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ALBANIEN / BUNDESGENOSSEN Weit weg

aus DER SPIEGEL 39/1968

In Mitteleuropa zwangen die Sowjets einen roten Staat zurück in ihren Block -- am Mittelmeer verloren sie endgültig einen anderen: Das rote Albanien nahm den Panzermarsch auf Prag zum Anlaß, als erster Mitgliedstaat des Warschauer Pakts mit Erfolg aus Moskaus Militärverein auszutreten.

Ohne Scheu beschimpfte Albaniens Premier Memet Shehu Okkupierte und Okkupanten: Der CSSR-Präsident »Svoboda ging nach Moskau und küßte mit großer Liebe die Henker des tschechoslowakischen Volkes, Breschnew, Kossygin und Podgorny«.

Bedenkenlos enthüllte Shehu auch die »Strategie des sowjetischen Imperialismus und Faschismus« -- und der Kreml, sonst rasch bereit zur Strafaktion, strafte nicht. Zwischen dem Sowjet-Imperium und dem Karl-May-»Land der Skipetaren« -- kaum größer als Hessen -- liegt Jugoslawien. Shehu verkündete mit großer Geste: »Das gesamte albanische Volk, auch die Kinder, wird für die Verteidigung des Vaterlandes kämpfen.« Denn: »Wir haben treue Freunde -- vor allem das chinesische Volk.«

Tatsächlich stehen 700 Millionen Chinesen hinter den weniger als zwei Millionen Albanern -- wenn auch in 10 000 Kilometer Entfernung. Mao selbst gratulierte den Albanern zum Pakt-Austritt und versprach Beistand.

Der Adria-Staat hatte selten freundliche Nachbarn. Wer denn wegen »der elenden Ziegenweiden von Skutari« einen Krieg mit Albanien riskieren wolle, fragte Deutschlands Kaiser Wilhelm II. vor dem Ersten Weltkrieg. Österreich, Serbien und Italien wollten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wollten Albaniens jugoslawische Nachbarn noch einmal: Jugoslawische Kommunisten hatten Albaniens Partisanen gedrillt, nun suchten sie das Bergland ihrem Vielvölkerstaat einzuverleiben. Stalin unterstützte sie.

Jugoslawien entsandte Berater, bezahlte 57 Prozent« des albanischen Staatshaushalts und druckte bereits gemeinsame Banknoten. General Shehu, der spätere Premier, mußte flüchten, weil er sich der Stationierung von zwei Jugoslawen-Divisionen widersetzt hatte.

Jugoslawiens Bruch mit Stalin rettete 1948 Albaniens Selbständigkeit; aber fortan waren die Skipetaren ("Adlersöhne") von erklärten Feinden umgeben, die zudem -- in der »jugoslawischen Minderheits-Region »Kosovo Metohija« -- über ein gutes Viertel aller Albaner herrschen.

Albanien suchte Schutz beim Tito-Feind Stalin. Nach den Jugoslawen schickten nun die Sowjets Berater und stützten den albanischen Etat mit einer Milliarde Mark. Dafür erhielt die UdSSR einen U-Boot-Stützpunkt am Mittelmeer, in Valona.

Doch als Stalin starb und sein Nachfolger Chruschtschow 1955 mit den Jugoslawen Versöhnung feierte, mußten sich die Albaner von neuem auf die Suche nach einem starken Freund machen.

Albaniens Parteichef Enver Hodscha, Diktator im Stalin-Stil und mit fast der Hälfte seiner 62 ZK-Mitglieder verwandt, fand ihn. Der neue große Bundesbruder war das China Mao Tse-tungs, das sich von Moskaus Vormundschaft löste.

Radikal-Kommunist Mao zieh künftig, wenn er Moskau meinte, Jugoslawien der Verbürgerlichung; Moskau warf fortan Albanien Radikalismus vor, wenn es China meinte -- bis sich der offene Bruch der Großen nicht mehr verbergen ließ.

Albanien brach die diplomatischen Beziehungen zu Moskau ab, blieb den Sitzungen der Ost- Wirtschaftsunion Comecon fern und wurde vom Warschauer Pakt nicht mehr eingeladen; vier Sowjet-U-Boote, die aus Valona nicht rechtzeitig auf Heimatkurs gegangen waren, wurden von den Adlersöhnen einbehalten.

Seither beziehen die Albaner Berater, Finanz- und Wirtschaftshilfe (weit mehr als eine Milliarde Mark) aus Rotchina -- dazu Mao-Bibeln. Denn Peking nutzt seinen einzigen Satelliten in Europa als Propaganda-Stützpunkt: Großsender Tirana funkt mehrsprachig Mao-Sprüche in alle Welt.

Zwischen Moscheen und Minaretten in Tirana steht Stalin, überall. Unter seinem Schutz gründete der in die Albaner-Hauptstadt emigrierte Warschauer Stalinist Mijal eine »Kommunistische Partei Polens«, um vom Balkan aus Gomulkas KP, die sich »Vereinigte Arbeiterpartei« nennt, zu unterwandern. Stalinistische Skipetaren stehen jederzeit bereit, China Hilfe zu gewähren. Wenn die Maoisten in Peking Grußadressen des europäischen Proletariats benötigen -- Albaniens Bergbauern liefern sie postwendend.

Den Albanern -- in Manövern mit Mächtigen erfahren ist ihr derzeitiger Verbündeter angenehmer als alle früheren: Er ist so weit weg.

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