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Schottland Weiße Hölle

Großbritanniens höchste Berggipfel, nach alpinen Maßstäben harmlose Hügel, sind Todesfallen für Dutzende Bergsteiger.
aus DER SPIEGEL 14/1995

An klaren Tagen kann Terry Confield, 50, von seinem Büro aus den prächtigen Blick auf die schroffen Felsformationen des Ben Nevis genießen, der mit 1343 Metern höchsten Erhebung Großbritanniens. Dann ist der Berg »harmlos, ein Paradies zum Wandern und Klettern«, schwärmt der Forstbeamte und Leiter der Bergwacht.

Doch klare Tage sind im schottischen Hochland, zumal zu dieser Jahreszeit, so häufig wie Glatteis in Florida. Viel öfter herrscht lausiges Wetter wie auch vergangene Woche: Von Sturmböen getrieben, jagen dicke Schneewolken über den »Ben«, wie die Bewohner von Fort William ihren Hausberg nennen.

Das unberechenbare Klima des Nordwestens mit jähen Wechseln und Temperaturschwankungen wird durch das Zusammenprallen arktischer Kaltfronten mit der warmen Luft des nahen Golfstroms bestimmt. Oft schlägt das Wetter binnen weniger Minuten um - eben war der Himmel noch fast wolkenfrei, dann ziehen Schneestürme mit Spitzenböen von 200 Stundenkilometern herauf: ein Alptraum für unerfahrene Kletterer. Blitzschnell werden die Steilwände und Eisrinnen zu tödlichen Fallen. Die geringe Höhe - nur ein Viertel von Matterhorn oder Montblanc - verführt viele Bergkameraden dazu, die Gefahr zu unterschätzen.

Selbst Temperaturen um minus 30 Grad, Nebel und Lawinen halten Leichtsinnige nicht von Touren in die weiße Hölle ab. Seit Anfang Februar haben Confield und seine 41 Kollegen der freiwilligen Bergrettung zwei Dutzend in Bergnot geratene Urlauber geborgen - und zwei Tote heruntergeholt.

Es hätten leicht auch fünf sein können. Daß die Studentinnen Zoe Green, 20, und Iona Roden, 22, sowie der Bankbeamte Andrew Wilson, 44, ihr Bergabenteuer überlebten, ist für Confield »ein schieres Wunder«. Der verirrte Skiwanderer Wilson hielt drei Nächte im Schneesturm aus; die Studentinnen trotzten an der berüchtigten Ben-Nevis-Nordflanke 36 Stunden lang in einem Notbiwak eng aneinandergeschmiegt Sturm und Eis. Confield, dessen Suchtrupp die beiden rechtzeitig entdeckte: »Wir waren felsenfest überzeugt, nur noch zwei Tote zu finden.«

Leichen müssen die Rettungsleute von Fort William oft genug bergen, und jedes Jahr gibt es mehr Unfälle. 1994 ließen in den schottischen Höhenzügen 40 Touristen ihr Leben - fast doppelt so viele wie noch vor sechs Jahren. Seit Winterbeginn starben allein auf dem Ben Nevis und den benachbarten Gipfeln des Glencoe-Gebirgszugs 12 Menschen, meistens durch Lawinenabgänge. Zum Vergleich: In der Schweiz kamen unter Lawinen und Schneebrettern bis Ende März 19 Menschen ums Leben.

Doch die Unfallquote, da ist sich Confield nach 30 Jahren Hilfseinsatz am Ben Nevis sicher, »wird in den kommenden Wochen noch ansteigen. Denn erst im Frühjahr gibt es in unseren Bergen die meisten Todesfälle«.

Die Hochsaison für die Bergretter und die Leichenbestatter von Fort William beginnt Ostern. Dann werden Tausende Kletterer und Bergwanderer aus dem gesamten Vereinigten Königreich die Highlands heimsuchen. Längst hat sich der Alpinismus zum am schnellsten wachsenden Sport im Inselreich entwickelt. Derzeit kraxeln etwa 700 000 Briten mit Pickel und Seil auf Berge - manche im Himalaja, die Mehrheit im schottischen Hochland.

»Vor allem das Element des Risikos« in einer ansonsten streng an Konventionen gebundenen Gesellschaft suchten seine Landsleute in lichten Höhen, vermutet Roger Payne vom Alpinisten-Dachverband British Mountaineering Council. Die wachsende Risikobereitschaft hält die insgesamt 24 schottischen Bergrettungstrupps in Atem.

Vergangenes Jahr kosteten die Hilfsaktionen, bei denen meistens auch Armeehubschrauber im Einsatz sind, umgerechnet zwölf Millionen Mark. Deshalb will der konservative Parlamentsabgeordnete Bill Walker nach französischem Vorbild eine Zwangsversicherung für Bergsteiger einführen.

Solche Überlegungen hält Confield für »Quatsch«. Denn: »Wer in die Berge geht, hat ein Recht darauf, umsonst gerettet zu werden.« Seine Hilfstruppe am Ben Nevis finanziert sich überwiegend aus Zuschüssen einheimischer Hoteliers, Einnahmen aus einer sommerlichen Luftmatratzenregatta sowie den Spenden dankbarer Geretteter.

Doch mit denen hat Confield auch schon schlechte Erfahrungen gemacht, zuletzt mit den beiden Studentinnen Green und Roden. Zwar verkauften sie ihre dramatische Überlebensstory für ansehnliche Honorare an Londoner Boulevardblätter und versprachen der Bergwacht einen gerechten Anteil.

Aber einen Scheck hat Confield bis heute nicht bekommen, und er rechnet auch gar nicht mehr damit. Ist das schofelige Verhalten nun ein weiterer Beleg für schottische Sparsamkeit? Nichts da, sagt Confield grimmig, »die Mädels sind Engländerinnen«. Y

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Kartenausschnitt: Schottland - Berge um Fort William

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