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USA / NEW YORK Weißer Ritter

aus DER SPIEGEL 46/1969

Mit den höchsten Häusern und der schönsten Skyline, mit dem größten Theater, dem größten Kino und den größten Banken der Welt ist die Metropole am Hudson noch immer eine Traumstadt der Superlative -- für die Menschen vom Lande, für die Besucher aus den Kleinstädten des Mittleren Westens, für die Touristen aus Europa.

Für viele Bewohner von New York aber ist die heimliche Kapitale der Welt nur noch ein Alptraum, eine Stadt ohne Hoffnung, in der es ebenso viele Ratten gibt wie Menschen -- acht Millionen -,in der die Hälfte der Schulen älter als 40 Jahre, ein Viertel der U-Bahn-Züge mindestens 30 Jahre alt sind und in deren Himmel tagtäglich 3200 Tonnen Schwefeldioxyd und 4200 Tonnen Kohlenmonoxyd schweben.

New York -- das ist die Stadt, in der innerhalb eines Jahres (1968) die Zahl der Fälle von schwerem Raub um 51,4 Prozent, die Zahl der Morde um 21,3, die der Diebstähle um 15,5 Prozent emporschnellte, so daß die Polizei offiziell beantragte, Eigentumsdelikte mit einem Schaden unter 500 Dollar nicht mehr verfolgen zu müssen: wegen Arbeitsüberlastung.

New York -- das ist die Stadt, in der etwa die Hälfte aller Rauschgiftsüchtigen der USA lebt, die Stadt, in deren Straßen 25 000 Mädchen und 200 000 Katzen streunen.

New York -- das sind die glanzvollen Geschäfte von Tiffany und Brooks Brothers, die Luxus-Wohnungen von 487 Bankpräsidenten. aber auch die engen, verfallenen Slums, die abbruchreifen Häuser, in denen eine Million Wohlfahrtsempfänger leben.

Nirgendwo sonst in den USA, wahrscheinlich nirgendwo sonst in der Welt ist das soziale Gefälle auf so kleinem Raum so groß wie in New York. »London und Tokio haben auch ihre Probleme«, schrieb der New Yorker Soziologe Nathan Glazer, »aber wir würden sie ihnen mit Freuden abnehmen. Denn anders als bei ihnen ist bei uns die ganze soziale Struktur bedroht.«

Die Stadt, so klagte ihre »Times«, »hat als das größte städtische Konglomerat des Landes all die Krankheiten, die andere Städte auch haben. Nur leidet sie viel stärker darunter, weil sie so viel größer ist«.

New York, so behauptet deshalb der amerikanische Publizist E. White in seinem Buch »Hier ist New York«, ist »nicht zu regieren und deshalb am besten aufzugeben und den Göttern zu überlassen«.

Statt der Götter übernahmen jahrzehntelang Menschen die Macht in New York, die sich wie kleine Götter fühlten gerissene Funktionäre der Demokratischen Partei, die häufig mehr darauf bedacht waren, den eigenen Nutzen (und den ihrer Freunde) zu mehren als Schaden von der Stadt zu wenden. Sie konnten New York beherrschen, regierbar schien es nicht zu sein.

»Ich halte das für ein Klischee«, erklärte plötzlich, vor über vier Jahren, ein republikanischer Kongreßabgeordneter aus dem »Seidenstrumpf-Distrikt« von Manhattan, dem eleganten Viertel auf der East Side zwischen Central Park und Greenwich Village, wo das meiste Geld, der größte Einfluß und die freiesten Geister konzentriert sind.,. Aber wer diese Stadt anständig regieren und wieder in Schwung bringen will, der muß sehr zäh sein ... Er muß die Bürger überzeugen, daß sie Opfer bringen müssen -- und das erfordert einen Mann, der diese Stadt und ihre Menschen liebt.«

Wenig später, 1965, war der optimistische Abgeordnete selbst Bürgermeister von New York, der erste Republikaner nach 20 Jahren: John Vliet Lindsay, damals 43, Rechtsanwalt von Beruf, als Politiker unbesiegt, finanziell weitgehend unabhängig -- ein »weißer Ritter« (so seine Anhänger> im dunklen Sumpf von Korruption und Ämterpatronage.

Doch dann schien der Moloch New York auch den »weißen Ritter« mit Gardemaß (1,91 Meter) zu verschlinggen. Streikwellen erfaßten die Stadt, die U-Bahnen standen still, ganze Straßen erstickten im Müll, im Hafen wurde nicht gelöscht und nicht geladen, an den Schulen wurde einmal an 36 aufeinanderfolgenden Tagen nicht unterrichtet.

Die Straßen und Parks wurden so unsicher, daß sogar das »New-York-City-Handbuch« warnt: »Gehen Sie nur dort, wo die Straßen gut beleuchtet und wo Menschen in der Nähe sind -- Portiers, Kinder in einem Süßwarenladen, Männer in einer Bar. Verlassen Sie sich nicht allzusehr darauf, daß ab und zu ein Auto vorbeifährt.«

Bald war an jedem Schlagloch in der Straße, an jedem Verbrechen, jedem Streik und selbst an Schnee und Regen der Bürgermeister Lindsay schuld, von dem man mehr verlangte, als er -- oder irgendein anderer -- hätte geben können.

Und was er gab, war vielen New Yorkern zu revolutionär. So verhinderte Lindsay, daß in seiner Stadt wie in Hunderten anderer US-Städte in heißen Sommern die Gettos brannten: indem er sich zum Beispiel nach der Ermordung des Negerführers Martin Luther King sofort ins Negerviertel Harlem stürzte und die Farbigen beschwichtigte, indem er den Slum-Bewohnern Arbeit verschaffte, indem er die Wohlfahrtszahlungen der Stadt um 300 Prozent auf 1,5 Milliarden Dollar erhöhte (und damit zum größten Haushaltsposten machte).

Doch in New York -- angeblich Schmelztiegel der Rassen und Nationen -- leben die ethnischen Gruppen in ihren eigenen Gettos, wohnen Italiener neben Italienern, Iren neben Iren. Deutsche neben Deutschen in Brooklyn, in Queens, in der Bronx.

Sie bilden den weißen Mittelstand der Millionenstadt, und sie legten Lindsays Wohlwollen für die Armen als Ausverkauf an die Schwarzen aus. Der elegante Mann aus Manhattan galt ihnen nur noch als Verkörperung des schillernden, des swingenden Teils der Stadt, den ganz Schwachen nur zugeneigt, weil das publikumswirksam war.

Nach dreieinhalb Jahren im Bürgermeisteramtssitz Gracie Mansion schien John V. Lindsay endgültig am sozialen Gefälle der Stadt gescheitert, eine Wiederwahl ausgeschlossen: Im Juni verlor er den Kampf um die Nominierung als republikanischer Kandidat gegen den farblosen »Law and Order«-Advokaten John Marchi.

Lindsay kandidierte dennoch -- für eine neugegründete »Unabhängige Partei von New York City«. Aber sein Kampf schien aussichtslos: Außer Marchi stand dem Bürgermeister noch ein typischer Funktionär der alten Demokraten-Gilde gegenüber: Stadtkämmerer Mario Procaccino.

Der kleine, stets schwitzende Italo-Amerikaner ernannte sich selbst zum Sprecher der »vergessenen New Yorker«, jener weißen Mittelklasse, die sich von Lindsay verkauft fühlte. Procaccino, so prophezeiten die Meinungsforscher, werde am 4. November mit einem Vorsprung von mehr als 350 000 Stimmen gewinnen.

»Ich habe nicht geglaubt, daß im letzten Winter so viel Schnee fallen würde«, warb nun Lindsay für Lindsay im Fernsehen. »Und das war ein Fehler. Aber ich habe 6000 zusätzliche Polizisten auf die Straßen geschickt. Und das war kein Fehler. Der Schulstreik hat viel zu lange gedauert -- und wir alle haben einige Fehler gemacht. Aber ich habe in dieser Stadt 225 000 neue Arbeitsplätze geschaffen -- und das war kein Fehler.«

Zu Beginn seiner Wahlkampagne wurde Lindsay am Strand von Coney Island noch ausgepfiffen, in einer Synagoge in Little Neck (Long Island) niedergeschrien, in Brooklyn, Queens und in der Bronx von Procaccino-Anhängern mit Baseball-Schlägern bedroht.

Aber seine Gegner erwiesen sich als Lindsays größter Aktivposten -- allen voran der unkontrollierte, blasse Procaccino. »Diese Stadt«, so schrieb der Kolumnist Peter Hamill in der »New York Post«, »verzeiht alles -- mit Ausnahme der Mittelmäßigkeit. Und Procaccinos Emotionen und Ideen sind mittelmäßig,«

Während der Demokrat Procaccino in der Öffentlichkeit über »meine Stadt New York« weinte, tauchte der Bürgermeister Lindsay Tag für Tag in jenen Stadtteilen auf, in denen die angeblich »vergessenen New Yorker« leben; er fuhr von Synagoge zu Synagoge, um die Juden -- den stärksten Wählerblock -- zu überzeugen, daß er der einzige liberale Kandidat sei. Der durchreisenden israelischen Minister-Präsidentin Golda Meir gab er das größte Bankett, das die Stadt je einem ausländischen Gast ausrichtete -- und fortan galt er nicht mehr als »Mayor« (Bürgermeister) Lindsay, sondern als »Meir« Lindsay.

Sogar die Gewerkschaft der Müllarbeiter, die ihn 1968 erbittert bekämpft hatte, stellte sich schließlich hinter New Yorks 103. Bürgermeister, der seit letztem Dienstag nun auch New Yorks 104. Bürgermeister ist. Lindsays Vorsprung war diesmal sogar noch um knapp 25 000 Stimmen größer als vor vier Jahren.

In der traditionell liberalen Stadt New York hatte liberaler Geist über das Mittelmaß gesiegt, das mit »Law and Order«-Parolen bereits die Rathäuser zahlreicher Großstädte der USA eroberte. Lindsay, so schrieb die »New York Times«, habe der Stadt bereits »einen hoffnungsvollen Weg gewiesen«, nur er könne die Stadt vor einer düsteren Zukunft bewahren: der Verzweiflung.

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