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ITALIEN / EMIGRATION Weiße Witwen

aus DER SPIEGEL 13/1966

Ein Jahr lang wartete Signora Giovanna Jabichella aus Ragusa, Mutter von zwei Kindern, auf Post von ihrem Mann. Dann pumpte sie sich Geld und fuhr nach Caracas in Venezuela.

Italiens Konsulat in Caracas machte den verlorenen Ehemann ausfindig. Er lebte mit einer Eingeborenen in einer Siedlung am Stadtrand. Signor Jabichella nahm seine Ehefrau und seine Kinder zwar bei sich auf, weigerte sich aber, die Geliebte wegzuschicken. Nach vier Wochen kapitulierte Signora Giovanna. Ihre Heimreise bezahlte die italienische Gemeinde von Caracas.

Giovanna Jabichella ist eine der annähernd 500 000 sogenannten weißen Witwen Italiens, deren Männer auf Arbeitsuche ins Ausland gingen, dann noch eine Zeitlang schrieben und zumeist auch Geld schickten, schließlich aber nichts mehr von sich hören ließen.

Jährlich verlassen 250 000 bis 300 000 Menschen Italien. Ein großer Teil - vor allem die Gastarbeiter - behält auch im Ausland die italienische Staatsbürgerschaft bei, so daß heute rund drei Millionen Paß-Italiener im Ausland arbeiten. Eine Million von ihnen hat Frau und Familie zurückgelassen; nur jeder zweite schickt seinen Angehörigen Geld.

»Die Mauer der Schande«, ereiferte sich das KP-Blatt »L'Unità«, »ist nicht die von Berlin, sondern die Mauer, die zahllose italienische Emigranten, zum Teil schon seit Jahrzehnten, von ihren Familien trennt.«

Italiens weiße Witwen sind im »Nationalen Verband der Familien von Ausgewanderten« (ANFE) organisiert, der 60 Provinz- und 1500 Gemeindekomitees in ganz Italien unterhält.

Der Verband stellte fest: In der Regel ist es eine fremdländische Frau, die den Emigranten seine Familie vergessen läßt. Beichtete ein Gastarbeiter in Rosenheim: »In der ersten Zeit sammelte ich sorgfältig die Postabschnitte meiner Geldüberweisungen. Es waren ganze Bündel ... Eines Sonnabends kam dann eine der Reinmachefrauen zu mir und sagte: ,Du hast ja völlig zerrissene Strümpfe. Wenn du willst, stopfe ich sie dir.' Da vergaß ich Frau und Familie.«

Nach den Unterlagen des ANFE sind die alleinstehenden Italiener in Deutschland, Frankreich und Südamerika besonders gefährdet, weil die Frauen in diesen Ländern als sehr zugänglich gelten. Anders dagegen in der Schweiz, wo die einheimischen Frauen sich nur selten mit Ausländern liieren. Italienische Gastarbeiter in der Schweiz sind daher bessere Familienväter. Ein italienischer Bergarbeiter im belgischen Charleroi, der nichts mehr von seiner Familie wissen wollte, wurde von dem Verein der weißen Witwen durch den Äther aus Belgien zurückgeholt. Die Stimme seines achtjährigen Sohnes wurde auf Band aufgenommen ("Papa, du hattest mir ein Fahrrad versprochen") und in einer Sendung für italienische Gastarbeiter ausgestrahlt. Beschämt packte der Vater die Koffer und kehrte in den Schoß seiner Familie zurück.

Die Sizilianerin Giovanna Jabichella hatte weniger Glück. Ihre Finanzlage ist nach ihrer Caracas-Fahrt noch schlechter geworden.

Zwar erhielt sie für die »Geduld und Würde«, mit der sie ihr Schicksal erträgt, den Preis von 100 000 Lire (640 Mark), den der Verband der Auswandererfamilien alljährlich an besonders vorbildliche weiße Witwen verleiht.

Aber ihr Schicksal ist dennoch beklagenswert: Von ihrem treulosen Ehemann und seiner Geliebten in Caracas mit ihren zwei Kindern nach Sizilien zurückgekehrt, stellte sie fest, daß sie schwanger war.

Italienische Gastarbeiter, deutsche Frauen (in Wolfsburg): Glück in der Fremde

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