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Weiche Daten für Dracula

Wählerstrombilanzen -- wissenschaftliche Analysen oder Bluff?
aus DER SPIEGEL 21/1980

Vorletzten Sonntag, am nordrheinwestfälischen Wahlabend, kam Dracula den Bundesbürgern zum erstenmal ins Haus. Zur Bundestagswahl am 5. Oktober wird er, kein Zweifel, wiederkehren.

Dracula -- das skurrile Kürzel steht für »Datenvermittlung von Resultaten und Analysen mit computerunterstützten leichtverständlichen Abbildungen«, für einen malenden Computer, den die ARD neuerdings einsetzt, um Wahldaten graphisch darzustellen: als emporschießende Prozentsäulen, bunte Mandatstörtchen oder gekrümmte Pfeile, die Wählerströme markieren sollen.

Doch so sehr der neue Fernsehstar dazu beiträgt, »auch dem Dümmsten« ("Die Welt") die Wahlresultate vor Augen zu führen -- Dracula selber ist, so scheint es, nicht der Klügste. Manches seiner Bilder verbreitet in der Fachwelt soviel Entsetzen wie einstmals der legendäre Flattermann in Transsylvaniens Wäldern.

Zwar halten auch die Konkurrenten vom ZDF den neuen ARD-Computer (Entwicklungskosten: 900 000 Mark) für »eine tolle Sache, wenn es darum geht, solide Hochrechnungen zu illustrieren«. Höchst fragwürdig indes erscheint etlichen Wahlforschern ein Teil jener Daten, die dem Graphik-Roboter vom Godesberger Infas-Institut eingegeben werden: Angaben, mit denen schon bald nach den ersten Hochrechnungen Wählerwanderungen von der einen Partei zur anderen nachgezeichnet werden sollen.

Die Godesberger Wander-Karten zeigten nach der jüngsten Wahl zum Beispiel, daß die FDP an die CDU per Saldo 22 500 Stimmen abgegeben und die SPD 58 200 Wähler an die Grünen verloren habe -- Zahlen, die »mit dem Anstrich einer ungeheuren Exaktheit« präsentiert, in Wahrheit aber, so ein ZDF-Wahlanalytiker, »mehr oder weniger plausibel erfunden« worden seien.

Daß derlei Unterstellungen ausschließlich dem Neid der Mainzer auf die optisch gefällige Wahlberichterstattung der ARD entspringen, ist wenig wahrscheinlich. Wählerstromanalysen des Infas-Instituts wecken Argwohn, seit sie, zur Bundestagswahl 1972, von Infas-Chef Klaus Liepelt erstmals vorgelegt worden sind.

Viele Stimmbürger, notierte der Hamburger »Stern«, glaubten an »schwarze Magie«, wenn Sozialforscher noch in der Wahlnacht behaupten, sie wüßten, wie viele Wähler wohin gewandert sind. Kundige Skeptiker, meldete das »Handelsblatt«, hielten die Infas-Fluktuationsbilanz für »einen einzigen Bluff«. Und in der Tat haben bereits vor Jahren renommierte Experten die Methoden der Godesberger vernichtend beurteilt.

Zwei ehemalige Infas-Mitarbeiter, Hermann Schunck und Peter Hoschka vom Institut für Planungs- und Entscheidungssysteme der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung, kamen 1975 in der »Politischen Vierteljahresschrift« zu dem Schluß, »daß die Wählerwanderungen beim gegenwärtigen Stand der Forschung nicht zuverlässig geschätzt werden können«; die Godesberger Arbeit gleiche »mehr einem Ratespiel«.

Die Kritik gilt einem Verfahren, das dem westdeutschen Publikum vom Infas-Institut als »konkurrenzlos« dargestellt wird, das angeblich »exakte Zahlenwerte« liefert und mit dem sich »das Woher und Wohin der Wähler eindeutig lokalisieren und zahlenmäßig genau erfassen« lasse (Infas 1972) -- Versprechungen, die das Institut keineswegs zu erfüllen vermochte.

Denn anders als die durchweg prompten und präzisen Hochrechnungen, denen »harte Daten« (Soziologen-Jargon) aus repräsentativ ausgewählten Stimmlokalen zugrunde liegen, beruhen die Wanderungsanalysen großenteils auf »weichen Daten": Schätzungen, Mutmaßungen, Meinungen.

Die Wahlkampfexperten der Parteien begegnen den Infas-Wanderungsbilanzen denn auch mit Vorsicht. »Der Eindruck, Wählerstromanalysen seien ähnlich exakt wie Ergebnisse der amtlichen Wahlstatistik, ist falsch«, warnt die SPD in ihrem Pressedienst: »Wählerstromanalysen sind notgedrungen sehr ungenau.«

Nur zwei Gruppen von Werten, die in derlei Rechnungen einfließen, lassen sich genau beziffern: die Ergebnisse der aktuellen sowie der vorangegangenen Wahl. Auf ungenaue Angaben sehen sich die Wanderungsforscher indes schon angewiesen, wenn es festzustellen gilt, in welchem Maße die Wählerschaft, der »Wahlkörper«, sich verändert hat und wie diese Verschiebungen die Wahlergebnisse beeinflussen. Geschätzt werden muß zunächst

* das frühere Wahlverhalten derjenigen Bürger, die bei der vorigen Wahl zwar stimmberechtigt waren, mittlerweile aber verstorben oder verzogen sind, und S.46

* das aktuelle Wahlverhalten jener, die -- als Jungwähler oder Zugezogene -- bei der jüngsten Wahl erstmals stimmberechtigt waren.

Zu diesem Zweck ziehen die Wahlforscher eine Fülle von Daten heran, die mit teils erheblichen Fehlern behaftet sein können: Sterbetafeln und amtliche Wanderungsstatistiken sind, wie Hoschka und Schunck darlegen, häufig nicht für die jüngste Vergangenheit verfügbar, Erhebungs- und Wahltermin stimmen nicht überein, Altersklassen sind nicht einheitlich abgegrenzt. Umfrageergebnisse erlauben nur grobe Rückschlüsse auf das frühere Wahlverhalten der inzwischen Fortgezogenen oder Verstorbenen.

Fragwürdig mutet auch die Methode an, mit der Wahlforscher den Meinungswandel einstiger SPD-, CDU-, FDP- oder Nichtwähler zu ergründen versuchen. Sozialwissenschaftler können sich auf zwei Arten von Umfragen stützen, die jeweils spezielle Tücken aufweisen: die sogenannte Rückerinnerungsfrage oder die Panel-Befragung.

Bei der Panel-Technik werden dieselben Personen bei zwei Wahlen nach ihrer Stimmabgabe befragt -- das theoretisch beste Verfahren zur Ermittlung von Wählerströmen. Allerdings: Nach vier Jahren erreichen die Interviewer, so Hoschka/Schunck, »bestenfalls noch 60 Prozent der bei der ersten Wahl Befragten; die übrigen sind umgezogen, im Urlaub oder aus vielerlei anderen Gründen nicht mehr erreichbar«.

Mit der häufig verwendeten Rückerinnerungsfrage dagegen soll in ein und demselben Interview aktuelles und früheres Wahlverhalten erfaßt werden. Bei diesem Verfahren jedoch liegt aus verschiedenen Gründen -- vom Opportunismus bis zur Gedächtnisschwäche -der Anteil der falschen Antworten laut Hoschka/Schunck »nachweisbar bei mindestens 20 Prozent«.

Kein Wunder, daß derart ermittelte Meinungsänderungen nicht ohne weiteres mit den amtlichen Wahlergebnissen in Einklang zu bringen sind: Die Wanderungsrechnung stimmt zunächst entweder oben oder unten nicht. Um die Bilanz gleichwohl stimmig zu machen, bedienen sich die Wahlforscher einer »Reihe von Tricks« (Hoschka/ Schunck) -- und ihrer Computer.

»Das Programm adjustiert schrittweise die eingespeisten Verhaltenswahrscheinlichkeiten an die tatsächlichen Ergebniswerte«, beschreibt Infas das Verfahren. Oder, mysteriöser: »Iterativ tastet sich das Programm an die optimale Kombination heran.« Hoschka und Schunck skizzieren den Sinn des komplizierten EDV-Vorgangs schlicht so: » Die Notwendigkeit einer weiteren Bearbeitung ergibt sich » » deswegen, weil (die) ersten Schätzungen eben wegen der » » unstimmigen Ergebnisse der Umfragen nicht die Randbedingung » » erfüllen, daß sich das neue aus dem alten Wahlergebnis exakt » » ableiten läßt. In einem nächsten Schritt werden daher die so » » aufgedeckten Abweichungen mit Hilfe eines mathematischen » » Verfahrens so verteilt, daß die Randbedingung erfüllt ist. Im » » Grunde läuft dieses Verfahren darauf hinaus, die sichtbar » » gewordenen Fehler mit Hilfe der Mathematik wieder zu » » verstecken. »

Mit anderen Worten: Selbst wenn die Wahlforscher absolut unsinnige Angaben über das Wahlverhalten bestimmter Gruppen eingeben würden -das Computerprogramm sorgt in jedem Fall dafür, daß Einzelwerte herauskommen, die unter dem Strich exakt das amtliche Wahlresultat ergeben.

Durch diverse Rechenoperationen, warnten Hoschka und Schunck schon 1975, würden sich vergleichsweise geringfügige Ausgangsfehler vervielfachen: Für die Angaben über Wanderungen zwischen den Parteien, schrieben sie, ergäben sich »Fehlerabschätzungen bis zu fast 80 Prozent«.

Bisweilen werden solche Pannen in der Tat publik: dann nämlich, wenn ein Statistisches Landesamt Angaben über das Jungwähler-Verhalten veröffentlicht, die in ausgewählten Wahllokalen mit Hilfe markierter Stimmzettel gewonnen worden sind.

So hat Infas nach der hessischen Landtagswahl 1974 den Anteil der Jungwähler, die für die SPD stimmten, mit 42,6 Prozent angegeben; die Landesstatistiker dagegen ermittelten später 51,7 Prozent -- ein Infas-Fehler von, relativ gesehen, mehr als 20 Prozent.

Oder: Bei der Niedersachsen-Wahl im selben Jahr bezifferte Infas den Anteil der Stimmenthalter unter den Jungwählern auf 16,5 Prozent; amtliches Ergebnis: 29,4 Prozent -- relativer Fehler: 78 Prozent.

»Wir haben«, räumt Infas-Sprecher Lutz Unterseher ein, »mit dem Modell einige Unfälle erlebt, aber daraus gelernt. So ein Modell lebt von der Justierungsarbeit.«

Im übrigen, beteuert Unterseher, habe Infas »nie behauptet, daß die Wählerwanderungsbilanz so exakt ist wie eine Hochrechnung«. Im Gegenteil: »Wir haben den Fernsehleuten immer gesagt, gebt die Wanderungszahlen nicht in Hundertern an, sondern in Tausendern.«

Auch aus Politiker-Sicht sind die Infas-Schätzungen »nicht der Weisheit letzter Schluß« (SPD-Pressedienst), wohl aber bisweilen aussagekräftiger als die häufig über den Daumen gepeilten Wertungen vieler Leitartikler. Die Wählerstrombilanz, sagt Unterseher, sei immerhin das einzige Modell zur Interpretation von Wahlergebnissen, das »simultan und simulativ subjektive und objektive Daten integriert -- das gibt''s sonst nirgends«.

Das wird es vorerst wohl auch nirgendwo sonst geben. Die Mannheimer »Forschungsgruppe Wahlen«, die den ARD-Konkurrenten ZDF beliefert, jedenfalls teilt die Ansicht der Infas-Kritiker Hoschka und Schunck, Wählerstromdaten seien derzeit »nicht einmal als Orientierungsgrößen brauchbar«.

Forschungsgruppen-Mitglied Wolfgang G. Gibowski hat dem ZDF denn auch abgeraten, künftig ebenfalls mit solchen Daten aufzuwarten: »Wir finden es nicht okay, daß so etwas gesendet wird.«

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Die Notwendigkeit einer weiteren Bearbeitung ergibt sich deswegen,

weil (die) ersten Schätzungen eben wegen der unstimmigen Ergebnisse

der Umfragen nicht die Randbedingung erfüllen, daß sich das neue aus

dem alten Wahlergebnis exakt ableiten läßt. In einem nächsten

Schritt werden daher die so aufgedeckten Abweichungen mit Hilfe

eines mathematischen Verfahrens so verteilt, daß die Randbedingung

erfüllt ist. Im Grunde läuft dieses Verfahren darauf hinaus, die

sichtbar gewordenen Fehler mit Hilfe der Mathematik wieder zu

verstecken.

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S.46Mit ARD-Wahlmoderator Günter Siefarth (M.) und Infas-Chef KlausLiepelt (r.).*

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