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MAGIE Weißer Affe

Die Zauberer von Mexiko wollen durch Telepathie den Nord-Süd-Dialog fördern. Ihre Kundschaft reicht bis in die Spitzen der Gesellschaft.
aus DER SPIEGEL 33/1981

Der Erfolg ist garantiert, wenn sich im Oktober arme und reiche Länder zum Nord-Süd-Gipfel im mexikanischen Cancun treffen. Denn »kosmische Energie« wird die Gesprächspartner beflügeln.

»Wir werden uns auf einer Pyramide versammeln und die Konferenzteilnehmer S.113 durch Telepathie beeinflussen. Sie müssen verstehen, daß wir alle Teil der großen planetarischen Familie sind.«

Antonio Vazquez Alba weiß, wovon er spricht. Denn der Lehrer ist Okkultist im 33. Grad und einer von nur sieben Mitgliedern der »Hermetischen Brüderschaften« Mexikos.

Und schon heute arbeitet der neue Verbündete der mexikanischen Diplomatie vor: Anfang Juli traf er sich in Catemaco, nahe dem Hafen Veracruz, mit einer Hundertschaft von Zauberern, Okkultisten und Adepten zu einem »Nationalen Kongreß Okkulter Wissenschaften«.

Den körperlich Anwesenden schlossen sich über 150 000 Mexikaner in einer telepathischen Kette zum Gebet an. Der Kosmos sollte für den Frieden der Welt sorgen.

Antiklerikal und sektenfeindlich bilden sich die Okkultisten des Landes in zehn geheimen Laboratorien. Dort lernen sie, wie sie mit Hilfe der Magie die Energie von der Spitze ihres Rückgrates bis zum letzten Wirbel hinaufziehen können.

Oben angelangt, erwartet sie die Aufnahme in den »33. Grad« -- höchster Ausdruck der Reinheit und der Weisheit. Ohne sexuelle Ablenkungen und mit dem Kopf voller kosmischer Energie können sie dann helfen, die Übel der Menschheit zu lösen.

»Wir sind mit den Kräften des Universums in Kontakt«, erklärt ein Magier des 33. Grades, »und als Transformatoren dieser Energie können wir sie den Menschen weitergeben, die sie benötigen.«

Doch auch einfache Zauberer beteiligten sich am Kongreß der Okkultisten. »Verglichen mit uns«, so Vazquez Alba, »sind das Schüler, auch wenn sie kosmische Energie verwenden.«

Dennoch sind die »Reinigungen« und andere mysteriöse Riten der einheimischen Zauberer nicht unbedeutend -- zumal bei der Bevölkerung der Gegend stehen sie in hohem Ansehen.

Denn die Ufer des idyllischen Catemaco-Sees, umringt von erloschenen Vulkanen, deren Abhänge von tropischer Vegetation dicht bewachsen sind, bilden ein wahres Zauberer-Paradies.

»Hier gibt es reiche Gewässer, vulkanische Erde und magische Pflanzen«, so Vazquez Alba. Mehr noch, beteuern die einheimischen Zauberkünstler: Dort kehren mythologische Bestien ein, Geister und rachsüchtige Seelen. Aus ganz Mexiko reisen Pilger heran auf der Suche nach Luzifers Spur.

Denn nur dort hat der Teufel einen irdischen Vertreter ernannt, der in seinem Namen handelt. Und nur dort ist es möglich, auf dem Gipfel des »Mono blanco« (Weißer Affe) persönlich mit ihm zu verkehren.

Mehrere Zauberer, darunter auch ein Pilger aus Deutschland, dienen nur noch ihm -- sie wohnen in einer Höhle auf dem Berg.

Doch Gonzalo Aguirre, 66, verheiratet, neun Kinder, vertritt den Beelzebub ganz offen am Rande des Dorfes Catemaco, in seiner Zauberstube »Löwensprung«. »Ich bin nicht reich«, meint er bescheiden, »doch mächtig und gefürchtet.«

Schon mit 16 Jahren erlebte er die erste Begegnung mit »dem Freund«, wie er den Teufel familiär bezeichnet. Sein Ansehen stieg seither unaufhaltsam, und als sein Vorgänger Manuel Utrera vor sieben Jahren starb, wurde Gonzalo Aguirre »alleiniger Vertreter des Freundes in Catemaco, in Veracruz, ja auf der ganzen Erde«.

So ist Aguirre heute allein befähigt, sowohl »guten« wie »bösen« Zauber zu verrichten. Er kann Katastrophen auslösen, und zweimal im Jahr liest er schwarze Messen.

Doch die Pilger kommen vor allem wegen seiner Heilkünste. Und sie haben die Wahl zwischen christlicher und teuflischer Hilfe.

Denn auf der einen Seite der Arbeitskammer des Zauberers steht ein von sanftem Kerzenlicht beleuchtetes Christusbild, dahinter sind zwei Hände aus Holz an die Wand genagelt.

Hinter einem Vorhang enthüllt Aguirre die Abteilung »Böses«. »Gott hat aber überhaupt nichts dagegen«, so die beruhigende Zusicherung, »und widersetzt sich nie. Denn auch der Teufel tut ja Gutes. Die ergänzen sich einfach.«

Doch das rotbemalte Bild des Freundes hinter dem Vorhang genügt nicht für die »schwierigen Fälle«. Dann muß Aguirre hinauf auf den »Weißen Affen« zur persönlichen Beratung.

Und dann werden auch Menschenopfer fällig, wenn der »Freund« dies fordert. Auch die vollzieht der Zauberer im Geiste allein durch die »Kraft des Glaubens«.

So gern Aguirre, wie auch die wissenschaftlichen Okkultisten, von der Arbeit erzählen, eines bleibt geheim: die Kundschaft, die nie zu fehlen scheint.

»In Mexiko«, so Vazquez Alba, »gibt es viele Menschen, die an den Okkultismus glauben. Auch Leute in der Regierung, ja sogar aus dem Präsidentenpalast Los Pinos. In anderthalb Jahren kann ich erzählen, wer es ist.«

Dann wird Mexiko einen neuen Präsidenten, eine neue Regierung haben. Und der telepathisch geförderte Nord-Süd-Gipfel wird wohl den Frieden auf Erden gebracht haben.

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