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Briefe

WEICHE ERKLÄRUNGEN
aus DER SPIEGEL 11/1960

WEICHE ERKLÄRUNGEN

Dieser Brief kommt etwas verspätet, hat aber wohl doch seine Berechtigung auf Grund der Intensität und Seitenfülle, mit der Sie sich Woche für Woche dem »Fall Oberländer« widmen. In Ihrem Artikel über die beiden Erklärungen der Bonner Hochschulgruppe des Ringes Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) zum »Fall Oberländer« machten Sie den Studenten allerhand Komplimente; laut Ihres Artikels haben sie sich zu den Erklärungen »ermannt": Ich habe diesen Fall sehr genau verfolgt und will daher einiges hierzu bemerken.

Der Bonner RCDS hat am 1. Februar nach einem Gespräch mit P. W. Wenger und CDU-MdB v. Guttenberg und auf Grund einer Pressenotiz über eine Äußerung des letzteren den, Rücktritt meines Vater gefordert wegen »intensiver Betätigung im Hitlerreich«. Bezeugtermaßen ist diese schwere Beschuldigung ohne jede Unterlage, nur auf Grund mündlicher Äußerungen und Vermutungen erhoben worden.

Nach Einsicht in Entlastungsmaterial meines Vaters und einem Gespräch mit ihm erklärten die Studenten, daß »gegen die Vergangenheit des Ministers Oberländer keinerlei Bedenken bestünden«. Zugleich traten die beiden Vorsitzenden Schneider und v. Hoegen - wohl aus Ärger über ihre eigene Unvernunft und Fahrlässigkeit - von ihren Ämtern zurück und aus dem RCDS aus.

Am 17. Februar haben die Mitglieder des RCDS eine dritte Erklärung abgegeben, in der sie die Zugehörigkeit meines Vaters zur Bundesregierung als »Belastung« bezeichnen. Zugleich wurden die beiden Ausgeschiedenen wieder in ihre Ämter eingesetzt. Hierbei hat wiederum die Hilfestellung des MdB v. Guttenberg eine wesentliche Rolle gespielt. Auch die neuerliche Erklärung entbehrt jeder Grundlage; die Mitglieder waren nicht einmal daran interessiert, das Entlastungsmaterial einzusehen.

Der Tatbestand ist also der, daß einige Studenten von ebenfalls recht wenig orientierter Seite zu einer Erklärung angestiftet worden sind, wobei sie selbst die Fahrlässigkeit und Unaufrichtigkeit begingen, sich nicht um die echten Unterlagen und damit um die Wahrheit zu kümmern. Wenn man auch den Studenten, gemessen an den Tatsachen, politische Unreife zugesteht, so muß man wenigstens Herrn Wenger und MdB v. Guttenberg den Rat geben, demnächst ihren »Anhang« etwas besser zu informieren; es würde sicherlich der Auffindung der Wahrheit, die eine Grundforderung für den christlich demokratischen Politiker ist, nützlicher sein.

Bonn KLAUS OBERLÄNDER

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