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»Weißt du, was ein Westdeutscher verdient?«

Grandiose Fehlinvestitionen, überflüssige Importe, Schlendrian in den Betrieben -- so beschreibt Bulcsu Bertha in der Budapester Zeitschrift »Elet és Irodalom« die ungarische Planwirtschaft. Die ungewöhnlich freimütige Kritik löste eine Flut von zustimmenden Leserbriefen aus, die erst der wütende Einspruch der Partei stoppte.
aus DER SPIEGEL 36/1976

Nicht weit von unserer Redaktion, nahe dem Donau-Kai, ging ich mit einem Freund in ein Restaurant. Wir speisten, den Wein rührten wir nicht an, da er trüb und mit Wasser aufgefüllt war. Es wurde dunkel, als ich zahlen wollte. Vergebens.

In dem einst vornehmen Restaurant sah ich nur Kellnerinnen. »Sie können erst später zahlen«, sagte eine.« Wo ist der Oberkellner?« fragte ich. »Bei der Luftschutzübung«, sagte die Frau.

Wir warteten eine halbe Stunde, dann fragte ich nach dem Stellvertreter des Oberkellners. Die Kellnerin: »Der Stellvertreter ist im Vorraum, der Psychologe beschäftigt sich mit ihm!«

Wir gingen in den Vorraum und bezahlten einem jungen Mann die Speisen und den ungenießbaren Wein, den wir im Krug gelassen hatten. Solche Restaurants gibt es wenige in der Welt. Wir besitzen davon mehrere.

Auf der Straße kam es mir in den Sinn, daß unser volkswirtschaftliches Defizit mehrere Milliarden ausmacht, und wir auch Schulden gegenüber dem Ausland haben. Mit der ungarischen Produktivität kann etwas nicht stimmen. Im Dezember 1975 sagte unser Vizepremier Huszár: » Unsere Sorgen wurden nicht nur durch die veränderliche Weltmarktlage vervielfacht. Unsere Schwierigkeiten kommen zum Teil aus der Schwäche unserer Arbeit. Wir ließen viele Reserven unserer sozialistischen Wirtschaft ungenutzt ...«

Mit anderen Worten: Wir arbeiten nicht gut, nicht effektiv genug. Womöglich gibt es einige Tausend Menschen, die überhaupt nicht oder nur zum Schein arbeiten, aber sie konsumieren trotzdem. Andere dagegen stehlen, unterschlagen oder gehen nachlässig mit den Werten um, die das Volk produziert. Das Statistische Zentralamt hat über die Erfüllung des Volkswirtschaftsplanes 1975 gemeldet: »Der inländische Verbrauch war einschließlich Kapital-Akkumulation größer als das produzierte Nationaleinkommen!«

Wenn der Mensch keine Wünsche hat, erlebt er auch keine Enttäuschungen und braucht keine Übel zu registrieren. Aber, sagen wir, wenn er telephonieren will, stellt sich schnell heraus, daß er nicht telephonieren kann. Man wird falsch verbunden, die Leitung unterbrochen, merkwürdige Töne hört man durch die Muschel, es gurrt und wiehert.

Wenn es zu regnen beginnt, fallen die nassen Telephonleitungen sofort aus. Eine Großstadt mit zwei Millionen Einwohnern bleibt ohne Telephon. Man kann keinen Arzt rufen, nicht die Ambulanzwagen, nicht die Feuerwehr.

Ich halte es für unwahrscheinlich, daß man in Österreich nicht telephonieren kann, wenn es dort regnet. Gut, es kann vorkommen, aber selten. Das Telephon gehört heute, in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts, zu unserem Leben: Es ist wie die Blutzirkulation. Das Telephon bedeutet das Leben. Das heißt, es wurde das bedeuten, wenn es funktionieren würde. Bei uns funktioniert es nicht gilt.

Der Mensch begibt sich zum Bäcker, um

Brot zu kaufen. Er ißt die Hälfte des Brotes, und den Rest wirft er weg. Und dann kauft er noch mal ein Brot und muß wieder die Hälfte wegwerfen. Warum? Weil die Bäcker das Brot nicht durchbacken. Das Brot bleibt roh. So wiegt es mehr, die Norm wird erfüllt, und der Schimmel zeigt sieh schon am anderen Tag.

Wir werfen ein Viertel unserer Getreideernte weg, weil man in vielen Bäckereien das Brot nicht richtig backen will. Es ist aber auch möglich, daß die Technologie des Brotbackens schlecht ist: Die Leute sagen, manchmal ist bei diesem oder ein anderes Mal bei jenem Bäcker besseres Brot zu finden. So stehen mitunter vor einigen Bäckerläden 200 Meter lange Menschenschlangen an, um Brot zu kaufen. Man muß sich tatsächlich schämen: Die Diktatur des Proletariats ist einfach unfähig zu erreichen, daß die Bäcker ihr Brot gut backen.

In Ungarn gibt es einige Werkhallen, in denen die Arbeiter nur herumlungern und nicht arbeiten. Es gibt aber auch viele Werke, in denen man nicht arbeiten kann, weil der Materialnachschub nicht funktioniert oder die Arbeit schlecht organisiert ist.

Wo man die Arbeit gut vorbereitet, der Ablauf der Produktion gut organisiert ist und wo man auch für Kontrolle Sorge trägt -- dort wäre es einfach unmöglich, die vorgesehene Arbeit nicht zu leisten. Ich sehe vielerorts gammelnde, sich langweilende Arbeiter. Während der Dienstzeit spielen die jüngeren Fußball, sogar in ihrer Arbeitskleidung. Die älteren huldigen dem Kartenspiel oder trinken ihr Bier vor den Türen der Kneipen.

Wer volkswirtschaftlich denkt, wird manchmal traurig. Es kommt auch vor, daß er dann etwas Schlechtes über die Arbeiter denkt, ja sogar sagt.

Nein, wir sind im Unrecht. Das Bild wäre erst dann vollständig, wenn man sich hinter jedem herumlungernden, nicht arbeitenden Arbeiter noch den Werkmeister, den Materialverwalter, den Ingenieur, den Direktor, die Mitglieder der verschiedensten Komitees, ja sogar den ihnen vorgesetzten Minister vorstellt. Also diejenigen Leute, die sich um den Materialnachschub nicht kümmerten, die Arbeit schlecht organisierten, schlechte Technologie benützten, die die Arbeit schlecht leiten, die keine Kontrolltätigkeit ausüben, die Ausschußware annehmen und quittieren.

Wenn einer diese Sachen erwähnt, dann ziehen die Arbeiter, aber auch ihre Vorgesetzten, nur ihre Schultern hoch: »Für dieses Geld? Weißt du, was ein westdeutscher Arbeiter verdient? Jawohl, ich weiß es. Und ich weiß auch, was ein westdeutscher Arbeiter schafft.

Mit den Arbeitern hat es nichts zu tun, daß am Roosevelt-Platz in Budapest ein halbfertiges Bürohaus steht. Seit beinahe zehn Jahren wird daran gebaut, und es ist noch immer nicht fertig. Warum hat man es angefangen?

Weil eine unserer Außenhandelsfirmen ein schönes, großes Bürohaus haben wollte? Eine andere Firma hat einen ganzen Häuserblock in der Sandor-Alpari-Straße saniert. Man sprengte die Gebäude in die Luft -- und jetzt ist dort eine große Baugrube. Aber man baut nicht. Man hat dazu kein Geld, oder es fehlt die Genehmigung. Was kosten das Land diese vielen unüberlegten Investitionen wohl?

Da ist die Sache mit den Cashew-Nüssen. Davon haben wir einige Waggons. Eigentlich brauchten wir überhaupt keine Cashew-Nüsse. Für 150 Gramm Cashew-Nüsse müßte ein Arbeiter einen halben Tag arbeiten, wenn er sie essen möchte. Aber er will nicht.

So sind die Cashew-Nüsse unverkäuflich. Jetzt hat man ihren Preis um 50 Prozent herabgesetzt. Aber auch so will sie niemand kaufen.

Was kostet uns wohl dieses Cashew-Abenteuer? Was haben wir für ihren Import im Austausch gegeben? Unsere Ramschwaren oder Maschinen, Werkzeuge, ungarische Salami?

Doch wir trachten nicht nur danach, Maschinen zu exportieren, sondern wir kaufen selbst welche. Auf dem Areal eines unserer großen Bergwerke liegt neben der Schutthalde eine Kohlenfraswalze herum. Sie hat Millionenwert. Jemand, vielleicht ein ganzes Komitee, weilte in England, und wenn man schon einmal dort ist, kauft man eben diese Fräswalze, welche sich in einem Kohlenflöz, der 35 bis 40 Grad Neigung hat, sicherlich gut bewähren würde.

Aber bei uns, mit einer Flözneigung von 50 Grad, riß die endlose Kette, die den ganzen Mechanismus in Bewegung hält, bereits in den ersten Stunden. Fertig, man warf sie heraus. Und mit ihr auch den Wert dessen, was die Menschen dafür gut oder schlecht, langsam, aber doch durch Arbeit erzeugt hatten.

Wir kaufen gern ein, In den letzten Jahren wurden die Schaufenster mit allerlei Krams vollgestopft: Wir haben doch ein reichliches Warenangebot! Aber wenn der Mensch etwas konkret kaufen wollte, konnte man gerade dies nicht haben. Wozu brauche ich ein Hemd für 300 Forint* aus Jugoslawien, Italien oder Spanien, wenn ich auch mit einem ungarischen Hemd für 120 Formt zufrieden bin? Aber das ungarische kann man immer seltener erhalten.

Die Frauen sind wütend wegen der Stiefel aus dem Westen. Sie werden für 1000 bis 1500 Forint feilgeboten. In den Schaufenstern machen sie sich ganz gut. Aber tragen kann man sie nicht. Wenn sie einmal naß werden, fallen sie einfach auseinander. Auch die ungarischen Stiefel sind nicht in Ordnung, aber wenn die auseinanderfallen, haben sie nur 600 Forint gekostet und nicht 1500 Forint!

Die Schaufenster sind gefüllt mit farbigen Tuben, Schachteln, Kölnischwasser, Salben und Sprays aus dem Ausland. Es ist nicht leicht zu entscheiden, was wofür zu gebrauchen ist. Manchmal wissen es die Verkäufer selbst nicht. Weshalb kaufen wir neben den vielen nützlichen Waren so viel Ramsch aus dem Westen ein?

Ganze Arsenale von kleineren und größeren Maschinen liegen im Land herum, weil die Ersatzteile fehlen. Der andere Teil der importierten Maschinen ist schon neuwertig schlecht.

Nehmen wir zum Beispiel die Schreibmaschine, auf der ich diesen Artikel schreibe. Sie sieht schön aus, diese portugiesische Maschine. Aber: Sie zerreißt das Papier, die Buchstaben schlagen aufeinander. Sie bleibt stehen, springt, macht Krach. Ist für den Kehricht gerade gut. Aber der Mechaniker, der sie repariert, sagte mir, sie gehöre

·Offizieller Kurs: 120 bis 180 Mark. Durchschnittlicher Monatslohn: 360 Mark.

noch zu den besten, die wir importieren. Mit den anderen gäbe es noch mehr zu tun.

Bitte schön, werden denn nirgendwo auf der Welt heutzutage gute Schreibmaschinen hergestellt? Oder kaufen wir immer nur Ausschuß? Gerüchte besagten, wir hätten eine Lizenz für die Herstellung von Schreibmaschinen in Ungarn gekauft. Aber ungarische Schreibmaschinen gibt es nicht. Es ist schon möglich, daß man sie herstellt -- aber nicht für uns, die Ungarn.

Wir lesen tagtäglich in den Zeitungen, daß eine ungarische Handelsdelegation hier oder dort weilte, Verträge schloß, diese unterzeichnete etc. Es wäre der glücklichste Moment meines Lebens, wenn ich einmal folgende Nachricht lesen könnte: »Aus dem Lande ... kehrte eine ungarische Handelsdelegation zurück. Unsere Verhandlungen zeitigten keine Ergebnisse. Wegen des ungünstigen Angebots des Warentausches und wegen der schlechten Konditionen haben wir keinen Abschluß gemacht und auch keinen Vertrag unterzeichnet.«

Es lohnt sich, darüber nachzudenken, was wir mit den Warenaustausch-Verträgen erhalten und was wir dafür geben. Die. Menschen haben es nicht gern, wenn wir Autobusse und Maschinen liefern und dafür Bananen, Kaugummi, Strumpfhosen und farbige Damenslips bekommen.

Landwirtschaftsminister Dr. Romany sagt seit Monaten, wie wichtig das private Hofland und die kleinen Gärten für unsere Volkswirtschaft sind. In vielen Kollektivwirtschaften wurden bereits extra Agronomen engagiert, die fachmännisch die Bewirtschaftung der Nebenhöfe führen. Im Jahre 1975 kamen 32 Prozent von allem Gemüse, 48 Prozent der Weintrauben von diesen Hoflandwirtschaften und Schrebergärten.

1972 lagen in Ungarn 24 883 Hektar Ackerboden brach. Nach den Angaben des Kartographischen Amtes hatte Ungarn 1975 schon 48 965 Hektar unbebautes Niemandsland. Deshalb halte ich es für etwas komisch, wenn jemand hinsichtlich dieser Hobbygärten mehr von Mißbräuchen als vom Allernotwendigsten spricht. Der Amateur-Gärtner verkauft im Frühjahr die Erdbeeren teuer -- aber: Er bebaut seinen Garten, er läßt sein Land nicht brachliegen.

Die Menschen wissen nicht, ob sie ihre privaten Gärten eigentlich bebauen dürfen oder nicht. Können sie Kühe und Kleinvieh halten oder nicht? Aus solchen Gefühlen und durch die häufigen Änderungen von Anordnungen und Gesetzen folgt dann, daß sich im Jahre 1975 unser Schweinebestand um 16 Prozent verringerte und wir 130 Millionen Liter Milch weniger erzeugten als in den Jahren vorher.

Es liegen 48 965 Hektar Boden brach, und wir müssen Milch importieren. Aus so etwas summiert sich das Defizit, und nicht daraus, daß Arbeiter während der Arbeitszeit ihr Bier vor der Wirtschaft trinken.

Und noch aus vielen anderen Fakten. Der Arbeiter kann wahrlich nichts dafür, daß die technische Intelligenz eine schlechte Prognose für die Zukunft gibt und die Direktoren um des augenblicklichen Profits willen die künftigen Chancen opfern. Und auch dafür kann der Arbeiter nichts, daß unsere fürchterlich aufgeblähte Bürokratie kaum mit den Akten und Daten fertig wird.

Bei uns gibt es sehr viele Anordnungen, doch die Kontrolle ihrer Ausführung, ihr späteres Schicksal verschwindet oft im Nebel. Dies kommt davon, daß es viel mehr Anordnungen gibt, als man kontrollieren kann.

Wir müßten disziplinierter und effektvoller arbeiten. Wir müßten jenen Zustand erreichen, daß der Arbeiter der Entscheidung eines Ingenieurs vertrauen kann, weil der auch nach einem Jahrzehnt noch beweisen kann, daß der Entschluß durchdacht und begründet war.

Wir müßten erreichen, daß wir für unsere gute exportierte Ware auch solche Sachen aus dem Ausland einführen, die nicht nur schön und gut, sondern auch nützlich sind. Dann könnten wir auch ruhig bei den auf der Straße Bier trinkenden Arbeitern stehenbleiben und ihnen die Frage stellen, wie lange wohl ihre Arbeitszeit dauert.

Bis dahin -- Cashew-Nüsse. Zwischen Cashew-Bergen beschimpfen wir uns, weil wir schlecht arbeiten, weil wir in einem fehlerhaften Kreis stecken. ·

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