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Olympisches Dorf Weiter gesteckt

Das nunmehr fertiggestellte Münchner Olympia-Dorf, aus dem die Stadt ursprünglich Sozialwohnungen gewinnen wollte, ist zu einem »Ghetto für Reiche« geworden.
aus DER SPIEGEL 30/1972

Olympia-Organisatoren haben, so schreibt seit 1949 das Internationale Olympische Komitee (LOG) in Artikel 36 seines Statuts vor, »ein Olympisches Dorf ... zu erstellen, damit die Teilnehmer und Funktionäre ... zu einem angemessenen Preis untergebracht und verpflegt werden können«.

Das auf »heitere Spiele« eingeschworene Münchner Organisationskomitee (OK) hat »das Ziel viel weiter gesteckt": Für 42 Millionen Mark Mietkosten (Quadratmeter: 14 Mark) sollen die 12 000 Athleten und Betreuer 16 Tage lang »alle Segnungen modernster Wohnungsplanung genießen« -- in 22 terrassenförmig angelegten Hochhäusern. 40 Flachbauten und 800 Bungalows des Olympischen Dorfes.

Die »Segnungen« sind allgegenwärtig: In drei automatischen Zentralküchen mit elektronisch gesteuerter Sitzplatzanzeige wird die »einheitliche eiweiß- und vitaminhaltige, auf wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse gestützte Basisverpflegung gereicht«. Den Abfall beseitigt eine fünf Kilometer lange pneumatische Müllentsorgungsanlage namens »Centralsug«.

Unterirdische Straßen und Parkflächen und überirdische »Kontaktzonen« erleichtern Verkehr und Kommunikation der Athleten. Dienstleistungsbetriebe vom Apotheker bis zum Flickschuster. Unterhaltungszentren mit Kino, Theater und Tanzdiele, Post und Banken und eine komplette Ladenstraße stehen den Hausbewohnern bis tief in die Nacht zur Verfügung. Körperliche und seelische Not sollen ein Ärzteteam und Geistliche jeglicher Konfession lindern.

Was dieses aufwendige Projekt auf dem Oberwiesenfeld so attraktiv für München machte, war der erhoffte nacholympische Nutzeffekt: eine zukunftsweisende Mustersiedlung in dem bis dahin öden Münchner Norden, wo sich zwischen städtischen Gaskesseln und den Fabrikhallen der Bayerischen Motoren Werke die Schutthalden der Nachkriegszeit erhoben.

Anfangs schien es sogar, als könne auf dem über 200 000 Quadratmeter großen Areal, das größtenteils der Staat Bayern preisgünstig zur Verfügung stellte (187 Mark pro Quadratmeter), ein Musterbeispiel modernen sozialen Wohnungsbaus geboten werden. Die Hoffnungen der Olympia-Konsorten -- Bund, Freistaat Bayern und München -- schrumpten allerdings, als der Entwurf von Professor Erwin Heinle (Stuttgart), des dritten Preisträgers, bei der Olympia-Ausschreibung akzeptiert wurde:

Des Professors »Hängende Gärten« waren so aufwendig konzipiert, daß sie sich erkennbar zum Sozialtarif (Münchens Neubaumieten im sozialen Wohnungsbau derzeit: 4,20 Mark) nicht anlegen ließen; die Stadt München reduzierte ihre Wunschvorstellungen. Nun sollten auf dem Oberwiesenfeld wenigstens 2500 »familiengerechte Wohnungen« entstehen, vor allem für Einkommensgruppen« die »von dem hohen Preisniveau des freien Wohnungsmarktes besonders hart betroffen« und »häufig gezwungen sind, unzulängliche Wohnbedingungen oder aber unzumutbare Mietbelastungen auf sich zu nehmen« »junge, am Beginn ihrer Berufslaufbahn stehende Angestellte, Facharbeiter, Techniker usw., die als qualifizierte Arbeitskräfte für München eine besondere Bedeutung haben und deren Zahl schnell zunimmt« (so die Stadt in einer Stellungnahme).

Freilich, Fachleute gaben auch dieser modifizierten Form des sozialen Wohnungsbaus keine Chance. Der Münchner Architekt Ernst Maria Lang, Vorsitzender des Bundes Deutscher Architekten in Bayern, befand im Oktober 1968: »Diese Architektonik ist im üblichen Finanzrahmen ganz sicher nicht zu verwirklichen.«

Ein im sozialen Wohnungsbau wie in der Erstellung von Großsiedlungen erfahrenes Unternehmen wie die »Neue Heimat« lehnte die Ausführung des Dorf-Projekts denn auch ab. Weder konnte die gemeinnützige Baugruppe »eine Wirtschaftlichkeit des Vorhabens garantieren«, noch wollte sie die modernistische Fasson des Dorfes mit ihrer unökonomischen Terrassen-Formation und ihren unterirdischen Fahrstraßen akzeptieren. Heinz Feicht, technischer Geschäftsführer der »Neuen Heimat« Bayern: »Das war uns einfach zu viel Hitchcock.«

Den Geschäftsführer der Deutschen Wohnbau GmbH (Deba) und Freund von CSU-Chef Strauß, den pakistanischen Generalkonsul Dr. Edgar Heckelmann, schreckte- das Unterfangen nicht. Gemeinsam mit vier weiteren privaten Münchner Bauträger-Gesellschaften übernahm es die Deba federführend, die geplanten 3000 Wohnungen in freier Finanzierung zu errichten. Baukosten der gesamten Dorfanlage: fast eine halbe Milliarde Mark.

Der Quadratmeterpreis sollte 6,22 Mark für Mietwohnungen und 1247 Mark für Eigentumswohnungen betragen -- so jedenfalls versprachen es die Bauherren beim Grundstückskauf vertraglich. Ein Risiko gingen sie dabei nicht ein, denn der unter Zeitdruck geschlossene Vertrag enthält Gleitklauseln, wonach auf diesen »Basispreis« etwaige Lohnerhöhungen im bayrischen Baugewerbe umgelegt werden können.

Und so glitten die Miet- und Kaufpreise denn auch aufwärts und aufwärts. Die Mieten verdoppelten sich auf 14 Mark je Quadratmeter (Stand Juni 1972). und die Kaufpreise kletterten auf durchschnittlich 1875 Mark. Zudem ließen die Erbauer wissen, daß sich nunmehr allein die Verwaltungs- und Nebenkosten auf annähernd drei Mark pro Quadratmeter belaufen -- fast Dreiviertel des heute in München zulässigen Preises für Sozialwohnungen und fast die Hälfte des ursprünglich angepeilten Gesamtmietpreises im Olympia-Dorf.

Das »olympische Fluidum«, das die Deba in ihren Immobilien-Anzeigen rühmt, und die schöne Aussicht auf das kostspielige Zeltdach der Spiele (175 Millionen Mark) bleiben mithin allein Geldbürgern vorbehalten. Was einmal als Mustersiedlung mit »familiengerechten Wohnungen« gedacht war, ist zum Luxus-Quartier geraten. Bau- Koordinator Karl-Gerhard Hinderink: »Das wird halt ein Getto der Reichen.«

Der Münchner Textilfabrikant Ewald Alberti beispielsweise erwarb das teuerste, größte und höchstgelegene Penthouse (mit Schwimmbad). Kaufpreis: 5500 Mark pro Quadratmeter, insgesamt 1,1 Millionen Mark. Parterre zieht Bayerns Minister für Arbeit und Sozialordnung, Fritz Pirkl, in einen Klein-Bungalow (Kaufpreis: 140 000 Mark). Und auf halber Höhe interessiert sich neuerdings auch Münchens Hans-Jochen Vogel für eine doppelgeschossige Dorf-Wohnung.

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