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LAWINEN Weißer Sonntag

Mehr als 40 Tote forderte der späte Wintereinbruch in den Alpen. Die Lehre: Unfälle durch Bergrutsche und Lawinen lassen sich allenfalls mindern, nicht verhüten.
aus DER SPIEGEL 16/1975

Es traf leichtsinnige Flachländler, so acht Urlauber aus Bonn, Essen und Bielefeld, die an Warntafeln vorbei in ihren Autos den Ausbruch aus dem Suldental am Ortler riskiert hatten.

Es traf gleicherweise bergerfahrene Einheimische. Zwölf Leichen bargen die Suchmannschaften aus den Trümmern eines 200 Jahre alten Bauernhauses im salzburgischen Ramingstein; und unter den Toten von Acla-Medel am Graubündner Lukmanier-Paß war auch der Leiter des Rettungsdienstes.

Ob auf ausgefurchter Bahn wie jeden Winter oder an Hängen, die seit Menschengedenken als sicher galten -- überall in den Zentral- und Ostalpen gingen am Wochenende des Weißen Sonntags Schlamm- und Schneemassen zu Tal. Innerhalb weniger Stunden erreichte die Zahl der Opfer, mehr als 40, das langjährige Mittel des Lawinen-Tods.

»Mit der kalten zweiten Märzhälfte«, warnte nachträglich ein Meteorologe in der »Süddeutschen Zeitung«, »dürfte wohl der sehr milde Winter noch nicht abgebüßt sein.« Aber die Katastrophe hatte sich schon in der Karwoche angekündigt.

Wie häufig noch nach Frühlingsbeginn stießen über der alpinen Wetterscheide nordische Kaltluft und feuchte südliche Winde zusammen. Nur einer kleinen Vorhut deutscher Skitouristen gelang es, unbehelligt von den Pisten jenseits des Brenner zurückzukommen -dann schneiten Täler und Pässe ein. Im österreichischen Mallnitz am Tauerntunnel riß schon am Ostermontag eine Lawine das Feriendorf »Sonnenhang« nieder; vier Menschen wurden verletzt, acht starben.

Als »völlig unnormal« kennzeichneten eine Woche später Forscher vom Hamburger Seewetteramt die Lage: Bis zum schwarzen Weißen Sonntag war einen halben Monat lang polare Luft nach Mitteleuropa geströmt; im Süden dagegen stiegen die Temperaturen, so in Jugoslawien, auf 28 Grad.

Das Tiefdruck-Gemenge entlud sich über den Alpen in bösen Schauern. Unterhalb 1200 Meter regnete es ununterbrochen 120 Stunden, darüber fiel 92 Stunden lang Schnee, in den Dolomiten bis zu fünf Meter hoch.

Der späte Wintereinbruch blockierte fast alle Nord-Süd-Routen; am Reschenpaß stauten sich Pkws und Laster auf 50 Kilometern. Die Trubelorte Saas Fee, St. Moritz und Andermatt waren wie Einödgehöfte tagelang von der Umwelt abgeschnitten.

Versorgungshubschrauber blieben wegen Nebels und Sturms am Boden. Weil auch noch der Strom ausfiel, mußte das Bernina-Hospiz in Graubünden für seine 132 Bewohner auf Holzfeuern im Freien kochen lassen. Rund 200 000 Mark wandten die TUI-Reiseveranstalter auf, ihre steckengebliebenen Wintersport Kunden aus der Schneemasse zu evakuieren.

Föhn löste schließlich das Chaos aus. Warme Böen -- in Österreich wurden am Katastrophensonntag Mittagstemperaturen von 23 Grad gemessen -- schleuderten in Bad Ischl Seilbahngondeln gegen einen Träger und bei Wiener Neustadt einen tollkühnen Segelflieger gegen eine Sportmaschine (ein Toter, mehrere Verletzte). Vor allem aber brachte das Aprilwetter die Neuschneelagen ins Rutschen: Die größte Zahl von Lawinen, die je in dieser Jahreszeit registriert wurden, brach los.

Pünktlich wie zu jeder Saison hatten die Experten gewarnt, auf Wetter, Gelände und Schneebeschaffenheit zu achten -- so etwa im Januar Bergführer Walter Kellermann aus Reit im Winkl in der »Süddeutschen Zeitung«. In Aosta wurde unlängst sogar ein erstes internationales Lawinen-Symposion abgehalten.

»Hohe allgemeine Lawinengefahr«, resümierte die »Neue Zürcher Zeitung die Erfahrungen der Fachleute, sei bereits bei Neuschnee »von rund 100 Zentimeter innerhalb von drei Tagen« zu erwarten. Als Faustregel gilt, daß Hangneigungen ab etwa 20 Grad dann schon bedrohlich sind.

Vorbeugend werden allein in der Schweiz allwinterlich 5000 bis 10 000 Sprengungen unternommen, von Hand auf kurze Distanz oder mit Granatwerfern und neuerdings auch mit Raketen. Und seit 1868 der Kantonsforstinspektor von Graubünden, Johann Coaz, den ersten Lawinenschutz anlegte, haben die Eidgenossen 350 Millionen Franken für Verbauungen und Aufforstungen aufgewendet. »Man lernt es in der Schule«, vermerkte die »NZZ«, »der Bannwald schützt das Tal vor den Lauenen.«

Trotz Vor- und Voraussicht, so lehrten allerdings die Unglücke der letzten Wochen, ist der abgleitende Schnee, der bis zu 380 Stundenkilometer schnell und mit einem Druck von 50 bis 60 Tonnen je Quadratmeter talwärts donnert, nirgends sicher zu hemmen. Die neue Brenner-Autobahn wurde wie fast alle Alpenstraßen mehrfach überrollt. 30 Meter hohe Masten der Verbundleitung, die Norditaliens Industrie mit Schweizer Strom versorgt, wurden niedergewalzt. Die Rhätische Bahn in Graubünden schlug es aus den Schienen; die internationalen Züge aus dem Süden kamen, über den Simplon umgeleitet, mit sechs bis sieben Stunden Verspätung in München an.

Kenner der Bergwelt argumentieren freilich auch, durch Holzeinschlag und Planieren von Pisten, durch den Rückgang des Almweidens und den Bau von Liften an ungeeigneten Hängen würden Entstehung und Zerstörungskraft der Lawinen, Schlamm und Geröllströme zunehmend gesteigert. Lothar Petter beispielsweise, Vorsitzender des Alpenschutzvereins für Vorarlberg, hat jetzt bei der zuständigen Staatsanwaltschaft interveniert: Das Unglück vom Skizirkus Versettla-Nova, bei dem Ende letzten Jahres zwölf deutsche Touristen ums Leben kamen, führt er auf Übererschließung dieser Region zurück.

Wie immer -- es bleibt ein unhemmbarer Rest Naturgewalt. Bei dem Symposion von Aosta kam auch zur Sprache, daß viele der Lawinenopfer -- jährlich allein 25 in der Schweiz, 46 in Österreich -- die Gefahren gekannt haben mußten: Die Mehrzahl der Toten war in den Bergen zu Hause.

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