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SCHLESWIG-HOLSTEIN Wein und Wahrheit

Eine Intervention zugunsten eines reichen Bekannten bringt Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) kurz vor der Landtagswahl ins Gerede.
aus DER SPIEGEL 39/2009

Es war ein exklusiver Kreis, den Bertram Graf von Brockdorff am 11. September in seinem Herrenhaus auf Gut Kletkamp empfing. Adlige Grundbesitzer, Großbauern und drei Christdemokraten: Schleswig-Holsteins Landwirtschaftsminister Christian von Boetticher, der Bundestagskandidat Philipp Murmann und Hans-Jörn Arp, Schatzmeister der Union im notorisch klammen Norden.

Brockdorff ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft des Grundbesitzes e. V. Die Lobby-Vereinigung der Gutsbesitzer wollte über »Herausforderungen für die Politik« in Schleswig-Holstein nach der Wahl diskutieren. »Eine Unterlage, die die Gespräche strukturieren kann«, hatte die Vereinsspitze der Einladung beigelegt.

Das zweiseitige Papier belegt, wie konsequent die nordelbischen Gutsherren nach Freiheit streben. Freiheit vom Staat. Die Bewirtschaftung der Wälder müsse von »hoheitlichen Einschränkungen« befreit werden, heißt es da. Zudem sei »offensiv zu prüfen«, ob man nicht »deregulierend« von den Vorgaben des Natur- und Gewässerschutzes abweichen könne.

Mehr Staat fordern die Grundbesitzer allenfalls bei der »Unterstützung von Denkmaleigentümern«. Vereinschef Brockdorff kennt sich da aus. Knapp die Hälfte der Gesamtkosten für die Renovierung seines Herrenhauses kam aus öffentlichen Fördertöpfen.

Die Sitzung wäre wohl kaum erwähnenswert, wenn sie nicht durch die Anwesenheit des christdemokratischen Landwirtschaftsministers geadelt worden wäre. Und so spricht vieles dafür, dass eine neue Regierung unter Führung der CDU die Wünsche der Gutsbesitzer berücksichtigen wird. Denn auch Boettichers Chef, der um seine Wiederwahl kämpfende Ministerpräsident Peter Harry Carstensen, hat ein Herz für die Wünsche reicher Männer - so absurd sie auch sein mögen.

Im Umfeld des Brockdorff-Vereins ist Hermann Langness zu finden, Schleswig-Holsteins größter Arbeitgeber und Sponsor des Drittliga-Fußballclubs Holstein Kiel, der nach Zweitklassigkeit strebt. Zum Langness-Imperium gehört die Supermarktkette Famila und eine 50-Prozent-Beteiligung an der Citti-Gruppe, bei der die Lebensgefährtin des Ministerpräsidenten, Sandra Thomsen, als Personalmanagerin angestellt ist.

Langness besitzt viel, aber eines fehlte ihm. Ein Weingut. Ausgerechnet im kühlen Schleswig-Holstein. Reiche Männer sind es gewohnt, Träume wahr werden zu lassen, und so erhielt Ernst-Wilhelm Rabius, Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium, Ende Mai 2008 einen Brief von Karsten Witt, der seit 1978 auch die Arbeitsgemeinschaft des Grundbesitzes als Anwalt vertritt. Witt bat im Auftrag seines Mandanten Langness um ein Gespräch. Man wolle die Möglichkeiten für Weinanbau im Raum Plön erörtern - zu diesem Zeitpunkt ein fast unmögliches Vorhaben.

Denn die EU hat die Flächen, auf denen kommerzieller Weinbau betrieben werden darf, streng limitiert. Neuanpflanzungen dürfen nur noch auf bereits genehmigten Flächen erfolgen, und die gab es zwischen Nord- und Ostsee nicht.

Nur wenn ein anderes Bundesland solche Kontingente an Schleswig-Holstein abtreten würde, konnten Langness' Weinträume Wirklichkeit werden. Doch für so einen Deal blieben nur noch wenige Wochen Zeit. Am 1. August 2008 trat die neue EU-Weinmarktordnung in Kraft, die solche Tauschaktionen unmöglich machte.

Die zuständigen Experten im Landwirtschaftsministerium sahen für eine »fachliche Erörterung dieser Möglichkeit« aufgrund der Kürze der verbleibenden Zeit »keine Realisierungsmöglichkeit«, wie es in einem internen Vermerk heißt.

Doch dann schaltete sich der Ministerpräsident persönlich in die Verhandlungen ein und schwatzte seinem rheinlandpfälzischen Amtskollegen Kurt Beck zehn Hektar Weinbaufläche ab. Und so wurde Schleswig-Holstein - zwei Monate nachdem bundesweit letztmalig Neuanpflanzrechte vergeben worden waren - am 30. Juli 2008 offiziell Weinbauland.

In seinem Drang, seinem reichen Bekannten einen Gefallen zu tun, hatte der Landesvater allerdings eine Kleinigkeit übersehen. Die deutsche Weinverordnung erlaubt Neuanpflanzungen nur »für die Erzeugung von Qualitätswein«. Das aber ist in Schleswig-Holstein kaum möglich, wie selbst die Unterlagen zeigen, die Langness-Anwalt Witt im Landwirtschaftsministerium vorlegte. Zu erwarten ist bestenfalls ein flacher Natursäuerling, der - in schlechten Jahren leicht erwärmt - sogar zum Abbeizen verwendet werden könnte. In der »Landesverordnung zur Durchführung weinrechtlicher Vorschriften« ist deshalb auch nur von »Landwein« die Rede.

Während sich die Landesregierung bis Freitagabend zu einer Stellungnahme nicht in der Lage sah, spottet der grüne Landtagsabgeordnete Detlef Matthiessen über die Weinposse ("Politik nach Gutsherrenart"). Denn auch ein Carstensen-Neffe darf nun auf einem Grundstück vom Weinbau profitieren, das er von seinem Onkel Peter Harry gepachtet hat.

Es ist womöglich dieser Sinn für Familie und Tradition, der die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft des Grundbesitzes eine »liberal-konservative Ressortleitung« für die kommende Legislaturperiode fordern lässt. Dafür wollen sie ihren Beitrag leisten. Im Herrenhaus Kletkamp lagen am 11. September, wie es in der Einladung hieß, »Überweisungsträger« aus. Für die CDU. GUNTHER LATSCH

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