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PRESSE Weinende Garde

Schon wieder Führungswechsel beim »Stern": Chefredakteur Scholl-Latour war nur ein Neun-Monats-Mann. *
aus DER SPIEGEL 11/1984

Auf einer Bilanz-Pressekonferenz in Gütersloh feierte Bertelsmann-Vorstandschef Mark Wössner am Mittwoch letzter Woche die Qualitäten des Chefredakteurs Peter Scholl-Latour. Als journalistische »Persönlichkeit« von Rang sei er beim konzerneigenen »Stern« in Hamburg fest »gebunden«.

Tags darauf war die Bindung gelöst. Den verblüfften »Stern«-Redakteuren verkündete Scholl-Latour in der Morgenkonferenz, er sei ihr Vorgesetzter nur »vom Himmelfahrtstag bis Aschermittwoch« gewesen. Rolf Winter, 56, bisher Chefredakteur bei »Geo«, werde nächsten Monat seinen Job übernehmen.

Nur neun Monate amtierte der vormalige Pariser ZDF-Korrespondent als Chef der größten deutschen Illustrierten (Auflage 1,5 Millionen), nachdem ihn der Verlag Gruner + Jahr (G+J) im Mai letzten Jahres gegen den Willen der Redaktion berufen hatte. Nun erst, zehn Monate nach Veröffentlichung der falschen Hitler-Tagebücher (siehe Seite 90), die das Revirement an der Spitze bewirkten, können restliche Spätfolgen der »Stern«-Affäre redaktionsintern bereinigt werden. Winter, früher schon mal als stellvertretender Chefredakteur beim Bilderblatt, war seit Monaten der Wunschkandidat der Redaktionsmehrheit.

Nach dem seinerzeit erfolgreichen Aufstand der Redakteure gegen den konservativen Johannes Gross gab dessen verbliebener Mitstreiter Scholl-Latour jetzt von sich aus den Weg frei. »Gelassen bis heiter« erklärte er am Vortag seines 60. Geburtstags seinen Amtsverzicht zum 1. April.

Mit ihm geht auch der zweite Chefredakteur Rolf Gillhausen, 61. Dem routinierten »Stern«-Gestalter, einst Vize von Blattgründer Henri Nannen, fiel die Trennung sichtlich schwerer. Er will künftig Filme machen.

Für Scholl-Latour gab es zum Abschied sogar Beifall der Kollegen. Zwar spendete ihm die Redaktion, wie er spürte, nicht gerade »les adieux de Fontainebleau« wie weiland die »weinende Garde« ihrem Kaiser Napoleon. Aber dafür, tröstete sich der Deutsche mit dem französischen Paß, habe er in

Hamburg auch kein Waterloo erlebt. Redaktionsinterne Konflikte überstand er mit wechselndem Erfolg. Mai intervenierte Stellvertreter Dieter Gütt, namens der Redaktion, gegen eine Scholl-Latour-Kolumne mit Kritik am Tabu der »Euthanasie, so gnädig sie manchmal sein mag« - und der Chefredakteur strich die »mißverständliche« Passage. Dann aber wies Scholl-Latour Forderungen nach eingeschränkten Kompetenzen kompromißlos zurück.

Mal provozierte er die Redaktion, die den US-Einmarsch auf Grenada zuvor als »Afghanistan West« ("Stern«-Schlagzeile) bewertet hatte, in einer Kolumne mit dem Satz: »Grenada ist nicht das Afghanistan des Westens.« Dann aber blieb die Kolumne ungedruckt liegen, weil die zugehörige Grenada-Reportage, so der Chef, wegen untauglicher Photos habe entfallen müssen.

Gab es Streit mit der Redaktion, pochte Scholl-Latour auf seinen Fünfjahresvertrag. Einschränkungen seiner vertraglich garantierten Rechte wollte er nicht hinnehmen: »Dann müssen die mich auszahlen.«

G+J-Vorstandschef Gerd Schulte-Hillen begriff schnell, daß die Uneinigkeit zwischen Redakteuren und Chefredakteur keine neue Erfolgsbasis für den journalistisch instabil gewordenen »Stern« versprach, auch wenn der Auflagenrückgang und die Anzeigeneinbußen langsam wieder wettgemacht wurden. Doch der Verlagschef scheute sich, den Nothelfer zu desavouieren.

Einen plausiblen Anlaß für den schnellen Abgang lieferte der beschleunigte Trend zum Privatfernsehen. Eine 40-Prozent-Beteiligung beim deutschsprachigen TV-Programm von Radio Luxemburg und Sendepläne für ein Satellitenfernsehen ufern bei Bertelsmann samt Tochter Gruner + Jahr rapide zu einem zusätzlichen Geschäftszweig aus - einer »neuen Fhase der Unternehmensentwicklung« (Wössner).

So bot sich an, was G+J-Insider eine »elegante Lösung« der Probleme nennen: Der Fernsehprofi Scholl-Latour kümmert sich als Gesellschaftervertreter künftig gemeinsam mit den Vorstandsmitgliedern John Jahr junior (Gruner + Jahr) und Manfred Lahnstein (Bertelsmann) um eine neue TV-Beteiligungsgesellschaft: die Ufa. Vertragszeit und Bezüge, deren jährliche Höhe von einer Million Mark Scholl-Latour »weder bestätigen noch dementieren« will, bleiben unverändert.

Zusammen mit Gross gehört er weiter zum Vorstand bei Gruner + Jahr. Zugleich behält er den schmückenden Titel des »Stern«-Herausgebers, zwar ohne redaktionelle Kompetenzen, aber als Repräsentant des Blattes bei der Werbewirtschaft und gelegentlicher Zulieferer von Interviews oder Reportagen.

»Geo«-Chef Winter wird Allein-Chefredakteur. Er hatte, auf Sympathiewerbung bedacht, seine Berufung von der

vorherigen Zustimmung des »Stern«-Redaktionsbeirats abhängig gemacht - besonders geschickt, weil Statutverhandlungen über ein solches Vetorecht für die G+J-Redaktionen gerade an Schulte-Hillens Weigerung gescheitert waren.

Winter, der im Gegensatz zu Scholl-Latour als ausdauernder und detailgenauer Schreibtischarbeiter gilt, führte »Geo« auf steilen Erfolgskurs. Das Monatsblatt erreichte binnen sieben Jahren eine Auflage von fast einer halben Million. Am G+J-Verlust von 30 Millionen Dollar mit einer US-Ausgabe von »Geo« war er unbeteiligt.

Schon vor Amtsantritt begleitet den Rückkehrer das nun schon gewohnheitsmäßige Rumoren beim »Stern«. Einzelne Redakteure, die an seiner Berufung herumnörgelten, erinnerten an eine in der Redaktion einst heftig kritisierte »Stern«-Serie über Karl Marx, die Winter 1975 für das Blatt geschrieben hatte. Drastisch, provokant schilderte sie das »Chaos«, die Herrschsucht, den »jüdischen Selbsthaß« in Marx' Leben. Kommentar von Kritikern: »Dagegen war Scholl-Latour ja noch harmlos.«

Auch eine »Geo«-Ausgabe von 1981 machte die Runde. Darin mußte sich Winter für eine Fälschung, wenngleich nicht vom Kaliber der Hitler-Tagebücher, »in großer Betroffenheit« bei seinen Lesern entschuldigen: Ein »Geo«-Bericht über Pandabären in der chinesischen Wildnis war von einem Reporter erfunden worden. Die veröffentlichten Photos stammten aus einem Freigehege.

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