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KOSOVO Wehrlose Aufpasser

Die albanischen Flüchtlinge kehren in ihre zerstörten Dörfer zurück, doch die Untergrundarmee UÇK will weiterkämpfen - und durchkreuzt damit die internationale Friedensmission.
Von Renate Flottau
aus DER SPIEGEL 46/1998

Hochbepackt mit Matratzen, Säcken, gußeisernen Kochherden und allerlei Gerümpel winden sich Traktoren und Gespanne über die engen Bergpfade. Greise, die mit ihren weißen Turbanen fast wie Nationalheilige aussehen, recken die Faust in die Luft, um den Willen zum Freiheitskampf zu bekräftigen. Unbarmherzig zerren die jüngeren Männer die Pferde mit ihrer überschweren Last an Stricken vorwärts. Doch die Gesichter der Menschen sind an diesem Tag nicht verhärmt und verzweifelt. Fast alle strahlen. »Die Freiheit kommt mit Blumen«, lacht eine junge Frau im Trainingsanzug und verteilt an die Heimkommenden gelbe Astern, gepflückt im eigenen Garten.

Zwei Monate nach ihrer Vertreibung wagen sich die rund 3000 Einwohner von Kisnja Reka wieder in ihr Dorf zurück. Ein Sprecher einer humanitären Organisation sei zu ihnen ins Waldlager gekommen und habe ihnen gesagt, die Lage sei sicher, die Serben würden sie nicht mehr behelligen, erzählt ein alter Mann.

Seit Jugoslawiens Präsident Slobodan Milosevic unter dem Druck der Nato Soldaten und Sondereinheiten seiner schwerbewaffneten Polizei aus dem Kosovo zurückgezogen hat, schwankt die albanische Bevölkerungsmehrheit der Provinz zwischen neuer Hoffnung und altem Mißtrauen. Nur noch an 27 Stellen im Kosovo darf die serbische Polizei nach dem Abkommen, das Milosevic mit dem amerikanischen Balkan-Unterhändler Richard Holbrooke schloß, »die Situation beobachten«.

Viele Albaner bleiben skeptisch, sie sind überzeugt, daß die Serben sich weiter in den Bergen bereit halten, um irgendwann erneut zuschlagen zu können. Allein für die Sicherung der Staatsgrenzen zu Mazedonien und Albanien sind noch Tausende serbischer Soldaten im Einsatz - mitten in albanischem Siedlungsgebiet.

Fast alle Häuser von Kisnja Reka wurden nach der Eroberung durch die Serben am 23. August ausgeplündert, mit Benzin übergossen und in Brand gesteckt. »Die haben gehofft, wir würden nie wieder zurückkehren«, meint Shaban, 30. Von seinem dreistöckigen Wohnhaus sind nur noch die Außenmauern stehengeblieben. So schlägt er wieder das Plastikzelt auf, in dem er mit seiner elfköpfigen Familie wochenlang im Freien gehaust hat. Ein Schicksal, das in diesen Tagen viele Albaner erwartet, die ihre Verstecke verlassen.

»Wir sind obdachlos auf dem eigenen Grundstück«, sagt Ramadan Nuhaj, 25. Dennoch ist er zuversichtlich: »Mein Bruder lebt in Regensburg, er wird Geld für den Wiederaufbau schicken.«

Die große humanitäre Tragödie, die Nato und Europäische Union fürchteten, scheint rechtzeitig vor Wintereinbruch abgewendet. Die Zahl der Albaner, die immer noch in den Wäldern ausharren, schätzt die US-Unterstaatssekretärin Julia Taft, die sich gerade im Kosovo aufhielt, auf weniger als 5000. Noch vor wenigen Wochen waren es nach Angaben internationaler Hilfsorganisationen etwa 50 000.

Doch die Kosovo-Krise ist damit längst nicht gelöst. Jirí Dienstbier, Uno-Sonderbeauftragter für Menschenrechtsfragen, befürchtet, daß schon bald eine neue Katastrophe hereinbrechen könnte. Und diesmal würde der Westen von Anfang an mittendrinstecken. Denn die internationale Gemeinschaft habe kein Mittel gefunden, um die sogenannte albanische Befreiungsarmee UÇK zum Rückzug zu bewegen. Die Kosovo-Albaner, hat Dienstbier erkannt, »lassen sich offensichtlich von der Idee eines Nationalstaats nicht mehr abbringen«.

Tatsächlich führen sich die geschlagenen UÇK-Kämpfer schon wieder wie die Herren der aufrührerischen Provinz auf. Holbrookes Vorschlag, gemeinsame Polizeistreifen aus Albanern und Serben zu bilden, lehnen sie strikt ab.

Die Amerikanerin Taft will bei ihrer Fahrt durch das Kosovo mehr UÇK-Uniformen und Embleme gesehen haben als während der gesamten Kämpfe zuvor. Die albanischen Freischärler sind für die westlichen Vermittler und Diplomaten inzwischen die gefährlichsten Störenfriede geworden. Zwei Journalisten der Belgrader Nachrichtenagentur Tanjug, die in einem Dorf bei Pristina von der UÇK verhaftet wurden, bekamen 60 Tage Haft auferlegt, abzusitzen im »Gefängnis Nummer 7«. Eine Visite durch das Rote Kreuz lehnte der politische Sprecher der UÇK, Adem Demaqi, als unnötigen »Luxus in Kriegszeiten« ab.

Hohen diplomatischen Vertretern gestand die albanische Führung des Kosovo um Präsident Ibrahim Rugova, daß sie mittlerweile Angst um ihr Leben habe.

An dem Friedensplan, den Holbrooke mit Milosevic aushandelte, wagte kein albanischer Politiker mitzuwirken. Rugovas Unterhändler Fehmi Agani erlitt beinahe einen Nervenzusammenbruch, als ihm das fertige Abkommen vorgelegt wurde: Es sieht zwar ein gewisses Maß an Autonomie vor, eigene Gerichte und kulturelle Eigenständigkeit - doch die wichtigste albanische Forderung wurde ignoriert: die Möglichkeit, nach einer dreijährigen Übergangsfrist per Referendum über die künftige Unabhängigkeit zu entscheiden.

»Mit unvorstellbarer Arroganz«, so Agani, hätten die Amerikaner den Vertrag auf den Tisch geworfen und gesagt: »Akzeptiert ihn oder nicht. Das ist die Endfassung.«

Rugova, der lange für gewaltlosen Widerstand eintrat, ist ratlos. Er fürchtet, daß die Bevölkerung sich in zwei Lager spaltet. Schon nahmen UÇK-Patrouillen zwei seiner engsten Mitarbeiter aus Malisevo fest: Sie hätten den Serben die Entwaffnung der Freischärler zugesagt.

Auch im Zentrum von Kisnja Reka hat die UÇK ihren Kontrollpunkt wieder errichtet. Fünf Männer prüfen die Papiere jedes vorbeikommenden Autos. Nur »Freunden des Kosovo« wird die Weiterfahrt erlaubt. Dafür ist ein Beglaubigungsschreiben von Adem Demaqi nötig. Jeeps mit uniformierten UÇK-Kämpfern, Gewehr im Anschlag, rasen unter den Augen der ersten internationalen Beobachter über die Straßen.

Die Männer in den Dörfern sagen einhellig: Die Unabhängigkeit des Kosovo bleibe das Ziel, der Waffenstillstand werde nur eingehalten, wenn die Nato die serbischen Besatzer wirklich vertreibe. »Wir werden für einige Zeit unsere Angriffe einstellen, uns bessere Waffen besorgen und dann weiterkämpfen«, verkündet Ahmet, ein ehemaliger Gastarbeiter aus Freiburg: »Der Krieg wird erst mit unserer Unabhängigkeit beendet sein.«

Die Unnachgiebigkeit der Albaner, für deren Schutz sie sorgen soll, erfüllt die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) mit Sorge. Bis zu 2000 Beobachter, die Hälfte davon Militärexperten, dürfen in den kommenden Wochen mit 1000 Geländefahrzeugen die Provinz ungehindert inspizieren. Doch ihre Hauptaufgabe besteht darin, die serbischen Sicherheitskräfte zu kontrollieren, nicht die UÇK. Die jugoslawische Armee muß dem Hauptquartier der OSZE in Pristina jede Truppenbewegung vorab melden - in der Theorie.

»Wie wir uns verhalten sollen, wenn die UÇK Schwierigkeiten macht und die Serben provoziert, wissen wir nicht«, gesteht Mans Nyberg, der finnische Sprecher des OSZE-Vorauskommandos in Pristina. »Wir sind unbewaffnet. Jeder Widerstand gegen einen bewaffneten Gegner, egal ob Serben oder Albaner, wäre sinnlos.«

Sollten erneut Kämpfe ausbrechen, würden die wehrlosen Aufpasser sich sofort zurückziehen, im schlimmsten Fall sogar ihre Evakuierung fordern und ihre Mission für beendet erklären. Dann müßte die Nato entscheiden, ob sie militärisch interveniert - und gegen wen. Für diesen Notfall wird die Allianz eine Eingreiftruppe in Mazedonien bereithalten; auch die Bundeswehr stellt eine Kompanie dafür ab.

Die Vorbereitungen zum Aufbau eines möglichst lückenlosen Kontrollnetzes kommen langsam voran. Im Hauptquartier in Pristina sollen 250 Mitarbeiter stationiert werden, Regionalzentren sind geplant in Gnjilane, Prizren, Pec und Kosovska Mitrovica, dazu 20 kleinere Büros, die über die ganze Provinz verstreut sind. Die Kosten der gesamten Mission kalkuliert die Nato auf etwa 150 Millionen Dollar, von denen die EU-Länder fast zwei Drittel übernehmen.

Noch sind erst 200 Beobachter vor Ort eingetroffen. Wegen der unberechenbaren Risiken hat die OSZE Schwierigkeiten, genug Freiwillige zu finden. Die USA haben eine Privatfirma aus Virginia, DynCorp, mit der Entsendung von 150 Experten beauftragt. Das Unternehmen, das bereits Erfahrung in Bosnien gesammelt hat, beschäftigt vor allem Veteranen der amerikanischen Streitkräfte - moderne Söldner, deren Loyalität ihrem Arbeitgeber gilt, nicht unbedingt der OSZE oder der Nato.

Die Mission ist vorerst auf ein Jahr begrenzt. Um sie zu verlängern, bedarf es nur einer einseitigen Willenserklärung der OSZE, nicht aber einer Zustimmung der jugoslawischen Regierung. Doch Belgrad stört schon die Visavergabe für westliche Diplomaten.

Selbst Mitarbeiter des Uno-Tribunals zur Ahndung von Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien wurden zurückgewiesen. Die kanadische Chefanklägerin Louise Arbour durfte vergangenen Freitag nicht ins Kosovo reisen, wo sie Massaker an Zivilisten untersuchen wollte. Jugoslawien erkennt das Recht des Tribunals auf Ermittlungen im Kosovo nicht an.

Der amerikanische Balkan-Beauftragte Christopher Hill versucht dennoch, die Kosovo-Albaner für den Friedensplan zu gewinnen und die UÇK zum Stillhalten zu bewegen: »Wir haben euch ein Fenster geöffnet. Nur Idioten schlagen danach noch die Scheiben ein.« RENATE FLOTTAU

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Kartenausriß Kosovo: Zentren der OSZE-Beobachter

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Kartenausriß Kosovo: Zentren der OSZE-Beobachter

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