das Risiko ist viel zu groß.

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