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SCHMUGGEL Weiße Riesen

Die illegale Einfuhr von Anabolika, Doping-Mitteln für Muskelmänner, nimmt rapide zu. *
aus DER SPIEGEL 20/1987

Der Mann mit dem mächtigen Brustkasten, im Auto von Freiburg nach Norden unterwegs, wurde sorgfältig beschattet. Als er am ABC-Schuhmarkt im pfälzischen Landau aus dem Wagen stieg, gaben sich die Verfolger zu erkennen: »Zollfahndung.«

Gert Nicolai, der in der Nähe sein Fitneßstudio »Gert''s Biceps Gym« betreibt, beobachtete die Szene. Plötzlich sah er"Polizei und Pistolen«, dann wurde der Verdächtige festgenommen, das Auto gefilzt. Die Beamten fanden Ampullen des Anabolikum-Präparats »Finaject 30« im Wert von 2200 Mark, eingekauft in einer Tierklinik im Elsaß.

Bodybuilder Nicolai weist den Verdacht von sich, die Ladung aus Freiburg könne für ihn bestimmt gewesen sein. Dennoch forschen die Ermittler bei Landauer Muskelmännern nach, ob sie beim Krafttraining Präparate aus Frankreich schlucken, die sonst für das Doping von Rennpferden benutzt werden.

Wie Nicolai sind die befragten Athleten nicht sonderlich gesprächig. Denn wer »Arzneimittel in den Verkehr« bringt, »bei denen begründeter Verdacht auf schädliche Wirkungen besteht«, und wer dabei »aus grobem Eigennutz für sich oder einen anderen Vermögensvorteile großen Ausmaßes erlangt«, wird nach dem Arzneimittelgesetz mit »Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren« bedroht.

Die Roßkuren im Pfälzischen, weiß Erich Göppert, Chef des Freiburger Zollfahndungsamtes, sind nichts Außergewöhnliches mehr: Nach Gold- und Rauschgiftschmuggel ist die illegale Einfuhr der Hormonpräparate »die neueste Masche der Schmuggler auf dem Weg zum schnellen Geld«.

Die Mittel für Kraftprotze landen in allerlei Fitneßcentern und werden, so ein Zollbericht, vor allem von »Bodybuildern mit Ambitionen auf Meisterschaftserfolge« konsumiert. Inzwischen gebe es »Hunderte«, so Albert Busek, Vorsitzender des »Bayerischen Landesverbands für Body-Building, Fitneß und Kraftsport e.V.«, die sich am Anabolika-Handel »bereichern«.

Anabolika, synthetisch hergestellte Varianten des männlichen Sexualhormons Testosteron, schalten bestimmte Hormonbremsen aus, ermöglichen größeren Muskelzuwachs und somit sportliche Höchstleistungen. Die Einnahme der sogenannten anabolen Steroide kann zu Dauerschäden an Lunge, Leber, Nieren und Hoden führen, bei Frauen erzeugen die Mittel Menstruationsbeschwerden und Bartwuchs. Die Sportmedizin kennt mehr als 70 Todesfälle nach Anabolika-Konsum.

Während durch Kontrollen bei Wettkämpfen Doping schnell festgestellt wird, ist die Überwachung der Athleten beim Training höchst selten. Professor Manfred Donike von der Sporthochschule Köln hat deshalb Kraftsportler »aller Disziplinen« im Verdacht, daß sie Muskelsubstanz nicht nur mit Eiweiß-Diät,

sondern »auch durch Pillen und Spritzen erzeugen«.

Viel Aufsehen in der Reihe der Doping-Affären erregte der Fall des Gewichthebers und Goldmedaillengewinners von Los Angeles, Karl-Heinz Radschinsky. Mit zwei Komplizen hatte der Vertreter für Eiweiß-Kraftnahrung von Mitte 1983 bis Anfang 1985 rund 50 Bodybuilding-Zentren mit Anabolika beliefert. Radschinsky, im Dezember zu 35000 Mark Geldstrafe und 18 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, hatte die »weißen Riesen«, wie Anabolika genannt werden, bei Wettkampf-Begegnungen von Ostblock-Athleten gekauft.

Ein Zeuge in dem Prozeß über die Gier vieler Sportler nach Riesen-Nahrung: »Die wollen halt einmal in ihrem Leben einen Meistertitel und nehmen dafür einen dauernden Leberschaden gern in Kauf.« Die Leute, berichtet Jusup Wilkosz, zweimaliger »Mr. Universum«, »greifen zu Dosierungen, die zehn- bis zwanzigmal höher sind als empfohlen«.

Derlei Mengen von Anabolika kann nur noch der graue Markt liefern. Die Schmuggler, schätzt der Freiburger Zollfahnder Göppert, »arbeiten mit 500 Prozent Gewinn« - und mehr. So kosten sechs Ampullen des französischen Mittels »Pregnyl« laut Zoll im lothringischen Forbach 48,50 Franc (rund 16 Mark); für das vergleichbare inländische Präparat »Pregnesin« muß der Kunde im benachbarten Saarbrücken 132,84 Mark bezahlen - wenn er es überhaupt erhält: Das Mittel gibt es nur auf Rezept. Rudolf Pieper, Zollfahndungschef an der Saar: »Was da läuft, kann man sich denken.«

Das meiste, vermuten die Zollfahnder, bleibt im dunkeln. »Wenn wir einen Fall aufdecken«, schätzt Pieper, »dann sind bestimmt 500 Fälle vorausgegangen.« Noch 1985 hatte der Zoll nur drei Anabolika-Schmuggler an der saarländisch-lothringischen Grenze gegriffen 1986 waren es schon 14. Für dieses Jahr erwartet Pieper einen noch stärkeren Anstieg: Acht »Aufgriffe« gab es bereits im ersten Quartal. Ähnlich ist die Entwicklung an der deutsch-französischen Grenze im Badischen.

Auch die Ostfront meldet Fahndungserfolge: Anabolika aus Ungarn und Rumänien stecken häufig in Lebensmittel-Importen, so zwischen Partien gefrorener Erdbeeren und den Seiten geräucherten Rückenspecks. Ein holländischer Lastwagenfahrer, der an der deutsch-tschechischen Grenze in Waidhaus geschnappt wurde, hatte zwei Zentner Anabolika an Bord, versteckt zwischen Ornamentglas aus Budapest.

»Das meiste«, glaubt Heinrich Ashauer, Chef des Kölner Zollkriminalinstituts, »läuft derzeit aber wohl auf der Spanienroute.« Die Schmuggler operieren wie zwei Deutsche aus dem Stuttgarter Raum, die vom Zollamt Neuenburg am Rhein gefaßt wurden. Bei der Vernehmung gaben die Geschäftsleute an, sie seien in Barcelonas Apotheken »über die große Angebotspalette an Anabolika überrascht gewesen«. Telephonisch erkundigten sie sich bei deutschen Bodybuildern nach den am meisten gefragten Präparaten.

Über den Anabolika-Schmuggel will Zollkriminalist Ashauer jetzt in einem »Merkblatt für die Front« aufklären: Das Augenmerk richtet er vor allem auf die gestählten Prachtkerle mit den Muskelpaketen unterm Hemd. Bei der Spurensuche, so empfiehlt Ashauer, könne auch die Lektüre der Heimatpresse hilfreich sein: Dort lassen sich die Muskelmeister gern im Bild zeigen. _(Mit sichergestellten ) _(Anabolika-Präparaten. )

Mit sichergestellten Anabolika-Präparaten.

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