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Briefe

WEHRKRAFTZERSETZUNG
aus DER SPIEGEL 48/1964

WEHRKRAFTZERSETZUNG

Regierungsmedizinaldirektor Dr. Gustav Seidl erklärt: »Der Mangel an Altruismus bei den jungen Intellektuellen und die damit verbundene Wehrunwilligkeit hat einen besorgniserregenden Grad erreicht.« Köstlich! Nach dieser Definition ist in letzter Konsequenz die Weigerung, Atombomben zu schmeißen: Mangel an Altruismus; der Abscheu zu lernen, wie man anderen Menschen ein Bajonett in den Bauch stößt: Mangel an Altruismus.

Frankfurt WOLFGANG BARANOWSKY

Endlich jemand, der dem wehrhaften und nationalbewußten deutschen Menschen nach dem Herzen redet: Es besteht kein Zweifel, daß der Barras eben doch die Schule der Nation ist. Wer nicht so denkt, ist entartet. Die Denkweise des »alten« Musterungsarztes ist natürlich keine Entartungserscheinung; denn er denkt in griechischen Vorbildern. Wofür die Antike wohl noch herhalten muß?

Würzburg WALDEMAR SCHEDEL

Als Akzelerierter mit asozialem Gedankengut erscheint es mir bei allem radikaien Sozialgewissen doch bedenklich, wie leicht Regierungsdirektor Dr. Gustav Seidl das Phänomen der Drückeberger abtun will. Wenn sich die Masse des intellektuellen Wehrpflichtigenkreises dagegen sträubt, für den »Marsch nach Moskau« ausgebildet zu werden, dann doch, weil sie um den Intellekt fürchten muß, der da in Eintracht mit den realen Asozialen der alleruntersten Stufe unserer Gesellschaft achtzehn Monate schmoren soll.

München RENÉ M. SCHÖNER

Die erste Reaktion nach der Lektüre Ihres Bundeswehrartikels war ein erleichtertes Aufatmen, nicht im offenbar so wehrfreudigen »Freistaat Bayern« zu leben, wo doch, scheint's, recht rauhe Musterungssitten herrschen. Denn ich glaube einer dieser »schmalwüchsigen Hochaufgeschossenen« zu sein, die laut Dr. Seidl für ihre zurückgebliebene seelische und charakterliche Bildung der Entwicklungshilfe bei der Bundeswehr bedürfen. Zum einen nämlich werde ich als Schüler eines humanistischen Gymnasiums nach Dr. Seidl zu einer »einseitigen geistigen Einstellung des Intellektualismus« erzogen, und zum andern verstehe ich die rund 30 000 »cleveren Burschen«, die jährlich mit dem »asozialen« Gedanken spielen, dein Wehrdienst zu entgehen, recht gut. Und zwar nicht nur aus den Gründen, die Herr Dr. Seidl gefunden zu haben glaubt.

Düsseldorf ROLF GILBERT

Allein schon in der Wahl seiner Worte offenbart der Wehrdoktor Seidl seine geistige Heimat. All das können Sie im »Wörterbuch der Unmenschen« finden: »Asozial«, »mit allen Mitteln«, den besonderen Geschmack des Begriffes »intellektuell«, »negative Auslese«, Handwerk als »schöpferischer Beruf«, »Volksgesundheit«, »Entartungserscheinungen« und »geschlossen dem Wehrdienst zuführen«.

Wuppertal HERBERT STUBENRAUCH

Bundesvorsitzender des Verbandes der Kriegsdienstverweigerer

Seit Jahren wundere ich mich schon über meine »ans Asoziale grenzende Einstellung« gegenüber dem Dienst mit der Waffe. Durch Herrn Regierungsmedizinaldirektor Dr. Gustav Seidl werde ich endlich über mich aufgeklärt. Wie einleuchtend, daß ich als »Hochakzelerierter« seelisch und charakterlich zurückgeblieben und materiell, pubertär und egozentrisch eingestellt bin. Logischerweise bin ich wehrunwillig, weil es mir an Altruismus fehlt; ich gönne meinem Gegner nicht mal die Kugeln im Bauch. Als Entarteter und Drückeberger (Eschenburg) beschimpft, sehne ich mich nach reuiger Umkehr, doch zu spät: Ich bin nun mal lang und dünn und hochakzeleriert. Klein und dick müßte man sein.

Berlin ROLF BRANDT

Beauftragt, Reserveoffiziersanwärter - und Unteroffiziersanwärter-Lehrgänge durchzuführen, habe ich die Möglichkeit, vergleichende Feststellungen durchzuführen. Oberstabsarzt a. D. Dr. Seidl macht seine Feststellungen aus der Perspektive vor der Bundeswehr; ich dagegen kann berichten, wie es um den beschriebenen Personenkreis in der Bundeswehr bestellt ist.

Die Abiturienten und auch Soldaten mit Mittlerer Reife sind keineswegs negativ zu beurteilen. Sind sie einmal dabei und haben sie das Ziel des Reserveoffiziers vor Augen, machen sie in erfreulichster Weise mit. Es macht Spaß, mit diesen jungen Leuten zusammenzuarbeiten. Ihre kritische Aufgeschlossenheit, die Beweglichkeit ihres Geistes und die körperliche Leistungswilligkeit sind geradezu das Salz in der Suppe.

Damit sei nicht gesagt, daß Soldaten in den Unteroffiziersanwärter-Lehrgängen im Vergleich erheblich abfallen. Dennoch ist ein Unterschied nicht zu übersehen. Das mag daher rühren, daß dieser Personenkreis seit der Schulzeit im Sinne des Wortes »allein gelassen wird«. Das ist traurig, aber leider eine Tatsache. Unsere Gesellschaft sollte sich endlich um diese jungen Menschen einmal kümmern.

Zusammengefaßt: Die Jugend ist viel besser als ihr Ruf; allerdings muß man sie »fordern«!

Immendingen (Bad.-Württ.) HORST KRÖCHER

Major

Bestechender Gedanke, Musterungsarzt Dr. Seidl und seine Kollegen würden seiner medizinischen Erkenntnis, der Wehrunwille der »Hochakzelerierten« sei pathologisch, die Tat folgen lassen und fortan bei Musterungen alle langen Lustlosen (und die Doofen gleich mit) als »abnorme Persönlichkeit« im Sinne der Tauglichkeitsbestimmungen dauernd wehrdienstunfähig schreiben. Die Bundeswehr wäre mit einem Schlage aller Sorgen ledig. Es bliebe ein ordentliches, williges Menschenmaterial, aus dem auch weniger talentierte Ausbilder ohne Zwangsmaßnahmen brauchbare Soldaten machen könnten. Nur ist leider so das Nato-Soll nicht zu erfüllen. So werden weiter kühne Jäger auf die Pirsch gehen, um Reformer und Wehrbeauftragte daran zu hindern, der Hilfsschule der Nation die altbewährten Therapeutika gegen Wehrunwillen und Dummheit zu nehmen. Merke: Der Tritt ins Gesäß ist der Elektroschock des kleinen Mannes.

Wilhelmshaven DR. HEINO THURMANN

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