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CHINA Weise Entscheidung

Die Kommunisten ändern ihre Geschichtsschreibung. Der frühere Todfeind Tschiang Kai-schek ist nun ein Patriot. *
aus DER SPIEGEL 41/1985

Bis zum Ende, Kampf den Japanern« ist auf den Deckel einer kleinen Taschenuhr graviert. Ein General der nationalistischen, antikommunistischen Regierungspartei Kuomintang (KMT) trug sie 1938 in der Schlacht von Taierzhuang, in der die Japaner mehr als 10 000 Mann verloren. Jetzt liegt die Uhr auf roten Samt gebettet in einer Vitrine des Pekinger Militärmuseums. Zusammen mit zerschlissenen Meldetaschen, abgewetzten Tagebüchern und angerosteten Maschinengewehren zeugt sie von dem achtjährigen »anti-japanischen Krieg« der Chinesen.

Überraschend ist dabei, daß das »Militärmuseum der Revolution des chinesischen Volkes« nun auch die Verdienste der chinesischen Nationalisten würdigt. Denn bislang war die Ausstellung in dem Zuckerbäckerbau stalinistischen Stils einzig den Taten der Kommunisten vorbehalten.

Vor kurzem sind auch die früheren Feinde hier eingezogen: Photos zeigen den ehemaligen Premier Tschou En-lai im Kreise von Beamten der Nationalregierung, den Kuomintang-General Tschiang Kai-schek mit US-Präsident Roosevelt und Englands Premier Churchill in Kairo oder nationalistische Verbände in den Schlachten um die Großstädte Wuhan, Nanking, Schanghai, Peking und Taierzhuang. Das Taschenbuch eines KMT-Piloten trägt die gestickte Widmung »Wir werden siegen«.

Der nationalistische Generalissimus Tschiang Kai-schek, von seinen Anhängern »Gimo« genannt, von Maos Kommunisten 1949 besiegt und nach Taiwan verjagt, ermuntert seine Soldaten zum Widerstand gegen die japanischen Invasoren - auf einem Photo, das junge Chinesen nun bestaunen. Bislang wurde so etwas nicht gezeigt in der Volksrepublik.

Die Ausstellung markiert eine radikale Wende: Während noch jüngst die »Kurze Geschichte Chinas« von den »kapitulationistischen Aktivitäten« der Kuomintang sprach und behauptete, die KMT-Front sei vor den vorrückenden Japanern »zerschmolzen«, lobt die Parteipresse Tschiang Kai-scheks

Anhänger nunmehr als aufrechte Patrioten.

Kuomintang und Kommunisten hatten unter dem Druck der japanischen Expansionisten zusammengefunden, die 1931 in die Mandschurei eingefallen waren. Sie setzten dort Chinas letzten Kaiser als Regenten eines Marionetten-Regimes namens »Kaiserreich Mandschukuo« ein und inszenierten am 7. Juli 1937 an der Marco-Polo-Brücke bei Peking einen Zwischenfall, den sie als Vorwand zur Invasion gegen ganz China brauchten.

Die Ausstellung, die am 40. Jahrestag der japanischen Kapitulation eröffnet wurde, übergeht die Konflikte und den schließlichen Bruch zwischen KP und KMT nicht. Aber die Exponate und Schlachtengemälde mit den Zeugnissen nationalistischen Widerstands sollen signalisieren, daß jetzt wieder Zusammenarbeit angesagt ist: »Wir hoffen«, so kommentierte das englischsprachige Blatt »China Daily« unverblümt, »daß die KMT-Vertreter im geschichtlichen Strom der Vereinigung des Mutterlandes eine weise Entscheidung treffen.«

Die Erinnerung an eine gemeinsame patriotische Vergangenheit soll dafür den Boden bereiten. Sie ist Teil einer diplomatischen Offensive, die nach dem Sturz der linksextremen »Viererbande« vor neun Jahren begann: Chinas Führer, der 82jährige Teng Hsiao-ping, strebt die Wiedervereinigung mit Taiwan an, dem Exilstaat des 1975 gestorbenen Tschiang Kai-schek, dessen Sohn Tschiang Tsching-kuo jetzt in der Hauptstadt Taipeh regiert.

Während die Volksrepublik den KMT-Staat Taiwan ("Republik China") zuvor verteufelte, wirbt sie jetzt mit Gesprächsangeboten, Vorschlägen zum Post- und Telephonverkehr, Familienbesuchen und direktem Handel um die Erben Tschiang Kai-scheks. Chinas Fernsehen zeigt Vermischtes aus Taiwan, berichtet über Naturkatastrophen und Forschungserfolge, selbst die abendliche Wettervorhersage schließt Taipeh mit ein. Eine eigene Zeitschrift druckt Geschichten über die Provinz, Taiwans Filmstars werden auf Farbseiten vorgestellt. China bemühte sich - vergeblich - um den Auftritt von Taiwans bekanntester Pop-Sängerin.

In Anlehnung an die Vereinbarungen mit Hongkong, in denen die Zukunft der britischen Kronkolonie nach dem Muster »eine Nation, zwei Systeme« geregelt ist, soll das mit Festlandchina wiedervereinigte Taiwan eigene Regierung und sogar eigene Streitkräfte behalten dürfen - jene Armee, die einst gegen Maos Verbände kämpfte.

Den Kuomintang-Militärs gelten daher vor allem Pekings patriotische Gesten: Bei Nanking wird ein Luftwaffenfriedhof wiederhergerichtet, in Schanghai

feiert die Stadt 800 KMT-Veteranen, ehemalige Militärs aus Hongkong und Übersee werden auf Symposien herumgereicht.

Die Memoiren eines KMT-Generals sollen demnächst erscheinen, und das frühere Haus Tschiang Kai-scheks in der Kriegshauptstadt Tschungking, Waldgarten Nummer 1, wurde restauriert. Schließlich bekommen rund 1,7 Millionen KMT-Soldaten vom Zentralkomitee der KP für ihre Teilnahme am Krieg gegen Japan eine Ehrenurkunde.

Trotz der nationalen Bekenntnisse der Kommunisten haben sich Taiwans Machthaber bislang allen Annäherungsversuchen verschlossen. Selbst im blühenden, wenn auch indirekten Handel mit dem Festland, der im ersten Halbjahr 1985 um 155 Prozent auf fünf Milliarden US-Dollar stieg, sehen Taipehs Anti-Kommunisten Gefahren: Das Angebot für direkte wirtschaftliche Kontakte erscheint ihnen als »zuckerüberzogene Gewehrkugel«.

Noch Anfang September schloß Präsident Tschiang Tsching-kuo Verhandlungen aus: »Solange die chinesischen Kommunisten das kommunistische System unseren Landsleuten auf dem Festland aufzwingen«, so der Sohn und politische Erbe des jetzt in Peking geehrten Tschiang Kai-schek, »gibt es keine Möglichkeit für die beiden Seiten zu verhandeln.«

Aus diesem Grund wollen die Politiker in Peking die Anwendung von Gewalt gegenüber der »noch nicht befreiten Provinz Taiwan« (so die offizielle Bezeichnung der KP für den KTM-Staat) nicht ausschließen. Pekings Reformkommunisten versuchen es lieber mit patriotischen Appellen und nostalgisch verbrämtem Nationalismus.

Der Jahrestag des Sieges über Japan bot Gelegenheit, an das Bündnis in der »Vereinten Front« zu erinnern. Und vielleicht kommt auch die Uhr des KMT-Generals aus den dreißiger Jahren noch einmal zum Einsatz: Über die Schlacht von Taierzhuang wird jetzt ein Film gedreht.

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