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Artikel 57 / 64

Briefe

WEHRKRAFTZERSETZUNG
aus DER SPIEGEL 38/1966

WEHRKRAFTZERSETZUNG

Unsere politische Demokratie ist nicht in Gefahr, solange Generäle vor unfähigen Politikern kapitulieren; die Schlacht um die politische Demokratie müssen wir erst verloren geben, wenn die Politiker vor allzu fähigen Generälen kapitulieren!

Bremen PAUL NIEDERBOCKSTRUCK

Wenn Hassel und sein Gumbel bis fünf Minuten nach zwölf weitermarschieren, wird Erhards Kabinett in Scherben zerfallen.

Frankfurt H. KEYDELLMANN

Wer in der Bundeswehr gedient hat, wird sich durch Ihren Bericht in seiner Meinung bestätigt fühlen: Herr von Hassel ist die Personifizierung der latenten Bundeswehrkrise. Das Ministerium sichert sich durch eine Flut von Anweisungen und Verfügungen ab; bei Fehlschlägen und Versagern ist die Truppe jedoch stets der schuldige Teil. Jedesmal, wenn militärische Stellen die - oft unglaublichen - organisatorischen Mängel verbessern wollen, wird der »Primat der Politik« vorgeschoben (von soldatischer Seite nie bestritten!), und das genügt, damit sich nichts bessert.

Berlin JÖRG FAULER

Leutnant d. R.

Unter völliger Fehlinterpretation der Forderung vom Primat der Politik akzeptieren hohe Generäle wider besseres Wissen militärische Fehlentscheidungen ziviler Stellen und beteiligen sich damit an der Gefährdung von Gesundheit und Leben der ihnen unterstellten Soldaten. Die Situation ähnelt fatal der Hitlerzeit. Ohne die vielen entgegen militärischer Einsicht »Jawohl« sagenden Generäle hätte Hitler seine Pläne nicht durchführen können.

Beuerbach (Hessen) MANFRIED WEBER

Oberleutnant d. R.

Hätten Herr Trettner und Herr Panitzki unter Hitler ebenso gehandelt? Heute ist es ungefährlich. Mehr noch: Man bekommt Sympathien und Verständnis entgegengebracht von Presse, Funk und Volk, es ist zum Heulen.

Hannover UDO BLANK

In letzter Zeit hat sich bei mir die Ansicht gefestigt, daß sogar Generäle in militärischen Fragen qualifizierter sind als einige Politiker (wie zum Beispiel Bierwirt Unertl & Co), die für den Primat der Politik posieren und jede Gelegenheit nutzen, eine Art. Obergefreitenkomplex an der militärischen Führung abzureagieren.

Bremen HARALD KYEWSKI

Die zahlreichen, hinlänglich bekannten Mißstände und Pannen in der Bundeswehr lassen sich zum großen Teil darauf zurückführen, daß in ihrem elften Lebensjahr ihr Grundübel immer noch nicht beseitigt ist: Noch immer haben die militärischen Fachleute nicht die Kompetenzen, die zu einer klaren, erfolgreichen Führung der Streitkräfte notwendig sind. Behauptungen, daß entsprechende Bestrebungen einen Angriff auf den Primat der Politik enthalten, sind einfach unverständlich.

Braunschweig WOLFGANG BEHRINGER

stud. phil. und Leutnant d. R.

Hätte man bei der Geburt der Bundeswehr gleich einen erfahrenen und energischen General als Verteidigungsminister bestellt, so wären viele Milliarden nicht zum Fenster hinausgeworfen worden.

Münster FRITZ ZEINE

Gott schütze uns vor machthungrigen und karrieresüchtigen Militärs. Wenn die Sterne auf den Schultern nicht ausreichen, dann gebt ihnen in Gottes Namen noch ein paar. Aber bitte, bitte - laßt sie nicht regieren. Hört ihren Rat - aber entscheidet selbst.

Frankfurt PETER EITER

Der Primat der Politik, im Verteidigungsministerium zu einem Monstrum herangezüchtet, das die Bezeichnung Beamtenbürokratie verdient, ist also folgerichtig beachtenswert bei der Frage

nach der Ursache des Versagens eines unbewältigten Waffensystems mit allen daraus entstandenen Opfern, bei der Frage nach dem Herd der Unruhen innerhalb der Bundeswehr über ungelöste Probleme: Cliquenbildung traditionalistischer Prägung, Verbandsmeierei wilhelminischen Stils, papierner Perfektionismus, Einpauken stereotypen Antikommunismus' als Parole eines teilstaatlichen Selbstherrlichkeits-Primats - Ergebnis: Bundeswehr, unter politische Kuratel gestellt, ein Koloß auf provisorischen Füßen.

Siegen (Nordrh.-Westf.) HANS BASEKOW

Ich denke, unser Volk müßte mit den Generälen auch die Politiker an die Kandare nehmen, wenn es endlich zum Frieden kommen will.

Eßlingen (Bad.-Württ.) RUDOLF LANGHACK

Mir scheint, daß man eine Bewältigung der Vergangenheit, soweit sie im Sinne der Einführungsworte des Herrn Wehrbeauftragten Hoogen tatsächlich ernsthaft für erforderlich gehalten wird, zurückstellen sollte, bis man wenigstens mit der Gegenwart fertig wird. Am Rande sei vermerkt, daß eine moderne Streitmacht eigentlich die Aufgabe hat, die Zukunft zu bewältigen.

Im übrigen verstehe ich nicht das Geschrei der Politiker über die Kritik der Generäle. Kein Politiker fühlte seinen Primat berührt, als die Generalität geschlossen einem Verteidigungsminister fünf Minuten vor seinem Sturz ihr Vertrauen öffentlich bekundete, also positive Kritik übte. Die stillschweigende Erlaubnis dazu schließt entweder auch das Recht zur negativen Kritik ein, oder sie war grundsätzlich falsch.

Augsburg TRUTZ VON TROTHA

Wir haben nun schon einmal erlebt, daß ein Gefreiter, aber immerhin mit EK II und I, Generälen Blumenvasen ins Kreuz warf, weil seine militärischen Ansichten sich mit denen seiner Generäle nicht deckten. Sollte also General Trettner mit seinem Ausscheiden so lange warten, bis gleich zwei Zivilisten ihn mit »Aschenbechern« bewerfen, bildlich ausgedrückt, oder seine militärischen Anordnungen taktischer und organisatorischer Art »vergumbelt« oder »verhasselt« werden?

Hannover M. KRIES

Die Schuld an der insbesondere durch den Starfighter ausgelösten Krise haben nicht zuletzt Herr Augstein und all' jene seiner Kollegen, die Herrn Strauß aus dem Verteidigungsministerium vertrieben.

München LUDWIG JÄGER

Endlich wird einmal richtig klargestellt, wer die Hauptschuld an der »Starfighter-Misere« trägt: Im SPIEGEL ist ausgeführt, daß das »politische« Starfighter-Geschäft vom März 1959 zu Lasten von Hassels Vorgänger im Amt, F.-J. Strauß, ging. Dieser »kaufte 700 Maschinen der hochgezüchteten und in jederlei Hinsicht anspruchsvollen F-104 G«.

Strauß gegen die Bedenken der Soldaten: Das ist eine politische Entscheidung.

Timmendorfer Strand DR. JUR. E. SCHALK

Major a. D.

Wenn der Altbundeskanzler einen Zivilisten als Personalchef der Bundeswehr eingesetzt hat, damit die Generäle nicht über die Zäune fressen, so möge man ihm das nicht übelnehmen, weil er ja nicht mehr der Jüngste war. Wenn aber die Bundesregierung weiterhin zuläßt, daß ihr Verteidigungsminister nur noch »gegumbelte« Entscheidungen trifft, kann sie den Laden bald dichtmachen. Ein Minister, der einen so wichtigen Erlaß wie den zugunsten der ÖTV unterschreibt und sich hinterher herausredet, er sei der Meinung gewesen, der Generalinspekteur sei unterrichtet gewesen, sollte einen Beruf ergreifen, bei dem er für seine Entscheidungen keine Verantwortung zu übernehmen hat. Wenn ein Kompaniechef etwas unterschreibt in der Meinung, sein Kommandeur sei unterrichtet gewesen, dann wird er gefeuert, wenn er nicht selbst genug Schneid hat, seinen Rücktritt einzureichen.

Würzburg KLAUS WINZER

Wenn der General meint, in der Bundeswehr sei etwas falsch gelaufen »aus politischen Gründen«, so kann er gehen und seinen Hut wieder nehmen. Wenn der Gefreite meint, die Bundeswehr überhaupt sei falsch am Laufen »aus politischen Gründen« - indem sie die Spaltung Deutschlands vertiefe -, so muß er bleiben. Er kann sich höchstens bei diesem »Ohne-Sinn-Marsch« gelegentlich die Nase begießen.

Tanger (Marokko) H. KARDEL

Oberleutnant a. D. und Ritterkreuzträger

Nachdem sich Herr Hassel in der Starfighter-Angelegenheit jetzt hinter der Ausrede verschanzt, er sei nicht genügend informiert worden, möchte ich ihn gerne fragen, was denn alles in der Bundeswehr passieren muß, damit es ihm auffällt. Ich habe für das Verhalten Hassels um so weniger Verständnis, als ich als vorwiegender Unfallarzt dauernd erlebe, wie gewissenhaft in der Privatwirtschaft über die Einhaltung der Unfallverhütungs-Vorschriften gewacht wird und wieviel Mühe aufgewendet wird, um schwere Unfälle in

Zukunft zu verhüten. Es wäre die Pflicht Hassels gewesen, sich sofort persönlich zu kümmern und nicht erst dann, als er von allen Seiten bedrängt wurde.

München DR. MED. ERNST PLATE

Facharzt für Chirurgie

Minister von Hassels Reden erinnern mich an Boxer Clays Ausruf: Ich bin der Größte! Wenn der Minister sich mal unter das Volk begeben würde, könnte er hören, daß die Sympathie nicht bei ihm, sondern bei Herrn Panitzki ist. Dieser General hat wenigstens den Anstand, zurückzutreten, was eigentlich Herr von Hassel schon längst hätte tun müssen.

Bellheim (Rhld.-Pfalz) OTTO LUDWIG

Nach Lesen Deines Artikels halte ich diese Abwandlung des Photos von Seite 27, das Minister von Hassel mit dem »Nobody is perfect«-Cartoon in den Händen zeigt, doch für angebrachter.

Düsseldorf WALTER PIPPKE

Von unserem Verteidigungsminister kann man wirklich nicht viel erwarten: Schließlich war er auf einer Zwergschule, noch dazu einer afrikanischen.

Kiel GERHARD LEIBING

In Ihrer Ausgabe vom 29. August dieses Jahres zitieren Sie mich in Ihrer Titelgeschichte »Seid eisern« wie folgt: »Wenn ich in meinem Beruf so versagt hätte wie diese Herren, säße ich wegen Körperverletzung im Gefängnis.«

Ihr Nachrichtengewährsmann hat Pech gehabt. Dieser Satz ist zwar von mir so oder ähnlich gesagt worden, hatte jedoch mit den Vorfällen bei der Bundeswehr nichts zu tun. Ich bezog mich bei dieser Äußerung auf einen ganz anderen Vorfall. Ihr Gewährsmann konnte sich wohl nicht vorstellen, daß man an diesem Morgen auch von anderen Dingen reden könne.

Im übrigen würde ich mich über die Generäle und Offiziere so nicht äußern,

weil mir bekannt ist, daß gerade sie mit der Aufstellung der Bundeswehr eine der schwersten Aufgaben der Nachkriegszeit gelöst haben.

Im übrigen ist die boshafte Geistreichelei über meine Berufsbezeichnung (obwohl es in dieser Hinsicht eine Anekdote gibt) ein schönes Beispiel für das, was man in der Psychoanalyse als negative Übertragung kennt.

Vielleicht nützt es Ihrer publizistischen Arbeit, wenn Sie sich über diese, auch für Sie wichtigen Tatbestände genau informieren. Die Fundstellen dafür: Sigmund Freud, Gesammelte Werke Band 16, Seite 85 flg. und »Psychiatrie der Gegenwart«, Seite 294 bis 303.

Gießen DR. BERTHOLD MARTIN

Landesobermedizinalrat

Hier ein weiteres Beispiel dafür, wie dringend die Reorganisation des Verteidigungsministeriums ist und gegen welche Ignoranz der Beamten und Politiker die Soldaten kämpfen müssen: Nehmen Sie an, der Oberleutnant Arndt hätte lebend in seiner Schwimmweste getrieben und ein Schnellboot den Auftrag bekommen, ihn zu retten. Abgesehen von den damals herrschenden Wetterverhältnissen, hätte sich der Kommandant mit Sicherheit dazu entschlossen, ein Schlauchboot auszusetzen, statt den Piloten direkt vom Schnellboot aus zu fischen, damit ihm Mann und Fallschirm nicht in die Schraube geraten, und weil der Pilot ja auch verletzt sein könnte.

Nun hat das Schnellboot zwar ein Schlauchboot mit Außenbordmotor an Bord, aber dies ist nicht einsatzfähig. Es wurde zum Beispiel ohne Paddel geliefert. Das ist verantwortungslos, weil völlig unseemännisch. Der dümmste Freizeitkapitän auf bundesdeutschen Binnenseen weiß, warum. Aber es kommt noch besser: Auch der Außenbordborder tut es nicht, denn

- das Mitführen von Benzin auf Schnellbooten ist verboten (Kriegserfahrung), und außerdem

- brauchen diese Motoren eine Benzinsorte, die es zumindest in der Marine nicht gibt, nämlich Gemisch.

Hannover PETER E. MÜLLER

Nachdem ich die Titelgeschichte gelesen hatte, setzte ich mich vor den Fernseher. Das Neueste vom Tage habe ich aber schon im SPIEGEL gelesen. Komisch, nicht? Anscheinend haben die Tagesschaumänner das Magazin eifrig gelesen.

Endersbach (Bad.-Württ.) JÜRGEN HECHT

Ihre Titelgeschichte wurde am folgenden Tag fast wörtlich - nur mit Akzentverschiebung - von der »Bild -Zeitung« übernommen... Hat Springer nun seine Finger auf Ihren Redaktionstischen oder hat »Bild« nur abgeschrieben?

Cuxhaven HANS EBELT

Christ und Welt

»Ein Unglück kommt selten allein ...«

Süddeutsche Zeitung

»Der war's!«

CDU-MdB Martin

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